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Freundeskreis Jens Söring
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Ich will, dass ihr mich versteht

(von Karin Steinberger, Süddeutsche Zeitung, 1. März 2012)


Amerika? Wunderbar. Und furchtbar. Seit 26 Jahren sitzt der Deutsche Jens Söring in Haft.
Für eine Tat, die er womöglich nicht begangen hat. Was, bitte, tut Deutschland für ihn?



Am 23. Februar 2012 ist er endlich fertig. Hundertfünfzig Seiten hat er in vier Tagen geschrieben, per Hand, wie ein Besessener. Auf den letzten Seiten verschwimmen die Buchstaben ineinander, manche brechen ganz weg, er schreibt Tränendüse statt Tränendrüse. Man sieht es der Schrift an, dass er voller Wut ist, und wie im Wahn. Als ginge es um sein Leben.

Darum geht es ja auch. Um Jens Sörings beschissenes Leben.

Es gibt eine Skizze, die er an eine Freundin geschickt hat. Darauf hat er seine Lebenslinien gezeichnet, mit dem Lineal, eine Tür, ein Fenster, einen Metallschrank, ein Etagenbett, ein Waschbecken, eine Toilette, einen Stuhl, zwei Plastikboxen. Was nicht zu sehen ist: der Zellennachbar, die Machtkämpfe, die Angst, das beschämte Wegschauen, wenn der andere auf dem Klo hockt. Das ist sein Leben.

Mehr als die Hälfte seines Lebens sitzt Jens Söring im Knast, erst war er in England, dann in sieben Gefängnissen in Amerika. Bevor er seinen weißen, schmächtigen Körper zu einem Muskelberg hochtrainierte, wurde er von einem schwarzen Bodybuilder fast vergewaltigt. Der Bodybuilder ist an Aids gestorben. Söring lebt. Manchmal wundert ihn das selber.

Er musste in einem Supermax-Hochsicherheitsgefängnis mit den Händen Gras ausreißen, wurde von Gummigeschossen niedergestreckt, einer seiner Zellennachbarn hat sich am gemeinsamen Etagenbett erhängt. Er saß wochenlang im hole, Einzelhaft, 23 Stunden am Tag in der Zelle. Er kennt die Stricher und Huren im Knast, die sich mit Kool-Aid-Getränkepulver die Lippen rotmachen, die Spieler, die Abhängigen, die Tätowierten, die Verrückten. Er hat Häftlinge gesehen, die sich von oben bis unten mit Kot beschmiert haben, er hat stundenlang das Gewimmer von Gefangenen ertragen, die sie in seiner Welt „Winsler“ nennen.

Er hat alle Gefängnisphasen durchgemacht: den Schock, den Zorn, den Selbsthass, die Suche nach Gott. Nach zwanzig Jahren waren Schock, Zorn und auch Gott verschwunden. Nach zwanzig Jahren, sagt Söring, kommt meist der Zusammenbruch. Bei ihm kam die Renitenz.

Er ist jetzt seit fast 26 Jahren im Gefängnis, aber das gab es noch nie, dass sie ihm nicht erlaubt haben, über sein beschissenes Leben zu reden.

Bernadette Faber sitzt in einem zugigen Restaurant am Berliner Hauptbahnhof, sie nagt an Frühlingsröllchen herum. Appetit sieht anders aus.

Am Tag davor hat Söring in seinem momentanen Gefängnis, dem Buckingham Correctional Center in Dillwyn, Virginia, erfahren, dass er keine Interviews geben darf. Ausgerechnet jetzt, wo in Deutschland sein Buch auf den Markt kommt: „Nicht schuldig! Wie ich zum Opfer der US-Justiz wurde.“ Droemer Verlag. Es ist sein achtes Buch, eine Biografie: am 1. August 1966 als Sohn eines deutschen Diplomaten in Bangkok geboren, am 30. April 1986 mit seiner Freundin Elisabeth Haysom in London verhaftet, am 12. Januar 1990 an die USA ausgeliefert, am 4. September 1990 zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt wegen des Mordes an Derek and Nancy Haysom, Elisabeths Eltern. Es ist ein Fall ohne Augenzeugen, ohneFingerabdrücke, es gibt Ungereimtheiten, Verfahrensfehler, befangene Richter.

Söring sagt, er war es nicht. Und zählt die Tage. Seit Jahrzehnten.

