Skip to main content
#
Freundeskreis Jens Söring
Kontakt
our twitterour facebook page google plus youtubeinstagram
EN

Der Doppelmörder, der keine Spuren hinterließ


(von Nina Baumann, FOCUS Online, 27. Januar 2011, Originalartikel)


Seit 21 Jahren sitzt Jens Söring wegen zweifachen Mordes in US-Haft – womöglich unschuldig. Jetzt kann er beweisen: Keine der am Tatort gesammelten DNA-Spuren stammt von ihm.

Am 7. Juli 2010 gibt Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekannt, dass Deutschland zwei Häftlinge aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo aufnehmen würde. Das bewegt die meisten Deutschen kaum. Es ist Fußball-WM: Am Abend verliert die deutsche Mannschaft ihr Halbfinale gegen Spanien mit 0:1. Einige Stunden später sitzt ein 43 Jahre alter Deutscher auf einem Gefängnisbett im US-Staat Virginia und verliert die Hoffnung auf ein neues Leben. Wieder einmal.

Jens Söring erinnert sich noch genau, wie er die Nachricht erfuhr, die am nächsten Tag eine Randnotiz in den deutschen Medien war – und für ihn einem Todesurteil gleichkam. Es war 21.20 Uhr, als sein Zellenmitbewohner sich vom oberen Bett herabbeugte und ihn auf das Nachrichtenband des Fernsehers aufmerksam machte. Justizminister Eric Holder hatte Sörings Antrag auf Haftüberstellung nach Deutschland gestoppt. Ein zweiter Häftling kam an die Tür und brachte dieselbe Botschaft. „Ich hatte mir Hoffnungen gemacht, dass mich Holder als kleines Dankeschön mit den Guantanamo-Häftlingen mitschicken würde“, sagt Söring. „Die Hoffnungen waren wahrscheinlich unberechtigt. Schließlich bin ich im großen Lauf der Welt überhaupt kein großer Fall.“


Kein Platz für Gnade

Jens Söring sitzt im Buckingham Correctional Center in Dillwyn, Virginia, und er will raus. Als 18-Jähriger soll er die Eltern seiner damaligen Freundin umgebracht haben, grausam niedergemetzelt mit unzähligen Messerstichen. 1990 verurteilte ihn ein Gericht in Virginia wegen Doppelmordes zu zweimal lebenslänglich. Er beteuert seine Unschuld, aber die Behörden glauben ihm nicht. Immer wieder ist er gescheitert, immer wieder ist er aufgestanden. Auch nach dem Rückschlag vom Sommer 2010 hat Söring den Kampf wieder aufgenommen: Er will neue Indizien für seine Unschuld liefern. Er bittet den Gouverneur von Virginia, sich für seine Freilassung einzusetzen und verklagt ihn zugleich, weil er einen Antrag seines Amtsvorgängers auf Überstellung Sörings nach Deutschland rückgängig machte.


Sehnsuchtsort deutsches Gefängnis

In Deutschland findet der Fall Jens Söring nur noch wenig mediale Aufmerksamkeit. Im US-Staat Virginia bewegt der Häftling Söring auch 25 Jahre nach der Tat, für die er verurteilt wurde, die Volksseele. Man kann Politik mit ihm machen. Man könnte sagen, dass genau dieses Ungleichgewicht Jens Söring zum Verhängnis wird: Er ist in Deutschland nicht bekannt genug, damit sich hochrangige Politiker für ihn einsetzen. Und er ist in Virginia zu bekannt, als dass ihn die Behörden ohne großes Aufhebens abschieben könnten.

Seit 1990 sitzt Jens Söring in Virginia im Gefängnis. Seit 1990 behauptet er, unschuldig zu sein. Immer wieder erzählt er seine Version des Tattages, versucht, sie zu belegen. Doch da er damit vor den US-Gerichten keinen Erfolg hat, kämpft er um ein zweites Ziel: nach Deutschland überstellt zu werden, damit er wenigstens hinter deutschen Gittern sitzt – und nach einigen Jahren freikommen kann.

In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht 1977 entschieden, dass auch eine Verurteilung zu lebenslanger Freiheitsstrafe nicht bedeuten darf, dass der Verurteilte mit Gefängnis bis zum Tod rechnen muss. Die Menschenwürde gebietet es, dass der Häftling eine realistische Chance haben muss, noch einmal freizukommen. Die meisten deutschen „Lebenslänglichen“ werden nach 17 bis 20 Jahren entlassen. Das sind Täter, die ihre Verbrechen als Erwachsene begingen. Söring war zum Tatzeitpunkt erst 18 Jahre alt. In Deutschland wäre er deshalb vielleicht als Heranwachsender nach Jugendstrafrecht verurteilt worden. Dann hätte ihm eine Höchststrafe von zehn Jahren gedroht.


