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Kann die Psychologie falsche Geständnisse verhindern?


Bei mehr als einem Viertel aller in den USA Verurteilten, die ihre Tat gestanden hatten, widersprachen die DNA-Tests den Geständnissen. Psychologen untersuchen, woher dieses Phänomen kommt.

(von Zak Stambor, in "Monitor of Psychology", Vol 37, No 8, September 2006)
Originalartikel


Im Jahr 1988 arbeitete der 22 jährige Chris Ochoa im Pizza Hut in Austin, Texas. In seiner Freizeit schaute er gerne Fernsehen und hörte die Musik von Rockbands wie Aerosmith und Van Halen. Außer ein paar Bußen wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen und falschem Parkieren war der kleingewachsene, stille, dunkeläugige Ochoa nie in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Er teilte eine Zweizimmerwohnung mit seinem Arbeitskollegen Richard Danziger und plante, das lokale College zu besuchen und eventuell an die Universität von Texas zu gehen.

Aber seine Pläne wurden zerschlagen, als am 24. Oktober Achim Josef Marino ein anderes Pizza Hut Restaurant in der Nähe von Austin überfiel, die zwanzigjährige Leiterin Nancy DePriest im Toilettenraum mit ihrem BH fesselte, sie vergewaltigte und erschoss.

Als Ochoa und Danziger am darauf folgenden Tag in DePriests Pizza Hut eine Pizza und ein Bier zu sich nahmen, dachten Angestellte, dass sie auf den Tod von DePriest anstoßen würden und verständigten die Polizei, welche die beiden Männer drei Tage später festnahm und in verschiedenen Räumen verhörte.

„Das war der Beginn des Alptraums“, sagt Ochoa. Während zwölf Stunden konfrontierte eine Abfolge von Verhörern, die sich selbst mit Namen wie „Bogeyman“ vorstellten, mit der Wahl zwischen einem Geständnis und einer lebenslänglichen Haftstrafe oder einer Negierung der Schuld und der Todesstrafe. Als Ochoa einen Anwalt verlangte wurde ihm gesagt, dass er darauf kein Recht hätte, da er gar nicht angeklagt sei. Die Befrager hielten Fotos von Haftzellen des Todestraktes vor sein Gesicht und sagten ihm, dass dies der Ort sei, wo er den Rest seines Lebens verbringen würde.

„Ich hatte Angst“ sagt er. „Ich wusste nicht, zu was die fähig sind oder nicht.“

Nach einem weiteren zermürbenden Tag von Verhören, während dem er dachte „Sie werden mich töten. Sie werden mich umbringen für eine Tat, die ich nicht begangen habe“, legte Ochoa ein Geständnis ab.

Während der Gerichtsverhandlung bezeugte Ochoa, dass er und Danziger – der ein Geständnis verweigerte – den Pizza Hut überfallen und DePriest vergewaltigt und erschossen hätten. Beide Männer erhielten lebenslängliche Freiheitsstrafen, welche sie bis zum Geständnis von Marino zwölf Jahre später absaßen.

Psychologen und andere Wissenschafter, die sich mit falschen Geständnissen beschäftigen, sagen, dass Ochoas Erfahrung alles andere als einmalig ist. Bei 26 Prozent der ersten 130 Verurteilungen in den USA, die später aufgrund von DNA-Tests aufgehoben wurden, handelte es sich um falsche Geständnisse gemäss dem in New York beheimateten „Innocence Project“, welches sich für die Freilassung von irrtümlicherweise Verurteilten einsetzt. Diese Fälle scheinen nur die Spitze des Eisbergs zu sein, sagt der Psychologe Saul Kassin vom Williams College.

Kürzlich erschienene psychologische Forschungsergebnisse legen nahe, dass es gehäuft zu falschen Geständnissen kommt, wenn unschuldige Personen auf ihren rechtlichen Schutz verzichten - aufgrund einer Unkenntnis des Systems oder aufgrund ihres Glaubens, das Beweise sie entlasten werden. Um das Problem zu beheben helfen Psychologen bei der Schulung von verhörendem Personal, die Bedeutung sozialer Einflüsse zu vermitteln - insbesondere im Umgang mit Kindern, kognitiv Behinderten oder Menschen wie Ochoa, welche psychologisch zu einem Geständnis gezwungen werden konnten, da sie keine Kenntnisse über ihre Rechte hatten.


Der Verzicht auf Schutz

Es scheint verblüffend, dass überhaupt jemand auf seine Miranda-Rechte (das Recht zu schweigen und einen Anwalt beizuziehen) oder anderen rechtlichen Schutz verzichtet, aber viele Verdächtige  sind  aufgrund ihres jungen Alters, ihrer Intelligenz, ihres Bildungsdefizits oder ihrer geistigen Verfassung nicht dazu in der Lage, ihre Rechte zu verstehen und sie einzufordern, sagt Kassin.

