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CHRISTUS, DER HÄFTLING


Eine Osterbetrachtung zum Kreuz und zur Verbrechensjustiz

(von Jens Söring,  Übersetzung von Jana B.)
(Dieser Artikel erschien in der März / April Ausgabe 2005 des PRISM magazine)


Als Gott menschliche Gestalt annahm, wurde er nicht Priester oder Mönch, König oder General, Dichter oder gar Philosoph. Er war stattdessen ein zu Tode Verurteilter, ein gemeinsam mit zwei Dieben abgeurteilter Verbrecher. Nichts Geringeres als dies durfte es ein: Das lebendige Ebenbild der unsichtbaren Gottheit konnte keine wahrhaftigere Gestalt annehmen als die eines "dead man walking", des Geringsten unter den Geringen.

Und doch schaffen wir es irgendwie, diese zentrale Tatsache unseres Glaubens zu übersehen. Wenn wir an Jesus denken, dann lieber an den niedlichen Säugling in Marias Armen, den Wunderwirker, den rede-gewandten Prediger oder den wiederauferstandenen Sohn, auf einer Wolke in unmittelbarer Nähe zum Vater sitzend. Christus ist in der Tat all dies - aber er hat uns errettet, indem er sich selbst als verurteil-ter Schwerverbrecher der Todesstrafe stellte. Seine wichtigste Aufgabe war die, als gewöhnlicher Ver-brecher zu sterben.

Natürlich wissen wir, dass Jesus weder Gottes Gesetze noch die der Menschen je gebrochen hat; aber bloße Unschuld ist kein Schutz gegen die Launen menschlicher Rechtsprechung. Wie Joseph, der zu Unrecht der versuchten Vergewaltigung von Potiphars Frau beschuldigt wurde, so wurde auch  Christus durch ein rechtmäßiges Gericht verurteilt, gefangen gesetzt wie jeder andere Verurteilter, und - anders als Joseph - als Teil einer Gruppe von drei Gesetzlosen zum Tode verurteilt (1.Moses 39,17-20). "Wäre der hier kein Verbrecher, so hätten wir ihn dir nicht übergeben!" sagt der Hohepriester zu Pontius Pilatus (Johannes 18,20).

Und in der Tat, war es ein Teil von Gottes Plan, seinen Sohn als Schwerverbrecher behandeln zu lassen, wie es Christus beim Letzten Abendmahl selbst erklärt hat: "Denn ich sage euch, an mir muss dies Schriftwort erfüllt werden: ER IST UNTER DIE FREVLER GERECHNET WORDEN." (Lukas 222, 37; Jesaja 53,12)

Darüber hinaus hat Jesus die Rolle des verurteilten Schwerverbrechers nicht gleichsam wie ein göttlicher

Schauspieler bloß dargestellt, so als ob er nicht wirklich ein Gefangener wäre: Im Gleichnis von den Schafen und den Böcken sagt er selbst deutlich: "Ich war gefangen, und ihr habt mich besucht. - Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Matthäus 25, 37u.40). Genauso wie Christus durch seine Geburt wahrhaftig ein Mensch  geworden ist, so war er  auch bei seinem Tode ein echter "Knastbruder".

Dies ist so skandalträchtig, dass sogar unsere maßgeblichen Bibelübersetzungen diese Tatsache subtil verschleiern. Lukas 23, Vers 12 z.B. wird häufig so wiedergegeben: "Es wurden aber auch andere hinge- führt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden " (Lutherbibel) und unterstellt so einen Unter-schied zwischen den beiden Dieben und Jesus. Aber der griechische Originaltext diese Verses lautet "de kai heteroi kakouroi duo sun auto: "die beiden anderen Verbrecher zusammen mit ihm." Mit diesen Worten erkennt der Evangelist Lukas die Gleichstellung von Christus mit den Dieben an, was moderne Übertragungen  offenkundig zu schockierend finden.