Allein im Kino mit zwei Karten


Virginia dagegen schaffte 1995 die vorzeitige Haftentlassung auf Bewährung ab. Es gilt der Grundsatz „life means life“ – lebenslänglich soll wirklich bis zum Tod dauern. Söring hat das Glück, dass er vor 1995 verurteilt wurde. Er darf noch den Bewährungsausschuss anrufen – und scheitert regelmäßig. Die Begründung des Ausschusses: Die Schwere der Tat und die fehlende Reue. Schließlich behauptet Söring ja hartnäckig, die Tat, für die er verurteilt wurde, nicht begangen zu haben.
Söring fasst den 30. März 1985 so zusammen: Er war mit seiner Freundin Elizabeth Haysom übers Wochenende in die Hauptstadt Washington gefahren. Dort offenbarte Elizabeth ihm, dass sie entgegen ihrem Versprechen wieder Drogen genommen hatte. Weil sie Schulden bei ihrem Heroin-Dealer hatte, sollte sie für diesen einen Kurierdienst in Virginia übernehmen. Mit Kinobesuchen mit zwei Karten sollte Söring derweil in Washington das Alibi sicherstellen. Söring tat, wie ihm geheißen, sah drei Kinofilme an und kehrte um zwei Uhr morgens, frustriert vom Warten, ins Hotelzimmer zurück. Kurze Zeit später kam Elizabeth verstört zurück. Sie trug andere Kleidung als am Mittag und wiederholte immer wieder einzelne Sätze: „Ich habe meine Eltern getötet“, und: „Sie werden mich töten, ich muss auf den elektrischen Stuhl.“

Ein Nachbar findet die Eltern Haysom einige Tage später in ihrem Haus. Nancy Haysom liegt in der Küche, ihr Mann Derek zwischen Ess- und Wohnzimmer. Sie hatten mit ihrem Mörder oder ihren Mördern zuvor offenbar gegessen und getrunken. Beide hatten Alkohol im Blut. Dann wurden sie niedergemetzelt. Der Boden des Hauses war voller Blut, die Köpfe der beiden waren beinahe vom Rumpf getrennt.

Nach Sörings Version kommt ihm in dem Moment, als Elizabeth verstört vor ihm sitzt, die entscheidende Idee. Eine Idee, die er in jugendlichem Übermut für genial hält. Und die ihn seine Zukunft kostet, seine Freiheit, seine Würde – sein Leben, wenn man unter Leben mehr versteht als die nackte physische Existenz. Er, der 18 Jahre alte Deutsche, Diplomatensohn, Hochbegabten-Stipendiat, sagt: Ich übernehme die Verantwortung. Wir sagen, ich bin es gewesen. Mir wird nichts passieren. Söring hofft auf seinen Diplomatenstatus. Er glaubt, dass dieser ihn vor Strafe schützt. Dass das Privileg nur Botschaftsangestellten zukommt und die Stellung seines Vaters beim Konsulat nicht ausreicht, ist ihm nicht klar. Dennoch zieht er auch den seiner Ansicht nach schlimmsten Fall in Betracht: Er würde nach Deutschland ausgeliefert, dort nach Jugendstrafrecht verurteilt, zu höchstens zehn Jahren Gefängnis. Aus Liebe zu Elizabeth würde er das auf sich nehmen.

Dieser Tag ist fast 26 Jahre her. Beinahe 21 davon hat Söring in US-Gefängnissen verbracht. 44 Jahre ist er heute alt, er könnte also noch weitere 30 Jahre oder mehr hinter Gittern verbringen. „Es gibt hier in Virginia ein Seniorengefängnis. Da werden die ganzen Knastopas hingeschickt, mittlerweile gibt es da 1200 Betten. In einigen Jahrzehnten werde ich auch dort enden und werde hinter Gittern sterben.“ Söring hat Bücher im und über das Gefängnis geschrieben. „Ein Tag im Leben des 179212“ heißt eines, in Anlehnung an das Buch „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ von Alexander Solschenizyn. Es schildert seinen Gefängnisalltag und stellt das gesamte US-amerikanische Strafsystem in Frage, prangert Missstände an: Vergewaltigungen, Drogen, Selbstmorde, Mangelernährung, verlogene Argumentationen. Er sagt: „Ich bin Schriftsteller, der zufällig im Gefängnis sitzt.“

