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Das "German Monster" will die Freiheit

(von Christiane Heil, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Juni 2012, Link)


Am Dienstag wird Jens Söring abermals vor einem amerikanischen Gericht stehen. Seit 1990 verbüßt er eine Haftstrafe, weil er die Eltern seiner damaligen Freundin getötet haben soll.

Wenn Jens Sörings Fall am Dienstag ein weiteres Mal vor einem amerikanischen Gericht verhandelt wird, geht es zumindest vordergründig nicht um die Schuld oder Unschuld des wegen Doppelmordes verurteilten Deutschen. Der Diplomatensohn kämpft nach 22 Jahren in den Gefängnissen des Bundesstaates Virginia vielmehr um die Rückkehr nach Deutschland, die im Januar 2010 zum Greifen nah schien. Damals hatte Virginias scheidender Gouverneur Timothy Kaine einem Transfer des Fünfundvierzigjährigen aus dem Buckingham Correctional Center in ein deutsches Gefängnis unerwartet zugestimmt, bevor sein Nachfolger Robert McDonnell die Entscheidung wenige Tage nach Amtsantritt ebenso überraschend revidierte. „Virginias Justizminister sowie die Staatsanwaltschaft und der Sheriff des Bezirks Bedford sind sich einig darin, dass der Bundesstaat die Haftüberstellung verwehren sollte“, schrieb McDonnell dem amerikanischen Justizminister Eric Holder nach Washington, bevor er Virginias Zustimmung zurücknahm. Obwohl nach Sörings Einspruch nun vor dem Bezirksgericht in Richmond über juristische Feinheiten zu den Befugnissen des Gouverneurs und die gesetzlichen Voraussetzungen einer Haftüberstellung gestritten wird, schwingt auch die Erinnerung an die „Haysom-Morde“ mit.

Nach einem Sensationsprozess mit erschütternden Tatortfotos und bizarr anmutenden Auftritten des Angeklagten war Söring im Juni 1990 wegen des Mordes an Derek und Nancy Haysom, den Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom, zu zweimal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. An den Worten „Ich bin unschuldig“, die der Dreiundzwanzigjährige mit den dicken Brillengläsern und dem zu großen Anzug nach dem Schuldspruch raunte, hält Söring jedoch bis heute fest.

Flucht nach London

„Da sich viele Gerichte schon vor dem Prozess eine Meinung bilden, müssen wir die Richterin wohl irgendwie einwickeln“, sagt sein amerikanischer Anwalt Steven Rosenfield, der den ehemaligen Studenten der Universität von Virginia bei der Klage gegen Gouverneur McDonnell vertritt. Der Jurist mit dem Ruf, selbst scheinbar hoffnungslose Fälle zu gewinnen, kämpft für Söring gegen Windmühlenflügel. „Er ist einer der bemerkenswertesten Menschen, der mir in meinem Leben begegnet ist. Schon dass Jens in dem kranken Gefängnissystem seine geistige Gesundheit bewahren konnte, spricht für ihn“, sagt Rosenfield.

Noch nach 27 Jahren gelten die „Haysom murders“ in der Gemeinde Boonsboro als eines der grausamsten Verbrechen in der Geschichte Virginias. Die Bewohner des ländlichen Bedford County verbarrikadierten sich aus Angst vor einem vermeintlichen Serientäter in ihren Häusern, nachdem eine Freundin der Familie Anfang April 1985 die mit Messerstichen übersäten Leichname des wohlhabenden Südafrikaners Haysom und seiner Frau Nancy entdeckt hatte. Die Kehlen des 72 Jahre alten Stahlmanagers und der 53 Jahre alten Malerin waren von Ohr zu Ohr durchtrennt.

