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Vom Buddhisten zum Papisten - Die Bekehrung eines Strafgefangenen


(von Jens Söring)


Sind Sie bereit für die wahrlich wilde Geschichte einer Bekehrung? Wie wäre es damit: Vom buddhistischen Wunderkind und Diplomatensohn zum katholischen Autor und Gefängnisinsassen, auf dem Weg über Dietrich Bonhoeffer und Thomas Keating? Wenn Sie sich dieser spirituellen Achterbahn gewachsen fühlen, lehnen Sie sich zurück, schnallen Sie sich an und folgen Sie mir nach...


Bangkok, Thailand, wo ich 1966 das Licht der Welt erblickte. Mein Vater, ein westdeutscher Diplomat, arbeitete an der deutschen Botschaft, und nachdem weder er noch meine Mutter jemals einer christlichen Kirche angehört hatten, machten sie ihren neugeborenen Sohn mit institutioneller Religion bekannt, indem sie ihn zum örtlichen Tempel brachten und orange gekleidete Mönche für ihn beten und singen ließen. Es war aber nicht nur der buddhistische Geist, der mich im Land des Lächelns erfasste: Nur ein Jahr später verstarb auf der anderen Seite der Stadt in einem Hotelzimmer Thomas Merton, der berühmte Mönch und Mystiker, Autor von "Seven Storey Mountain" und "Seeds of Contemplation", und ich zweifle nicht daran, dass seine scheidende Seele der meinen einen Schubs in die richtige Richtung gab, ehe sie heim zu ihrem Ursprung eilte.

Kurz nach dieser flüchtigen spirituellen Begebenheit wurde mein Vater nach Zypern versetzt - den Schauplatz der Missionsreise des Paulus (Apostelgeschichte des Lukas 13, 4-12). Natürlich war mir damals nicht bewusst, dass der Boden, auf dem ich ging, zweitausend Jahre zuvor die ersten christlichen Heiligen getragen hatte; aber wer könnte behaupten, dass der Strand von Paphos keine Spuren auf meiner kindlichen Seele hinterließ, so wie meine kleinen Füße Spuren im Sand? Ist es nicht das, worauf wir hoffen, wenn wir uns auf eine Pilgerfahrt ins Heilige Land begeben?

Einige Jahre später zog unsere Familie neuerlich um, diesmal nach Bonn, dem Sitz des Auswärtigen Amtes. Um meinen Bruder und mich mit unserer Herkunft vertraut zu machen, brachten uns meine Eltern in jedes Museum, in jede Burgruine und in jede Kirche, in deren Nähe wir vorbeikamen, sodass ich buchstäblich Dutzende der schönsten romanischen, gotischen, barocken und Rokoko-Kirchen Europas erlebte. Obwohl wir an keinem einzigen Gottesdienst teilnahmen, fühle ich nahezu drei Jahrzehnte danach immer noch die Ehrfurcht, die diese Gebäude aus emporragendem Stein und Licht in mir auslösten. Unser Zeitalter hat die geheime Fähigkeit verloren, den Blick der Seele durch sakrale Architektur empor zu Gott zu leiten, aber über die Distanz vieler Jahrhunderte gewährten mir die mittelalterlichen Baumeister einen ersten Blick auf die sichtbare Kirche, auf das Prinzip der Sakramente.

