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Im Gespräch… mit Jens Söring


(Interview mit Jens Söring, von Nicole Markwald, hr INFO, 30. April 2011)
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Deutscher Staatsbürger, verurteilt in den USA zu zweimal lebenslänglich wegen Mordes, unschuldig, wie er behauptet – ein umstrittener Fall.

Im April 1986 wird der deutsche Diplomatensohn Jens Söring verhaftet. Der Vorwurf: Er soll die Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom getötet haben. Die waren ein Jahr zuvor in den USA erstochen worden. Schon bald nach der Tat fällt der Verdacht auf den damals 19-jährigen Söring und seine Freundin. Die Eltern sollen gegen die Beziehung gewesen sein. Beide fliehen und werden schließlich in England verhaftet. Dort gesteht das Paar zunächst, zieht das Geständnis aber wieder zurück. Später wird Jens Söring behaupten, er habe das Geständnis nur abgelegt, um seine Freundin vor der Todesstrafe zu schützen. Er selbst habe gedacht als Diplomatensohn Immunität zu genießen. Drei Jahre sitzt Söring in englischer Haft, bevor er in die USA ausgeliefert wird. Dort wird er zu zweimal lebenslänglich verurteilt, nachdem seine ehemalige Freundin gegen ihn aussagt. Auch Elizabeth Haysom wird wegen Anstiftung zum Mord verurteilt. Kritiker sehen in dem Fall viele Ungereimtheiten, weil es weder Augenzeugen noch Fingerabdrücke gibt, die Sörings Schuld beweisen. Inzwischen beschäftigt der Fall auch die Politik. Die Bundesregierung setzt sich für die Auslieferung Sörings ein: Schuld oder Unschuld spiele im Fall Söring keine Rolle. Der heute 44-Jährige habe nach deutschem Rechtsverständnis seine Strafe längst verbüßt.

An diesem Samstag sitzt Jens Söring 25 Jahre in Haft. hr-INFO- USA-Korrespondentin Nicole Markwald hat sich für hr-INFO im Gespräch mit dem heute 44-jährigen Söring im Gefängnis in Virginia getroffen.



Gibt’s einen Unterschied für Sie zwischen Wochenenden und Wochentag?

Also, im Gefängnis grundsätzlich für die allermeisten Gefangenen natürlich nicht. Ein Tag ist genau wie der andere. Das ist ja im Grunde das Schlimme am Gefängnisleben, vor allen Dingen für Lebenslängliche, denn in Virginia bedeutet lebenslänglich „life means life“, also bis zum Tod. Man weiß ganz genau, dass der morgige Tag genauso sein wird wie der heutige, das nächste Jahr wird genauso sein, das nächste Jahrzehnt, man weiß also ganz genau, wie jeder Tag läuft – bis man stirbt.

Am 30. April jährt sich der Tag Ihrer Verhaftung. Es sind dann 25 Jahre. Gibt es ein Ritual für diesen Tag oder sind Sie einfach froh, wenn er vorbei ist?

Keins von beidem. Ich werde also arbeiten, wie an jedem anderen Tag. Jahrestage sind mir nicht wichtig.

Geburtstage, Weihnachten, Ostern, kirchliche Feiertage?

Ich muss sagen: Nein. Das ist eben das Wichtigste, das man verstehen muss über das Gefängnisleben. Dass einfach alles gleich ist. Zum Anfang meiner Haftzeit war ich in England, drei Jahre und acht Monate lang, wegen der Auslieferungshaft. Es gibt ja verschiedene Ausdrücke – ich kenne die deutschen Ausdrücke nicht – aber für „Zeit absitzen“, ja, hier in Amerika nennt sich das „doing time“, was also ziemlich langweilig ist. Aber in England gab es einen wunderschönen Ausdruck, der hieß „do your porridge“. Porridge ist also Haferflocken, ist schrecklich langweilig, grau, kaum Geschmack…üärghhhh…und Zeit absitzen ist also: Do your porridge.

So, you’re still doing your porridge.

I’m still doing my porridge. Aber deshalb sind auch Jahrestage, Weihnachten, Geburtstage usw. einfach nicht wichtig. It’s all porridge.

Wie sieht denn ein normaler Tag für Sie aus? Also, wir sind jetzt ja hier früh am Morgen, es ist halb neun, kurz nach halb neun. Was haben Sie bisher heute gemacht und wie wird der Tag weiter verlaufen?