Wer mit Jens Söring spricht, erlebt einen ruhigen, überlegten Menschen. Seine Sätze sind druckreif, die Aussprache teils mit leichtem amerikanischen Akzent, aber immer überdeutlich. Zwischen höchster Konzentration blitzt nur gelegentlich Wut oder Verbitterung durch. „Das ist sehr, sehr schwer, psychologisch, das alles so zu verkraften“, sagt er. Er ist gut informiert über politisches Geschehen. Er schreibt Dutzende Briefe pro Woche und per Brief auch ein Blog, das ein deutscher Unterstützer für ihn pflegt. Ende November schreibt er dort: „Ich würde liebend gerne heute, jetzt sofort, bevor ich diesen Satz zu Ende schreibe, hingerichtet werden. Nichts wünsche ich mir mehr als ein Ende des Lebens.“

Nur selten übermannt Söring die Verzweiflung derart. Ein ganzes Netzwerk von Unterstützern arbeitet in den USA und in Deutschland für ihn. Nach jedem Rückschlag hat er bisher ein neues Ziel gefunden, für das er wieder zu kämpfen anfing. Eine ganze Reihe Menschen sind von seiner Unschuld überzeugt und setzen sich für ihn ein. Eine seiner prominentesten Unterstützerinnen ist die ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwältin von Virginia, Gail Marshall. Sie sagt, sie habe in 35 Jahren Arbeit zwei Fälle erlebt, bei denen sie von der Unschuld eines Verurteilten überzeugt war. Einer davon ist Jens Söring.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Sockenabdruck. Einer der Geschworenen sagte nach dem Verfahren, nur dieser habe ihn von der Schuld Sörings überzeugt. Doch genau diesen Sockenabdruck prangert Marschall als eines der schwächsten Beweismittel an. Die Staatsanwaltschaft führte ihn als Beleg dafür an, dass Söring am Tatort war. Ein Fußabdruck Sörings passte auf die gefundene Spur „wie ein Handschuh“. Doch hätte nicht der von Elizabeth genauso gut gepasst? Sörings Anwalt versäumte es, den Abdruck nach allen Regeln der Juristenkunst in Zweifel zu ziehen. Sörings Eltern hatten den Anwalt als profilierten Kenner seines Fachs engagiert – wenige Jahre nach dem Prozess verlor er seine Zulassung.


Keine DNA-Spur von Söring


Es ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass Söring unschuldig sein könnte oder zumindest kein faires Verfahren bekommen hat. Gerade hat er sich mit neuem Material an Bob McDonnell, den Gouverneur von Virginia gewandt. Als in den 80er-Jahren im Fall Söring ermittelt wurde, steckte die DNA-Analyse noch in ihren Anfängen. Es wurde aber reichlich verwertbares Material gesammelt. In den vergangenen Jahren wurde nachträglich getestet: Keine der 42 Proben vom Tatort enthielt DNA von Söring. Kein Beweis für seine Unschuld, aber eine Tatsache, die starke Zweifel sät. „Wenn dieser Fall heute erneut einer Jury präsentiert würde, dann würden bei vielen Geschworenen berechtigte Zweifel aufkommen“, schreibt Sörings Anwältin Gail Ball dem Gouverneur und bittet ihn, sich für eine Strafaussetzung und Abschiebung Sörings einzusetzen.

Parallel dazu hat ein anderer Anwalt Sörings Klage eingereicht gegen McDonnells Widerspruch gegen die Haftüberstellung. Söring klammert sich an jeden Strohhalm. Nach dem Rückschlag vom Juli hat er sich wieder aufgerafft, hat gearbeitet, geschrieben, Strippen gezogen, seine Unterstützer dirigiert. Nun mahlen wieder die Mühlen der Bürokratie, der Politiker, der Juristen. Der große Lauf der Welt. Jens Söring rennt wie immer um den Gefängnishof. 24, 26, 28 Runden. Er sagt: „Es geht um mein Leben.“
Newsletter 

Mit unserem Newsletter bleiben Sie über Neuigkeiten informiert. Jetzt anmelden

Bücher von Jens  
Spenden
T-Shirts für Jens 
    © Freundeskreis Jens Söring | E-Mail: admin (at) jenssoering.de | www.jenssoering.de
    Kontakt zu Jens Söring | Impressum & rechtliche Hinweise | Datenschutzerklärung
    Site Powered By
        Streamwerx - Site Builder Pro
        Online web site design