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Als Diplomatensohn in den USA gefangen


(von Rudolf von Waldenfels, Frankenpost, 26. September 2007, Originalartikel)


Durch eine Sendung im ZDF aufmerksam geworden, nutzte der Schriftsteller Rudolf von Waldenfels aus Lichtenberg einen Amerika-Aufenthalt in diesem Sommer, um den zu lebenslanger Haft verurteilten Deutschen Jens Söring in seinem Gefängnis in Virginia zu besuchen. Heute ist die gesamte Sendung „Johannes B. Kerner“ von 22.45 bis 23.50 Uhr dem Fall gewidmet. Für die Frankenpost schreibt Rudolf von Waldenfels über seinen Besuch. Hier sein Bericht:

Im April 1985 wird der 72-jährige Derek Haysom in seinem Haus im US-Bundesstaat Virginia mit Stichwunden und durchschnittener Kehle aufgefunden; nicht weit von ihm, in der Küche, liegt seine 53-jährige Frau Nancy, ebenfalls mit durchschnittener Kehle.

Die Ermittlungen, die sich zunächst im Kreis drehen, konzentrieren sich schließlich auf die Tochter des ermordeten Ehepaares sowie ihren 18-jährigen Freund und Mitstudenten, Sohn eines westdeutschen Diplomaten.

Bevor die Polizei jedoch zugreifen kann, verlassen die beiden das Land und werden erst nach einer monatelangen Flucht, die sie über Thailand und das sowjetische Moskau führt, in London gefasst. Der Deutsche, Jens Söring ist sein Name, gesteht den Doppelmord und wird an die amerikanischen Behörden ausgeliefert, die ihn zu zweimal lebenslänglich verurteilen.

Gut zwanzig Jahre später, es ist der Juli 2007, sitze ich Jens Söring im Besuchsraum seines Gefängnisses gegenüber. Ich bin den ganzen Vormittag durch die üppige Landschaft Virginias gefahren, habe Formulare ausgefüllt, mir unter die Zunge und zwischen die Zehen schauen lassen, habe einen Stempel mit Spezialtinte auf den Arm erhalten, damit sichergestellt ist, dass auch wirklich ich es bin, der das Gefängnis nachher wieder verlässt.

In der Gerichtsverhandlung damals widerrief Jens Söring sein Geständnis: er habe die Schuld nur auf sich genommen, um seine Freundin, die ihm noch in der Tatnacht den Mord gestanden habe, vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. Als Diplomatensohn habe er sich fälschlicherweise gegen die Strafverfolgung in den Vereinigten Staaten immun geglaubt und auf eine sehr viel niedrigere Jugendstrafe in Deutschland gesetzt.


Ein halbes Kind

Es gibt eine Videoaufzeichnung dieses Prozesses: da ist der junge Jens Söring zu sehen, ein halbes Kind noch, wie er mit leiser Stimme versucht, dem smarten und redegewandten Staatsanwalt Paroli zu bieten, der öffentlich versichert hatte, ihn in den Tod schicken zu wollen. Später wird die stellvertretende Generalstaatsanwältin Virginias sagen, dass ihr in ihrer Laufbahn nur zwei Fälle untergekommen seien, bei denen sie von der Unschuld des Verurteilten überzeugt gewesen wäre: Jens Sörings Fall sei einer von den beiden.

„Monster“, „Bestie“ – so nannte ihn die amerikanische Boulevardpresse.

Der Mann, der mir am Tisch gegenübersitzt, ist mittelgroß, das Gesicht mager und glattrasiert, die Augen sind dunkel und ausdrucksvoll.

Jens Söring ist jetzt 41, hat also mehr Jahre im Gefängnis verbracht als in Freiheit.

„Die ersten 15 Jahre in Gefangenschaft war ich voller Hass. Ich konnte nicht begreifen, warum ausgerechnet mir dieses Unglück zustoßen musste.“ Doch dann wurde sein Antrag auf Wiederaufnahme seines Prozesses endgültig abgelehnt. Er geriet an den Rand des Selbstmords. Jemand drückte ihm eine Broschüre in die Hand, die eine bestimmte Form christlicher Kontemplation propagierte. Er setzte sich tiefer mit dem Thema auseinander, begann täglich zu meditieren und wurde zu einem gläubigen Christen. „In der Hölle, in der ich lebe, und das Gefägnis ist ganz sicher eine Hölle, habe ich mir einen freien Raum geschaffen. Hierhin können mir die Wärter und Mitgefangenen nicht folgen.“

Im Gefängnis herrscht das Gesetz des Stärkeren. Junge Insassen werden unter Einsatz von Gewalt und Drogen zu „Huren“ abgerichtet, die ihren „Besitzern“ bedingungslos willfährig sein müssen. Es gibt Prügeleien, es gibt Morde. Gefangene fertigen in monatelanger Arbeit rasiermesserscharfe Klingen an, um damit aufeinander einzustechen.