An meinem elften Geburtstag wurde mein Vater ins westdeutsche Generalkonsulat in Atlanta, Georgia, versetzt, wo mich ein Hotelfernseher mir der amerikanischen Kultur vertraut machte: "Ein Käfig voller Helden", Ringkämpfe (Ric Flair gegen Häuptling Edward "Wahoo" McDaniel) und Hochwürden Ernest Angeley, der mich aufforderte, meine "Hand auf den Bildschirm" zu legen und "Baaaaaaby Jesus" zu sagen. Irgendwie widerstand ich den Versuchen des bedauernswerten Ernest, mich zu bekehren, ebenso wie der sanften Stimme des jungen Priesters an der ruinös teuren Episcopalen Highschool, in die mich meine Eltern schickten. Am Mittwoch mussten alle Schüler zu Gottesdienst was bedeutete, dass wir Krawatten tragen und fünfzig Minuten lang stillsitzen mussten - vermutlich das wirksamste legale Mittel, um Kinder zu Heiden zu erziehen. Bei mir jedenfalls war dies erfolgreich, und als ich mit 15 buddhistische Bücher zu lesen begann, hatte ich sogar eine positive Alternative zum wöchentlichen Dösen beim Schulgottesdienst.

In diesen Jahren wurde meine spirituelle Entwicklung durch einen intellektuellen Wachstumsschub behindert, der es mir zu leicht machte, ausgezeichnete Schulnoten zu bekommen, preisgekrönte Artikel für unsere Schulzeitung zu verfassen, in zwei Rockbands Gitarre zu spielen, an den Schauspielkursen teilzunehmen und meine Mitschüler auf etlichen anderen Gebieten zu übertreffen. Wenn ich aus eigener Kraft derartig erfolgreich war, wozu dann Religion? Und wie könnte irgendjemand von wenigstens durchschnittlicher Intelligenz ernsthaft daran glauben, dass vor zweitausend Jahren ein jüdischer Revolutionär über Wasser ging und von den Toten auferstand? Ich war für solche Dinge viel zu klug.

Doch der Buddhismus entsprach meinen hohen Ansprüchen. Hier fand ich subtile und plausible Antworten auf philosophische Fragen wie das Problem des Bösen, ohne dass von mir erwartet wurde, an kindische Wundergeschichten zu glauben. Mehr noch, der Buddha hatte versprochen, dass das Nirvana, die Befreiung von der Gefangenschaft der Wiedergeburt, aus eigener Kraft möglich sei. Und - am faszinierendsten: Mein sonst unbezwingbarer Verstand scheiterte allen Ernstes daran, Koans zu begreifen, die für die Meditation genutzten Paradoxa des Zen. So musste doch etwas an diesen buddhistischen Dingen dran sein, nicht wahr?

Als das Datum meines Schulabschlusses näher rückte, gewährte mir eine der zehn führenden Universitäten des Landes ein Stipendium, das nicht nur die Studiengebühren abdeckte, sondern auch für Miete, Nahrung und sogar ein Taschengeld aufkam. Das buddhistische Wunderkind hatte es geschafft, wie es schien. Doch weniger als zwei Jahre darauf, am 30. April 1986, wurde ich wegen Doppelmords verhaftet und gelangte in den Bauch der Bestie: das Gerichts- und Gefängnissystem.

Ich will Sie hier nicht mit meinem Prozess, meinen Berufungen und meiner Inhaftierung langweilen; diese Geschichte habe ich an anderer Stelle erzählt und meine weiteren rechtlichen Schwierigkeiten hatten jedenfalls keinen unmittelbaren Einfluss auf meine religiöse Einstellung. Ich betrachtete mich weiterhin als Buddhist, obwohl ich keinen Kontakt mit anderen Gläubigen hatte und sich die Ausübung meines Glaubens auf eine kontinuierlichen Bücherzufuhr und auf gelegentliche Meditationsversuche beschränkte.

