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"Ich sehne mich nach dem ewigen deutschen Nörgeln"

(von Marc Pitzke, SPIEGEL ONLINE, 28. Februar 2012, Originalartikel)


Jens Söring sitzt seit 22 Jahren in einem US-Gefängnis, verurteilt wegen Doppelmordes. Bis heute beteuert er seine Unschuld. Seine jüngste Hoffnung, entlassen zu werden, scheitert am Senatswahlkampf der Republikaner. Denn es geht in dem Fall längst nicht mehr nur um Gerechtigkeit.


Der Häftling Nr. 1161655 ist besonderen Auflagen unterworfen. Er darf zurzeit keine Journalistenbesuche empfangen. Er darf nur handschriftlich kommunizieren, per Post. Und: Er darf keine deutsche Literatur lesen.

Das ist schwer nachvollziehbar. Im Buckingham Correctional Center, einem Gefängnis im US-Bundesstaat Virginia, drei Autostunden südlich von Washington, sitzen mehr als 1000 Häftlinge ein. Alle verurteilt zu lebenslanger Haft, alle Mörder. Darunter der deutsche Diplomatensohn Jens Söring, 45.

Er sitzt seit dem 30. April 1986 hinter Gittern, die letzten 22 Jahre in Virginia - wegen Doppelmordes wurde er zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Der Bewährungsausschuss lehnte seinen Antrag auf vorzeitige Entlassung im Juli 2011 ab, es war der siebte Versuch. Bis heute beteuert Söring seine Unschuld.

Die Haftauflagen seien nur "ein Beispiel dafür, wie man mit mir eigentlich seit Jahrzehnten umspringt", klagt Söring in einem von mehreren Briefen, in denen er die Fragen von SPIEGEL ONLINE notgedrungen schriftlich beantwortet. "Was mit mir hier gemacht wird, hat mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun." Jetzt hat er nur noch eine Hoffnung: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Während der Fall Söring in der deutschen Öffentlichkeit fast vergessen ist, wird er in den USA gerade wieder ein großes Thema. In Virginia ist Sörings Schicksal zum Politikum geworden - und der frühere Geschichtsstudent zum Spielball in einem brutalen Senatswahlkampf.

"Der Wendepunkt meines Lebens"

Jens Sörings Geschichte beginnt im August 1984. Sein Vater war damals Vizekonsul in Detroit, er selbst studierte an der University of Virginia. Dort verliebte er sich mit 18 Jahren in Liz Haysom, die Tochter des Unternehmers Derek Haysom. Ronald Reagan war US-Präsident, Helmut Kohl westdeutscher Bundeskanzler. Es war eine andere Welt. "Keine CDs, kein Internet, keine Handys", erinnert sich Söring.

Am 30. März 1985 wurden Derek Haysom und seine Frau Nancy in ihrer Villa brutal ermordet.

Fortan gehen die Darstellungen auseinander. Nach Ermittlungen der Polizei - denen das Gericht und die Geschworenen später folgten - verübte Söring die Morde, weil die Eltern seiner Freundin die Beziehung missbilligten. Liz Haysom war demnach seine Komplizin.

Söring beharrt auf einem ganz anderen Hergang. Er gestand die Morde damals zwar. Aber nur, wie er später beteuert, um die wahre Täterin zu schützen: Liz Haysom.

In seinem im Gefängnis verfassten Buch "Nicht schuldig!", das am 1. März erscheint, beschreibt Söring seine damalige Freundin als eiskalte Lügnerin, deren "Rattenfängerflöte" er verfallen sei. Er habe die Morde auf sich genommen, um Haysom vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren - im Irrglauben, dann ausgeliefert zu werden und in Deutschland mit einer milderen Strafe davonzukommen. Es war eine fatale Fehlkalkulation.

Die Presse ergötzte sich an den "Voodoo-Morden"

Der dreiwöchige Sensationsprozess gegen Söring - einer der ersten, der im Fernsehen übertragen wurde - wühlte die USA auf. Die Presse ergötzte sich an den "Voodoo-Morden" und bezeichnete den Angeklagten als "Monster". Talkshows dramatisierten den Fall.

1990 wurde Söring schuldig gesprochen. Liz Haysom hatte zuvor in einem separaten Verfahren als Sörings Komplizin 90 Jahre Haft bekommen.

Seither kämpft Söring darum, "auf die andere Seite da draußen zurückkehren zu dürfen, auf die Seite der Menschen". Doch alle Revisions- und Berufungsanträge scheiterten, ebenso seine Appelle, auf Bewährung freizukommen. Er versuchte, sich im Gefängnis das Leben zu nehmen, indem er sich eine Plastiktüte über den Kopf zog. Er schrieb sechs Bücher. Er fand zu Gott - und verlor den Glauben dann wieder.