Wie hat Jens Söring, der behütete Diplomatensohn, hier überlebt? „Man hielt mich für einen unberechenbaren Doppelmörder – das gewährte einen gewissen Schutz.“

Dennoch begann er, nachdem er knapp einer Vergewaltigung entkommen war, ein tägliches Hanteltraining. Aus dem pummeligen Büchermenschen wurde ein athletischer Mann mit wachsamem Blick.

Ich lausche seiner ruhigen, sorgfältig formulierenden Stimme. Ob in ihr noch Spuren jener Leidenschaftlichkeit zu hören sind, die ihn als Achtzehnjährigen in eine „wahnsinnige Liebe“ zu Elizabeth Haysom getrieben hat, der Tochter des ermordeten Paares?

Er sammelte damals Preise und Auszeichnungen wie andere Leute Briefmarken, er war Stipendiat an einer der besten Universitäten Amerikas – und er war ein schüchterner Junge mit übergroßer Brille, der noch nie etwas mit einer Frau gehabt hatte. Elizabeth Haysom hingegen, drei Jahre älter als er, attraktiv und geheimnisvoll, war die Bienenkönigin der Universität. Ein Ruf von Freiheit und Sexualität, von Künstlertum und Genialität eilte ihr voraus. Dass sie ausgerechnet ihn, den linkischen deutschen Erstsemester, zu ihrem Liebhaber erwählte, versetzte ihn in stolze Verwunderung. Sein über Jahre aufgestauter Lebenshunger brach sich Bahn. Er lebte nur noch für Elizabeth. Dann, auf der Flucht, schweißte die Gefahr sie noch enger zusammen.


Schwere Störung

Erst, als es schon zu spät war, begriff er, dass Elizabeth unter einer schweren Persönlichkeitsstörung litt. „Schizophren“, „pathologische Lügnerin“ – so urteilten die strafrechtlichen Gutachter. Er erwachte vollends aus seiner Trance, als die Frau, für die er beinah alles gegeben hatte, vor Gericht gegen ihn aussagte. Ganz ihre Haut retten konnte sie allerdings nicht: Sie wurde als Anstifterin zu zweimal 45 Jahren verurteilt. „Sie hat ihre Eltern erstochen, möglicherweise im Drogenrausch“, so Jens Söring.

Vieles weist darauf hin – und auf Jens Sörings Unschuld. Da ist der blutige Abdruck, der auf Elizabeths Fuß passt, für seinen aber viel zu klein ist; da sind die Fingerabdrücke von ihr am Tatort; da ist seine Schilderung des Tatverlaufs, im Gefolge seines später widerrufenen Geständnisses abgegeben, die in wesentlichen Punkten dem tatsächlichen Tatverlauf widerspricht. Die Zweifel an seiner Schuld sind inzwischen so groß, dass sich zahlreiche prominente Fürsprecher, unter anderen der ehemalige Bischof von Richmond, der Hauptstadt Virginias, für seine Freilassung einsetzen.

Nur – welche Chancen hat Jens Söring überhaupt noch, aus dem Gefängnis freizukommen, nachdem sein Prozess ja nicht wiederaufgenommen werden kann? „Sehr geringe“, sagt der deutsche Botschafter in Washington, der sich um seine Überstellung nach Deutschland bemüht.

„Sehr geringe“, sagt Jens Söring selber. Denn um eine mögliche Begnadigung zu erreichen, müsste er seine Schuld eingestehen, für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. „Das widerspräche allem, woran ich inzwischen glaube.“

Dennoch kämpft er weiter. Er schreibt Artikel, Bücher, meditiert, betet, setzt sich für seine Mitgefangenen ein – und hofft, dass eines Tages doch noch ein Wunder geschieht und ihm Gerechtigkeit widerfährt.

Wir stehen auf. Der Gefängnisfotograf, ein bulliger Afroamerikaner, der für einen bewaffneten Raubüberfall einsitzt, winkt uns zu sich. Wir stellen uns vor die gemalte Kulisse, die – grausame Ironie – eine Waldlandschaft darstellt, durchzogen von einer niedrigen, jederzeit überspringbaren Mauer, und warten tapfer auf den Blitz.

Es ist dieselbe üppige, fast tropische Waldlandschaft, die ich später wiederfinde, als ich mit dem Auto zurück nach Norden fahre. Die Sonne hat nachgelassen; ich öffne die Fenster und neige das Gesicht in den warmen Wind.
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