Erst im Herbst 1994 hatte ich meinen großen Wendepunkt erreichte: die Bekehrung zum (wenn auch noch nicht katholischen) Christentum, veranlasst durch Papst Johannes Paul II. und die NASA. In jenem Sommer hatte der Heilige Vater den Katholiken verboten, den Film "Die letzte Versuchung Christi" anzusehen - mit vorhersehbarem Ergebnis, zumindest in meinem Fall. Nachdem ich kein Kino besuchen konnte, bestellte ich sofort die Vorlage zum Film, den Roman von Nikos Katzantzakis und diese Seiten brachten eine überraschende Entdeckung: einen (fiktiven) Jesus, den ich nicht nur mochte, sondern in den ich mich hineinversetzen konnte und den ich sogar bewunderte: Das war nicht der rührselige Schwächling, den ich vom Schulgottesdienst kannte, sondern ein komplexes menschliches Wesen, das litt und zweifelte und mit seinem Schicksal rang, ebenso wie ich litt, zweifelte und mit dem meinen rang. Konnte diese Religion, gegründet auf sein Leben und sein Sterben, doch eine Bedeutung für mich haben?

Ich begann das Neue Testament zum ersten Mal in meinem Leben bewusst und freiwillig zu lesen, und nach einer unschlüssigen Auseinandersetzung mit den synoptischen Evangelien verliebte ich mich schier in das Johannesevangelium. Gerade ein Vers berührte das Innerste meines Seins und ließ mich beinahe in Tränen ausbrechen: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." (Johannes 15, 13) Gleich eines übernatürlich hellen Lichtes erleuchtete dieser Satz die grausame Dunkelheit in meinem Leben, trug seinen Sinn empor, ohne aber dabei die traurige Wirklichkeit zu lindern. Noch heute nimmt es mir den Atem, diese Passage zu lesen.

Was meine Bekehrung vollendete waren diese ersten großartigen Fotos des Hubble-Weltraumteleskops, die zu dieser Zeit in den Medien veröffentlicht wurden. Unter dem Eindruck der Spiralen der Galaxien rund um ihre geheimnisvollen, schimmernden Mitten erlebte ich eine Art von Erleuchtung: Sowohl die physische Gewalt der Schwerkraft, die diesen Sternen ihre Bahn wies, wie auch die menschliche Regung der Liebe sind Ausprägungen von Anziehungskraft - von Liebe! Schließlich könnte man sagen, dass Elektronen die Kerne, um die sie kreisen, ebenso lieben wie Sonnenblumen die Sonne, deren Bahn sie mit ihren Blüten folgen. Ob es das ist, was das Neue Testament mit den Worten "Gott ist Liebe" und "Denn in ihm leben, weben und sind wir" (1 Johannes 4, 16; Apostelgeschichte des Lukas 17, 28) meint? Erlebte der Psalmist dasselbe als er schrieb, "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" (Psalter 19, 1)?

Mein zögerndes "Ja" veranlasste mich, Hochwürden Beverly R. Cosby zu kontaktieren - eines seiner Gemeindemitglieder besuchte mich zu dieser Zeit regelmäßig. Bev war der Bruder Hochwürden Gordon Cosbys, des Gründers der Washingtoner Erlöserkirche, bekannt durch Elizabeth O'Connors Bücher.  Was mich an Bev beeindruckte war seine bedingungslose Hingabe an die Integration des inneren und äußeren Weges, die mir am besten dem Vorbild Christi zu entsprechen schien: Mitglieder seiner Gemeinde verbrachten nicht nur eine Stunde täglich in stillem Gebet sondern wendeten auch viel Zeit und Geld für die Menschen am Rande der Gesellschaft auf. Diese Kombination des Spirituellen mit dem Praktischen  brachte der Stadt in den 1960-er-Jahren das erste Schwimmbad und das erste Sommerlager ohne Rassentrennung, daneben Sozialwohnungen für Dutzende armer Familien, ein AIDS-Hospiz und buchstäblich ein Dutzend weiterer Dienste – alles mit nur mit einer Handvoll Leute.

