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Die Sache mit diesem Sockenabdruck

(von Milos Vec, FAZ, 25.03.2012, Link)

Ist er das „German Monster“? Jens Söring, ein wegen Doppelmordes verurteilter Diplomatensohn, erzählt von seinem Begehren, hadert mit der amerikanischen Justiz und erfleht eine zweite Chance.

Wenn Jens Sörings Kriminalgeschichte die Vorlage zu einem Drehbuch wäre, würden sich für die Regie zwei Regisseure empfehlen. Seine fatale Begegnung mit Elizabeth Roxanne Haysom - attraktiv, klug, zerstörerisch - sowie den späteren Doppelmord an ihren Eltern und die Kriminalodyssee bis zum Urteilsspruch kann man sich von Quentin Tarantino verfilmt vorstellen. Der junge Diplomatensohn, der sich selbst als intelligent, aber unattraktiv und unerfahren gegenüber Mädchen beschreibt, gerät 1984 an der Universität von Virginia an die zwei Jahre ältere, nicht nur ihn faszinierende Studentin aus der Lokalaristokratie.

Die lesenswerten Passagen in „Nicht schuldig“, in denen er diese schicksalhafte Begegnung rekonstruiert, sind voller Bekenntnisse zu seelischer Hingabe und explosiver Sexualität. Sie sind beide hochbegabt, aber dass die beiden zueinander finden, verblüfft die Kommilitonen. Sein Rückblick auf die seligmachende Romanze wird überschattet vom Bewusstsein, dass sie am Ende schreckliche Schuld auf sich laden werden. Später wird ihm ein Psychiater gutachterlich eine „Folie à deux“, eine induzierte wahnhafte Störung, attestieren, bei ihr eine Borderline-schizophrenie und eine pathologische Neigung zum Lügen diagnostizieren.

Verurteilt zu zweimal lebenslanger Haft

Von Anfang an verknüpfen sich Sörings Reminiszenzen an das verglühte Begehren mit Selbstvorwürfen, dass er frühen dunklen Ahnungen nicht nachging. Sie hätten ihn vor der labilen Schönheit bewahrt, die ihn obsessiv betörte und in den menschlichen Abgrund führte. Denn in einer Märznacht des Jahres 1985 liegen schließlich die Eltern Haysom ermordet, blutüberströmt auf dem Fußboden ihres Hauses, und Jens und Elizabeth beginnen eine lange Flucht durch Asien und Europa.

Sie verstecken sich und suchen Wege in eine Normalität, die es weder emotional noch beruflich geben kann. Sie leben vom Scheckbetrug und machen das offenbar technisch gar nicht so schlecht, jedenfalls eine Zeitlang. Am Ende, im Mai 1986, landen sie schließlich doch in einem englischen Gefängnis und werden dort von den Morden in Virginia eingeholt. Nach jahrelangem juristischem Tauziehen wird auch Jens Söring ausgeliefert, 1990 folgt die Verurteilung wegen Doppelmordes zu zweimal lebenslanger Haft. Elizabeth bekommt „nur“ neunzig Jahre, da sie gesteht, ihren Liebhaber zur Tat angestiftet zu haben.
Schuld, Sühne und Sinn

Jens Söring aber beharrt schon im Gerichtsverfahren darauf, dass er unschuldig ist. Er habe den Doppelmord nicht begangen! So sagt er es dem Richter und widerruft sein Geständnis, das er den Ermittlern gegenüber abgelegt hatte. Ja, das Geständnis war mit Elizabeth abgesprochen, räumt er ein - aus Liebe, nachdem sie eines Abends blutverschmiert und außer sich bei ihm aufgekreuzt war und ihm gebeichtet hatte, ihre Eltern getötet zu haben. In dieser Verzweiflung wollte er sie schützen und ihre Beziehung durch seine Irrsinnstat retten und womöglich kräftigen. Man glaubt ihm diese zweite Version nicht. Er hat das Geständnis ohne Anwalt gemacht; er war jung; er glaubte, als Diplomatensohn besonders geschützt zu sein; er hofft auf einen Prozess in Deutschland. Lauter Fehler und Irrtümer!

In der Haft wird Jens Söring versuchen, jene Gerechtigkeit, die er vor Gericht nicht fand, mit juristischen Mitteln zurückzuholen. Bislang vergebens. Denn das System schützt offenbar die Reputation seiner Akteure und schätzt Rechtssicherheit - ein Begriff, der in dem Buch nicht vorkommt - als höchsten Wert. Aber er wird ein prominenter Häftling: durch die Bücher, die er schreibt, sowie durch den inneren Weg, den er im Gefängnis schließlich findet. Und hier müsste statt eines Tarantino ein neuer Krzysztof Kieslowski die Regie übernehmen. Denn Sörings Leben kreist in jener längeren Hälfte seines Lebens, die er in den Gefängnissen Virginias verbracht hat, um Schuld, Sühne und Sinn.

Söring wird zum strengen Moralisten

Er reinterpretiert seine Strafe schließlich als Sanktion für das Leid, das er mit seiner Lüge anderen Menschen angetan hat - den Verwandten der Ermordeten, die einen Anspruch auf die Wahrheit gehabt haben, aber auch gegenüber seiner Familie. Das gipfelt darin, dass er den Tod der Mutter als jene Schuld deutet, für die er nun zu Recht büßen muss. Er findet sogar „Trost“ in ihm. Die Strafe soll ihm eine Chance sein, er ist im Gefängnis ein strikt regelkonformer Häftling ohne Fehl und Tadel. Sein penetrantes Selbstbewusstsein zieht er aus der mentalen und intellektuellen Überlegenheit gegenüber seinen Mithäftlingen, und es wird Teil seiner Marketing- und Medienstrategie.