Um 5.45 Uhr kommt ein Wächter in den Gemeinschaftssaal rein und bläst in eine Trillerpfeife und ruft sehr laut „Aufstehen!“ Dann stehe ich auf, wasche mich ein bisschen. Ich hab dann ein bisschen Zeit am Morgen noch, um Fernsehnachrichten zu sehen. Dann geh ich in den Gemeinschaftssaal, fang sofort an zu schreiben, gehe zum Frühstück, komm zurück, schreibe weiter.
Dann ist mein Zellenmitbewohner endlich damit fertig, selber das Klo zu benutzen, denn das ist ja alles in der Zelle drin, und die Luft mal rauszulassen, denn das ist immer ein großes Thema im Gefängnis.
Und dann geh ich da also rein, mache also meine Morgenroutine und dann geht’s also von 8.30 Uhr bis 9.30 Uhr auf den Hof, auf den Sportplatz, es ist kein Hof, ist ein ziemlich großer Sportplatz. Also eine Stunde pro Tag mach ich Sport, dann komme ich um 9.30 Uhr wieder rein, dusche mich. Dann bin ich so etwa um 10 Uhr fertig. Und dann mache ich also von 10 Uhr morgens bis 8 oder 9 Uhr abends praktisch durch. Also Mittagessen und Abendessen, aber gerade jetzt, wo ich an dem neuen Buch arbeite, wenn man das also alles zusammenrechnet und mir den Sport anrechnet, also ich tue es (lacht), arbeite ich also von 6.30 Uhr bis durchschnittlich so 8.30 Uhr.
Und seit 2009 sehe ich, wenn ich Zeit habe, abends eine Unterhaltungssendung, aber besonders in letzter Zeit ist das also so selten, dass das also praktisch nicht mehr möglich ist.

Welche ist das?

House – der in Deutschland glaube ich Dr. House heißt – und dann eine Sendung, die sich „Glee“ nennt…

Oh ja, Fox….

Genau.

Ist in Deutschland ja inzwischen auch schon angelaufen, da geht’s um eine Highschool, den Glee Club, da sind die etwas anderen Mädchen und Jungs drin, die gern singen, wunderbar singen können, und ist eine unglaublich populäre Show hier in den USA, hat wahnsinnig hohe Einschaltzahlen und Quoten und sehr, sehr beliebt.

Für mich bedeutet diese Sendung etwas Besonderes, denn ich bin ja in Amerika zur Highschool gegangen, weil mein Vater Vizekonsul war in den Vereinigten Staaten und kurz nachdem ich die Highschool verlassen hatte, bin ich dann ins Gefängnis gekommen. Das waren die schönsten Zeiten für mich, in der Highschool, mit Musik und daran erinnert mich also diese Sendung „Glee“ ein bisschen.

Wenn Sie zurückschauen auf den Jens Söring von damals, der auf der Highschool war: Wie haben Sie sich Ihr Leben ausgemalt, wohin sollte Ihr Weg führen? Was war Ihr Berufswunsch damals?


In der Highschool wollte ich Psychologe werden, dann bin ich zur University of Virginia gegangen und am allerersten Tag hab ich dann Elizabeth Haysom kennengelernt, was wahrscheinlich nicht so ungefähr das Beste war in meinem Leben. Hab also aufgehört mit dem Psychologiestudium, hab ein Semester lang mehr oder weniger nichts studiert, ich hab also Kurse belegt, aber ohne Richtung. Das war erlaubt, weil ich Hochbegabtenstipendiat war, da musste man sich nicht festlegen. Das war natürlich genau während diesem einen Semester, was also mein zielloses Semester war, wo diese ganze Sache mit Elizabeth und den Morden sich dann abspielte und in dem Sommer hab ich dann einen „Double Major“ entwickelt, also….

Zwei Hauptfächer belegt?

Ja, das war also ein neues Programm, das hab ich also ausgearbeitet, mit einem „dean“ da, einem Dekan an der Uni. Das war also, zu jenem Zeitpunkt gab’s das noch nicht, das haben wir also zusammengesetzt und aufgebaut, das war also Chinesisch und Wirtschaftswissenschaften zusammen.