Bei den Büchern, die für diese Menschen am wichtigsten waren, handelte es sich neben der Bibel um Dietrich Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“, um Henri  Nouwens Texte (er war ein persönlicher Freund Bevs), sowie um Pfarrer Thomas Keatings Werke über Centering Prayer. Es waren genau diese Bücher, mit denen ich meine Entwicklung zum Christ begann und während der folgenden sechs Jahre las ich gierig alles von Flavius Josephus bis Bultmann. Leider hatte ich, da ich in einem Hochsicherheitstrakt untergebracht war, während all dieser Zeit keinerlei Möglichkeit, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Meine Möglichkeiten, meinen neuen Glauben auszuüben, erschöpften sich darin, zweimal am Tag in der Bibel zu lesen und zu beten und jeden Monat  einen Teil meines Arbeitseinkommens der Hilfsorganisation Feed the Children zu spenden.

Dennoch leitete mich der Heilige Geist in meinen Studien an. So wurde mir beispielsweise sehr bald klar, dass ich die ausführlichen Kommentare praktisch aller protestantischer Bibelausgaben, die ich kaufte oder die mir gebracht wurden, einfach nicht schlucken konnte; unausweichlich bestanden sie darauf, dass die Genesis wörtlich zu verstehen sei, oder dass Petrus den ihm zugeschriebenen zweiten Brief persönlich verfasst habe – und auf vieles ähnlich Unglaubwürdiges. Um 1997 herum kam ich schließlich in den Besitz einer katholischen Bibelausgabe, der in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Bischofskonferenz übersetzten New American Bible – und ich frohlockte! Hier gab es endlich einen Kommentar, mit dem ein denkender Mensch  etwas anfangen konnte und aus dem er bei jedem Blick in die Bibel etwas lernen konnte. Warum nur waren „meine“ Leute – Bevs Leute, die Protestanten – nicht in der Lage, etwas Vergleichbares zu produzieren?

In der Zwischenzeit verschlang ich diese enorm dicken Bibelkommentare, die den Evangelikalen so viel bedeuten, auch wenn ich mich vor allem auf solche konzentrierte, die vermutlich überdurchschnittlich wissenschaftlich und „liberal“ waren. Nichtsdestoweniger konnte kein einziger von ihnen mit dem allerersten riesengroßen Kommentar mithalten – den einen, von dem ich mich nicht trennen konnte: New St. Jerome's Commentary. Sie stieg einfach tiefer in den Text und bot – anders als die protestantischen Werke – antike und mittelalterliche Exegesen. Gerade diese waren für mich eine gewaltige Überraschung: Bis zu diesem Tage waren mir die Gedanken der Kirchenlehrer Hieronymus, Augustinus von Hippo und Thomas von Aquin nie begegnet, und so konnte ich nicht wissen, dass sie ein Lehrgebäude christlicher Philosophie errichtet hatten, das mindestens so hochentwickelt und geschlossen war wie das der Buddhisten, die ich von meiner Jugend an bewundert hatte. Unfassbar, dass ich New St. Jerome's Commentary nur deshalb gekauft hatte, weil sie im Sonderangebot gewesen war!

Viele der Theologen, deren Bücher ich las, waren europäische Protestanten, doch während sie meinen Appetit auf das Hoch- (und womöglich Pseudo-) Intellektuelle bedienten, konfrontierten sie mich mit einem neuen Problem: Christus war verschwunden! Zu dem Zeitpunkt, an dem die Tübinger Schule mit dem Neuen Testament fertig war, war sie kaum noch zum Eingeständnis bereit, dass der historische Jesus existiert hatte, umso weniger als Eingeborener Sohn Gottes – schließlich gab es ja keine unabhängigen historischen Belege seines Lebens, sieht man von der einen Erwähnung bei Tacitus ab. Wenn aber Jesus wirklich nicht mehr als ein Wanderprediger war, dessen Leiche aus dem Grab gestohlen wurde, warum gingen seine Jünger in den folgenden Jahrzehnten dann freiwillig für ihn in den Tod? Und wäre ein intelligenter, gebildeter Mann wie Paulus derartig nachhaltig auf einen von elf führerlosen Dummköpfen veranstalteten religiösen Schwindel hereinfallen?

