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Der Fall Söring: Das lange Warten

(von Caroline Strang, Märkische Oderzeitung, 2. April 2012, Link)


Berlin (MOZ)  Immer noch in den USA, immer noch im Gefängnis: Jens Söring kämpft seit 26 Jahren um seine Freiheit, bisher vergeblich. Nun hat der wegen Doppelmords verurteilte Deutsche ein Buch geschrieben. Und eine Überführung nach Deutschland soll nun erneut geprüft werden.

Er hat Interviewverbot. Kein Journalist darf Jens Söring, Häftling Nummer 1161655 im Gefängnis Buckingham Correction Center in Dillwyn, Virginia, derzeit anrufen. Keiner darf ihn besuchen. Offiziell heißt es, Gefängnisinsassen dürften nicht von ihren Verbrechen profitieren - auch nicht durch Buchveröffentlichungen. Jens Söring allerdings vermutet, dass man ihn im aktuellen Wahlkampf in Virginia zwischen Demokraten und Republikanern mundtot machen will. "Man will mich als Wahlkampfthema instrumentalisieren - aber man will mich nicht selber zu Wort kommen lassen", sagt er.

Er weiß das Interviewverbot zu umgehen. Der 45-Jährige schreibt Briefe. Viele Briefe - nach der Berichterstattung vor einen Dreivierteljahr auch erneut an diese Zeitung. Er will auf seine Lage aufmerksam machen. Darum hat er auch eine Biographie verfasst, sein neuntes Buch, so persönlich wie keines zuvor.

"Nicht schuldig!" prangt auf dem Titel. Der Untertitel: "Wie ich zum Opfer der US-Justiz wurde". Söring fühlt sich, wie er in einem 18-seitigen handschriftlichen Brief an die Redaktion berichtet, nicht nur als Opfer der Umgebung: "Zuallererst bin ich Opfer meiner eigenen Dummheit und Eitelkeit". Denn aus seiner Sicht sitzt er auch wegen eigener Fehler im Gefängnis.

Sein Fall machte schon von Anfang an Schlagzeilen. Am 30. März 1985 wurden Nancy und Derek Haysom, die Eltern von Sörings damaliger Freundin Elizabeth, in ihrem Haus brutal mit Dutzenden Messerstichen ermordet. Der Verdacht fiel erst nach einer Weile auf den 18-jährigen hochbegabten Diplomatensohn Jens Söring sowie Elizabeth Haysom - erst, nachdem diese nach Europa flohen. In London wurden sie gefasst, Söring gestand. Er wurde zu zweimal lebenslänglich verurteilt und sitzt seither in US-Haft. Sein Geständnis widerrief er bald, doch der Prozess wurde nicht neu aufgerollt.

In seiner Biographie schildert Söring den Abend, an dem die Morde verübt wurden. Er sei im Kino gewesen, seine Freundin später zu ihm ins Hotel gekommen. "Ihr Gesicht war bleich, ihre Züge angespannt, ihre Augen weit aufgerissen", dazu trug sie andere Klamotten als bei ihrer Abfahrt, schreibt er. Dann soll sie den entscheidenden Satz gesagt haben, immer wieder, zwanghaft: "Ich habe meine Eltern umgebracht." Er beschreibt seine Verwirrung, ihr psychotisches Verhalten mit einer Liebe zum Detail, die verblüfft. Ob man sich Jahrzehnte danach noch so genau erinnern kann? "Keine Sorge: Ich kann mich bestens erinnern, dass ich im Kino in Washington DC saß (ich kann Ihnen die Kinos und die Filme beschreiben!), während Elizabeth mehrere hundert Meilen entfernt ihre Eltern umbrachte", antwortet er auf diese Frage. Und er habe diesen Teil des Buches schon 1993 geschrieben, nur wenige Jahre nach den Ereignissen.

Der hochbegabte Söring will die Tat auf sich genommen haben, weil er dachte, er genieße als Diplomatensohn Immunität - oder werde im schlimmsten Fall nach Deutschland ausgeliefert und zu einer kurzen Haftstrafe verurteilt. Er wollte seine Elizabeth vor dem elektrischen Stuhl bewahren, sagt er. Diese Frauenfigur erscheint im Buch als Verführerin, berechnend, drogenabhängig, psychotisch - gleichzeitig aber von einer faszinierenden, zerstörerischen Erotik und überaus perfider, intelligenter Anziehungskraft. Deshalb nennt er seine Autobiographie in seinem Brief auch eine Liebesgeschichte, die mit einer "vollkommen missverstandenen, regelrecht psychiatrisch kranken Scheinliebe" begann.

