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Aus dem Leben des 179212


(von Olaf Neumann, Grenzecho.net, 8. April 2011, Link,
Asphalt-Magazin, Mai 2011, Link)


Am 30. April 2011 ist es genau 25 Jahre her, dass Jens Söring ins Gefängnis kam. Ein Geschworenengericht im US-Bundesstaat Virginia verurteilte den deutschen Diplomatensohn für den extrem grausamen Doppelmord an dem Manager Derek Haysom und dessen Frau Nancy zu zweimal lebenslanger Haft. Seine Unterstützer sprechen von einem Justizirrtum.

Der Fall ist so spektakulär, dass ein US-Gericht erstmals vor laufenden Fernsehkameras tagt. Heute ist Söring Häftling 179212 im Buckingham Correctional Center im US-Bundesstaat Virginia.

Geboren 1966 in Bangkok als Sohn eines höheren deutschen Diplomaten, erhält er mit 18 ein Hochbegabtenstipendium an der University of Virginia, einer der renommiertesten in den USA. Dort verliebt sich der unerfahrene Strebertyp in seine Kommilitonin Elizabeth Haysom. Die 20-Jährige ist exzentrisch, äußerst attraktiv und den Drogen zugetan. Als Elizabeths Eltern am 30. März 1985 in Lynchburg, Virginia, ermordet werden, fällt der Verdacht auf die angeblich von den Eltern missbrauchte Tochter und deren deutschen Freund. Das ungleiche Paar flüchtet nach England, später nach Asien und wird im Juni 1986 in London geschnappt.

Söring will Elizabeth durch ein Geständnis vor dem elektrischen Stuhl retten - im festen Glauben, er würde als Diplomatensohn in die Heimat ausgeliefert werden, wo ihm nur die Jugendstrafe droht. Ein fataler Irrtum. Bald darauf widerruft Söring und klagt bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Seiner Auslieferung wird unter der Voraussetzung stattgegeben, dass ihn in den USA nicht die Todesstrafe erwartet. In Virginia wird Jens Söring zu zweimal lebenslänglich verurteilt, Elizabeth Haysom zu 90 Jahren. Der Richter ist ein alter Freund der Opfer. Heute mehren sich die Anzeichen, dass Jens Söring möglicherweise nicht der Täter ist. Ein DNA-Test und ein neuer Entlastungszeuge haben den komplexen Fall wieder ins Gespräch gebracht. Das Szenario erinnert an einen Krimi, bei dem der Drehbuchautor an manchen Stellen ein bisschen dick aufgetragen hat.

Die deutsche Regierung setzt sich jetzt für Jens Söring ein und will ihm die Rückkehr nach Deutschland ermöglichen. Ihr Menschenrechtsbeauftragter Markus Löning (FDP) stattete ihm im Februar erstmals einen Besuch im Gefängnis in Virginia ab.

Grenz-Echo-Mitarbeiter Olaf Neumann hatte Gelegenheit, mit Jens Söring zu sprechen.


Herr Söring, im März sagte erstmals ein Entlastungszeuge unter Eid aus, der die Argumentation Ihrer Verteidiger untermauert. Wie geht es Ihnen momentan?

Einigermaßen gut. Nach 25 Jahren im Gefängnis ist das immer so eine Sache. Ich mache mir aber Hoffnung, dass ich vielleicht doch noch nach Deutschland zurückkommen kann. In meinem Fall hat sich vor kurzem eine ganze Menge entwickelt. Ein Mitgefangener namens Thomas Hainsworth, der wegen vierfacher Vergewaltigung verurteilt wurde, ist gerade nach einem neuen DNA-Test durch das Post-Conviction DNA Testing Program auf Bewährung entlassen worden. Das ist genau das, worum ich auch bitte. Es gibt jetzt also einen Präzedenzfall. Und ich habe neben den DNA-Tests sogar noch einen neuen Zeugen. Das gibt mir Hoffnung. Der Vorteil der Entlassung auf Bewährung ist, dass der Bundesstaat Virginia nicht zugeben müsste, dass es sich um einen Justizirrtum handelt.

Sie behaupten, Sie hätten die Morde auf sich genommen, um Ihre damalige Freundin Elizabeth Haysom vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Diese wiederum beschuldigt Sie bis heute, von Ihnen zum Mord angestiftet worden zu sein.

Elizabeth war zur Tatzeit 20 Jahre alt, drogenabhängig und geisteskrank. Drei Psychiater haben bei ihr eine schwere Persönlichkeitsstörung und pathologisches Lügen festgestellt. Es besteht kein Zweifel, dass ihre Mutter sie sexuell missbraucht und davon Fotos gemacht hat. Diese Fotos waren dem Gericht bekannt, und ein Gutachter hat ganz klar eine sexuelle Beziehung zwischen Elizabeth und ihrer Mutter festgestellt. All das würde Elizabeth nach deutschem Rechtsverständnis entlasten. In Deutschland hätte sie vielleicht acht bis zehn Jahre bekommen. Und vor allem wäre sie psychiatrisch behandelt worden. Stattdessen sitzt sie jetzt seit 25 Jahren im Knast und vegetiert vor sich hin. Ich sage das nicht, weil ich sie verteidigen will. Diese Frau hat mir schrecklich geschadet, ich will nichts mit ihr zu tun haben. Aber wenn man auch nur ein bisschen Mitgefühl hat, muss man verstehen, dass auch ihr hier Unrecht angetan wurde. Aber das ist nichts Ungewöhnliches, das ganze Justizsystem der Vereinigten Staaten ist menschenverachtend.