„Meine Bücher sind meine Kinder“, schreibt Söring. Und jetzt ein Interviewverbot? Er war außer sich, als er das hörte, ist zurück in seine Zelle, hat sich fast übergeben vor Enttäuschung und schrieb in den hundertfünfzig Seiten voller Zorn: „Ich bin den Amerikanern total ausgeliefert. Aber ich gebe nicht auf. Ich habe ja nicht viel zu verlieren. Nach (fast) 26 Jahren Haft wäre der Tod eine Erlösung.“

Bernadette Faber ist auch außer sich, sie sagt: „Wir empfinden das als ein massives Menschenrechtsproblem, wie mit ihm umgegangen wird in diesem auf Rechte und Menschenrechte pochenden Amerika. Er braucht jetzt die deutsche Politik.“ Sie ist Lehrerin in einer Realschule in Bitburg, 2007 hat sie das erste Mal von Söring gehört, vier Monate später hat sie ihm geschrieben, seitdem ist sie da „irgendwie reingewachsen“. Es gibt Tage, an denen ist sie mehr mit dem Leben von Söring beschäftigt als mit ihrem eigenen, sie schreibt E-Mails, telefoniert, startet Briefkampagnen, informiert, tröstet. Da sitzt ein Deutscher in einem US-Gefängnis, der in Deutschland längst frei wäre, selbst wenn er die Tat begangen hätte.

Die Frage ist: Was tut sein Heimatland für ihn?

Ein renitenter Mensch ist Bernadette Faber eigentlich nicht, aber sie hat jetzt eine Mission, sie will Jens Söring nach Deutschland holen, wo er ihrer Meinung nach hingehört. Nach Hause.

Gerade hat sie mit anderen Unterstützern des „Freundeskreises Jens Söring“ vor Mitgliedern des Menschenrechtsausschusses und interessierten Abgeordneten im Paul-Löbe-Haus gesprochen. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Christoph Strässer hat den Fall Söring vor dieses Gremium gebracht. Strässer sagt: „Bei uns hat das Verfassungsgericht entschieden, dass man auch als Lebenslänglicher eine Perspektive haben muss. Aber was hat er denn für eine Perspektive? Da liegt die Entscheidungsgewalt über das Schicksal eines Deutschen ausschließlich bei einem Gouverneur, der sich nicht traut, ihn nach Deutschland zu überstellen, weil er sonst nicht wiedergewählt wird.“

Es waren Mitglieder des Bundestags da, mehr, als Strässer erwartet hat, sie haben Fragen gestellt, waren sehr interessiert. Aber was können sie tun?

Gleich am Anfang schepperte die Stimme von Jens Söring durch den Raum. Er hat die Rede ins Gefängnistelefon hineingesprochen, sie wurde aufgenommen, dann Bernadette Faber zugeschickt. Telefonate nach Deutschland sind verboten. Sörings Stimme klang seltsam feierlich: „Bitte glauben Sie mir, dass ich Ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen würde, wenn mir ein anderer Weg bliebe, als Sie um Hilfe zu bitten. In den 25 Jahren, neun Monaten und acht Tagen meiner Haft habe ich alles, wirklich alles unternommen, um mich aus eigener Kraft zu befreien. Aber es ist mir nicht gelungen.“ Stille.

Im Hintergrund konnte man das Leben im Gefängnis hören, die Gespräche anderer Gefangener, das Zuschlagen schwerer Türen. „Das hatte schon was“, sagt Faber. Söring zählte die Beweise auf, die er gesammelt hat, ohne dass er sie je vor einem Gericht in Amerika verwenden konnte, neue Zeugen, neue DNA-Spuren, neue Erkenntnisse zu den Fußabdrücken. Aber in Virginia gilt die Regel, dass neue Beweise 21 Tage nach Bekanntwerdung vor Gericht gebracht werden müssen. Einer Regel, zu der Strässer sagt: „Da können Sie fragen, wen Sie wollen, das geht nicht.“

Söring sprach ruhig und langsam, nicht zu detailliert, um niemanden zu langweilen. So wie er auch vor einem Jahr geredet hat, im Besucherraum des Brunswick Correctional Center. Hochkonzentriert, voller Angst, etwas Wichtiges zu vergessen. Er hatte trockene Hände und erzählte, dass Besucher hier schon weggeschickt wurden, weil sie Jeans anhatten – kein Scherz.