Gerüchte über einen satanischen Kult machten die Runde, während Sheriff Ricky Gardner und seine Kollegen die sechs erwachsenen Kinder der Toten befragten. Da die Ermittler am Haus der Haysoms keine Einbruchspuren fanden und Nancy Haysoms Schmuck unberührt geblieben war, vermutete Gardner den Täter bald unter Freunden oder Angehörigen des beliebten Paars. Als die Polizei nach dem Fund eines blutigen Sockenabdrucks im Wohnzimmer auch Söring, Elizabeth Haysoms Freund und Mitstudenten, um eine Blutprobe sowie Finger- und Fußabdrücke bat, flohen die beiden Stipendiaten der Universität von Virginia im Oktober 1985 nach London. Ihre Festnahme folgte Ende April 1986, nachdem sie bei Einkäufen mit gefälschten Schecks ertappt worden waren. In der Wohnung der beiden fanden die britischen Ermittler neben falschen Pässen auch Briefe und Tagebücher, die bei den Beamten einen Verdacht aufkeimen ließen. „Am 29. Mai rief mich der Kriminalbeamte Terry Wright aus England an. Er fragte, ob Elizabeth Haysoms Eltern verstorben seien und ob man sie ermordet habe. Als ich beides bestätigte, ließ er mich wissen, dass die zwei mutmaßlichen Mörder in einem englischen Gefängnis säßen“, erinnert sich Sheriff Gardner.

Ermittlungen stützten sich auf einen Sockenabdruck

Mit Wrights Anruf begann für Söring eine juristische Odyssee, die in den Vereinigten Staaten wahlweise als gerechte Strafe für das „German Monster“ oder als mutwillige Verschwendung amerikanischer Steuergelder interpretiert wird. Der Fünfundvierzigjährige sieht sich vor allem als Opfer eines Justizirrtums. „Ich bin nicht schuldig. Aber ich weiß, dass Virginia das nie zugeben kann und wird. Also kämpfe ich für meine Freiheit, sozusagen als Trostpreis“, schrieb er vor drei Wochen aus dem Buckingham Correctional Center in Dillwyn. Nach der Festnahme in London hatte Söring gleich drei Mal gestanden, die Haysoms erstochen zu haben. Das Ehepaar soll die Beziehung zwischen dem unscheinbaren Einzelgänger und seiner hochbegabten, aber psychisch angeschlagenen Tochter Elizabeth abgelehnt haben.

Um jeden Verdacht von sich abzulenken, hatten Haysom und Söring für das Tatwochenende ein Auto gemietet und waren in ein Hotel nach Washington gefahren. Wie der damals Achtzehnjährige den Ermittlern später erzählte, versuchte Elizabeth Haysom ihnen à la Bonnie und Clyde mit Kinokarten ein Alibi zu verschaffen, während Söring am Samstag in das etwa 300 Kilometer entfernte Boonsboro zurückfuhr. „Er erzählte, dass er nach dem Mord an den Haysoms das Haus verließ und einige Beweisstücke in einen Müllcontainer warf. Als er sah, dass er sich bei dem Kampf mit den Haysoms in die Hand geschnitten hatte, fuhr er zurück in das Haus, um einen Verband zu holen“, berichtet Sheriff Gardner. Da DNA-Analysen erst einige Jahre später für die Kriminalistik entdeckt wurden, stützten sich die Ermittlungen damals vor allem auf die Größe und die Umrisse des blutigen Sockenabdrucks, den Söring bei der Rückkehr an die Holcomb Rock Road angeblich hinterlassen hatte.

Während die Kanadierin Haysom der Auslieferung nach Virginia zustimmte und in Bedford County wegen Beihilfe zum Mord zu 90 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, wehrte Söring sich jahrelang gegen die Rückkehr nach Amerika. Nach einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde er im Jahr 1990 jedoch nach Virginia zurückgeschickt, als die Justizbehörden des Bundesstaates zusicherten, in der Causa Söring auf die Todesstrafe zu verzichten.

„Ich habe nicht den Eindruck, fair angehört zu werden“

Der Prozess in Bedford County wurde dennoch zu einem Spektakel. Söring widerrief seine früheren Geständnisse und bezichtigte nun Haysom, nach Boonsboro zurückgefahren zu sein, um ihre Eltern zu töten. Er habe seiner Freundin den elektrischen Stuhl ersparen wollen und sich darauf verlassen, angesichts des Diplomatenstatus seines Vaters Klaus Söring mit einigen Jahren Jugendstrafe davonzukommen. „Wenn ich Elizabeth verraten hätte, wäre ich selbst zum Mörder geworden. So denken Deutsche“, verkündete der ehemalige Student dem staunenden Publikum im Gerichtssaal. „Er wirkte eingebildet und arrogant“, erinnert sich Polizeichef Gardner, den Söring und Haysom in Briefen als „Hinterwäldler“ verspottet hatten. „Während des Prozesses habe ich aus Angst und Panik manchmal gelächelt. Aber wenn man des Mordes angeklagt ist, wird einem so ein ängstliches Lächeln als Kaltblütigkeit und Hochnäsigkeit ausgelegt“, resümiert Söring jetzt nach 22 Jahren.

