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Ich würde es noch einmal tun, ich schicke niemanden zum Henker

(Telefoninterview von Susanne Zolke, 29. April 2014)


Herr Söring, wie geht es Ihnen aktuell?

Naja, es geht. Ich bin jetzt seit mehr als 28 Jahren in Haft und es fällt mir zunehmend schwer, Gründe zu finden, um weiter zu kämpfen. Steter Tropfen höhlt den Stein, leider auch im negativen Sinne, natürlich bin ich manchmal sehr zermürbt. Ich war 19, als ich hier reingekommen bin und werde bald 48 Jahre alt. Ich bin unschuldig und weiß nicht, was ich noch machen kann, um zu zeigen, dass ich es nicht war. Das einzige, was mich noch motiviert, weiterzumachen, ist, dass möglichst viele Menschen erfahren, was hier mit mir gemacht wurde.

Die Fakten sprechen für Sie, warum können Sie dennoch nicht entlassen werden?

Ich habe kürzlich ein Interview mit dem deutschen Innenminister de Maiziere gelesen, der über die Maßlosigkeit der Vereinigten Staaten sprach, im Zusammenhang mit der NSA-Abhöraffäre. Auf den ersten Blick ist das ein ganz anderes Thema, als das, was mir passiert ist, auf den zweiten Blick nicht. Der Hintergrund ist jeweils das überzogene Sicherheitsdenken der Amerikaner. Deshalb wird das Handy der Bundeskanzlerin abgehört und deshalb lässt man einen Menschen in lebenslanger Haft, weil ganz entfernt die Möglichkeit besteht, dass ich es vielleicht doch noch gewesen sein könnte, trotz DNS-Testergebnissen, trotz eines neuen Zeugen, trotz zahlreicher Expertisen, die für mich sprechen. Denn das einzige, was wirklich zählt, ist, das allerkleinste Restrisiko vom amerikanischen Volk abzuwenden und die absolute Sicherheit zu garantieren. Und darunter leide ich seit 28 Jahren.

Sie wirken in TV-Interviews immer sehr besonnen und gelassen, wie schaffen Sie es, angesichts Ihrer Situation die Nerven zu behalten?

Ich habe jahrzehntelang mit der ganzen Sache leben können, indem ich mir selber sagte, dass das alles meine Schuld sei. Und ich habe ja Schuld: ich habe eine Straftat verdunkelt, das ist in Virginia ein Vergehen, vergleichbar mit wiederholtem Falschparken.  Ich habe ja die Polizei belogen, das hat mir geholfen, mein Schicksal zu ertragen, es ist leichter, wenn man die Schuld bei sich selber ortet. Allerdings gibt es Neuigkeiten:  Anfang 2015  kommt in Deutschland eine Dokumentation über meinen Fall in die Kinos, „Das Versprechen“. Es ist unglaublich, aber im Zuge der Recherchen über diesen Film haben die Autoren neue Beweise gefunden. Zeugen sagen vor der Kamera, dass Dokumente unterschlagen wurden, die zumindest viele Fragen offen lassen.  Es ist so, dass die Ermittler von vorneherein wussten, dass sie da  möglicherweise einen unschuldigen Menschen wegstecken. Wenn sie ihren Job richtig gemacht hätten, dann hätten die mir nach meinem falschen Geständnis gesagt: so, mein lieber Junge, wir wissen dass das Quatsch ist, jetzt sag uns endlich die Wahrheit. Aber sie haben gesagt, ok, Junge, wenn Du so doof bist, dann nehmen wir Dich. Und  das ist eine bodenlose Sauerei, die bei mir eine Kombination aus Wut und Hoffnungslosigkeit auslöst. Es ist nicht so gewesen, dass ich eine Chance hatte, es war von Anfang an abgemacht. Das ist sehr viel schwerer zu ertragen, als mir selber für alles die Schuld zu geben.

Sie haben einen großen Unterstützer- und Freundeskreis, sowohl in den USA, als auch in Deutschland. Haben Sie das Gefühl, dass auf politisch-diplomatischer Ebene genug für Sie getan wird?

Das sind ganz wunderbare Menschen, die mir helfen und wir haben viel erreicht. Mein Fall wurde im Sommer beim Besuch von Obama zwischen ihm und der Bundeskanzlerin thematisiert, das ist schon sehr erstaunlich. Im Februar hat sich Außenminister Steinmeier in Washington für mich eingesetzt. Die Bundesregierung bemüht sich wirklich. Aber es ist bisher leider nicht gelungen, mich nach Deutschland zu holen. Mir ist völlig klar: Es gibt wirklich wichtigere Probleme als mich, aber natürlich hoffe ich ein bisschen, dass möglicherweise wieder Zeit für mich gefunden wird. Ich habe gelesen, dass ein ehemaliger Guantanamo-Häftling aus Marokko eventuell in Deutschland aufgenommen werden soll. Es wäre schön, wenn man mich, im übertragenen Sinne, ins gleiche Flugzeug stecken würde. Es ist ja eigentlich keine so verrückte Idee, wenn die Amerikaner vielleicht sagen würden, ok, dann schicken wir euch im Gegenzug den Söring mit. Aber das ist nur ein Wunschtraum von mir.

Mit ihrem falschen Geständnis beabsichtigten Sie, Ihre damalige Freundin Elizabeth Haysom vor dem elektrischen Stuhl zu retten - das haben Sie auch geschafft. Spüren Sie trotz allem eine gewisse Art von Genugtuung darüber?

Ja, sicher. Ich stehe weiterhin dazu, dass ich einen Menschen vor der Todesstrafe gerettet habe. Wie ich das gemacht habe, indem ich die Polizei belogen habe, das bereue ich sehr, das war falsch, aber dass ich einen Menschen vor der Todesstrafe retten wollte, das halte ich für richtig. Und jetzt kommt das große Problem: Ich würde es noch einmal tun. Ich schicke niemanden zum Henker, das mache ich nicht. Ich würde bestimmt nicht wieder die Polizei belügen, wie ich das beim letzten Mal gemacht habe, so dumm kann man nur einmal sein. Aber zu der eigentlichen Entscheidung stehe ich.  Ich habe auch nicht nur die Elizabeth vor der Todesstrafe gerettet. Ohne meinen Fall hätte man weiterhin Menschen von Europa nach Amerika geschickt und das ist seit 1989 wegen meines Präzedenzfalles am Europäischen Gerichtshof nicht mehr möglich.

Was bedeutet für Sie Gerechtigkeit?

Gerechtigkeit ist für mich gar nicht mehr möglich, man kann mir die 28 verlorenen Jahre nicht zurückgeben, man kann mir keine Gerechtigkeit verschaffen. Das Einzige was ich noch ersehne, ist, dass man das Unrecht anerkennt. Dass endlich einmal jemand sagt, dass ich nicht der Einzige bin, der Mist gebaut hat.

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