Als er die Gefühle schildern soll, die er jetzt für Haysom empfindet, wird seine Schrift krakelig. "Es ist eine komplizierte Mischung von Gefühlen: Wut, Mitleid, Schuld, Reue, Ekel ..." zählt er auf. "Elizabeth hat nicht nur ihre Eltern umgebracht, sondern auch mein Leben zerstört." Und er gebe sich die Schuld dafür, die Tat nicht verhindert zu haben. Schließlich habe er gewusst, dass die Mutter Elizabeth sexuell missbraucht habe. Sie habe ihm Nacktfotos gezeigt, die die Mutter gemacht hatte. Mitleid fühlt Söring, weil Haysom in Haft sitzt - sie gehöre in psychiatrische Behandlung. "So wütend bin ich nicht, dass ich das nicht für ungerecht halte."

Diese differenzierte Haltung nimmt er auch in seiner Autobiographie ein. Die liest sich wie ein Kriminalfall, eine Abenteuergeschichte, gleichzeitig ist sie gespickt mit fundierter Kritik unter anderem am US-Justizsystem und mit theologischen Ausführungen. Die Stimmung schwankt zwischen Sachlichkeit, Verbitterung und intelligenter, bissiger Ironie - und reicht bis zu tiefgehender Selbstentblößung. "Das Buch soll auf möglichst vielen Ebenen Leser ansprechen: Kopf, Herz, Bauch und auch etwas tiefer als den Bauch", schreibt Söring. Schuld, Verantwortung und Sühne sind zentrale Themen des Werkes.

Er klagt sich selbst an - sieht sich allerdings auch als Opfer des Justizsystems. Er zählte mehrere Gründe für diese Einschätzung auf: Der Richter war voreingenommen - und erklärte ihn für schuldig, bevor der Prozess zu Ende war. Seinem Strafverteidiger wurde nach dem Prozess wegen Geisteskrankheit die Zulassung entzogen. Entlastendes Beweismaterial wird bis heute nicht beachtet, wie eine neue DNA-Spur, ein blutiger Sockenabdruck - beides anscheinend nicht von Söring - und ein Entlastungszeuge. Die Ungereimtheiten sind offensichtlich.

Söring scheint auch ein Opfer von politischen Differenzen zu sein. Vor einigen Jahren war seine Haftüberstellung nach Deutschland schon beschlossen, wurde aber aus politischen Gründen gestoppt. Dem demokratischen Kandidaten wird seitdem vorgeworfen, er sei weich gegenüber Kriminellen. Jens Söring, das "German Monster", wie er in Zeitungen tituliert wurde, ist Wahlkampfthema der Republikaner. Das Parlament habe sogar eine Resolution gegen ihn verabschiedet und regelmäßig wünschen ihm Leserbriefschreiber den Tod, erzählt er. Die Hetz-Taktik funktioniere bei einer Mehrzahl der Wähler gut. "Sie brauchen jemanden zum Hassen, die Muslime, die Einwanderer, die Schwarzen und in Virginia eben mich - den arroganten Ausländer." Aber er hat auch in Amerika Unterstützer. Die ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwältin von Virginia zum Beispiel, Gail Starling Marshall. Er könne in den USA und Deutschland auf viele Menschen bauen, schreibt Söring.

Wie es ihm gerade geht? "Es klafft eine riesige Wunde in meinem Leben, die nicht heilbar ist", sagt er. Und:"Ich fühle Heimweh nach Deutschland, nach der Zivilisation. Ich will nach Hause, raus aus diesem schrecklichen Land." Er schwebe zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Nur die deutsche Regierung könne ihm helfen. Derzeit bewegt sich tatsächlich etwas in seinem Fall: Der Generalstaatsanwalt hat die Haftüberstellungsklage nach Deutschland angenommen. Nun muss der Haftüberstellungsanwalt Steven D. Rosenfield eine Antwort einreichen. Der Generalstaatsanwaltschaft muss wiederum binnen 14 Tagen antworten - und dann wird ein Gerichtstermin für eine mündliche Verhandlung angesetzt.

Auf den ersten Seiten seines Buches fasst er die Hoffnung in Worte, dass er durch das Schreiben mehr Sinn in den Geschehnissen erkennen kann. In gewisser Weise, so sagt er jetzt, sei ihm das sogar gelungen. Und dann schreibt Söring zwei Seiten lang über die Liebe, "denn das große Geheimnis des Lebens ist doch, das man umso mehr erhält, als man gibt." Und: "Es ist nur die Liebe, die dem menschlichen Leben Sinn gibt." Bemerkenswerte Worte von Häftling Nummer 1161655, der seit 26 Jahren im Gefängnis sitzt.
 
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