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Der Deutsche Jens Söring sitzt seit 25 Jahren im Gefängnis – und ist wahrscheinlich unschuldig


(Markus Schünemann, Märkische Allgemeine, 29. April 2011, Link)


POTSDAM/Dillwyn -  „Ich bin unschuldig!“ Diesen Satz hat Jens Söring schon ungezählte Male gesagt. So wie viele Häftlinge. Es gibt eine Szene in dem Spielfilm „Die Verurteilten“, in der der Held genau diesen Satz sagt. Und er stimmt. Doch alle um ihn herum, seine Mitinsassen, sagen ebenfalls, sie seien es nicht gewesen, und sie lachen. Sie glauben ihm nicht. So wie der Staat Virginia Jens Söring nicht glaubt. Nur ist sein Leben kein Film. Und es ist kein Leben. Es ist, wie er selbst sagt, nur Existenz.

Morgen wird ein besonderer Tag sein: Seit 25 Jahren ist Söring dann ein Gefangener. 19 Jahre alt war er, als er inhaftiert wurde, heute ist er 44 und oft nur eine Nummer. Im Buckingham Correctional Center, einem US-Gefängnis in Dillwyn im Bundesstaat Virginia, ist Söring der Häftling 179 212. Und so wie es aussieht, wird sich das nicht ändern. Hoffnungen? Ja, die gab es. Zerstoben sind sie, wieder einmal.

Zwei Menschen sind tot, ermordet im März des Jahres 1985, und Jens Söring soll das Messer geführt, immer wieder auf den Mann und die Frau eingestochen haben, bis kein Leben mehr in ihnen war. Es ist eine Tat, die Amerika schockiert. Derek und Nancy Haysom waren ein angesehenes Industriellenpaar. Sie waren aber auch die Eltern von Elizabeth Haysom. Und Elizabeth Haysom ist damals die Freundin von Jens Söring.

Das Paar lernt sich an der University of Virginia kennen. Der westdeutsche Diplomatensohn ist Stipendiat, 18 Jahre alt. Er verliebt sich in die ein Jahr ältere Elizabeth. Die junge Frau hat Probleme mit ihren Eltern, sie nimmt Drogen, ein Missbrauchsvorwurf steht nach den Morden im Raum. Jens Söring und Elizabeth Haysom gelten schnell als Tatverdächtige. Sie fliehen. Im April 1986 werden sie in London festgenommen.

In diesen Stunden entscheidet sich Sörings Schicksal. Er glaubt, die diplomatische Immunität seines Vaters schütze ihn vor Strafverfolgung und gesteht. Um Elizabeth zu schützen, sagt er. „Ein schrecklicher Fehler.“ Auch seine Freundin gesteht, widerruft aber später. Im Prozess wird sie als Kronzeugin gegen ihn auftreten.

Der Staat Virginia will Söring sterben sehen, ein jahrelanges juristisches Tauziehen beginnt. Großbritannien liefert Söring schließlich aus, die Amerikaner sichern zu, ihn im Falle des Schuldspruches nicht hinzurichten. Nun schwenkt er um, beschuldigt Elizabeth der Taten.

Zweimal lebenslang lautet sein Urteil. Die Fernsehsender übertragen live aus dem Gericht. Sie zeigen einen blassen Jüngling, dessen kindliches Gesicht von einer riesigen Brille beherrscht wird. Ein Streber mit angeblich psychotischen Zügen. Viel älter sieht Söring heute nicht aus. Die Brille ist eine andere, ein moderneres Gestell. Braungebrannt ist er inzwischen, Söring joggt im Gefängnishof, er stemmt Gewichte.

Ein Doppelmord aus Liebe war es, so meint die Staatsanwaltschaft. Elizabeth Haysom, die ihn zur Tat angestiftet haben soll, erhält eine Haftstrafe von 90 Jahren. Ihre Gnadengesuche werden abgelehnt. So ist es auch bei Jens Söring.

„Ich habe nicht mehr viel Zeit“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. „Aufholen geht nicht. Happy End auch nicht.“ Aufgeben aber will er nicht. Und er ist nicht allein. Der „Freundeskreis Jens Söring“ will über seinen Fall aufklären. Die frühere stellvertretende Generalstaatsanwältin von Virginia, Gail Marshall, sagte schon vor Jahren in einem Interview, in ihrer Laufbahn sei sie nur zwei Mal von der Unschuld eines Verurteilten überzeugt gewesen. „Einer ist Jens Söring.“

Keine Augenzeugen, keine Fingerabdrücke, und von Söring werden auch keine DNS-Spuren am Tatort gefunden. Das Virginia Department of Forensic Sciences hat mehr als 530 000 Polizeiakten der Jahre 1973 bis 1988 auf biologische Proben untersucht, die DNS-Tests unterzogen werden könnten. In 68 Fällen stimmte die in den Akten gefundene DNS nicht mit der des Verurteilten überein. Einer davon ist der Fall Jens Söring. Seine Akte enthält 42 Blutspuren, keine kann ihm zugeordnet werden. Das erfährt Söring erst im Herbst 2009. „Niemand hat 42 Mal Glück in Folge“, sagt er.