Wenn nun aber Bultmann und die protestantische Theologie sich in eine philosophische Sackgasse manövriert hatten, wer konnte mir dann schlüssig, für die Vernunft annehmbar erklären, wer Jesus „wirklich“ gewesen war? Pfarrer Oscar Lukefahr und seine beiden entzückenden kleinen Bücher The Privilege of Being Catholic (Vom Privileg, Katholik zu sein) und We Believe… („Wir glauben…“) konnten es. Sie machten mich mit den Sakramenten vertraut, deren Urgrund in der Menschwerdung liegt und mit der Art und Weise, wie die sieben Sakramente in der Heiligen Schrift begründet sind. Selbst wenn ich von meinem protestantischen „Sola Scriptura“ ausging, musste ich eingestehen, dass die Katholiken letztlich „fundamentalistischer“ waren – näher am Text – als die meisten konservativen Evangelikalen. Insbesondere die Realpräsenz erschien mir nicht vernünftig angreifbar: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag“ (Johannes 6, 54), während Kekse und Rebensaft überhaupt nichts bringen. Als nächstes erlag ich der philosophischen Überzeugungskraft der katholischen Lehrmeinung, etwa der Sicht, dass Taten die Früchte des Glaubens sein müssen – Bev Cosbys innerer und äußerer Weg in einer anderen Aufmachung. Und schließlich ließ mich Pfarrer Lukefahr die logische Konsistenz der katholischen Soziallehre sehen, die sowohl Abtreibung als auch die Todesstrafe als Aspekte der von Johannes Paul II. gebrandmarkten  „Kultur des Todes“ verurteilte; im Gegensatz dazu sind Protestanten in Abhängigkeit von ihrer jeweiligen politischen Einstellung entweder Befürworter der Abtreibung und Gegner der Todesstrafe – oder umgekehrt. Wie dem auch sei, da ich weiterhin keinerlei Zugang zu Gottesdiensten hatte, sah ich noch keine Notwendigkeit, mich konfessionell festzulegen.

So fuhr ich damit fort, theologische Werke zu lesen und zweimal täglich zu beten, bis ich – im Winter 1999/2000 – am Ende war. Am Ende wovon, das in Worte zu fassen fällt mir schwer… Was ich aber sagen kann ist, dass meine innere Kraft, die mich all den Jahre in Gefangenschaft aufrecht erhalten hatte, zuletzt doch erloschen war. Vielleicht war es nicht mehr als das Zusammenwirken einzelner Qualen: Zweimal war mir von Mithäftlingen der Arm gebrochen worden, drei Jahre hatte ich unter der Todesdrohung einer bevorstehenden Hinrichtung gestanden, einmal war ich von einem anderen Häftling beinahe vergewaltigt worden, und nicht zuletzt hatte ich vom Tod meiner Mutter durch ihren Alkoholkonsum gehört – um nur einige Beispiele zu nennen. Vielleicht hatte mich Gott schließlich an einen Punkt gebracht, an dem ich mich selber gehen lassen musste.

Lernen, sich selbst fallen zu lassen – seine körperlichen Bedürfnisse, seine emotionalen Sehnsüchte, seinen intellektuellen Stolz – und sich in Stille dem Allmächtigen  zu öffnen; genau so würde man Centering Prayer beschreiben. Jahre zuvor hatte mir Bev Cosby eine der Broschüren des Priesters Thomas Keating zukommen lassen, in der jener diese spirituelle Disziplin beschrieb –  im Grunde eine Neubelebung unserer jahrhundertealten, aber weitgehend in Vergessenheit geratenen katholischen Tradition kontemplativen Betens – und jetzt, in dieser tiefen Lebenskrise, flatterte diese gelbe Broschüre irgendwie aus meinem Bücherstapel geradewegs in meine Hände.