Die Alibis und Erklärungen von unschuldigen Verdächtigen sind genau die Sorte von Alibis, denen die Polizei in ihrer Ausbildung gelernt hat, nicht zu glauben: Sie geben oft an, alleine gewesen zu sein oder zusammen mit Freunden oder Familienangehörigen.

In einer im Jahr 2004 veröffentlichen Arbeit in Law and Human Behavior (Vol.21, No 2, p 211-221) berichtete Kassin über Studienteilnehmer die vorgeben mussten, entweder schuldig oder unschuldig an einem vorgetäuschten Diebstahl zu sein. Nachdem sie zum Verhör festgenommen worden waren, verzichteten 58 Prozent der Verdächtigen auf ihre Rechte. Die unschuldigen Verdächtigen unterschrieben den Verzicht auf die Miranda-Rechte doppelt so häufig als die schuldigen Verdächtigen. Weshalb? Sie hatten das Gefühl nichts verstecken zu müssen.

„Unschuldige Menschen haben den naiven und starken Glauben daran, dass ihre Unschuld sie befreien wird,“ meint Kassin. „Sie sind damit einverstanden auf die Polizeistation zu kommen und auf alle möglichen Sicherungen zu verzichten.“

Und wenn unschuldige Personen aussagen geht die Polizei davon aus, dass das „Geplapper“ ein Versuch sei, sie zu täuschen, sagt Kassin. Als Gegenmassnahme gegen die vermeintliche Täuschung bringen sie den Verdächtigen in einen Verhörraum, wo sie ihm eine Vielzahl von Fallen stellen, um an ein Geständnis zu gelangen. Beispielsweise würden sie suggerieren, dass ein Geständnis mit milderen Strafen belohnt würde, oder sie zählen eine Menge mildernder Umstände auf, die zu dem Verbrechen geführt haben könnten oder sie lügen sogar, was die Beweise anbelangt. Falls Personen auch nach Stunden im Verhörraum ein Geständnis verweigern, sind Stress, Ermüdung und Klaustrophobie typische Folgeerscheinungen, meint Kassin.

„Viele Menschen denken, dass ein Geständnis ein Ausweg sei,“ sagt er. „Sie gehen davon aus ‚Ich war es nicht und die Untersuchung wird dies auch zeigen’. Aber sie realisieren nicht, dass ein Geständnis eine Untersuchung abschliesst und nicht eröffnet“.


Gefährdete Bevölkerungsschichten

Jedoch nicht alle falschen Geständnisse sind ein Mittel um das Verhör zu beenden. Einige gestehen weil das Verhör sie dazu veranlasst, an ihrem Erinnerungsvermögen zu zweifeln und sie zu glauben beginnen, dass sie möglicherweise Gedächtnisstörungen haben oder dass sie eine kriminelle Tat verdrängt haben. Und da Verhörer falsche Beweise benutzen, um Lücken zu füllen, besteht für viele, auch für Kinder und geistig Behinderte, ein Risiko. Ein einer im Jahr 2003 veröffentlichen Studie in Law and Human Behavior (Vol. 27, No 2, p 141-155) berichteten die Psychologen Allison Redlich und Gail Goodmann, dass je jünger ein Kind ist, es umso eher unter Labor-Bedingungen ein falsches Geständnis ablegt. In der Studie setzten sie 12- bis 26-Jährige an einen Computer und gaben ihnen die Aufgabe, einen Brief, den die Untersucher ihnen vorlasen, zu schreiben. Sie wurden darauf hingewiesen, dass sie nicht die „ALT“-Taste drücken durften, da ansonsten der ganze Computer abstürzen würde und alle Daten verloren gingen. Nachdem die Untersucher 115 Briefe diktiert hatten, wurde der Bildschirm schwarz und die Untersucher stellten bekümmert die Frage „Hast du die ALT-Taste gedrückt?“

69 Prozent der Studienteilnehmer gestanden fälschlicherweise, die Taste gedrückt zu haben und 39 Prozent glaubten, die Taste gedrückt zu haben, ohne sich daran erinnern zu können. Auch wenn die Übernahme der Verantwortung für einen Computerabsturz offensichtlich nicht dasselbe ist, wie ein Verbrechen zu gestehen, nimmt Redlich an, dass der psychologische Mechanismus derselbe ist.

Und da die Untersuchungen zeigen, dass mindestens 65 Prozent der Kinder in der Jugend-Strafverfolgung Störungen in ihrer geistigen und psychischen Gesundheit aufweisen, ist es wichtig, dass Polizeiangestellte ihre Verhörmethoden ändern und auf die Verwundbarkeiten der Verdächtigen achten, sagt sie.