"Jeder Tag wird zu einem Wassertropfen wie bei der chinesischen Wasserfolter", beschreibt Söring seinen Haftalltag. "Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte macht einen das irgendwann wirklich wahnsinnig. Die meisten Häftlinge werden nach etwa zwanzig Jahren verrückt."

"Ich glaube immer noch, dass morgen oder nächstes Jahr etwas anders sein könnte als heute und gestern", sagt er. "Und das hat mich geistig gesund gehalten."

Sörings Vater hat längst jeden Kontakt zu ihm abgebrochen

Die vielen juristischen Rückschläge machen es freilich schwer - Sörings Vater hat längst jeden Kontakt zu ihm abgebrochen. Als der Bewährungsausschuss Sörings Antrag 2011 erneut ablehnte, ergänzte er die übliche Begründung ("Schwere der Tat") um "Gefahr für die Allgemeinheit" - sowie den Satz: "Eine Entlassung zu diesem Zeitpunkt würde die Bedeutung des Verbrechens mindern."

Das ist auch eine Anspielung auf den laufenden Wahlkampf. Dabei kandidiert in Virginia der demokratische Ex-Gouverneur Tim Kaine für den Senat. Die Republikaner ermitteln ihren Gegenkandidaten bei einer Vorwahl im Juni, die besten Chancen hat der Law-and-Order-Hardliner George Allen.

Kaine hatte eine Überstellung Sörings nach Deutschland als Gouverneur erst abgelehnt, dann Anfang 2010 doch noch genehmigt, es war eine seiner letzten Amtshandlungen. "Nach 8695 Tagen. 208.680 Stunden. 751.248.000 Sekunden. Es war vorbei. Vorbei!", erinnert sich Söring an seine Freude über die Nachricht.

Doch Kaines republikanischer Nachfolger Robert McDonnell vollzog an seinem ersten Diensttag zwei Amtshandlungen: Er ließ die öffentlichen Toiletten an den Schnellstraßen wieder öffnen - und er widerrief Sörings Überstellung.

Und das, obwohl frische DNA-Analysen ergeben haben, dass keine der 42 Proben vom Tatort Söring zugeordnet werden konnte. Auch gibt es neue Zeugenaussagen, die darauf hindeuten, dass Liz Haysom einen anderen Komplizen gehabt haben könnte.

Doch der Fall ist längst zum Politikum mutiert, bei dem es kaum mehr um Wahrheit und Gerechtigkeit geht - sondern um Wahlvorteile.

Die Republikaner schlachten Kaines Votum für eine Überstellung Sörings im Wahlkampf aus, indem sie ihn als "weich" im Kampf gegen Kriminelle brandmarken - ein Vorwurf, der schon vielen Demokraten zum Verhängnis geworden ist. Prompt machte Kaine einen Rückzieher: "Söring ist kein angenehmer Mensch", versicherte er der Agentur AP im Mai 2011. "Ich würde ihn niemals begnadigen." Auch McDonnell legte nach: "Ich halte es für zwingend erforderlich, dass Söring seine Strafe in vollem Umfang in Virginia verbüßt."

"Wir versuchen im Hintergrund alles, was wir tun können"

Das Lokalblatt "Lynchburg News & Advance" schlägt in die gleiche Kerbe. Es hält seinen Lesern die "schiere Gewalt" der Morde gerne in frischer Erinnerung und beschrieb erst kürzlich detailliert, wie ein "jähzorniger" Söring das Ehepaar Haysom "abgeschlachtet" habe.

Sörings Hoffungen ruhen nun auf Deutschland. Markus Löning, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, besuchte ihn voriges Jahr. "Öffentlich können wir nur wenig tun", erklärte er anschließend. "Aber wir versuchen im Hintergrund alles, was wir können."

"Ich hoffe, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel mit US-Präsident Barack Obama eine Lösung aushandelt", schreibt Söring SPIEGEL ONLINE. "Was mit mir im Senatswahlkampf gemacht wird, sollte keinem Menschen angetan werden - besonders nicht einem unschuldigen."

Zwar sieht er ein, dass er anfangs durch sein Geständnis die "alleinige Verantwortung" für seine prekäre Situation trug, begreift sich aber mittlerweile als Spielball der US-Politik. "Ich bin nützlich für einige ehrgeizige Männer, die mich benutzen wollen, um Macht zu erlangen oder zu behalten", schreibt er. "Es ist nicht allzu sehr übertrieben, mich als politischen Gefangenen zu bezeichnen."

Wonach sehnt er sich? Nach "dem deutschen Lebensgefühl", schreibt Söring - und dem "ewigen deutschen Nörgeln".
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