Ich erinnerte mich daran, dass Bev gelegentlich erwähnt hatte, dass es Centering Prayer – und nur das – war, was ihm diese unglaublich tiefe, stille Energie verlieh, mit der er so unbeirrt den Hilfebedürftigen und Obdachlosen, den Trinkern und Hoffnungslosen half. Wenn tatsächlich darin das Geheimnis der Haltung meines Mentors lag, war es vermutlich auch für mich an der Zeit, Centering Prayer eine Chance zu geben; denn dass mein Verstand alleine mich nicht aus der seelischen Dunkelheit, in der ich mich verloren fand, befreien konnte stand jedenfalls fest.

Und so trat ich eine wundersame Reise an, die bis zum heutigen Tage währt: Ich lernte eine neue Art kennen, mit Gott und der Schöpfung in Verbindung zu treten, einer Art, die ohne Worte auskommt und die nicht an den Verstand herantritt, sondern die auf einer feinen inneren Stille beruht, mit der der Geist in mich einfließt sowie ich in ihn einfließe. Diese Reise war zeitweise beschwerlich – Centering Prayer ist bestimmt nichts für den Ungeduldigen – aber sie begann rasch, mein Leben zu verändern. Als einige Monate später mit einem Gummigeschoß auf mich geschossen wurde – der Wärter hatte auf einen anderen Häftling gezielt – war meine erste Reaktion, mich zur stillen Einkehr niederzusetzen, und Einkehr war es, die mir letztendlich half, sogar in diesem traumatischen Erlebnis etwas Gottgegebenes und daher Gutes zu erkennen.

Kurz nachdem ich als Unbeteiligter angeschossen worden war, genehmigte das Justizministerium schließlich meine Verlegung weg aus dem Hochsicherheitstrakt, sodass mir zum ersten Mal die Teilnahme an Gottesdiensten offen stand. Da die Baptisten dreimal pro Woche kamen, der katholische Priester aber nur einmal im Monat, durchlief ich eine Phase kirchenliedsingenden Händeklatschens, die ich zu dieser Zeit sehr genoss, aber die mir aber schlussendlich nur klarmachte, dass eine Messe durch einen geweihten Priester wichtig war. Der „Musikbeauftragte“ der Baptisten war ein älterer schwarzer Häftling, der die gelungenste Sam Cook-Imitation, die ich jemals gehört hatte, zum Besten gab. Mit der Zeit wurde mir dennoch klar, dass es nur die Herzen unserer Gemeinde waren, die er erreichte, nicht den Verstand oder die Seelen. Vom Glauben ergriffen zu sein doch nicht nur eine emotionale Reaktion auf gut gemachte Kirchenmusik sein, die religiöse Ausgabe der Ekstase, in die sich Jugendliche auf Popkonzerten hineinsteigern!

Hochwürden Leos seltene Messen von stiller Schönheit schienen dem zu entsprechen. Auch er war während seiner Gottesdienste vom Gelauben ergriffen – aber von einem sehr friedlichen, sanft begeisterten Glauben, der viel eher dem Geist entsprach, der mich jeden Tag bei meinen Centering Prayer-Gebeten bergleitete. Sein Gott, gleich dem Gott Elijas auf dem Berg Sinai, zeigte sich als „ein sanftes, leises Säuseln“ (1 Könige 19, 12).

Eine andere Sache ergriff mich an Hochwürden Leos Anwesenheit zutiefst, war er doch der erste katholische Priester, dem ich persönlich begegnete: Er verkörperte eine direkte, lückenlose, physische Linie bis hin zu Jesus selbst. Der Sohn Gottes hatte seinen Geist an elf Männer weitergegeben die ihrerseits andere Männer geweiht hatten, die – über unzählige Mittelsleute – Hochwürden Leo geweiht hatten. Für mich war das eine atemberaubende Erkenntnis. Vater Leo war tatsächlich ein Gesandter, ein sichtbares Zeichen von Gottes Gnade und ihm war es gegeben, diese Gnade durch Christus zu übertragen. So sehr ich Bev Cosby verehrte, und so sehr ich von seiner Gottesnähe überzeugt war, war er doch nur ein gewöhnlicher Mensch, der in seinen Gottesdiensten vielleicht erleuchtet war, der aber keinesfalls den Anspruch erheben konnte, offiziell eingesetzt worden zu sein.

