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Verbrechen um Verbrechen

Originaltitel: "Crime After Crime. An inmate's account of the horror of prison rape".
In: The American Conservative, September 27, 2004

von Jens Söring, Übersetzung: Petra J.


Ich war so erschrocken, dass ich mich heute nicht einmal mehr erinnern kann, was ich geschrien habe. Aber es muss für Flickin-Joe überzeugend genug gewesen sein, um seinen Griff soweit zu lockern, dass ich aus seiner Umarmung schlüpfen und aus der Dusche zurück in meine Zelle flüchten konnte. Irgendwo oben auf der Duschablage ließ ich meine Seife zurück, mein Shampoo, mein Handtuch und meine Würde - nicht aber meine Unschuld.

Flickin-Joe muss mich monatelang belauert haben. Wie die übrigen Inhaftierten und das Wachpersonal war ich davon ausgegangen, dass Männer vor ihm sicher wären. Seine Art mit Sexualität umzugehen war, bei jedem Kontakt mit weiblichen Wächtern zu masturbieren. Daher auch sein Spitzname: Wann immer eine Wächterin in sein Blickfeld kam, begann er, sich durch seine hauchdünnen Shorts zu reiben. Weder das Personal noch die Häftlinge trauten sich, Notiz davon zu nehmen, war er doch der größte, schlimmste und schwärzeste Bodybuilder in unserer Welt. Ich glaubte zu wissen, dass junges weißes Frischfleisch wie ich außerhalb der Schusslinie wäre. Ich hatte mich geirrt.

So wurde dieser Vorfall im Mecklenburg Correctional Center in Boydton (Virginia), Gebäude 4/Trakt B, im Jahr 1991 zu meiner persönlichen Einführung in das, was im Knast Liebe genannt wird.  Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits vier Jahre in England in Haft verbracht und vergeblich gegen eine Auslieferung in die USA gekämpft. Ich kannte das Problem sexueller Gewalt aus dieser Zeit in der englischen Haftanstalt nicht; sogar konsensualer Sex zwischen Männern war selten und wurde missbilligt. Ganz anders in Amerika, wo sowohl freiwilliger wie auch erzwungener Sex üblich sind, wie ich in Flickin’ Joe’s zärtlichen Händen erleben durfte.

Eine unglaubliche Erleichterung schwappte wie eine Welle durch meinen Körper als ich die sichere Zelle erreichte. Zu spüren, wie ein Mann sich gegen meinen Hintern presst, nichts als eine dünne Sporthose zwischen mir und dem Eindringen, gleichzeitig zu wissen, dass er 100 Pfund schwerer ist als ich, dabei zu sehen, dass die Wächterin im Überwachungsraum diskret mit ihrer Zeitung beschäftigt war, zu realisieren, dass keiner der Häftlinge bereit war, mir zu helfen und dann noch seine brummende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Was machste wenn ich dich jetzt in meine Zelle mitschleife?“ -  das war vermutlich die furchtbarste Erfahrung meines gesamten Lebens. Danach war ich erschöpft und spürte eine unglaubliche Erleichterung. Ich hatte es überstanden! Später realisierte ich, dass es nicht vorbei war.  Es war nur der Beginn...

Im „Classification Center“, einer Abteilung zur Beurteilung und Klassifizierung neu aufgenommener Häftlinge, beobachteten ich und etwa ein Dutzend anderer Gefangener die Vergewaltigung eines jungen Mannes. Er wurde von seinem Zellengenossen mit dem Unterschenkel zu Boden gedrückt und dann gezwungen, durch das zerbrochene Fenster zum Gang hin einen der anderen Gefangenen oral zu befriedigen.

Es schmerzt mich, zugeben zu müssen, dass ich wie all die anderen applaudierte; das passierte wohl schlichtweg aus der unglaublichen Erleichterung heraus, nicht selbst missbraucht zu werden.

Als das Opfer den Vorfall meldete, wurde es „zu seiner eigenen Sicherheit“ in die Segregationsabteilung verlegt, während der Aggressor in seiner Zelle verblieb. Niemand traute sich, gegenüber der uninteressierten zuständigen Behörde auszusagen. Verräter werden geschlagen, vergewaltigt und mitunter ermordet. Der Täter wurde niemals zur Rechenschaft gezogen. Sein Opfer hingegen sah einem Aufenthalt in der Segregationsabteilung entgegen.