In Berlin hörten sie ihn sagen, dass sein amerikanischer Anwalt seit Monaten versucht, eine Klage zu führen, um die verhinderte Haftüberstellung nach Deutschland juristisch durchzusetzen. Aber die Klage wurde gar nicht angenommen. Erst blieb sie bei einem Rechtsberater des Gouverneurs liegen. Dann weigerte sich der Generalstaatsanwalt von Virginia, die Klage entgegenzunehmen. Er sei ein Spielball der Politik, sagte Söring, ein Wahlkampfthema der Republikaner. An ihm solle gezeigt werden, dass sie es ernst meinen mit: hard on crime. Und dass in Amerika lebenslang auch lebenslang ist.

Da bat ein deutscher Staatsbürger von einem Gefängnistelefon aus deutsche Politiker darum, ihn nicht aufzugeben. Und er wunderte sich, dass sich das Auswärtige Amt von ihm „distanziert“, indem es Briefe verschicke, in denen fast wortgleich immer wieder der eine Satz stehe: Der Schlüssel für eine Lösung liegt in Virginia. Söring sagte mit seiner scheppernden Telefonstimme: „Aber diese Behauptung stimmt ja nicht. Nicht der Schlüssel, sondern das Schloss liegt in Virginia.“

Bernadette Faber schaut vom Hauptbahnhof rüber zum Paul-Löbe-Haus und zum Kanzleramt. Die Kanzlerin – für Jens Söring in seinem Gefängnis in Virginia muss sie wie eine Lichtgestalt wirken. Auch das hat er geschrieben, als man ihm das Reden verboten hat: „Bitte, Frau Dr. Merkel, wenden Sie sich nicht von mir ab, wie alle anderen es tun.“

Dann muss Bernadette Faber gehen, ihr Zug nach Bitburg fährt gleich. Sie sagt: „Der Kanzlerin traue ich diesen politischen Mut zu. Sie hat eine Lebensgeschichte, die das zulässt.“

Im Buckingham Correctional Center beginnt da gerade ein neuer Tag. Einer wie jeder andere. Söring braucht kein Licht, wenn er in der Dunkelheit aufsteht, er kennt jeden Millimeter seiner Zelle, die laute Spülung der Toiletten, das Knallen der Türen, wenn die Wärterinnen schreien: „Fraß“, das Strammstehen zur count time , das Licht der Scheinwerfer im Hof, das die Sterne ausblendet. Wieder ein Tag, den er mit Menschen verbringt, die er nicht kennt oder nicht mag. „Einsam, aber nie allein“, wie er schreibt.

Er hat seit Monaten Schmerzen in der rechten Achillessehne. Das ist gefährlich. Als er 1990 sein Gefängnisleben in Amerika mit einer Papiertüte voller Habseligkeiten antrat, brachte er nicht einen Klimmzug zustande. Heute macht er jeden Morgen 220 Klimmzüge, 320 Liegestützen, 150 Beugestützen, 280 Bauchpressen. Söring schreibt: „Hyänen greifen immer das schwächste Tier in der Herde an.“ Er trainiert mit 72 Coladosen in Kopfkissenbezügen, Powerwalken, Joggen. Aber er wird älter. Er war 18, als die Eltern seiner Freundin in Lynchburg, Virginia, ermordet wurden, er war 19, als er ins Gefängnis kam, jetzt ist er 45.

Sonst ist alles wie immer: In einem Abteil schräg gegenüber von seinem gab es eine Vergewaltigung. Die gute Nachricht: Er darf nach achteinhalb Monaten endlich zum Zahnarzt.

In der Nähe des Auswärtigen Amts in Berlin sitzt Christian Mensching, er ist einer der deutschen Anwälte von Jens Söring, auch er war im Paul-Löbe-Haus. Er ist Anwalt, er drückt die Dinge vorsichtig aus, er sagt: „Bei Söring ist jede Menge schiefgelaufen.“ Es fing damit an, dass der Prozess live im Fernsehen übertragen wurde. Es war die tägliche Vorführung des „german bastards“, der er für die lokale Presse von Anfang an war. Hobbyexperten, die Söring belasteten, durften vor Gericht aussagen, die wahren Experten, die ihn entlasteten, nicht. Der Vorsitzende Richter William Sweeney war befreundet mit Elisabeths Bruder, hielt sich aber für nicht befangen und leitete den Prozess. Sweeney sagte in einem Interview vor dem Prozess, dass Elisabeth überrascht gewesen sei, dass Söring „es wagte“, ihre Eltern umzubringen. Nicht befangen?