Im Januar 2001, etwa sechs Monate nach meiner Verlegung aus dem Hochsicherheitstrakt und nach meinen Treffen mit den den Baptisten und mit Hochwürden Leo, wies der Oberste Gerichtshof meinen Berufungsantrag unwiderruflich ab, ohne auch nur eine mündliche Verhandlung einzuberufen. Es war das für mich ein unfassbarer Schock, weil ich genau wusste, dass ich ebenso wenig des Doppelmords schuldig war wie Joseph der Vergewaltigung seiner Gattin Potiphars. In den vergangenen fünfzehn Jahren hatte ich die Verzweiflung mit der Gewissheit in Schach gehalten, dass mir „das beste Justizsystem der Welt“ schlussendlich Gerechtigkeit widerfahren lassen würde, dass mein Namen reingewaschen würde und ich nach Deutschland zurückkehren könnte – doch diese Hoffnung war nun begraben, diese Täuschung nun vorbei.

Meine Reaktion auf diese Verurteilung zum lebenden Toten (Lebenslang ohne Hoffnung auf vorzeitige Entlassung) war etwas, das ich als eine Gnade Gottes betrachte: Ich begann damit, ein Buch zu schreiben, das derzeit veröffentlicht wird. Unter dem Titel „The Way of the Prisoner – Breaking the Chains of Self through Centering Prayer“ („Der Weg des Gefangenen –Centering Prayer sprengt die Ketten des Selbst“) geht es davon aus, dass jeder von uns auf die eine oder andere Weise gefangen ist, sei es durch eine Krankheit, durch ein seelisches Trauma oder in einem „echten“ Gefängnis. Manchmal werden wir von unserem Kreuz erst im Tode erlöst.

Und dennoch sind wir in der Lage, uns genuin zu befreien, während wir uns auf dem Weg zu unserem eigenen, persönlichen Golgatha, dem Kreuzweg, so unendlich abmühen – uns zu befreien, indem wir uns von unserem Selbst lösen, von dieser drängenden inneren Stimme, die immer wieder „ich, ich, ich“ ruft, die so bitter ihr unverdientes Leid klagt. In der „Nachfolge Christi“ schreibt Thomas von Kempen, dass ein Mensch, je mehr er auf weltliche Dinge verzichtet, je vollkommener er in der Überwindung des Selbst stirbt, umso früher Erlösung finden wird und dass seine Seele, von der Welt befreit, umso näher zu Gott emporsteigt. Und das Wunderbare an dieser Wahrheit ist, dass sie sich nicht auf die Ebene der religiösen Empfindung beschränken muss, sondern dass sie sich mit einer spirituellen Disziplin praktisch umsetzen lässt, die sogar ein einfacher Sträfling wie ich erlernen kann: Centering Prayer, Kontemplation.

In meinem Buch stelle ich dem Leser knapp ein Dutzend klassische Lehrtexte unserer Überlieferung  vor – von der „Vita Antonii“, dem Leben des Heiligen Antonius aus dem vierten Jahrhundert, über „Die Wolke des Nichtwissens“ aus dem 14. Jahrhundert bis hin zu Hochwürden Thomas Keatings „Open Mind, Open Heart“ – und lehre einige sehr nützliche (und theologisch einwandfreie) Techniken seelischer Stille, die mir in meinen Jahren als Buddhist begegnet waren. All meine persönlichen Erfahrungen wie auch diese „Anleitungen“ zu Centering Prayer sind – genauso wie  die filmreife Geschichte meiner Verurteilung – verpackt in meinem Buch. Das Schlusskapitel des Buchs schildert die Stadien meiner Gefangenschaft und zeigt so, dass jedermann den Geist der Kontemplation auf seine oder ihre Lebensprobleme oder Gefangenschaften anwenden kann – und wie er sie, indem er das tut, überwindet.