Das Wissen darüber hielt mich davon ab, den Angriff von Flickin’ Joe zu melden; auch nicht dem Gefängnispsychologen, der üblicherweise nur Beruhigungsmittel verschreibt und Mitteilungen an das Wachpersonal verfasst. Wenn ich Zuflucht bei Mitgefangenen gesucht hätte, wäre das als Zeichen von Schwäche und auch als Zeichen dessen interpretiert worden, dass ich einen „Prison Daddy“ gut gebrauchen könnte – eine langfristige Beziehung mit einem meiner Mitgefangenen. Meiner Familie davon zu erzählen kam gar nicht in Betracht, ihr hilfloses Leid wäre nur größer geworden und hätte nichts verändert. Ich hielt also meinen Mund und begann, Gewichte zu stemmen.

Rückblickend kann ich nur sagen, dass ich verdammtes Glück hatte, nicht wie anderes „Frischfleisch“ vergewaltigt zu werden. Wenn es ihm damals gelungen wäre, wäre ich heute vielleicht nicht mehr am Leben. Flickin’ Joe starb an AIDS. Wie gesagt, soviel zu Kabarettisten und ihren Witzen über Seifen in den Duschen der Gefängnisse.

Vergewaltigungen sind in amerikanischen Gefängnissen üblich und kein isoliertes tragisches Phänomen. Zwischen 250 000 und 600 000 der insgesamt 2,1 Millionen Inhaftierten in den USA sind laut Mark Early, dem früheren republikanischen Generalstaatsanwalt Virginias, pro Jahr von sexueller Gewalt betroffen. Schätzungen von Human Right Watch und universitären Forschungsinstituten bestätigen, dass jeder vierte Gefangene sexuelle Übergriffe erleben muss; jeder 10. wird vergewaltigt.

Um einen Bezugspunkt herzustellen: Das FBI und das Amt für Kriminalstatistik verzeichneten im Jahr 1999 eine Zahl von 89.000 bis 141.000 weiblicher Vergewaltigungsopfer -  weniger als die Hälfte der Vergewaltigungen in Gefängnissen. Die überwältigende Mehrheit männlicher Opfer sind Kriminelle.    

 "Die einzigen Leute, die das überhaupt interessiert, sind die Angehörigen [der inhaftierten Opfer] und die sind zumeist arm und ungebildet" betonte Cal Skinner Jr., ein republikanischer Politiker aus Illinois. Er machte er sein Engagement für Präventionsmaßnahmen gegen sexuelle Gewalt in Gefängnissen für seine Wahlniederlage im Jahr 2000 verantwortlich.

Warum sollte man mehr Interesse zeigen als Skinner’s Wähler das taten? Während die HIV-Infektionsrate der Durchschnittsbevölkerung bei 0,3% liegt wurde eine Durchseuchungsrate von 2,2% in bundesstaatlichen bzw. 0,8% in staatlichen Gefängnissen ermittelt.  Das Department of Correctional Services in New York, die einzige Abteilung die Gefangene systematisch testet, berichtet von einer HIV-Infektionsrate von 8,5%. Die Behandlungskosten liegen pro Infiziertem bei 8.000 bis 12.000 $ pro Jahr – der durch Vergewaltigung bedingte finanzielle Aufwand ist enorm. Diese unangenehme Nachricht betrifft jeden Amerikaner persönlich: Pro Jahr werden von den 2,1 Millionen Gefangenen 625.000 entlassen. Viele von ihnen HIV positiv, ohne es zu wissen.

Es gibt noch mehr Unangenehmes zu berichten. Ich weiß nicht, ob es dazu wissenschaftliche Untersuchungen gibt, aber unterschiedlichste Gespräche über den Zeitraum von 18 Jahren überzeugten mich von einem unmittelbaren Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und der beschämend hohen Rückfallsrate von 67,5% im Bereich der Kriminalität.

Das beste Beispiel ist Piss-off-Pete, einer meiner Bekannten hier im Gefängnis. Als naiver Zwanzigjähriger wurde er 1982 von zwei älteren Häftlingen vergewaltigt. Er begann, massiv zu kiffen und bewies seine Männlichkeit bei jeder Gelegenheit die sich bot. 1993 wurde er entlassen und arbeitete ganztags. In den Jahren davor hatte er gelernt, seine Probleme mit Cannabis und Faustschlägen zu lösen – ein Verhalten, das sich nur sehr schwer verändern lässt. 1995 landete er wegen einer „dreckigen UK“, einer Urinkontrolle, die seinen Drogenkonsum bestätigte, wieder hier bei uns. Dass einer seiner Vergewaltiger von 1982 hier im selben Gefängnis sitzt und bald entlassen wird, ist schon ein eigenartiger Gedanke. Pete hingegen wird für seine dreckige UK noch viele Jahre absitzen.