Für die frühen Christen jedoch, war der Status eines Gefangenen nichts, wofür man sich schämen müsste. "Wer mir folgen will, nehme sein Kreuz auf sich", hatte ihr Meister sie gelehrt; und fast alle Apostel waren hinter Gittern und wurden schließlich durch den Staat hingerichtet - genau wie Jesus. Tausende von Gläubigen starben im 1. und 2. Jahrhundert in römischen Amphitheatern als Verbrecher, der Mitgliedschaft einer revolutionären Bewegung beschuldigt.

Vielleicht haben jene frühen Gläubigen den Tod in der Nachfolge so bereitwillig akzeptiert, weil sie ein tieferes Verständnis von der vollen Bedeutung des Kreuzes hatten als wir heutzutage. Natürlich haben alle Christen - damals wie heute - immer gewusst, dass Christus durch seine Kreuzigung das Wesen der selbstaufopfernden göttlichen Liebe offenbaren wollte: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab" (Joh. 13,16). Oder, wie es der Lieblingsjünger ausdrückt: "Daran haben wir erkannt, was Liebe ist: dass er für uns sein Leben eingesetzt hat. So sollen auch wir unser Leben für die Brüder einsetzen"(1.Joh. 3,16). Darüber hinaus jedoch versinnbildlicht das Kreuz in aller Deutlichkeit die Sünde der Menschheit, für deren Vergebung der Sohn Gottes gestorben ist.

Beim Letzten Abendmahl hat er seinen Jüngern erklärt: "Darin soll das Wort erfüllt werden, das in ihrem Gesetzt geschrieben steht: OHNE GRUND HABEN SIE MICH GEHASST" (Joh. 15,25; Psalm 35,19 und 69,4). Das "darin", auf das sich hier Christus bezieht, meint "die Verfolgung in der Welt":

Der bevorstehende Prozess, die Gefangennahme, die Verurteilung und Hinrichtung (Joh. 15,20;18 ). Weil sie ihn "gehasst haben", verurteilen seine Gegner in einem juristischen  Verfahren Jesus willkürlich zu Tode und werden so "der Sünde schuldig und haben keine Entschuldigung für ihre Sünde" (Joh. 15, 22).

So können wir nun vielleicht die Gedanken des Apostels Johannes aus dem oben zitierten Brief zu Ende führen, indem wir sagen: "So wissen wir nun, was Sünde ist: nämlich Jesus Christus so (sehr) zu hassen, dass dies in seiner Hinrichtung endet. Und - wir sollten davor zurückschrecken, so etwas unseren Brüdern anzutun."

Dies ist natürlich eine provokative Umformulierung der Botschaft vom Kreuz. Den Opfertod Christi als endgültige Manifestation der Liebe zu verstehen ist bequem und vertraut - wenn auch nicht sonderlich bedrohlich, da keiner von uns ernsthaft erwartet, sein eigenes Leben für das seiner Brüder geben zu müssen. Hingegen, Jesu Hinrichtung als die Essenz und Summe des Bösen zu betrachten, zumal sie unsere eigene Strafverfolgung und unser eigenes Rechtssystem in Frage stellt, ist befremdlich und beunruhigend. Denn wie sollen wir unseren (heutigen) Einsatz von Polizei und Rechtssprechung recht-fertigen, wenn sie sich von der  Strafverfolgung Christi vor 2000 Jahren kaum unterscheiden?

In unserem vorgeblich zivilisierteren Zeitalter werden noch immer Undercoveragenten angeheuert, wie bei Judas geschehen. Noch immer schwärmen taktisch agierende Trupps nachts aus, um heimliche Fest-nahmen zu tätigen - so wie die Soldaten in Getsemane es getan haben. Und bei Verhören passiert es immer noch, dass Verdächtige geschlagen werden, um so  Geständnisse zu erpressen, so wie das der Hohepriester getan hat.