Söring ist im Gefängnis zu einem strengen Moralisten geworden. Er hat beeindruckende psychische Kräfte in sich entfaltet und einen Weg zu Gott gefunden. Beides hat ihn vor dem Irresein und der Verzweiflung gerettet. Zugleich geriert er sich als scharfer Beobachter und polemischer Kritiker des Vollzugssystems, die vergleichende Knastologie wurde jenes Privathobby, das wichtige Passagen seiner Bücher füllt. Diese Mischung zwischen Pitaval, Lebenswegbeichte und aggressiven Anklagen an das amerikanische Justiz- und Strafvollzugswesen ist in seinen Büchern (abgesehen von Dopplungen) nicht immer elegant formuliert, aber sie spiegelt Missstände, mit denen sich politisch kaum jemand beschäftigen will - vermutlich nicht nur in den Vereinigten Staaten.

Keine Chance auf Entlassung

Es gehört zu den großen zivilisatorischen Paradoxen, dass das Gefängnis als der Ort, der die Durchsetzung des Strafrechts in letzter Instanz garantieren soll, ein Ort radikaler Rechtlosigkeit ist. Sörings Schilderungen lassen an Drastik keine Missverständnisse aufkommen. Nichts, was Bürgern an verfassungsmäßigen und gesetzlichen Rechten garantiert ist, lässt sich hier einfordern. Stattdessen herrschen mit bewusster Duldung und aktiver Unterstützung der Anstaltsleitung und vor allem des Vollzugspersonals blanker Terror und entfesselte physische Stärke auf engstem Terrain.

Diese erschreckenden Mängel auf der Ebene des praktischen Vollzugs werden verstärkt durch eine Ideologie der Strafe, die nicht weniger menschenverachtend genannt werden darf. Hinter dem Programm einer systematischen Demütigung stehen konfessionell geprägte, säkularisierte Vorstellungen von Rache. Sie kennt weder Milde noch Vergebung. Als praktische Konsequenz unterscheidet sich das Leben im Gefängnis maximal von der Außenwelt, zu der alle Brücken abgebrochen werden. Dass auch zu lebenslänglicher Haft verurteilte Menschen grundsätzlich eine Chance auf Entlassung haben müssen, wie es in Deutschland eine vom Bundesverfassungsgericht angemahnte Praxis ist, bleibt jedenfalls in Virginia ein frommer Wunsch. Söring präsentiert Zahlen und Fakten, die bekannt sind, aber seine Bildungsromane um Elemente des Sachbuchs erweitern.

Eine fragwürdige Verurteilung

Interessanterweise kann man Sörings anschauliche Beobachtungen über die verheerende Dominanz sozialer Regeln gegenüber dem staatlichen Recht nicht nur im Vollzug, sondern auch an der eigentlichen Schlüsselstelle seines Schicksals finden. Denn die Verurteilung, gegen die er seit mehr als zwei Jahrzehnten ankämpft, ist unter juristisch und ermittlungstechnisch fragwürdigen Umständen erfolgt. Kriminalistisch gesprochen, fokussierte man auf das dünne Geständnis und blendete die Sachbeweise weitgehend aus: die fehlenden Zeugen, die fehlenden Fingerabdrücke, die fehlenden Haare und fehlenden Schuhabdrücke am Tatort. „Die Sache mit diesem Sockenabdruck“, ein fragwürdiger Tatortfund mit zwei Schuhgrößen Differenz, bringt am Ende die schwankende Jury dazu, an die Schuld Sörings zu glauben.

Sehr plausibel vermutet Söring, dass er für die Akteure in Polizei und Justiz der ideale Mittäter war, man hingegen der Version der Tochter aus der lokalen Oberschicht unbedingten Glauben schenken wollte. Und später wollte erst recht niemand der „Bestie von Bedford“, dem „German Monster“, Gehör schenken, obwohl es nun neben einem neuen Zeugen auch den DNA-Beweis gibt und sich unter den zweiundvierzig biologischen Proben aus den alten Akten keine des Verurteilten fand - und das bei einem hoch emotional ausgeführten Messermord!

Die Ungerechtigkeit des Verfahrens ergibt sich somit einerseits aus der fehlenden Möglichkeit, auch bei schwerwiegenden Indizien ein Fehlurteil später zu korrigieren, andererseits der fatalen ursprünglichen Unprofessionalität der Ermittlungen eines Apparats, der soziale Ungleichheit verstärkte und kognitive Voreingenommenheiten beförderte. So gerät Söring in das Paradox des Vollzugs, nämlich dass ihm trotz aller Regeltreue nach der Tat sein Beharren auf seiner ursprünglichen Unschuld schadet, weil es nämlich als fehlende Einsicht interpretiert wird.

Alle seine sieben Gnadengesuche werden abgelehnt, die bereits unterzeichnete Überstellung zum Strafvollzug nach Deutschland zurückgezogen, dem völlig gesetzeskonformen Häftling keine Resozialisierungschance eingeräumt. Anders gesagt: Es ist ein Lehrstück über verweigerte Gerechtigkeit, das viele Facetten hat. Man muss Jens Söring nicht zwingend für unschuldig halten, um das alles zu sehen.

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