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Der Gefangene


(von Caroline Strang, Märkische Oderzeitung, 2. Mai 2011, Originalartikel)


Der Gefangene mit der Nummer 1161655 im Buckingham Correctional Center des US-Bundesstaates Virginia ist Deutscher. Jens Söring, Diplomatensohn, wurde 1990 zu zweimal lebenslänglich wegen Doppelmords verurteilt. Seitdem versucht er, wieder frei zu kommen. DNS-Analysen und ein neuer Zeuge geben ihm Hoffnung.

Es gibt einen Satz, den Jens Söring in den vergangenen Jahren sehr oft gesagt hat: „I´m innocent – Ich bin unschuldig.“ Die Worte sagte schon der 19-jährige Junge mit der riesengroßen Brille, der im Gerichtssaal in Virginia so verloren wirkte wie ein Kind und gleichzeitig so, als würde er davon ausgehen, dass er alle in die Tasche stecken könnte. Dass er schlauer sei als alle um ihn herum. Dann sprach der Richter sein Urteil und klärte die Machtverhältnisse: zweimal lebenslange Haft. Für den Mord an den Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom.

Die große Brille ist ihm geblieben, die intellektuelle Art auch. „Ich habe nichts getan“, sagt er immer noch. Und dass ihm Tag für Tag im Gefängnis großes Unrecht geschehe. Seit 25 Jahren ist er nun im Knast, und er sieht fast noch genauso aus wie auf den Filmaufnahmen vom Gerichtsprozess. Seine Haut wirkt weich und wächsern, irgendwie alterslos. So, als habe ihn das Gefängnis vom Leben konserviert. Leben, das kennt er gar nicht, sagt er. Er hat mehr Zeit seines Lebens hinter Gittern verbracht als draußen.

Zur Zeit ist er sehr beschäftigt.Er führt ein Fernsehinterview nach dem anderen, schreibt Briefe an seine Unterstützer. Auch mit der MOZ kommt der Kontakt per Brief zustande. Ein Telefoninterview mehr will er sich aber zur Zeit nicht leisten. Zu groß ist seine Sorge, der Gefängnisleitung auf die Nerven zu gehen, wie er schreibt. „Das alles kann man mir wohl nicht direkt verbieten – aber man kann mir das Leben sehr viel schwerer machen, als es sowieso schon ist.“ Seine Handschrift ist krakelig, aber gut lesbar. Sein Deutsch ist fehlerlos, ebenso wie seine Rechtschreibung.

Seinen Gefängnisalltag umschreibt er auf einer Homepage, die sein Unterstützerkreis für ihn eingerichtet hat. Er selbst hat noch nie Internet gesehen, er war noch nie am Grab seiner Mutter, die vor einigen Jahren verstorben ist. Er kennt Deutschland noch nicht wiedervereinigt. Dafür kennt er den Knast in- und auswendig. Jeden Morgen wird er um 5:45 Uhr mit Trillerpfeife und Gebrüll geweckt. Mehrmals am Tag geht er in den Gemeinschaftsraum und schreibt Briefe oder Texte für seine Bücher. Mehrere davon wurden schon veröffentlicht. Seine Hauptbeschäftigung. Eine Stunde lang macht er Sport, er joggt sechs Meilen oder macht Liegestütze und Klimmzüge. Um 21:30 Uhr ist Ruhe. Gefährlich ist es im Knast und eigentlich ein kleines Wunder, dass er die Zeit, äußerlich zumindest, unbeschadet überstanden hat.

„Ich war 18, und wenn man jung ist, ist man arrogant und dumm“, sagt er heute über die Zeit seines Lebens, wegen der er keines mehr hat. Auffällig ist seine Nachdenklichkeit. Er nimmt kritische Fragen immer schon vorweg oder beantwortet sie so distanziert, dass er ihnen den Wind vorab aus den Segeln nimmt. Söring hat den Mord an den Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom gestanden. Am 30. März 1985 wurde die Tat in deren Haus in Bedford County in Virginia begangen. Ein bestialisches Verbrechen, das Ehepaar wurde mit Dutzenden Messerstichen niedergemetzelt. Der Verdacht fällt bald auf das junge Paar, zwei Studenten mit Hochbegabtenstipendien. Die beiden fliehen nach Europa und werden gefasst. In London werden sie verhört, und beide gestehen den Mord.

Nach zähem Ringen wird Söring an die USA ausgeliefert – unter der Bedingung, dass er nicht hingerichtet werden darf. Elizabeth wird zu 90 Jahren Haft verurteilt. Am 21. Juni 1990 spricht der Richter vom Geschworenengericht in Virginia das Urteil gegen Söring: zweimal lebenslänglich, obwohl dieser sein Geständnis inzwischen widerrufen hat. Er habe gestanden, um Elizabeth vor der Hinrichtung zu retten, sagt er vor Gericht. Er hatte gedacht, als Diplomatensohn mit ein paar Jahren Gefängnis in Europa davonzukommen.