Ihr Leben ist dann anders verlaufen…

Das kann man wohl sagen…

…relativ schnell nach Studienbeginn. Sie sagten gerade, Sie haben Elizabeth kennen gelernt gleich zu Beginn Ihrer Unizeit. Sie zwei waren ja gar nicht für so lange ein Paar…

15 Monate! (muss lachen) 15 Monate vor 25 Jahren.

Dann geschah der Mord an ihren Eltern, für den Sie bis heute im Gefängnis sitzen…

Genau.

…und – so ist der Stand der Dinge – möglicherweise bis ans Ende Ihres Lebens.

Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, aus meiner Sicht habe ich die letzten 25 Jahre damit verbracht, genau dagegen zu kämpfen. Ja, und wahrscheinlich ist es nur deshalb, weil ich immer genau dagegen gekämpft habe, dass ich nicht durchgedreht bin. Denn, ich kann das ja hier im Gefängnis beobachten: Die allermeisten Gefangenen, die mehr als 20 Jahre – 20 Jahre scheint so eine Grenze zu sein – wenn man so die 20 Jahre erreicht, dann drehen die aller,allermeisten Gefangenen durch und werden wirklich geisteskrank. Das kommt eben durch die völlige Hoffnungslosigkeit. In meinem Fall ist es so, dass ich also immer Hoffnung hatte, weil ich immer eine neue Front hatte, an der ich kämpfen konnte. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es ja so, dass es die neuen DNS-Tests gibt in meinem Fall und außerdem auch noch einen neuen Zeugen, der also nach 25 Jahren sich gemeldet hat und mich entlastet hat…

Dieser Zeuge, können wir ja kurz erklären, Tony Buchanan, ein ehemaliger Automechaniker, der vorgetreten ist und gesagt hat, ihm wurde etliche Wochen nach den Morden ein Auto gebracht, in dem sich jede Menge Blutspuren fanden und auch möglicherweise die Tatwaffe. Und dieses Auto wurde von Elizabeth gebracht und einem jungen Mann – aber nicht Ihnen.

Genau. Und zu jenem Zeitpunkt war Elizabeth auch in der Gegend. Das war, sie war da grade mit ihren Familienmitgliedern um das Haus zu säubern, um es vorzubereiten für den Verkauf. Das ist also sehr gut möglich. Aber, wie gesagt, ich mache mir also sehr große Hoffnungen gerade zum jetzigen Zeitpunkt, dass diese ganze Sache doch nochmal ein gutes Ende nehmen wird. Ich bin ja jetzt gebranntes Kind, vor allen Dingen, Anfang letzten Jahres, als der vorherige Gouverneur mich nach Deutschland schicken wollte und der jetzige Gouverneur das dann gestoppt hat.

Tim Kaine, der demokratische Gouverneur hatte einen Brief geschrieben an den Justizminister Eric Holder und er hat darin bekundet, dass es, ginge es nach ihm, völlig in Ordnung gehe, Sie nach Deutschland zu überstellen. Tim Kaine ist dann aus dem Amt ausgeschieden, der neue Gouverneur Bob McDonnell rückte nach, ein Republikaner und der nahm dieses Schreiben, als eine der ersten Amtshandlungen nahm er diese Empfehlung zurück und dann beschied Eric Holder diesen Wunsch abschlägig, im Sommer vergangenen Jahres, im Juli war es, glaube ich.

Genau.

Damit war die Möglichkeit, nach Deutschland überstellt zu werden, dahin, denn der Staat Virginia muss dem zustimmen. Ansonsten kann der Justizminister das nicht veranlassen.

Das war also, deshalb versuche ich mir also zum jetzigen Zeitpunkt keine Hoffnungen zu machen, keine zu großen Hoffnungen zu machen, aber die meisten meiner Unterstützer sind der Meinung, dass es eigentlich jetzt besser aussehe als je zuvor.

Wie wichtig ist Vergebung für Sie in Ihrem Leben? Weil, Sie haben keinen Kontakt mit Elizabeth, letztendlich wäre sie ja die Frau, weshalb Sie hier sitzen…Da muss man vergeben können, um weiter zu leben.

Genau. Ich hab also die ersten 14, 15 Jahre meiner Haft hauptsächlich damit verbracht, mich selbst zu hassen.

Welche Züge nahm das an?