„Wir brauchen Verhörer, die etwas gelernt haben über Entwicklungspsychologie und dies auf kindliche Verdächtige anwenden,“ sagt sie und erwähnt, dass die Konsequenzen eines falschen Geständnisses das Leben eines Kindes zerstören können.


Ein Sicherheitsnetz

In Übereinstimmung mit Redlichs Verschlägen haben kürzlich Amtspersonen in England Vorrichtungen angeordnet, um falsche Geständnisse zu verhindern.

Beispielsweise haben sie Verhörer dahingehend geschult, nicht von der Schuld des Verdächtigen auszugehen und gegenüber den Verdächtigen nicht zu lügen.

„Wenn Polizeiangestellte einen Verdächtigen anlügen dürfen, können sie sich aufgrund zweifelhafter Grundlagen dazu entscheiden, einen Verdächtigen zu einem Geständnis zu verleiten,“ sagt der Psychologe Gisli Gudjonsson vom Londo ner Institut für Psychiatrie vom King’s College. „Und oft überzeugen sie sich selbst davon, dass die Person schuldig ist.“

Zusammen mit anderen Psychologen, arbeitet Gudjonsson – der Messinstrumente zur Erfassung der Empfänglichkeit für Willfährigkeit und Beeinflussbarkeit entwickelt hat – als Beraterin für Polizeiangestellte, um diesen bei der Erkennung der Verwundbarkeit von Verdächtigen mit geistig und psychischen Gesundheitsstörungen behilflich zu sein. Im Anschluss an eine Befragung und Testung des Verdächtigen schreibt Gudjonsson einen detailierten Bericht, der die beste Befragungsstrategie für das betreffende Individuum analysiert. Dieses Vorgehen hilft der Polizei, zu verlässlicheren Darstellungen zu gelangen, sagt er.

„Es steht viel auf dem Spiel, falls die falsche Person verurteilt wird,“ sagt Gudjonsson. “Man kann Geständnisse nicht für bare Münze nehmen. Man muss sie bestätigen. Fehler können einem Menschen das Leben kosten.“

Selbst wenn ein Fehler berichtigt wird, seine Auswirkungen können lange andauern. Zum Beispiel Ochoa, der seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis von Austin 5,3 Millionen Dollar erhielt und der an der Wisconsin School of Law einen Abschluss gemacht hat. Aber Erfolg und finanzielle Sicherheit können die zwölf verlorenen Jahre nicht wieder gut machen, sagt er. Er ist fortwährend darüber frustriert, dass die Leute nicht begreifen, dass sein Geständnis nicht freiwillig erfolgte sondern aufgrund bestimmter Umstände zustande kam.

„Entlastete werden nicht als Opfer betrachtet,“ sagt er, viele würden nicht die im System enthaltenen Möglichkeiten, die einen Anreiz zur Anwendung von Zwang darstellen, verstehen.

Um einen Fall wie Ochoas zu verhindern, zeichnet die britische Polizei nun alle Befragungen und Verhöre auf Video auf. Die Aufnahmen liefern eine objektive und sorgfältige Aufzeichnung der Umstände, unter welchen der Verdächtige seine Aussagen machte – was von Kassin in seinem im Jahr 2005 im American Psychologist (Vol 60, No 3, p 215-228) erschienenen Artikel gut geheissen wird. Der Artikel beschäftigt sich mit dem Thema, ob Unschuldigkeit für unschuldige Verdächtige ein Risiko darstellt. In den Vereinigten Staaten sind Videoaufnahmen nur in Minnesota, Alaska, Illinois und Maine obligatorisch, obschon Auswertungen, welche am Center on Wrongful Convictions an der Northwestern Universitiy Law School zusammen getragen wurden zeigen, dass auf Video aufgezeichnete Verhöre die Effizienz der Polizeiangestellten bei der Überführung Krimineller und der Entlastung Unschuldiger verbessern können.

Kassins Artikel legt nahe, dass Videoaufzeichnungen Richtern und Geschworenengerichten helfen könnten die Umstände zu verstehen, unter denen Versprechungen oder Drohungen gemacht wurden und ob die Einzelheiten eines Geständnisses aus den Fragen des Verhörers heraus entstanden. Ausserdem könnten Videoaufzeichnungen die Polizei vor übermässig langen Verhören abschrecken, wie die zweitägige Befragung von Ochoa, zumal Forschungsergebnisse zeigen, dass 73 Prozent der falschen Geständnisse nach mehr als sechs Stunden Verhör gemacht werden.

„Psychologen müssen der Polizei helfen, eine Auswahl an Befragungstechniken zu entwickeln, um Kriminelle zu überführen und unschuldige Verdächtige unversehrt zu lassen“, sagt er. „Wir müssen bessere ‚Mäusefallen’ entwickeln.“
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