Dass bei dem Prozess vieles nicht ideal lief, war schon kurze Zeit später klar. Dem amerikanischen Anwalt, der Söring damals verteidigte, wurde fünf Jahre später wegen grober Fehler und Pflichtverletzungen für vier Jahre die Zulassung entzogen. Als Beweis wertete die Jury im Prozess das Geständnis, auch wenn es widerrufen wurde. Außerdem belastete Elizabeth ihren Ex-Freund schwer. Ein Gerichtsgutachter bescheinigte ihr zwar eine Borderline-Störung und die Tendenz zum Lügen. Außerdem soll sie Drogen genommen haben. Der Richter aber war ein Freund der Ermordeten, der sich dennoch weigerte, den Fall wegen Befangenheit abzulehnen. Ausschlaggebend für die Geschworenen war der blutige Abdruck einer Socke am Tatort. Die Größe passte zu Sörings Füßen – hätte aber genauso zu Elizabeths gepasst.

Gail Staring Marshall, eine ehemalige Generalstaatsanwältin, übernahm nach dem Prozess die Verteidigung von Söring und hat sie auch jetzt noch inne. Sie vertritt die Ansicht, dass das Verfahren nicht fair gewesen sei. Auch Sörings deutscher Anwalt, Christian Mensching, spricht von „ganz erheblichen Zweifeln an der Schuld“ seines Mandanten.

Was Jens Söring zur Zeit große Hoffnung macht, ist ein DNA-Test, der kürzlich an den Beweismitteln des Falles vorgenommen wurde. 42 Spuren wurden gefunden – keine davon ist von ihm. Ende März ist aus einem ähnlichen Grund der unter anderem wegen Vergewaltigung verurteilte Mitgefangene Thomas Haynesworth entlassen worden. „Mein Fall ähnelt seinem. Aber er hatte nur DNA, ich habe DNA und einen neuen Zeugen“, schreibt Söring. Der neue Zeuge ist ein Automechaniker, dessen Aussage im Ermittlungsverfahren wohl nicht beachtet wurde. Er hatte im Auto von Elizabeth ein blutiges Messer gesehen. Der Mann, der Elizabeth seinerzeit begleitet hatte, sei aber nicht Jens Söring gewesen. Da ist er sich sicher. Mensching nennt diese Entwicklungen „weitere gewichtige Elemente in einer Kette von Zweifeln an der Schuld“.

Hoffnung macht sich Söring auch, weil erst kürzlich Markus Löning (FDP), Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, bei ihm war. Der erzählt: „Herr Söring macht einen sehr motivierten Eindruck und hat zur Zeit viel Hoffnung.“ Er sei vor allem dort gewesen, um ihm moralische Unterstützung zu bieten. Viel mehr könne die Bundesregierung nicht tun, sagt er. „Die amerikanische Regierung weiß, dass uns etwas an diesem Fall liegt, aber der Gouverneur von Virginia muss entscheiden.“ Zur Frage, ob Söring schuldig sei, maße er sich kein Urteil an. „Was er erzählt, hat eine gewisse Plausibilität“, sagt er nur. Wichtig für ihn ist, dass der Häftling nach deutschem Rechtsverständnis schon in Freiheit wäre. Viel helfen könne er allerdings nicht, „zu viel Einmischung von außen kann kontraproduktiv sein“.

Laut Anwalt Mensching gibt es vier Möglichkeiten im Fall Söring. Seine Bemühungen haben keinen Erfolg, und er muss im US-Gefängnis bleiben, ist die erste. „Unser Ziel ist es selbstverständlich, dass Herr Söring nach Deutschland zurückkehren kann“, sagt er. Das könnte auf drei Wegen funktionieren: durch eine Haftüberstellung, eine Entlassung auf Bewährung mit automatisch daran anschließender Ausweisung aus den USA oder durch eine Begnadigung. „Der Fall bewegt sich an der Schnittstelle von rechtlichen und politischen Fragen, dadurch ist er einerseits schwierig, andererseits können sich daraus auch Chancen ergeben“, sagt Mensching. Man müsse am Ball bleiben, um jede Möglichkeit zu nutzen. „Auch unabhängig von der Schuldfrage hat Herr Söring nach mehr als 20 Jahren im Gefängnis Anspruch auf eine Perspektive, nach Deutschland zurückzukehren und die Freiheit wiederzuerlangen“, betont Mensching.

Das Anwaltsteam tut alles, damit Söring nach Deutschland kann. Der will dann seine Freunde umarmen, schreibt er. Und seinen Lebensunterhalt verdienen. In einem Fernsehinterview spricht er noch davon, dass er ausprobieren will, ob er lieben kann. Und dass er gerne Kinder hätte. Seinen Vater, der den Kontakt abgebrochen hat, will er nicht sehen. Er muss weiterkämpfen. Er schreibt von einem 90-minütigen Dokudrama, das für 2012 geplant sei. „Das sind meine schweren Geschütze für die nächste Schlacht ... falls ich in diesem Jahr nicht nach Deutschland kommen sollte.“ Sein größter Wunsch? „Den Sitzgurt im Lufthansa-Jet anschnallen.“
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