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Der Fall Jens Söring
(von Janne Kieselbach, Spiegel Online, 26.11.2019, Link)
 

Es ist einer der längsten und aufsehenerregendsten Justizfälle der vergangenen Jahrzehnte: Seit 1986 sitzt der Deutsche Jens Söring wegen Doppelmordes in einem US-Gefängnis. Der Diplomatensohn beteuert bis heute seine Unschuld, er hat sich stets um Freilassung bemüht. Vergeblich. Bis zu dieser Woche.

Die Geschichte beginnt im August 1984.

Söring ist damals 18 Jahre alt. Sein Vater arbeitet als deutscher Vizekonsul in Detroit, Jens Söring studiert an der University of Virginia. Dort verliebt sich der junge Deutsche in die gebürtige Kanadierin Liz Haysom, Tochter des Unternehmerpaares Derek und Nancy Haysom.

Am 30. März 1985 ändert sich alles. Die Eltern von Liz Haysom werden in ihrer Villa brutal ermordet. Was damals genau geschah, ist bis heute unklar. Es gibt mindestens zwei Darstellungen.

Zum einen die Version der Ermittler. Nach Erkenntnissen der Polizei, denen das Gericht und die Geschworenen später folgten, verübte Söring die Morde, weil die Eltern seiner Freundin die Beziehung missbilligten. Liz Haysom war demzufolge seine Komplizin.

Söring beschreibt Haysom als "eiskalte Lügnerin"

Und dann gibt es die Version von Jens Söring. Er selbst stellt den Hergang bis heute ganz anders dar. Er gestand die Morde zunächst - aber nur, wie er später beteuerte, um die wahre Täterin zu schützen: Liz Haysom.

Im Gefängnis hat er 2012 ein Buch verfasst, es trägt den Titel "Nicht schuldig!". Darin beschreibt Söring seine damalige Freundin als eiskalte Lügnerin, deren "Rattenfängerflöte" er verfallen sei. Er habe die Schuld für die Morde auf sich genommen, um Haysom vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. Er habe fälschlicherweise angenommen, als Sohn eines Diplomaten nach seinem Geständnis ausgeliefert zu werden und in Deutschland mit einer milderen Strafe davonzukommen.

Am Ende mussten sich Söring und Haysom vor einem amerikanischen Gericht verantworten. Sie waren nach Großbritannien geflüchtet und 1986 dort festgenommen worden. Nach einem langen Rechtsstreit, der auch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beschäftigte, wurden die beiden an die USA ausgeliefert. Der Sensationsprozess wurde damals im Fernsehen übertragen und wühlte die Zuschauer in den USA auf. Die amerikanische Presse ergötzte sich an den "Voodoo-Morden" - und Jens Söring war fortan das "Monster".

Im Jahr 1990 wurde Söring schließlich schuldig gesprochen. Liz Haysom hatte zuvor in einem separaten Verfahren als seine Komplizin 90 Jahre Haft bekommen. Die Urteile sollten der Beginn eines jahrzehntelangen Justizdramas werden.

Alle Revisions- und Berufungsanträge scheiterten

Jens Söring kämpfte seitdem dafür, "auf die andere Seite da draußen zurückkehren zu dürfen, auf die Seite der Menschen". Doch alle Revisions- und Berufungsanträge des Deutschen scheiterten, ebenso seine Appelle, auf Bewährung freizukommen. Söring versuchte, sich im Gefängnis das Leben zu nehmen. Er suchte Halt in der Religion - und gab sie wieder auf. Und er schrieb sechs Bücher.

Im Buckingham Correctional Center, einem Gefängnis im US-Bundesstaat Virginia, war Söring besonderen Haftauflagen unterworfen. Er durfte keine deutsche Literatur lesen. Lange Zeit durfte er keine Journalisten empfangen und nur per Post, handschriftlich, mit der Außenwelt kommunizieren.