Wenn er dann irgendwann entlassen wird, kehrt er in eine Familie zurück, die so vielen anderen gleicht. Viele Straffällige – und damit viele Vergewaltigungsopfer – sind keine Schwerverbrecher. Derzeit sind 25% „nur“ wegen Drogendelikten inhaftiert, 11% sitzen Haftstrafen wegen Delikten wie Alkohol am Steuer ab. Es begegnen mir hier Studenten, Makler,  Selbstständige, Flugzeugingenieure und Prediger, um nur ein paar Berufsgruppen zu nennen. Sie sind die idealen Opfer.

Henry, einer meiner Mitgefangenen, betrieb früher ein Pilates-Studio. Dieser 50jährige Gentleman verweigerte es, zurück in seine Zelle zu gehen, als er von seinem Zellengenossen vor die Wahl gestellt wurde, entweder was zu Rauchen zu besorgen oder seinen Hintern zur Verfügung zu stellen. Er entschied, sich zu wehren und wurde in den Strafblock verlegt. In seinem Fall hieß das einige Monate mehr Knast unter verschärften Bedingungen. Als er in die offene Abteilung verlegt wurde, konnte er froh sein, als Verräter nur verbal angegriffen zu werden. In einem Gefängnis höherer Sicherheitsstufe hätte das ganz anders ausgesehen.

Henry war noch gut dran; sein Vergehen war, eine Anweisung nicht zu befolgen.  Häftlinge, die als Opfer sexueller Übergriffe im Strafblock landen, werden üblicherweise erst wieder entlassen, wenn sie schriftlich bestätigen, dass der Übergriff nie stattgefunden hat. Nach ein oder zwei Monaten in der Segregation beginnt dieser teuflische Handel besonders für „frische Fische“ attraktiv zu erscheinen. Allerdings bestätigt die Unterschrift auch, gelogen zu haben, was oft zu weiteren disziplinarischen Maßnahmen führt.

Meist sind die Vergewaltigungsopfer nicht Weiße mittleren Alters wie Henry, sondern jüngere Schwarze, die größere Gruppe hinter Gittern. In jedem Hof in amerikanischen Gefängnissen gibt es eine "Schwesternschaft", einen „Mädchenchor“ junger feminisierter Schwarzer, die Rouge und Lippenstift auflegen, Täschchen tragen und sich Jazz, Kiki, oder Ophelia nennen. Sie wurden von älteren stärkeren Häftlingen „umgedreht“ und durch jahrelange sexuelle Gewalt gebrochen. Etwa vor einem Monat versuchte sich einer dieser armen Männer mit einer Rasierklinge zu kastrieren. Als es ihm nicht gelang, schrieb er mit seinem Blut „Ich bin eine Frau“ an die Zellenwand. Er wurde wegen des Vergehens Nr. 234 – Selbstverstümmelung – ordnungsgemäß bestraft.

Wahr ist auch, dass Weiße eher angegriffen werden als Schwarze oder Hispanoamerikaner. Human Rights Watch berichtete, dass „weiße Häftlinge unverhältnismäßig oft Ziel von Missbrauch sind… Sexuelle Übergriffe über Rassen oder Volksgruppen hinweg könnten – mit Ausnahme weißer Opfer - zu ethnischen Unruhen führen, da sich die Gruppe des Opfers an der Gruppe des Täters rächen würde.“ Mit anderen Worten: Es gibt einfach zu wenige weiße Insassen, um einen gegenseitigen Beistand sicher zu stellen. In vielen Staaten im Westen der USA gibt es weiße Gangs in Gefängnissen wie beispielsweise die „Aryan Nations“, die „Arische Nation“. Ob sie die Zahl der sexuellen Übergriffe vermindern können, ist fraglich. Glaubt man einem meiner Bekannten, der behauptet Mitglied einer solchen Organisation zu sein, gehören häufige „Freundschaftsdienste“ zum Aufnahmeritus – ein Euphemismus für Fellatio.