Unmittelbar nach dem Schuldspruch der zwölf Geschworenen habe er überlegt, sich mit einer Plastiktüte und einem Schnürsenkel das Leben zu nehmen. Wie Sörings Bücher mit Titeln wie „Nicht schuldig“ und „Ein Tag im Leben des 179212“ zeigen, schwankt sein Gemütszustand nach 26 Jahren hinter Gittern zwischen Wut und dem Bedürfnis, seine Unschuld zu beweisen. In Blogposts, die Anna Utzerath, Bernadette Faber und andere Mitglieder seines deutschen Freundeskreises anhand von Sörings handschriftlichen Notizen ins Internet stellen, diskutiert der ehemalige Jefferson-Stipendiat seit Jahren über angebliche Ungereimtheiten der Ermittlungen, die Beziehung des Richters William Sweeney zur Familie Haysom und die Größe des vermeintlich verräterischen Sockenabdrucks.

Ende 2009 kam nach mehr als zwei Jahrzehnten neue Bewegung in den Fall, als die Forensiker Söring keine der im Haus der Haysoms gefundenen 42 DNA-Proben zuordnen konnten. Zudem berichtete der Automechaniker Tony Buchanan wenige Monate später, für Elizabeth Haysom nach der Ermordung ihrer Eltern einen Wagen mit Blutflecken und einem Messer in der Mittelkonsole repariert zu haben. Wie Buchanan sagte, ist der junge Mann, mit dem die Studentin damals in der Lynchburger Werkstatt erschien, nicht Söring gewesen. Dennoch lehnte die Bewährungskommission von Virginia im August 2010 auch den sechsten Antrag des ehemaligen Studenten auf vorzeitige Entlassung ab. „Ich habe nicht den Eindruck, fair angehört zu werden“, klagte Söring anschließend in der Zeitung „Roanoke Times“.

Die Senatswahlen haben den Fall zum Politikum werden lassen

Ähnlich vernichtend war auch der Brief seiner früheren Geliebten an die Nachrichtenagentur Associated Press, in der Elizabeth Haysom ihn 25 Jahre nach den Morden abermals belastete. „Ich habe ihn in ein fürchterliches Verbrechen verwickelt. Dennoch sind wir beide zu gleichen Teilen für die Ermordung meiner Eltern verantwortlich. Daher verdienen wir auch beide, eingesperrt zu bleiben“, schrieb die Achtundvierzigjährige aus dem Frauengefängnis Fluvanna. Söring wertet Haysoms Statement dagegen als reine Schutzbehauptung. „Sie hofft auf eine Entlassung auf Bewährung. Aber ,parole’ bekommt sie nur, wenn man ihr glaubt, dass sie nicht am Tatort war, dass sie die Morde nicht selbst begangen hat“, sagt er. Nur mit ihm als Täter sei Elizabeths vorzeitige Entlassung und eine anschließende Abschiebung nach Kanada möglich.

Der „Freudeskreis Jens Söring“ setzt derweil weiter auf die Haftüberstellung nach Deutschland. Im Februar arrangierte die Gruppe ein Treffen mit Christoph Strässer, dem Sprecher der Arbeitsgruppe Menschenrechte und humanitäre Hilfe der SPD-Bundestagsfraktion. Ein Jahr zuvor war Söring im Gefängnis in Virginia schon von Markus Löning, dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, besucht worden. „Öffentlich können wir wenig tun, aber im Hintergrund tun wir alles, was wir können“, sagte der FDP-Politiker bei der Rückkehr aus Amerika.

Die Senatswahlen im November haben den Fall Söring in Virginia inzwischen zu einem Politikum werden lassen. Nachdem der republikanische Bewerber George Allen seinem Konkurrenten Kaine, dem ehemaligen Gouverneur, die Zustimmung zu Sörings Haftüberstellung vorgeworfen hatte, steckte der Demokrat zurück und schalt den Häftling einen unangenehmen Menschen. Sörings Anwalt Rosenfield hegt für die Anhörung am Dienstag dennoch eine leise Hoffnung. „Die Regeln einer Haftüberstellung sind noch nie in Frage gestellt worden. Wir betreten also juristisches Neuland, das für Jens zumindest ein Chance birgt.“
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