Die Haftauflagen seien nur "ein Beispiel dafür, wie man mit mir eigentlich seit Jahrzehnten umspringt", klagte Söring 2012 in einem von mehreren Briefen an den SPIEGEL. Er schrieb: "Was mit mir hier gemacht wird, hat mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun."

Spielball im brutalen Senatswahlkampf

Während der Fall Söring in der deutschen Öffentlichkeit fast in Vergessenheit geriet, wurde er in den USA mehrfach zum Politikum. Der einstige Geschichtsstudent mutierte 2012 sogar zum Spielball in einem brutalen Senatswahlkampf. Seine Freilassung würde der harten "Law and Order"-Linie widersprechen, die zum Pflichtprogramm für US-Politiker gehöre, wurde argumentiert.

Einen der seltenen Hoffnungsmomente für Söring gab es im Jahr 2016. Damals kam der deutsche Dokumentarfilm "Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich" in die Kinos und enthüllte neue Ungereimtheiten und Informationen über den Fall. Unter anderem stimme keine der am Tatort sichergestellten DNA-Proben mit Sörings DNA überein. Darüber hinaus habe es ein FBI-Täterprofil gegeben, das nie in den Prozess eingeführt worden sei. Dieses habe auf eine Frau als Täterin hingedeutet, die eine enge Beziehung zu den Opfern gehabt haben müsse - mutmaßlich Haysom selbst. Doch Sörings Ex-Freundin hielt an ihrer Darstellung fest, dass es Söring war, der ihre Eltern ermordete.

Das Urteil war unanfechtbar

Doch trotz der neuen Erkenntnisse geschah weitere drei Jahre lang: nichts. Jens Söring blieb in Haft. Das Urteil war unanfechtbar. Alle US-Instanzen hatten es für rechtmäßig erklärt. Insgesamt 14 Anträge auf Haftaussetzung wurden seit 1990 abgelehnt, wie die "New York Times" bilanziert. Jens Söring verzweifelte.

Jetzt plötzlich - nach fast 30 Jahren - die überraschende Wendung: Am Montagabend (Ortszeit) wurde bekannt, dass der mittlerweile 53-jährige Söring nach Deutschland abgeschoben werden soll. Die Entscheidung traf der für Begnadigungen im Bundesstaat Virginia zuständige Bewährungsausschuss, wie Gouverneur Ralph Northam mitteilte. Jens Söring solle der Einwanderungspolizei übergeben, abgeschoben und mit einem Wiedereinreiseverbot belegt werden.

Gouverneur Northam erklärte, einen Antrag auf umfassende Begnadigung lehne er weiterhin ab. Die Entscheidung des Bewährungsausschusses, Jens Söring zu entlassen, respektiere er jedoch. In einer Mitteilung der Vorsitzenden des Gremiums, Adrianne Bennett, hieß es laut "New York Times", die Haftentlassung sei geboten, weil Söring und Haysom zum Zeitpunkt der Tat jung gewesen seien und bis heute eine lange Haftstrafe verbüßt hätten. Eine weitreichendere Erklärung gibt es bislang nicht.

Das Auswärtige Amt teilte mit, man betreue Söring weiterhin. Aus Justizkreisen heißt es, das letzte Strafverfahren gegen ihn in Deutschland sei 1997 eingestellt worden. Ein neues Strafverfahren sei nicht möglich, weil Söring für die Tat in den USA bereits verurteilt worden sei und seine Strafe verbüßt habe.

Mittlerweile sei Söring der US-Einwanderungsbehörde ICE übergeben worden, sagte eine Sprecherin der Gefängnisverwaltung des Bundesstaates Virginia der Nachrichtenagentur AFP. Es sei jedoch unklar, wann er abgeschoben werde.

Womöglich steht jedoch eine Ausreise bald bevor.

    Jens Söring ist ein deutscher Schriftsteller, der mehr als 33 Jahre in amerikanischen und englischen Gefängnissen verbrachte für einen Doppelmord, den er nicht begangen hat. 2016 zeigten DNA Tests, dass Blut am Tatort, welches einst ihm zugerechnet wurde, tatsächlich von zwei anderen Männern stammte.

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