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Für immer in Haft – Mörder ohne Schuld?


(von Marie Preuß, Cicero, März 2011, Originalartikel)


Jens Söring hat eigentlich keine Chance. Mehr als die Hälfte seines Lebens sitzt der heute 44-Jährige in amerikanischer Haft. Wenn man ihm glaubt, unschuldig. Und es sind viele, die glauben, dass er das Verbrechen für das er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, nicht begangen hat.


Als sein Unglück begann, war Jens Söring 18 Jahre alt und in Liebe zu Elizabeth Haysom entbrannt. Die Tochter eines Industriellenpaares aus Bedford County in Virginia war zwei Jahre älter, eine eindrucksvolle, attraktive Frau - und hatte ein Drogenproblem. Sie fand Gefallen an dem cleveren deutschen Diplomatensohn mit der großen Hornbrille und dem Hochbegabtenstipendium den sie an der gemeinsamen Eliteuniversität kennen gelernt hatte.

Jens Söring ist eigentlich ein kluger Mann, der aber dazu neigt, sich selbst zu überschätzen. So kam es, dass er vor einem Vierteljahrhundert sein Leben für seine große Liebe aufs Spiel setzte. Es war der 30. März 1985 als Elisabeth Haysoms Eltern in ihrem Haus gefunden wurden. Derek Haysom, 71 Jahre alt und ehemaliger Manager einer Stahlfirma, lag neben dem Kamin, die Kehle bis zu den Nackenwirbeln durchtrennt. In der Küchentür seine Frau Nancy, auch sie in offensichtlich rasender Wut totgestochen.

Am Tag ihrer Ermordung war Söring mit seiner Freundin, so erzählt er es, übers Wochenende nach Washington gefahren. Elisabeth überraschte ihn dort mit dem Geständnis, sie müsse noch einmal weg - für einen Drogendeal. Söring solle mit Kinobesuchen für ein gemeinsames Alibi sorgen. Der wartete nach dem Abend im Kino im Hotelzimmer auf ihre Rückkehr bis spät in die Nacht. Als Elisabeth zurückkam, sei sie verstört gewesen, habe andere Kleidung als am Morgen getragen und immer wieder gestammelt: „Ich habe meine Eltern getötet. Es waren die Drogen. Sie werden mich töten, ich muss auf den elektrischen Stuhl.“

Was folgt, ist eine Geschichte in der sich die beiden Liebenden wie Bonnie und Clyde vorgekommen sein müssen. Jens Söring gibt Elisabeth Haysom damals ein Versprechen, das er halten wird: Er wird sie vor dem elektrischen Stuhl retten. Gemeinsam fliehen sie nach Europa und schlagen sich mit Betrügereien durch. Währenddessen tappt die Polizei im amerikanischen Bedford County Monate im Dunkeln. Dann aber zieht sich die Schlinge zu, ein blutiger Sockenabdruck, der im Verfahren Jens Söring zugeordnet wird, lenkt den Verdacht auf die Tochter des ermordeten Ehepaares und ihren Freund. Etwa ein Jahr nach dem Mord an den Haysoms werden die beiden in London festgenommen. Und Söring macht sein Versprechen wahr: Er hat die verheerende Idee, die Schuld für den Mord auf sich zu nehmen, denn er glaubt, dass ihm der Diplomatenstatus seines Vaters politische Immunität verleihe. Dass die aber nur für Angestellte der Botschaft gilt, ist ihm nicht klar – und bleibt bis heute der folgenschwerste Irrtum seines Lebens, glaubt man seine Version der Geschichte.

Während Elisabeth Haysom zu einer Strafe von zwei Mal 45 Jahren verurteilt wird, droht Jens Söring bei einer Auslieferung in die USA die Hinrichtung. Durch hartnäckige Klagen bis hin zum Europäischen Gerichtshof zwingt er die Vereinigten Staaten, seine drohende Todesstrafe in eine lebenslange Freiheitsstraße umzuwandeln. Das Gerichtsverfahren, das Jens Söring in den USA erwartet, ist aus der Sicht seiner Unterstützer eine Farce. Es wimmelt nur so von Fehlern. Da ist zum Beispiel die Sache mit Richter William Sweeney, der nicht unbefangen an den Prozess herangehen konnte: Seit 40 Jahren war er ein Freund der Familie der Opfer. Sweeney gab gar am Tag des Prozessbeginns ein Interview, in dem er über Söring sagte, der habe „die Herausforderung angenommen“ und das Verbrechen begangen. Sörings Pflichtanwalt, Richard Neaton tat daraufhin nichts. Nachweislich beging er weitere so schwere Fehler während des Verfahrens, dass ihm später die Lizenz entzogen wurde.

