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Geliebt, gelogen, lebenslänglich
(von Fabian Schmidt, Eßlinger Zeitung, 29.05.2017, Link)
 

Jens Söring ist seit 31 Jahren wegen einer Lüge in US-Haft

Der Deutsche Jens Söring könnte wegen eines falschen Geständnisses im Gefängnis sterben. Die Fakten sprechen für ihn, aber die US-amerikanische Justiz sieht das anders. "Ich bereue meine Lüge nicht“, schreibt er uns per Brief.

Dillwyn/Tübingen/München – Es ist der 7. Februar dieses Jahres. Jens Söring sitzt im Buckingham Correctional Center in Dillwyn in Virginia und schreibt #gEZnoch. Vielleicht steht er auch. Jedenfalls ist es ein außerordentlich warmer Dienstag im Februar, bis auf 24 Grad Celsius klettert das Thermometer hinauf. Für Jens Söring spielt das wohl keine allzu große Rolle. Er hätte die acht Din-A4-Seiten an die Eßlinger Zeitung gewiss auch bei Minusgraden aufgesetzt.

Vier Briefmarken zieren den Umschlag, in dem sie stecken, „USA forever“ steht auf zweien. Handgeschrieben sind die Blätter. Er ist darin geübt. Schließlich schreibt er seit mehr als 31 Jahren fast ausschließlich handschriftliche Briefe. Denn in den US-amerikanischen Gefängnissen hat er seltenst Zugang zu einer Schreibmaschine. Er sitzt seit 1986 wegen Doppelmordes ein (das Urteil fällt 1990) – und das wegen einer Lüge, wie er seit Jahren beteuert. Wegen eines falschen Geständnisses, das er abgelegt hat, um das Leben seiner Freundin zu retten, und in der falschen Annahme, der Diplomatenstatus seines Vaters würde ihm schon helfen.

„Die allermeisten Lügen dienen dem eigenen Vorteil, wohingegen meine Lüge dazu diente, das Leben meiner Freundin vor der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl zu schützen“, schreibt er in dem Brief an uns und ergänzt: „Deshalb schäme ich mich auch nicht meiner Lüge, und ich bereue sie nicht.“ Er sei vielmehr stolz, nicht den „Fehler“ gemacht zu haben, „der Polizei und Staatsanwaltschaft dabei zu helfen, meine Freundin im elektrischen Stuhl qualvoll zu Tode zu braten“. Und das obwohl er seit mehr als drei Jahrzehnten einsitzt – für einen Doppelmord, der anders abgelaufen sein muss, als das Gerichtsurteil sagt. Das zeigen neue DNA-Spuren des vergangenen Jahres, wie das Gerichtsmedizinische Institut in Virginia bestätigt. Das untersuchte Blut belegt: Zwei Männer waren am 30. März 1985 am Tatort in Lynchburg, Virginia, und keiner davon ist Jens Söring. Er ist damals 18 Jahre, ein Hochbegabtenstipendiat, zum ersten Mal in seinem Leben richtig verliebt. In Elizabeth Haysom, die einzige Frau, mit der er bis heute geschlafen hat, und deren Eltern Nancy und Derek an diesem Samstag brutal ermordet werden. Mit 48 Messerstichen. Ein Blutbad im Haysom-Haus in der Holcomb Rock Road, das Jens Söring gesteht, nachdem er und Elizabeth Haysom in Asien und Europa untergetaucht waren, ehe sie die Polizei im April 1986 in England schnappte.