Was mich Centering Prayer gelehrt hat – und meine Leser lehren kann – ist, dass unsere Gefangenschaften Hilfsmittel der göttlichen Gnade sein können. Hochwürden Thomas Merton, der große Mystiker, dessen Lebensweg den meinen in meinem Geburtsjahr beinahe gekreuzt hätte, schrieb einmal in einem Gedicht: „Das Leben ist einfach / Wir leben in einer absolut durchsichtigen Welt / und Gott scheint ständig durch sie hindurch. / … / Gott zeigt Gottselbst wo immer / worin immer / in Menschen und Dingen, in Natur und Begebenheiten“ – und sogar in unserem Leid, in unseren Ketten. Christus selbst wusste das gut; nur am Kreuze war es möglich, uns zu zeigen, wie göttliche, selbstlose, selbstauflösende Liebe umgesetzt wird.

The Way of the Prisoner zu schreiben – die Gnade des kontemplativen Gebets an meine Leser weiterzureichen und am Rande einige der Probleme zu beleuchten, die auf zwei Millionen amerikanischen Häftlingen lasten – half meine Seele vom tödlichen Schlag zu gesunden, den ihr der Oberste Gerichtshof versetzt hatte. Ich brauchte elf Monate, um die Rohfassung fertig zu stellen; in dieser Zeit versuchte mich der Teufel auf jede erdenkliche Art: Nach der Hälfte der Arbeit verlor ich meinen Vater, und als das Manuskript im Januar 2002 vollendet war, starb auch noch Bev Cosby. Doch selbst in dieser dunklen Zeit wirkte Gottes Gnade und begann, mich in eine neue Familie einzubetten.

Einerseits gewann ich mit den Vorausexemplaren meines Buchs neue Freunde – einschließlich einer erstaunlich hohen Zahl fest überzeugter und zutiefst spiritueller Episkopaler, also Angehöriger genau desjenigen Personenkreises, aus dem mein Schulkaplan die Gastredner für unseren Gottesdienst rekrutieren hätte sollen. Andererseits erhielt ich während einer Messe, die ich im Juli 2001 besuchte, den letzten Anstoß dazu, zum Katholizismus überzutreten.

Hochwürden Leo hatte es Protestanten wie mir nicht erlaubt, die Kommunion zu empfangen, doch als er infolge eines fürchterlichen Autounfalls nicht in der Lage war, zu kommen, sandte uns Bischof Sullivan einen pensionierten Priester, der die Ausnahmen beachtete, die das kanonische Recht zuließ. Vor unseren Fenstern sahen wir die Blitze eines Sommergewitters über den Himmel zucken, und der Donner erschütterte die festen Mauern, die uns umgaben – und doch war die Erschütterung des mächtigen Donners nichts im Vergleich zu jener, die von mir Besitz ergriff, als ich zum ersten Mal den Leib und das Blut unseres Herrn empfing. Gedanklich war ich schon seit Jahren von der realen Präsenz Gottes überzeugt gewesen, doch jetzt erlebte ich sie auch als tiefgreifende spirituelle und körperliche Wirklichkeit, sie drang bis zum Grund meiner Seele. Diese Messe veränderte mein ganzes Leben. Im Anschluss ging ich gerade so lang ins Freie, wie der Regen brauchte, um die Tränen zu tarnen, die ich nicht länger zurückhalten konnte; danach kehrte ich zurück, um schluchzend meinen Dank dem Geistlichen auszusprechen, der mich vermutlich für seelisch krank hielt.

Zum folgenden Osterfest wurde ich von der Einen, Heiligen und Apostolischen Kirche gefirmt.
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