Mensching lächelt fein. In Deutschland gilt ein Schöffe schon als befangen, wenn er den Angeklagten, der die Tat bestreitet, vor dem Urteil fragt: Warum haben Sie das denn gemacht? Alles von vorne. Mensching sagt: „Aber unabhängig davon, ob man ihn für schuldig hält oder nicht, hat er eine Perspektive auf ein Leben in Freiheit verdient. Selbst wenn man, trotz aller durchgreifenden Zweifel, unterstellt, dass er die Tat begangen hat, nach unserem von der Menschenwürde geprägten Recht hat er nach mehr als zwei Jahrzehnten in Haft Anspruch auf eine zweite Chance verdient.“

Das sieht man in Amerika anders. Als der demokratische Gouverneur von Virginia, Timothy M. Kaine, am 12. Januar 2010 einer Haftüberstellung von Söring nach Deutschland zustimmte, ging es los. In den Medien war er wieder die deutsche Bestie, Leser wünschten ihm den Tod. Söring schreibt: „2006 gab es 140 000 Lebenslängliche in Amerika, sie werden fast alle hinter Gittern sterben. Die meisten Politiker prahlen damit. Einige sagen, eine lebenslange Haft sei grausamer als eine schnelle, schmerzlose Todesspritze. Sie haben recht.“ Und er schreibt: „Gnade bedeutet hier den politischen Tod.“

Aber es geht nicht um Begnadigung oder Vergebung. Es geht um Haftüberstellung, darum, wo eine Strafe vollstreckt wird. Mensching sagt: „Völkerrechtlich betrachtet, ist das völlig unspektakulär. Es macht Sinn, jemanden in seinem Heimatland die Strafe verbüßen zu lassen.“

In den achtziger Jahren wartete Söring in London dreieinhalb Jahre lang auf die Entscheidung, ob man ihn nach Amerika abschieben würde, wo ihm der Tod durch den elektrischen Stuhl drohte, oder nach Deutschland. Er war jung, naiv, arrogant, ein bleicher Typ mit großer Brille und einer Geliebten, die ihm erzählt hatte, dass sie von der Mutter missbraucht worden war. Elisabeth gestand den Mord an ihren Eltern, widerrief, beschuldigte ihn. Er gestand, weil er sie vor dem elektrischen Stuhl retten wollte. So sagt er es seit 22 Jahren. Er dachte, dass er durch den Vater diplomatische Immunität genießt, ein paar Jahre in deutschen Gefängnissen – für Elisabeths Leben. Das war der Plan.

All das steht in seinem Buch, 399 Seiten, handgeschrieben, weil Computer und Schreibmaschinen nicht erlaubt sind im Buckingham Correctional Center. Er hat sein Manuskript in dicken Briefen aus dem Gefängnis geschickt, im Verlag wurde es abgetippt, zurückgeschickt, in dünnen Briefen, jeweils vier Blatt, mehr ist nicht erlaubt. So ging das über Monate.

Söring schreibt im Buch über die „kranke Beziehung“ zu Elisabeth, die Flucht, das falsche Geständnis. In England, in diesem nach Urin und Schweiß und gekochtem Kohl stinkenden Gefängnis in Brixton, hat er sich monatelang durch Akten gewühlt, die gegen seine Abschiebung in die USA argumentierten, weil die Hinrichtungsart inhuman sei. Er sah Fotos von verbrannten Haaren auf den Unterarmen Hingerichteter, las Beschreibungen, wie ihre Augäpfel aus den Augenhöhlen quollen und dass es nach gegrilltem Schweinefleisch riecht, wenn ein Mensch auf dem elektrischen Stuhl stirbt.

Dreieinhalb Jahre – er hatte damals immer ein Seil unter der Matratze.

Am 7. Juli 1989 verkündete der Europäische Gerichtshof, die Androhung der Todesstrafe würde den Tatbestand „Folter oder inhumane oder entwürdigende Behandlung“ erfüllen. Die Amerikaner waren empört – verzichteten aber auf die Beantragung der Todesstrafe. Seitdem ist Söring in Virginia. Aus der Welt.