Es sind aber nicht nur die DNS-Spuren, die die Verurteilung fragwürdig erscheinen lassen. Alle vier Hauptbeweise sind heute entkräftet: Sein Geständnis enthielt sieben grobe Fehler, darunter falsche Aussagen zur Kleidung der Opfer, zur Position eines der Ermordeten, zur Art des Messers, das nie gefunden wurde. Eidesstattliche Erklärungen von Experten bezeichnen einen vermeintlichen Sockenabdruck Sörings am Tatort als „wertlos“. Ein Turnschuhabdruck ist zu klein.

Die Beweise und Indizien gegen Elizabeth Haysom wiegen ungleich schwerer: Blut ihrer Blutgruppe und ihre Fingerabdrücke werden am Tatort gefunden, der Sockenabdruck ähnelt dem ihren, der Turnschuhabdruck hat ihre Größe, sie legt fünf verschiedene Alibis vor. Und nicht zuletzt hat sie – anders als Söring, der die Eltern nur ein Mal traf – ein Motiv: Offenbar wurde Elizabeth Haysom von ihrer Mutter Nancy missbraucht. Und ihr Vater Derek wusste es. Das sagen Elizabeth Haysom und die beste Freundin der Mutter aus, ein psychiatrisches Gutachten bestätigt die Angaben.

Die Psychiater diagnostizieren bei Elizabeth Haysom eine Borderline-Schizophrenie, die heute in Verbindung mit sexuellem Missbrauch gebracht wird, und bezeichnen sie als pathologische Lügnerin. Belastende Fotos, die einen Missbrauchsverdacht untermauern könnten, und das Gutachten werden vom Richter jedoch unter Verschluss gehalten. Später wird bekannt, dass der Richter ein Freund der Familie der Opfer war.

Elizabeth Haysom sagt aus, sie habe am Wochenende der Morde Drogen genommen, auch Heroin. Sörings Theorie, dass ihr Drogendealer ihr Mittäter war, verfolgen die Ermittler nicht. Dabei berichtet der Besitzer einer Autowerkstatt, Elizabeth Haysom und ein Mann hätten damals einen Wagen zur Reparatur gebracht. Auf der Fußmatte habe ein blutverschmiertes Messer gelegen. Der Mann aber sei nicht Jens Söring gewesen.

Man könne in diesem Fall nicht mehr von einem Irrtum sprechen, erklärt Petra Ihle vom „Freundeskreis Jens Söring“. „Das Wort Irrtum assoziiert Unabsichtlichkeit. Was Jens Söring jedoch seit 25 Jahren in Virginia widerfährt, ist eine nicht mehr von der Hand zu weisende Absicht.“

Es sind schwere Vorwürfe, und Timothy Kaine würde ihnen widersprechen. Dennoch stimmte der scheidende Gouverneur von Virginia einem Antrag der Bundesregierung zu. Ein Gnadenakt, kurz vor dem Ende seiner politischen Karriere: Häftling 179 212 sollte nach Deutschland überstellt werden. Kaine leitet den Antrag am 12. Januar 2010 an das US-Justizministerium weiter. Und Söring spürt nach Jahrzehnten in Haft so etwas wie Hoffnung.

Sie währt nur sieben Tage. Am 16. Januar legt Robert McDonnell als neuer Gouverneur den Amtseid ab und drei Tage später formal Widerspruch gegen die Entscheidung seines Vorgängers ein. Ein Novum in der Justizgeschichte Virginias. Gail Ball, Sörings US-Anwältin, sagt, McDonnell habe ihr erklärt, er sei überzeugt, dass Söring „voll rehabilitiert“ sei. Aber Kaine ist Demokrat, McDonnell Republikaner. Es scheint, als würde Söring das Opfer einer politischen Fehde. US-Justizminister Eric Holder lehnt die Haftüberstellung ab.

Sörings US-Anwälte versuchen es nun mit Zuckerbrot und Peitsche: Ende Januar haben sie ein Gnadengesuch an McDonnell gestellt und die DNS-Analyse beigefügt. Am gleichen Tag reichten sie auch Klage gegen den Widerspruch des Gouverneurs ein.

Die Bundesregierung spielt auf der Klaviatur die leiseren Töne. Ihr Menschenrechtsbeauftragter besuchte Jens Söring Mitte Februar. „Wir versuchen im Hintergrund alles, was wir tun können“, versichert Markus Löning (FDP). Die Schuldfrage spielt keine Rolle mehr. „Söring sitzt seit fast einem Vierteljahrhundert in Haft“, sagt Löning. „Damit hat er nach unserem Rechtsverständnis seine Strafe seit vielen Jahren verbüßt.“
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