Wir alle genießen gelegentlich einen Aufsehen erregenden Prozess - ebenso wie die Menge vor dem Palast des Pilatus, und Richter werden manchmal durch die Meinung der Öffentlichkeit beeinflusst  und befinden trotz eigener Zweifel  Angeklagte für schuldig. In Revisionsprozessen besteht durchaus noch die Tendenz, Gerichtsurteile zu bestätigen, obwohl Verfahrensfehler vorliegen - so wie bei Herodes, der sich  weigerte, Pilatus Urteilsspruch aufzuheben.

Bedauerlicher Weise demütigen und misshandeln auch Wärter gelegentlich ihre Gefangenen - sowie die Soldaten, die Jesus gefangen nahmen; und wir zollen Beifall, wenn im Fall eines besonders abstoßenden Verbrechens das Todesurteil gefällt wird - genauso wie der Pöbel auf Golgatha.

Sollen wir etwa annehmen, Jesus solche Dinge anzutun sei falsch gewesen, in Bezug auf die beiden Diebe "zu seiner Rechten" und "zu seiner Linken" sei das jedoch in Ordnung gewesen (Luk., 23,33)? Oder ist es denkbar, dass unser Vater uns durch das Kreuz lehren möchte, k e i n e m  seiner Kinder sol-che Dinge  anzutun? Christus selber beantwortet solche Fragen direkt und ausdrücklich in den Evangelien: Zu Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit, unmittelbar nach der Versuchung durch den Teufel in der Wüste, ging Jesus in die Synagoge von Nazareth und entwarf dort einen ausführlichen "Strategieplan" für seine Mission ," den Armen die frohe Botschaft, den Gefangenen die Freiheit zu verkünden, den Blinden ihr Augenlicht zurückzugeben, (und) die Misshandelten in die Freiheit zu entlassen" (Luk. 4,18).

Die Formulierung "Freiheit den Gefangenen" bezieht sich offenkundig nicht nur bildlich gesprochen auf die "in der Sünde gefangenen", sondern meint im wörtlichen Sinne die für gewalttägige Übergriffe fest-gesetzten Gefangen: Etwa den Gerasener Besessenen, der "oft an Händen und Füßen angekettet worden war" und dann von Christus aus seinem improvisierten Gefängnis auf dem Friedhof befreit wurde (Markus 5, 4 ; Matth. 8,28) In der Auseinandersetzung mit Verbrechen, die üblicher Weise die Todesstrafe nach sich zogen, wie etwa im Fall der Ehebrecherin, zögerte der Sohn Gottes nicht einzuschreiten und diese vor dem Todesurteil zu  bewahren (Joh. 8,1-11). Vielleicht hat Jesus durch seine Reaktionen auf solche Begebenheiten seine nicht allzu hohe Meinung von  der menschlichen Gerechtigkeit zum Ausdruck ge-bracht; sein Gleichnis über die auf ihrem Recht beharrende Witwe beschreibt einen solch ungerechten Richter": Jesus gab seinen Jüngern den Rat,  (noch) auf dem Weg zum Gericht "ihre Angelegenheiten mit dem Gegner rasch zu regeln", weil zu befürchten stehe, dass die irdischen Richter ("human judges":

Wortspiel) keine Gnade kennen (Lukas 18,6; Matth. 5,25-26).

Im bereits erwähnten Gleichnis von den Schafen und den Böcken droht Christus klar und deutlich  "das den Teufel erwartende ewige Feuer" denen an, die sein Antlitz nicht in den Gesichtern seiner geringsten Brüder im Gefängnis wiedererkennen (wollen) (Matth. 25). In seinem vielleicht deutlichsten Hinweis nennt der Sohn Gottes den Heiligen Geist einen "Verteidiger" ( paralkeitos gr. / advocatus lat.), der für uns gegenüber dem "Kläger" und dem Gegner eintritt (Joha. 14-15).

Unmittelbar vor seinem bevorstehenden Tod, hat Jesus nicht etwa allerletzte Worte der Weisheit an seine Jünger gerichtet oder noch schnell einen letzten Leprakranken geheilt, sondern stattdessen widmete er sich den beiden gemeinen Verbrechern an seiner Seite - um schließlich noch  einen von ihnen zu retten (Luk.23, 30-43).