Irrungen und Wirrungen bestimmen die anschließenden Verhöre und Gerichtsverhandlungen. Er gesteht, widerruft sein Geständnis später. Sie spricht von sexuellem Missbrauch ihrer Mutter und widerspricht sich immer wieder selbst in einem Verfahren, das ein TV-Spektakel in den USA ist. Sie erzählt, er habe sie am Tag der Morde blutüberströmt mit einem Leihwagen am Kino abgeholt, aber weder die Leihfirma noch ein Luminol-Test schlagen wegen einer Verunreinigung an. Ein Reifenexperte sagt vor Gericht über Fußabdrücke aus, ein Elizabeth Haysom belastendes FBI-Profil verschwindet und sorgt heute für einen Streit der beiden damaligen Ermittler, Zeugen werden nicht befragt und so weiter und so fort. Man muss den Kopf so oft schütteln, dass einem fast schlecht wird, wenn man sich in diesen Fall einliest, den Dokumentarfilm „Das Versprechen“ anschaut, eines der Bücher von Jens Söring studiert.

Das Richtige getan

Er ist mittlerweile 50 Jahre und lässt in seinem Brief an uns keinen Zweifel aufkommen, nicht an seiner Unschuld und nicht an der Überzeugung, mit dem Geständnis das Richtige getan zu haben. Denn die moralische Pflicht – Lügen, um ein Menschenleben zu retten – steche in solchen Ausnahmesituationen die gesetzliche und die ethische aus. Er schreibt aber auch: „Ich habe vor Gericht die Wahrheit gesagt. Aber der Richter und die Geschworenen haben die Wahrheit nicht geglaubt. Sie glaubten lieber die Lügen des Staatsanwaltes, die Lügen meiner Freundin, die Lügen zu den Sockenabdrücken und natürlich die Lügen meines falschen Geständnisses.“

Geht‘s noch-Momente pflastern den Rechercheweg, und dennoch ist nun vor kurzem die Entlassung auf Bewährung von der zuständigen Kommission, dem Parole Board in Virginia, erneut abgelehnt worden. Zum zwölften Mal. Dabei war Jens Söring so hoffnungsvoll wie nie, sagt Marcus Vetter. Der Tübinger ist Regisseur des Dokumentarfilms „Das Versprechen“, der 2016 in den deutschen Kinos lief und derzeit im Ausland über die Leinwände und Bildschirme flimmert (siehe Multimedia-Reportage). „Ich glaube seiner Variante vielmehr als dass ich sie nicht glaube“, sagt er bei unserem Besuch in seiner Tübinger Wohnung. Etwa vier Stunden hat er mit Jens Söring für den Film gesprochen, er hat drei Jahre recherchiert, Ermittler getroffen, Berichterstatter, das Haus des Mordes besucht – und Jens Söring vor allem im Schnitt „kennengelernt“, wie er sagt: „Ich glaube, er ist ehrlich. Es hat Hand und Fuß, was er sagt.“

„Es kann niemals so gewesen sein“

Auch Elizabeth Haysom sollte im Film zu Wort kommen, sie hatte zunächst angeboten, sich in einem Interview zu äußern – angeschlossen an einen Lügendetektor. Doch dann änderte sie ihre Meinung und sagte ab. Um den Film objektiv zu gestalten, übernehmen Marcus Vetter und seine Co-Regisseurin Karin Steinberger zudem zwei Rollen. Er hat während der Recherche nur im Interview in Dillwyn Kontakt zu Jens Söring, sie tauscht sich seit nunmehr elf Jahren per Brief mit ihm aus, besucht ihn, hält während der Nachforschungen für den Film den Kontakt. Die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung kennt ihn demnach besser. „Ich weiß auch nach mehr als zehn Jahren Recherche nicht, ob Jens Söring unschuldig ist“, schreibt sie uns in einem Statement: „Ich weiß nur, dass es nach den neuesten Erkenntnissen niemals so gewesen sein kann, wie es im Urteil steht.“ Er habe ihr bei einem Besuch einmal gesagt, dass er das Opfer von Elizabeths Lüge sei, fügte aber an: „Man kann mir nicht glauben, weil ich am Anfang dieser Geschichte ganz furchtbar gelogen habe.“ Jens Söring sei also „so oder so in Lügen gefangen“.