Der Jury, die Sie verurteilte, wurde niemals ein nachvollziehbares Motiv für den Elternmord an den Haysoms genannt. Welche Indizien führten zu Ihrer Verurteilung?

Am Anfang der Verhandlung hielten mich sechs Geschworene für unschuldig und sechs für schuldig. Letztlich war es ein blutverschmierter Fußabdruck, der sie davon überzeugte, dass ich der angebliche Täter sei. Der Gutachter für Fußabdrücke war alles andere als ein Experte, seine Falschaussage führte dann zu meiner Verurteilung. Mein Verteidiger, dem später wegen Geisteskrankheit die Lizenz entzogen wurde, hatte es verbockt, ein Gegengutachten erstellen zu lassen. Nach virginianischem Gesetz kann man ab dem 21. Tag nach dem Urteil keine neuen Beweise mehr einbringen.

Ihr Fall löste international eine Kontroverse über die Themen Auslieferung und Todesstrafe aus.

Es fing alles an mit der Auslieferungshaft Ende der 80er Jahre. Damals sind meine Anwälte zum Europäischen Gerichtshof gegangen. Daraufhin gab es ein wegweisendes Urteil über Auslieferung und Todesstrafe. Es ist immer noch der führende Präzedenzfall in der internationalen Rechtsprechung und hatte bitterböse Reden im US-Kongress zur Folge. Der New Yorker Senator Alfonse D’Amato echauffierte sich darüber, dass ein angeblicher Mörder das wunderbare Rechtsystem der Vereinigten Staaten vor dem Europäischen Gerichtshof kritisierte. Diese Sozialisten in Europa sollten gefälligst den Amerikanern erlauben, ihre Mörder möglichst schnell hinzurichten. Denn es wurde vorausgesetzt, dass ich die Todesstrafe bekommen würde. Diese Diskussion hat eigentlich nie aufgehört.

Im Gefängnis sagt man Ihnen offen, dass Sie dort sterben sollen. Was macht das Leben für Sie lebenswert?

Kämpfen. So ist es. Ich weiß gar nicht, ob ich damit aufhören könnte. Der Gedanke kommt mir nicht. Solang ich kann, kämpfe ich. Ich habe ja auch etwas, womit ich kämpfen kann und ich bin nicht allein. Ich habe viele Freunde, die mich unterstützen. Gewohnheit ist auch ein Grund, weiterzumachen. In gewisser Weise macht das Kämpfen ja auch ein bisschen Spaß. Mir wird oft gesagt, dass man mich beobachtet, wie ich jeden Tag am Schreibtisch sitze und wie wild schufte. Zwölf bis 14 Stunden am Tag. Und wie ich dann auf den Sportplatz rausgehe, jogge und Klimmzüge mache. Ich bin ein Sportfanatiker. Man sagt mir, ich gebe anderen Menschen Hoffnung. Das höre ich nicht nur von Mitgefangenen, sondern auch von Freunden aus der Außenwelt.

Und wie verhält es sich mit Freundschaften im Knast?

Es ist sehr schwierig, jemanden zu finden, dem man Vertrauen kann. Denn wer in großer Not ist, tut Dinge, die man sonst nicht tun würde. Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich vielleicht einen auf der Ebene einer Freundschaft. Wir kennen uns noch aus meinem vorherigen Gefängnis. Man muss sich schon viele Jahre kennen, bevor man einem Mitgefangenen halbwegs vertrauen kann. Wenn mir mal so richtig zum Heulen ist, zeige ich das besser nicht.

Sie sagen, das größte Geheimnis, im Knast zu überleben, ist, keine Angst zu zeigen. Wie schafft man das?

Indem man ein Pokerface aufsetzt. Ich kann das prima. Wer das allerkleinste Zeichen von Schwäche zeigt, überlebt hier nicht. Zuerst mal wird man vergewaltigt. Man wird zum Sexsklaven, die werden hier »Punks« genannt. 20 Prozent aller Gefangenen werden jedes Jahr unter Drohungen dazu gezwungen, Sex gegen ihren Willen zu haben, und zehn Prozent werden brutal vergewaltigt. Bei 2,3 Millionen Gefangenen insgesamt sind das weit mehr als 400000 Vergewaltigungen pro Jahr. Das wird öffentlich akzeptiert, es gab darüber Anhörungen vor dem Kongress.

Hat man das mit Ihnen anfangs auch versucht?

Natürlich, als ich noch ein »Fresh Fish« war. Ich hatte unwahrscheinlich großes Glück, ich und habe im dem Moment ganz laut geschrien. Es war ein riesiger Schwarzer namens Joe, gegen den sich eigentlich niemand wehren kann. Bis heute kann ich nicht verstehen, dass er mich losgelassen hat und ich splitterfasernackt aus der Dusche davonlaufen konnte. Ironischerweise haben wir später zusammen Hanteln gestemmt. So verrückt ist das Leben. Mit diesem Trauma bin ich fertig geworden, indem ich mich intensiv in den Sport geworfen habe.
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