Meiner Erfahrung nach liegt der Grund für Vergewaltigungen weniger an der Rasse, sondern an offensichtlicher Schwäche des Opfers. Schwarze Häftlinge betrachten Weiße zumeist als wehrlos, dementsprechend oft kommt es zu Übergriffen. Und Junge, Alte oder psychisch Kranke sind leichte Beute für Wölfe aller Rassen.

Von den 14.500 Jugendlichen, die jedes Jahr im Erwachsenenstrafvollzug landen, werden praktisch alle zu „Punks“, zu Sexsklaven. Einer der Jugendlichen, den ich nie vergessen werde, nahm den Namen Baby-Doll an und verlangte 1,09 $ pro Oralverkehr, dem Preis für eine Packung Zigaretten und zwei Tetrapacks Eistee.

Die meisten der 400.000 psychisch kranken Häftlinge der USA sind in normalen Gefängnissen untergebracht; viele von ihnen verdienen mit Oralverkehr auf den Toiletten der Gefängnishöfe ihr Zigarettengeld. Diese Toiletten werden hier in meinem Gefängnis „Liebesbuden“ genannt. Häftlinge, die mit allem handeln, beschaffen für den netten kleinen postkoitalen Trip die aufgesparten Psychopharmaka der psychisch Kranken.

Darauf angesprochen würden die Männer in der Liebesbude wohl abstreiten, ausgenützt zu werden und jeden Versuch zur Abschaffung dieser Verdienstmöglichkeit ziemlich übel nehmen. Das verweist auf einen der großen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit Vergewaltigungen: Die Kultur des Verleugnens unter den Häftlingen selbst.

Laut des Department of Corrections in Virginia werden bei 31.000 Inhaftierten nur ein Dutzend Vergewaltigungen pro Jahr angezeigt. Bundesweite Statistiken lassen bei dieser Anzahl von Inhaftierten jedoch auf etwa 6.200 sexuelle Übergriffe schließen; diese Zahl beinhaltet auch die 3.100 vollzogenen Vergewaltigungen.

Warum kommt es zu dieser Divergenz? Wegen der Realität des Gefängnisalltages: Vergewaltigungen stellen einen integralen Bestandteil der Gefängniskultur dar und werden deshalb weder von den Häftlingen selbst noch vom Wachpersonal als falsch angesehen. Als letztens ein offensichtlich zurückgebliebener junger Weißer ankam, witzelten sowohl alteingesessene Gefangene als auch Wächter über eine Wette, wer ihn - oder besser „sie“ - wohl für sich beanspruchen würde; es klang als wäre er bereits jemandem zugeteilt. Ein schwarzer Langzeithäftling übernahm die Initiative und verbrachte Stunden mit seinem zukünftigen Punk. Zur allgemeinen Überraschung machte aber der weiße große Häftling Country das Rennen um „Mrs. Country“, wie seine neue Frau nun genannt wird. Kein anderer versuchte den „frischen Fisch“ zu schützen, da dies zu einem Konflikt mit Country geführt hätte. Wenn ich beispielsweise für die Verlegung des jungen Mannes in meine Zelle gesorgt hätte, wäre jeder davon ausgegangen, dass er mein Sexsklave wäre - den ich als meinen „Besitz“ verteidigen wollte.

Das Wachpersonal fügt eine Art des Verleugnens hinzu. Ein früherer Gefängnisdirektor aus Oklahoma meinte zum Thema, dass die Problematik der Vergewaltigungen im Gefängnis durch eine beabsichtigte Gleichgültigkeit vieler Beamter verschärft wird. Oft würden diese Beamten diesen unsäglichen Vorgängen absichtlich den Rücken zukehren, um den „Frieden“ zu erhalten. Im Fall "Ruiz gegen Estelle", einer Sammelklage gegen die Verhältnisse in texanischen Gefängnissen, befand Richter William Wayne, dass „Vergewaltigungen, Schläge und Sklaverei die Instrumente der Macht“ hinter Gittern sind. Um die Zusammenarbeit mit den führenden Häftlingen zu gewinnen, „verweigern Gefängnisbeamte den Schwächeren absichtlich Hilfestellungen. Schutzsuchenden Häftlingen wird entweder nicht geglaubt oder sie werden nicht beachtet; mitunter wird die Unterstützung mit dem Hinweis auf fehlende Beweise für die Anschuldigungen abgelehnt.“

Vor einigen Jahren beobachtete ich in einem anderen Gefängnis ein ungeheuerliches Beispiel für diese Vorgänge. Im Tausch gegen die Verlegung eines Punks mit dem Namen Crowbar in seine Zelle gab der „Boss“ meines Traktes dem zuständigen Beamten eine Stange Marlboro. Normalerweise wäre diese Form der Bestechung gar nicht notwendig gewesen. Crowbar hatte jedoch absichtlich eine Regel gebrochen, um in den Strafblock verlegt zu werden und dem „Boss“ damit zu entgehen. Um Crowbar zu bekommen, benötigte es ein bisschen etwas extra.