Diese letzten Akte unseres Herrn geben eine sehr beredte Antwort auf unsere oben aufgeworfenen Fragen, nämlich, ob das Kreuz uns etwas mitteilen will über die Sünde in Allgemeinen und die Recht-sprechung in der Strafjustiz im Speziellen. Der aller erste Mensch, den der Sohn Gottes  mit sich "ins Paradies nahm", war ein verurteilter Dieb (Luk. 23,43). Ein bloßer Zufall? - Und sollte es  k e i n  Zufall gewesen sein, wie reagieren wir konkret auf die Herausforderung, die das Kreuz darstellt, und wie sehen die praktischen Konsequenzen aus?

Stellen wir ehemalige Strafgefangene in unseren Betrieben ein - so wie Christus den Besessenen als seinen Missionar berief "im Gebiet der zehn Städte"(Mark. 5,20)? Wenden wir uns aktiv gegen die Todesstrafe und andere extreme Strafmaßnahmen, etwa gegen festgelegte Mindeststrafen oder Strafen nach dem Motto "keine zweite Chance", und -  halten wir es wie Jesus mit der Ehebrecherin?

Bemühen wir uns, eine Strafgerichtsbarkeit zu reformieren,  die Afroamerikaner sieben Mal so häufig hinter Gitter schickt wie Menschen weißer Hautfarbe, und zwar m Geist des Gottessohnes, der die unge-rechten Richter seiner Zeit anprangerte? Gehören wir schon zu den "Schafen", die Gefangene besuchen, oder stehen wir noch auf der Seite der "Böcke", die das Antlitz des Herrn  in jenen schwierigen, gebro-chenen, wütenden Menschen hinter Gittern nicht erkennen (wollen)? Nähern wir uns auch nur einem dieser Probleme als ein "parakleitos" - ein Verteidiger, oder doch  als ein "satanos"- ein Strafverfolger?

Wenn wir in unserem Gefängnis vor Ort ein Resozialisierungsprogramm anbieten und dann eine Erfolgs-quote von "nur" 50% erzielen - so wie Jesus ja nur einen der beiden Diebe rettete - ist das für uns ein Grund zur Freude oder eher ein zu dürftiger Erfolg angesichts unserer kostbaren Zeit?

Wie erfüllen wir die Osterbotschaft vom verurteilten Christus mit Leben?


Ein Nachtrag des Autors:

Einige Leser meines Artikels könnten zu der Ansicht gelangen, dass meiner Darstellung von Jesus als Gefangenem eigennützige Motive zu Grunde liegen, da ich selbst fast 18 Jahre im Gefängnis verbracht habe. Hier bekenne ich mich schuldig.

Christus ist nicht gekommen, "die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder"; daher glaube ich jedoch, dass er ein besonderes Interesse an gescheiterten Lebensläufen wie dem meinen hat "und in jeder Hinsicht werden musste wie ich", um mich zu erlösen (Mark. 2,17; Hebr. 2,17). Eigennützig beanspruche ich Jesus als meinen älteren Bruder und Heiland.

Ich möchte betonen, dass ich im Sinne einer Wiedergutmachung hart daran arbeite, in den Gesichtern meiner Mitgefangenen - auch derer, die mir schaden - das Antlitz Christi zu erkennen, und dass ich ver-suche, allen Inhaftierten durch Artikel wie diesen und durch meine beiden Bücher THE WAY OF THE PRISONER: BREAKING THE CHAINS OF SELF THROUGH CENTERING PRAYER AND CENTERING PRACTICE (Lantern Books, 2003) und AN EXPENSIVE WAY TO MAKE BAD PEOPLE WORSE (Lantern Books, 2004) zu helfen. Ich habe so gut wie keine Aussicht auf Begnadigung, sodass niemand zu befürchten braucht, ich könnte irgendwelche Vorteile aus meinen Veröffentlichungen ziehen. Für weitergehende Informationen siehe www.jenssoering.de.
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