Natürlich hauptsächlich emotional, Selbstqual betrieben, ich hab in diesen Jahren, das war also Ende der Achtziger Jahre und die ganzen Neunziger Jahre Musik gehört, die also für mich sehr schmerzhafte Erinnerung hervorgerufen hat. Ein Beispiel wäre also, ich habe jahrelang Jazz-Klassiker gehört, Sarah Vaughan und Billy Holiday, deren Lieder ich also mit meiner Situation und Elizabeth in Verbindung gebracht habe und hab mich damit richtig intensiv selber gequält, obwohl ich wusste, wie sehr das weh tat und zwar also stundenlang. Das war also praktisch musikalisch so auf der Ebene wie mit einer Rasierklinge auf sich selber herum zu schneiden. Das machen ja auch hier im Gefängnis Gefangene, ich hab gehört, das machen auch Menschen in Ihrer Welt.
Ich war dann 1999 und 2000 in einem sogenannten Supermax-Gefängnis, das ist so eine Art…..ach, wissen Sie, man kann das so im Stil Guantánamo-Bay sehen. Guantánamo-Bay ist gebaut worden nach den Prinzipien eines Supermax, es ist also psychologische Qual…

Eine maximale Sicherheit…

Ja. Und da ging es mir zeitweilig so dreckig, es war also so hoffungslos, dass ich dort angefangen habe zu meditieren. Das habe ich dann neun Jahre lang sehr intensiv gemacht. Sehr bald habe ich dann zwei Stunden am Tag das gemacht, dreimal 40 Minuten. Damit habe ich das letzte Jahrzehnt verbracht und das war eine sehr interessante Sache für mich als Menschen, denn was man in der Meditation macht, ist, man sieht sich praktisch die eigenen Gedankenvorgänge an und lässt sie von sich wegfließen. Und das hatte ich ja in 14, 15 Jahren davor nie getan und zum ersten Mal konnte ich mich also selber dabei beobachten, wie ich also hauptberuflich und professionell und mit riesiger Energie mich selber gehasst habe. Und dabei war natürlich auch Hass für Elizabeth dabei, aber das war sehr sekundär, denn schließlich und endlich ist es ja so, dass ich mich hier selber reingebracht habe: Ich habe die Polizei belogen. Ich war der Idiot.

Sie haben ja gesagt, dass Sie die Schuld auf sich nehmen, um Ihre damalige Freundin Elizabeth vor dem elektrischen Stuhl zu schützen, denn Sie dachten, als Sohn eines Diplomaten würden Sie Immunität genießen. Hatte Ihnen das jemand gesagt oder sind Sie davon ausgegangen, wie kam dieser Gedanke zustande?

Man muss verstehen: In jedem anderen Land der Welt – außer den Vereinigten Staaten – hätte ich tatsächlich Immunität gehabt. In allen anderen Ländern hat immer der Diplomat und seine Familie Immunität. In den Vereinigten Staaten macht man einen Unterschied zwischen Diplomaten, die an der Botschaft arbeiten und Diplomaten, die an den Konsulaten arbeiten. Bei den Diplomaten, die an den Konsulaten arbeiten, hat nur der Diplomat, aber nicht seine Familie Immunität. Es ist nur in den Vereinigten Staaten so. Ich hatte einen Diplomaten-Pass, unser Auto hatte diplomatische Nummernschilder…Ich ging einfach davon aus, man würde mich hier verhaften, nach Deutschland schicken, dann hätte ich in Deutschland einen Prozess für die Tat, die in Amerika geschah.

Gibt es hier im Gefängnis eigentlich Freunde?

Ja. Es gibt Freunde. Viele Jahre lang gab es keine. Es hat sehr viel damit zu tun, wie alt man ist. Ich bin als junger Weißer ins Gefängnis gekommen. Als ich ins Gefängnis gekommen bin, war es sehr, sehr, sehr viel brutaler. Ich bin ja 1991 beinahe vergewaltigt worden, das war eine ganz knappe Sache. Riesen Glück, dass ich nicht vergewaltigt wurde, aber das hat mich also geprägt. In so einer Situation ist es also sehr, sehr schwierig Freunde zu haben. Für mich ist es also so, ich hab also, vor allen Dingen, nachdem meine Umgebung dann mit den Jahren nicht mehr ganz so extrem gefährlich war, anfänglich war es ja extrem gefährlich…(fängt an zu lachen), wenn ich noch daran zurück denke, man musste also  mit Messer rumlaufen, es war also wirklich, es war verrückt. Ich hab das also irgendwie geschafft, tatsächlich 25 Jahre das Tal des Todes, wo man irgendwie es doch schafft, da durchzuschreiten, ohne dass man also einen Kratzer abbekommt.

