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30 Jahre im US-Gefängnis: Jens Söring hofft auf Freilassung

(von Stefan Koch, Hannoversche Allgemeine, 5. Mai 2017, Link)
 

Seit 30 Jahren sitzt Jens Söring in den USA in Haft, weil er einen Doppelmord begangen haben soll – was er stets bestritten hat. Jetzt kommt Bewegung in den Fall.

Buckingham. Es könnte einer der spektakulärsten Fälle in der amerikanischen Justizgeschichte werden: 30 Jahre nach seiner Verurteilung wegen Doppelmordes hat Jens Söring gute Chancen auf einen neuen Prozess. Anwälte und Unterstützerkreise fordern schon seit Jahren die Freilassung des Deutschen. Nun aber wendet sich sogar der Sheriff an den Gouverneur von Virginia: Nach heutigen Erkenntnissen wäre der 50-Jährige wohl niemals angeklagt worden, sagt der Beamte.

Prominenter Gefangener

Söring zählt zu den bekanntesten Häftlingen in den Vereinigten Staaten. 1985 soll er die Eltern seiner früheren Freundin Elizabeth Haysom mit einem Messer brutal getötet haben. Söring flüchtete mit seiner Freundin aus den USA und wurde am 30. April 1986 in London wegen Scheckbetrugs festgenommen. Zunächst gestanden sie den Mord, später jedoch zogen sie ihre Aussagen wieder zurück. Der Sohn eines deutschen Diplomaten, der sich damals mit einem Studienstipendium für Hochbegabte in Amerika aufhielt, bestreitet die Tat bis heute. Seine Freundin wurde ebenfalls verurteilt. Zu 90 Jahren wegen Anstiftung zum Mord. Tatsächlich sieht es ganz danach aus, als ob nun, nach all den Jahren, wieder Bewegung in den Fall kommt: Dank neuer DNA-Testergebnisse grübeln selbst hartgesottene Kriminologen, ob bei den Ermittlungen alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

„Ich habe 200 Stunden investiert, um in den Fall einzusteigen“, sagt Chip Harding. Der Sheriff des Landkreises Albemarle arbeitete sich durch sämtliche Unterlagen, las die neuesten DNA-Analysen und sprach sowohl mit Söring als auch mit dem damaligen Ermittler Chuck Reid. Sein Ergebnis: „Fast jedes Beweisstück, das vor 30 Jahren von der Staatsanwaltschaft vorgelegt wurde, war fehlerhaft.“

Zweifel an der Schuld an der Schuld wachsen

Die Fall Söring ist spektakulär, nicht nur weil die Zweifel an seiner Schuld wachsen. Der Fall wirft auch ein grelles Licht auf die US-Justiz: Als die Tat – von wem auch immer – begangen wurde, war Söring 18 Jahre alt. Nach deutschem Recht wäre wohl das Jugendstrafrecht zur Anwendung gekommen, zumindest aber hätte es für den Jugendlichen die Hoffnung auf eine zweite Chance gegeben. Wäre er 1986 in Deutschland verurteilt worden, würde er sicherlich schon lange wieder auf freiem Fuß leben. Nicht so im US-Bundesstaat Virginia. Trotz der Ungereimtheiten in der Beweisführung lautete das Urteil: zweimal lebenslang. Es war der ausdrückliche Wille des Gerichts, dass Söring hinter Gittern stirbt.

Lange Haftstrafen zählen zu den Auffälligkeiten im amerikanischen Rechtswesen. Selbst kleine Marihuana-Dealer landen oftmals für Jahrzehnte im Gefängnis, wenn sie vorbestraft sind oder gegen Bewährungsauflagen verstoßen haben.

Überbelegte Haftanstalten

„Die Menschen werden einfach weggesperrt. Es geht um Vergeltung, nicht um eine Wiedereingliederung“, sagt Söring, der hin und wieder Journalisten zum Gespräch empfangen darf. Der Gefangene spricht konzentriert, fast eindringlich, und weiß sich trotz der jahrzehntelangen Abschottung gut zu präsentieren. Allein schon die Bezeichnung für die Justizvollzugsanstalt hält er für irreführend: „Correctional Center“. „Wo bitte geht es hier um das Sich-Bessern?“, fragt sich Söring. Das Gefängnis sei mit mehr als 1000 Insassen heillos überbelegt, es biete kaum Möglichkeiten zum Arbeiten. In der anstaltseigenen Möbelmanufaktur und in der Großküche gebe es noch nicht einmal für jeden zehnten Insassen eine Tätigkeit. Ganz zu schweigen von all den anderen Widrigkeiten: der Hitze im Süden Virginias, die in Gebäuden ohne Klimaanlagen im Sommer manchmal unerträglich ist; dem schlechten Essen, dem Verbot für Ausländer, Bücher in ihrer Landessprache lesen zu dürfen.

Drogen und Gewalt sind Alltag

Zur Allgegenwart gehörten zudem Drogen und Gewalt. Dass sich Söring auf diese Umstände eingestellt hat, ist ihm anzusehen. Der Mann, der in einem begüterten Elternhaus aufgewachsen ist, erscheint für sein Alter überdurchschnittlich gut trainiert – mit kräftigen Oberarmen und einer sportlichen Figur. Wer hinter Gittern lebt, sollte sich wehren können.

Der Langzeitgefangene genießt den Respekt der Mithäftlinge – wohl auch wegen seiner unbeugsamen Haltung: „Mein Ringen um einen neuen Prozess gibt ihnen Hoffnung.“

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