Seit mehr als 30 Jahren gibt es kein Entrinnen aus diesem Netz. Zu seinem Vater und seinem Bruder besteht kein Kontakt mehr, seine Mutter wurde Alkoholikerin und ist mittlerweile gestorben. Er stand 2010 kurz vor der Überstellung nach Deutschland, dann wechselte in Virginia der Gouverneur, und seine Hoffnung auf baldige Freiheit verpuffte.

Zuspruch auch von US-Bürgern

Jens Söring erfährt Zuspruch im Internet, ein Freundeskreis ist beispielsweise auf Facebook aktiv. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama über den Fall, der damalige leitende Ermittler im Haysom-Mordfall, Chuck Reid, unterstützt Jens Söring heute genauso wie Gail Marshall. Die ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwältin von Virginia hat in ihrer 35-jährigen juristischen Karriere in zwei Fällen geglaubt, dass der Verurteilte unschuldig ist. Einer heißt Jens Söring, auch als „German Monster“ in den USA bekannt, Häftling 1161655 im Buckingham Correctional Center. „Wenn ich Briefe schreibe, bin ich nicht hier“, schrieb er Karin Steinberger einmal. „Die 'Lüge', die mir in den letzten Jahren am meisten geschadet hat, ist diese Lüge: Das Justizsystem der USA ist das beste der ganzen Welt und macht kaum oder keine Fehler“, schreibt er #gEZnoch im Februar 2017.
Wenn seine Fassung stimmt, ist Elizabeth Haysom die Frau, die ihm in seinem Leben am meisten geschadet hat. Sie wurde mit 90 Jahren Gefängnis bestraft, für die Anstiftung zum Doppelmord, und sitzt 50 Kilometer entfernt im Fluvanna Correctional Center for Women mit der Häftlingsnummer 1122838 ein – und auf unseren Brief hat sie bislang nicht reagiert. „Ich habe das Gefühl, es gibt hier eine Propaganda-Maschinerie . . . und die Dinge entfernen sich immer mehr von der Wahrheit“, sagt sie gegen Ende 2016 der Zeitung Richmond Times-Dispatch. Da ist sie 52 Jahre und ergänzt in Bezug auf Jens Söring: „Ich habe das Gefühl, er manipuliert das System zu seinen Gunsten – und das ist schlecht für Leute, die wirklich unschuldig sind.“

Antrag auf Unschuldserklärung

Die beiden eint eine vergangene Beziehung, sie eint die Bestrafung für einen Doppelmord – und sie wird der Tod im Gefängnis einen. Zumindest wenn Jens Söring die Fakten auch in Zukunft nicht helfen werden. Vor der jüngsten Entscheidung des Parole Board vor ein paar Wochen packt er sogar ein kleines Säckchen (Zahnpasta, Zahnbürste, Seife, Deo und eine Liste mit Adressen), kauft sich erstmals seit Jahren ein Markenhemd, eine Markenjeans und Schuhe. Er ist optimistisch, laut der Süddeutschen Zeitung sogar sicher, nach Deutschland zu kommen – und wird wieder enttäuscht. Zudem reagiert er überrascht auf die erneute Absage der Bewährungskommission: „Für mich ist diese Entscheidung absolut unverständlich nach all den neuen Erkenntnissen“, schreibt er kurz danach Karin Steinberger. Aber er werde weiter kämpfen. Seine aktuelle Hoffnung: dass der Antrag auf seine Unschuldserklärung, den sein Anwalt im August 2016 mit den neuen DNA-Erkenntnissen eingereicht hatte, wohl noch nicht entschieden ist; und dass sich nun im Mai der republikanische Sheriff Chip Harding für die Freilassung des Deutschen eingesetzt hat. Vielleicht eine überraschende Wende . . .

Jens Söring wird jedenfalls nicht aufgeben. Er wird weiter Briefe schreiben, und wenn er nicht lügt, ist es ihm zu wünschen, dass er das bald in Freiheit tun kann.

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