In seiner Welt hatten die Telefone noch Drehscheiben, und Deutschland war ein geteiltes Land. Er hat seit Jahrzehnten keine Baumrinde gespürt, kein Steak gegessen, das Grab seiner Mutter kennt er nur von zwei Fotos.

Bernd Kaut sitzt im Café Einstein und rührt Sahne in seine heiße Schokolade. „Der Kerle“, sagt er, wenn er über Jens Söring spricht. Es klingt furchtbar traurig, wie er das sagt. Seit 2002 kennt er Söring, damals besuchte er ihn das erste Mal im Gefängnis. Kaut war Leiter der katholischen Gemeinde in Washington DC, Söring hatte gerade ein Buch geschrieben über Klassiker der mystischen Literatur des Mittelalters. Unzählige Male hat Kaut ihn besucht, er hat miterlebt, wie er zu Gott fand und wie er ihn wieder verlor, wie er platzte vor Glück, als seine Bücher draußen in der Welt gedruckt wurden, und wie er in ein tiefes Loch fiel, als 2006 im Parole Board ein Ausschussmitglied einschlief. Es war Sörings zweite Chance, auf Bewährung freizukommen. Und der, der das mit entscheiden sollte, schlief.

Immer wieder gab es absurde Tiefschläge. Als Sörings deutscher Pass auslief, wollte man ihm keinen neuen geben, er wäre staatenlos gewesen, vogelfrei. 1996 wurde beschlossen, in Gefängnissen fremdsprachige Bücher, Zeitungen und Zeitschriften zu verbieten. Bis heute ist das so. „Ist doch eine Schande, dass man es nicht mal hinkriegt, dass der Kerle deutsche Magazine und Zeitungen zu lesen kriegt. Albern, er ist doch kein Spion.“ Kaut hat viel gesehen in Amerika, schöne Dinge, aber er hat auch erlebt, wie einer einen Karton klaute, in dem 44 Klopapierrollen waren. 22 Jahre Gefängnis, weil er vorbestraft war. „Ein halbes Jahr für jede Klopapierrolle“, sagt Kaut, dann schaut er sich um im Café Einstein, sieht die Fotos an den Wänden: „Hier sind wohl öfters berühmte Leute.“

Als Kaut zurückkam nach Deutschland, sorgte er dafür, dass Sörings Geschichte erzählt wurde. „Vergessen hinter Gittern“ stand 2007 in der Süddeutschen Zeitung. Damit kam alles ins Rollen. Immer öfter hörte man von diesem Deutschen in Amerika – Bernadette Faber schrieb einen Brief, der Freundeskreis fand sich, in Amerika tauchte ein Zeuge auf und ein Gouverneur mit Mut.

Der Tag, an dem Jens Söring erfuhr, dass er nach Hause kommt, war der 14. Januar 2010. Kaine hatte seiner Haftüberstellung nach Deutschland zugestimmt. Söring war schwindlig vor Freude, als hätte er nach all den Jahren das erste Mal wieder Sauerstoff geatmet, er lief seine 28 Runden im Gefängnishof, taumelte vor Glück, redete mit keinem darüber. Die anderen spürten es ohnehin, er war ein freier Mann, er fühlte sich wie einer. Freie Männer fallen auf im Gefängnis.

Es war sein 8695. Tag in Gefangenschaft, die 208 680. Stunde, die 751 248 000. Sekunde. Er dachte, es kommen nur noch ein paar dazu.

Am 19. Januar war alles wieder vorbei. An diesem Tag trat der neue Gouverneur von Virginia sein Amt an. Der Republikaner Robert F. McDonnell beschloss zwei Dinge an seinem ersten Arbeitstag: Die öffentlichen Toiletten an den Schnellstraßen von Virginia sollten wieder eröffnet werden. Und er widerrief die Zustimmung Virginias zur Überstellung des Gefangenen Söring nach Deutschland.

Kaut sagt: „Alles war bereit. Selbst die Gefängniszelle in Ulm.“ Ein paar Tage früher, dann hätte der neue Gouverneur es nicht mehr aufhalten können. Dann wäre Söring jetzt hier. Und hätte bekommen, was er sich so wünscht in seinem beschissenen Leben: ein Brot mit Nutella.


© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).
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