Was erst nach dem Gerichtsverfahren an die Öffentlichkeit kam: Nancy Haysom soll, so sagten 1987 sowohl Tochter Elizabeth also auch die engste Freundin der Mutter aus, ihre Tochter mit dem Wissen des Vaters Derek Haysom in ihrer Jugend sexuell missbraucht haben. Jens Sörings Anwalt ließ das Thema beim Verfahren außen vor und verzichtete darauf, Beweisfotos, die es gab, zu veröffentlichen. Der Jury, die Jens Söring verurteilte, wurde niemals ein nachvollziehbares Motiv für den Elternmord an den Haysoms genannt. Jens Söring dagegen hatte die Eltern des Mädchens nur ein einziges Mal getroffen – zum Mittagessen, zwei Monate vor ihrer Ermordung. Die Theorie des Staates Virginia, dass Elisabeth die Morde geplant hatte und der ihr Verfallene Jens Söring sie ausführte, glaubte selbst der Halbbruder der jungen Frau nicht. Howard Haysom sagte damals aus: “Ich denke, sie hat mich in der Vergangenheit belogen. Und offen gesagt, lügt sie immer noch. Ich glaube, dass Elizabeth zur Tatzeit im Haus war.“ Das aber bestritt Elisabeth Haysom und bestreitet es bis heute. Denn das ist Ihre einzige Chance auf Begnadigung.

Die Jury überzeugte am Ende vor allem ein blutiger Sockenabdruck im Haus der Haysoms, der vor Gericht Söring zugeordnet wurde. Erst Jahre später bewies eine wissenschaftliche Studie, dass der blutige Abdruck am Tatort zu klein für den Fuß des Verurteilten war. Zu spät. Längst war Jens Söring rechtskräftig verurteilt worden. Vor allem die amerikanische Öffentlichkeit sieht es so: Einmal rechtskräftig verurteilt, immer schuldig. Es gibt eigentlich keinen denkbaren Grund, das Verfahren noch einmal aufzurollen. Außer diesem: 2005 wurden drei irrtümlich wegen Vergewaltigung verurteilte Männer nach erneuten DNA-Tests frei gelassen. Danach überprüfte die amerikanische Justiz weitere 534.000 Akten aus den Jahren 1973 bis 1988. Das Ergebnis: In etwa 800 Fällen wurde tatsächlich die DNA der Verurteilten gefunden. 68 Akten aber geben seitdem Rätsel auf. Die vorhandene DNA von den Tatorten stimmt nicht mit der der vermeintlich Schuldigen überein. Darunter ist auch die Akte von Jens Söring. Von 42 Blutspuren in Jens Sörings Akte konnte keine einzige ihm zugeordnet werden.

Diese neuen Fakten wären nun die eine Möglichkeit gewesen, seinen Fall wieder aufrollen zu lassen. Aber die Chance ist vertan. Denn Söring verzichtete auf die Überprüfung seiner DNA-Ergebnisse. Der Grund: Er hatte zu diesem Zeitpunkt große Hoffnung auf seine Freilassung. Der damalige demokratische Gouverneur Timothy M. Kaine hatte Sörings Unterstützern in den letzten Tagen seiner Amtszeit die mündliche Zusage erteilt, man werde seine beantragte Haftüberstellung nach Deutschland genehmigen. Der republikanische Nachfolger aber, Robert McDonnell nahm das Versprechen zurück – am Tag seines Amtsantritts. Söring erfuhr davon am 7. Juli 2010. Er saß auf seiner Pritsche als sich sein Mithäftling von seinem Bett herunterbeugte und bemerkte, Söring sei im Fensehen. „Es fühlte sich an als würde ich sterben“ sagte er über den Moment in einem Interview mit der Roanake Times. So zerfiel Jens Sörings Welt wieder einmal in Trümmer. Nicht zum ersten Mal dachte er über Selbstmord nach.

Heute aber hat Söring zu alter Kraft zurück gefunden. Er nutzt die Chance, die er nicht hat. Schreibt Briefe, Newsletter koordiniert seine Pressearbeit, lässt Facebook- und Internetseite von Unterstützern pflegen, gibt Interviews. Er will im Gespräch bleiben, den Druck auf die Behörden aufrechterhalten. Die größte Gefahr ist, dass er hinter den Mauern des Buckingham Correctional Center vergessen wird. Vielleicht schafft er es, bei einer der kommenden Anhörungen begnadigt zu werden, vielleicht wird er eines Tages auf Bewährung freikommen und endlich nach Deutschland abgeschoben werden. Die Aussicht auf Erfolg ist minimal. Das sagen alle Unterstützer, Anwälte, Freunde und Experten.

Jens Söring lenkt sich mit seinem verzweifelten Kampf von seiner Existenz hinter Gittern ab. Ein Leben sei das schon lange nicht mehr, sagt er. Und so schreibt Jens Söring, jeden Tag. Bei Facebook, wo seine Helfer die mühsam abgetippten Briefe veröffentlichen, erklärt er sich, dankt seinen Helfern, seinen Lesern und seinen Kritikern. Er argumentiert, mal höflich, mal überzeugend, mal ungeduldig. Jens Söring kann seine Verteidigungslinie im Schlaf herunterbeten, er hat die Argumente schon hunderte Male aufgeschrieben. Er steht wieder vor der Jury, die ihn verurteilt hat. Jeden Tag. Und am Ende hat er die Leser da draußen meistens auf seiner Seite. Aber das nützt ihm nichts.
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