Wie in fast allen Situationen dieser Art gab es in den Akten des Departments keinen Hinweis auf Vergewaltigung. Wenn ein Mann einen anderen schlägt, um ihn zu unterwerfen und Sex zu erzwingen, wird er zumeist nur wegen Regel Nr. 218 - Kampf mit einer Person – zur Rechenschaft gezogen; ein unwesentlicher Regelverstoß, der in nur wenigen Minuten bearbeitet werden kann. Jemanden wegen Regel 106b, des sexuellen Übergriffes, zu belangen, würde für den Wärter wesentlich mehr Schreibarbeit sowie die Teilnahme an der anschließenden disziplinarischen Anhörung bedeuten. Als Folge davon wurde in meinem Gefängnis jahrelang kein einziger Vergewaltigungsfall offiziell registriert, während ich in den letzten Monaten von etwa einem Dutzend Fälle weis.

Einen Lichtstreif am Horizont stellt eine Verordnung zur Reduzierung der Vergewaltigungen in Haftanstalten dar, die am 4. September 2003 verabschiedet wurde. Die Verordnung weist die Staaten an, zuverlässige Statistiken zu führen, unterstützt die Entwicklung geeigneter Präventionsstrategien und schafft eine Plattform für jährliche Anhörungen. Diese Maßnahmen erfassen die Existenz dieses tragischen Phänomens. Ich wage aber zu bezweifeln, dass sie den Verhaltenskodex des Schweigens aufbrechen können, der so lange für das Verbergen des Problemfeldes gesorgt hat.

Im Bereich der Administration gibt es einige Gefängnisse, die bundesweit als Reformmodelle dienen könnten. Bereits seit 1975 bringt San Francisco schwach oder feminin wirkende Gefangene in gesonderten Abteilungen unter, und das Department of Corrections in Kalifornien unternimmt zumindest minimale Anstrengungen, neue Häftlinge in den ersten sechzig Tagen zu schützen. Die Strategie, sie in Zellen mit Gefangenen derselben Rasse unterzubringen, wird derzeit vom obersten Gerichtshof der USA beobachtet.

Mehr Hoffnung für die Prävention von sexueller Gewalt sehe ich in der Anstrengung von Prozessen durch Familien der Betroffenen. Die Mutter eines Verurteilten, er sich in Lake County in Illinois suizidierte, erhielt kürzlich bei einem Prozess gegen die medizinische Abteilung des Departments und das Gefängnis 1,75 Millionen Dollar Schadenersatz, da ihrem psychisch kranken Sohn angemessene Vorsorgemaßnahmen verweigert wurden. In diesem Fall gab es keinen Hinweis auf  Vergewaltigung. Allerdings könnte bei Suiziden, in denen eine vergleichbare Ignoranz im Bereich des Schutzes wehrloser Häftlinge eine Rolle spielt, ähnlich argumentiert werden; vor allem, wenn eine Vergewaltigung aktenkundig ist. Ein paar sechsstellige Summen würden ganz sicher die Aufmerksamkeit der Departments of Corrections erregen.

Zu guter Letzt müssten auch Gefängnisdirektoren und Wächter eine wirkliche Motivation haben, um die Kultur des Schweigens zu beenden, die Flickin’ Joe und seine Freunde schützt. Die Wächterin im Mecklenburg Correctional Center bemerkte beispielsweise ganz sicher, dass Joe nach mir griff, als ich aus der Dusche kam. Sie sah trotzdem keinen Grund, von ihrer Zeitung aufzublicken. Wenn ihr Job davon abhängen würde, Millionen Dollar an Schadenersatzzahlungen zu verhindern, hätte sie mir unverzüglich geholfen – und mir wäre Flickin’ Joe’s liebevolle Umarmung erspart geblieben.
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