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"Das Versprechen" von Karin Steinberger und Marcus Vetter

(von Harald Mühlbeyer, kino-zeit.de, 25.06.2016, Link)
 

Die Süddeutsche Zeitung ist freiheitlich geprägt. Deshalb nimmt sie immer wieder Justizskandale ins Visier. Und aus diesen Skandalen erwachsen ganz gerne Dokumentarfilme wie etwa im letzten Jahr Mollath, der freilich die journalistische Berichterstattung eher bebilderte als vertiefte. Anders Das Versprechen, in dem SZ-Journalistin Karin Steinberger zusammen mit Marcus Vetter Regie führt: Ein Film über Jens Söring, der 1990 in den USA wegen Doppelmordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Und der, höchstwahrscheinlich, unschuldig ist. Mit einem Film kann man diesem Fall nähertreten als mit dem geschriebenen Wort - schon allein, weil die Gerichtsprozesse auf Video aufgezeichnet wurden.

Dabei beginnt Das Versprechen wie ein Gerichtsfilm: Ein schreckliches Verbrechen, Tatortfotos, ein Gerichtsprozess und alles scheint geklärt. Doch geschickt bauen Steinberger und Vetter kleine Brüche im scheinbar Eindeutigen ein, Andeutungen, die sich zu Hinweisen verdichten. Und wer noch nie von Jens Söring gehört hat, wem all diese Vorgänge der Tat und der Ermittlungen Mitte der 1980er nicht geläufig sind, der findet sich wieder in einem Krimi; denn der Film folgt den dramaturgischen Mustern der True-Crime-Fiction, nur eben in dokumentarischer Form: Ein wahres Verbrechen wird gezeigt, der Tathergang verhandelt, der Gerichtsprozess verfolgt, den Motiven des Täters - oder der Täterin oder der Täter - wird nachgespürt, und neben dieser Aufarbeitung gerät immer mehr eine Neubewertung der Vorgänge in den Vordergrund, eine Gruppe von Unterstützern Sörings, die den Fall neu aufrollen wollen. Und die sich dabei von der Dokumentarkamera begleiten lässt.

Jens Söring soll am 30. März 1985 die Eltern seiner Freundin Elizabeth Haysom brutal umgebracht haben. Seiner Geliebten verfallen, habe er, so die Anklage damals, das getan, was sie sich wünschte: Die Eltern beseitigt, mit ihr zusammen ein Alibi konstruiert, danach monatelang vor der US-Polizei quer durch Europa flüchtet. Elizabeth ist nach den gerichtlich festgestellten Tatsachen durchaus schuldig, sie sitzt 90 Jahre ein; doch der ausführende Söring entging nur knapp der Todesstrafe, weil er als deutscher Staatsbürger aus Europa nur ausgeliefert wurde unter der Voraussetzung, dass eine Hinrichtung bei der Verurteilung ausgeschlossen würde.

Dies ist die offizielle Wahrheit. Der Film aber sucht die wirkliche Wahrheit, und die könnte anders aussehen. Wenn man Sörings Sichtweise annimmt. Wofür Das Versprechen gute Gründe liefert. Er habe sich damals gefühlt wie eine Figur in The Tale of Two Cities von Charles Dickens, sagt Söring, damals, als er mit 18 Jahren die Schuld auf sich nahm in einem frühen Geständnis nach seiner Festnahme in London. Als er sich opferte für seine Freundin, im Vertrauen, dass ihm der Diplomatenpass ein bisschen Schutz gewähre. Denn - eine weitere literaturgeschichtliche Referenz - Elizabeth sei nicht bloß eine Lady Macbeth gewesen, die ihm die böse Tat einflüsterte ...

Es wurde offensichtlich schlampig gearbeitet damals. Fingerabdrücke, Fußspuren, Haare, die niemandem zugeordnet werden konnten, fielen im Prozess unter den Tisch. Ein kriminalpsychologisches Gutachten eines FBI-Profilers ging verloren. Und lediglich sein längst widerrufenes Geständnis und ein blutiger Sockenabdruck am Tatort, von dem nicht ausgeschlossen werden konnte, dass er Jens Söring nicht zuzuordnen sei, führten zum Schuldspruch. Diese ganze Indizienkette entwickelt der Film langsam, Stück für Stück - das macht seine Spannung aus. Man sieht Sörings aktuelle Anwälte, Fürsprecher für seine Sache, einen Privatdetektiv: Alle mit dem Ziel, den berechtigten Zweifeln am Prozess Gehör zu verleihen. Schließlich, 2010, ein Durchbruch: DNS-Spuren weisen nach, dass am Tatort ein bisher unbekannter Täter anwesend gewesen sein musste. Söring wurde vom Gouverneur begnadigt, kurz vor dessen Abwahl - und der neue widerrief als erste Amtshandlung diese Begnadigung. Söring steckt hoffnungslos fest im Gefängnis in Virginia.

Diese ineinandergelegten Storystränge vom damaligen Prozess und der heutigen Söring-Kampagne sind auf hervorragende Weise auf Spannungserregung angelegt: Allein die Videotapes der damaligen Prozesse gegen Elizabeth und Jens sind jenseits von voyeuristischer Schaulust ein Wert an sich, mit all den verwirrenden Verfahrensregeln in Virginia, die jede Matlock-Folge toppen. Mitunter auch zeigt Das Versprechen deutlich, wie er auf der Gefühlsebene wirkt - so, wenn der Privatdetektiv einen Mann sucht, der vielleicht dieser gewisse Mister X vom damaligen Tatort war, dann die befragte Hotelrezeptionistin verlässt, die Kamera aber vor Ort bleibt, um zu zeigen, wie diese den Gesuchten antelefoniert ...

Mit dieser Gefühlsebene - mit der im Film auch bei einem erneuten Begnadigungsersuch argumentiert wird, in dem Jens Sörings guter Leumund die stärkste Betonung erfährt, - setzt der Film ein Gegengewicht zur kalten Rationalität Jens Sörings selbst, der in einem aktuellen Interview zu Wort kommt. Und mit professionell geschultem Lächeln immer wieder seinen Intellekt beweist, wie schon damals, in den 1980ern, was die Geschworenen vielleicht gegen ihn aufbrachten. Söring an sich ist ein faszinierender Charakter, der sich selbst von außen betrachtet und zugleich ganz tief in der Scheiße steckt; wie auch Elizabeth, nach den Gerichtsvideos zu urteilen, in ihrer Schönheit und Manipulationsfähigkeit durchaus bestrickt.

Vielleicht sind diese Charaktereigenschaften ja Mitgründe für die ganze Misere des Unrechts. Und natürlich weisen sie auf die große Schwachstelle eines Systems hin, in dem es nicht zuletzt um Sympathiewerte vor Gericht geht, statt nur um die reine Wahrheitsfindung.

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