Freunde im Gefängnis, aber, wahrscheinlich noch viel wichtiger oder ebenso wichtig, die Freunde außerhalb… Sie haben einen Freundeskreis, der sich für Sie einsetzt. Was sind das für Menschen, wie sind die an Sie herangetreten, wie kommunizieren Sie, was ist das für eine Verbindung?

Also in den Vereinigten Staaten sind diese Menschen hauptsächlich über meine Bücher auf mich zugekommen, größtenteils Menschen, die also an Meditation, Centering Prayer, dem Gebet der Sammlung  und social justice issues – wie sagt man das auf Deutsch?

Ja, soziale Gerechtigkeit, Themen für soziale Gerechtigkeit.

In Deutschland sind es teilweise Menschen, die wegen der Bücher auf mich zugekommen sind, aber dann auch wahrscheinlich die meisten wegen der Reportagen, die da im Jahr 2007 im Fernsehen und in den Zeitungen kamen.

Und die setzen sich hier und dort für Ihre Freilassung ein?

Genau.

Wie wichtig ist dieser Kontakt für Sie?

Es ist alles. Ich meine, wenn man völlig isoliert ist, kann man ja gar kein Mensch sein. Man ist ja nur Mensch in Beziehungen zu anderen Menschen. Das ist ja das Schlimme an diesen Supermax-Gefängnissen. Man hört auf Mensch zu sein. Wenn man aber Menschen hat, die einen lieben und die man lieben kann, dann lebt man auch, dann bleibt man am leben.

Ich weiß, dass das Thema Liebe für Sie ganz besonders wichtig ist, gerade wenn es darum geht, wie es in Ihrem Leben weitergehen könnte, dass es einer Ihrer größten Wünsche ist…

Natürlich.

…einmal eine Liebe zu finden, geliebt zu werden. Ich frage mich, nachdem die Liebe so etwas Fatales angerichtet hat und Sie aus Liebe diese Entscheidung damals getroffen haben, für Ihre damalige Freundin die Schuld auf sich zu nehmen…Wie frei ist man dann noch zu lieben?

Also, weil ich noch im Gefängnis bin, ich sag „noch“ (lacht), ich muss ja so denken. Weil ich im Gefängnis bin, ist das ja alles sehr theoretisch, nicht, es ist ja nicht so, dass ich irgendwie ein Leben haben könnte oder…zum jetzigen Zeitpunkt. Im Gefängnis kann man nur überleben, wenn man sich nicht einschüchtern lässt und wenn man ganz konsequent, bevor überhaupt eine Gefahr auf einen zukommt, muss man selber schon auf den anderen zugehen. Und zwar nicht im Angriff, sondern um eben diese Beziehung herzustellen. Und das mache ich seit 25 Jahren, ich bin damit sehr gut gelaufen. Ich hab vorhin erwähnt, dass ich beinahe vergewaltigt worden wäre. Das war ein riesengroßer schwarzer Insasse. Ich hab also ganz laut geschrien und bin weggelaufen. Er hat mich los gelassen, also, die große Überraschung war ja, dass er mich losgelassen hat. Ich bin weggelaufen. Zwei, drei Wochen danach waren wir dann beide auf dem Hof und da war niemand sonst da. Ich wollte Hanteln stemmen, denn ich war traumatisiert und wollte stärker werden. Und er war ja sowieso schon ein riesengroßer weightlifter, Bodybuilder. Also absurd groß, wirklich, also lächerlich. Es war sonst niemand da. Und das war so quasi einer der ganz großen Wendepunkte meines Lebens, dass ich einfach nicht zurückgegangen bin, sondern vorwärts gegangen bin, auf den Mann zu und hab mit dem Hanteln gestemmt – ohne ihm eine Hantel über den Kopf zu hauen. Und er hat auch mich nicht angegriffen, wir haben also kaum miteinander gesprochen, aber wir haben für zwei, drei Jahre lang gelegentlich, nicht regelmäßig, aber gelegentlich zusammen Hanteln gestemmt. Und das ist also, nur so kann man im Knast überleben: Man muss Mut haben, auf die größte Gefahr zuzugehen. Dieses Prinzip wende ich überall an.
Sie haben mich nach der Liebe gefragt. Gleiches Prinzip: Gar keine Frage. Ich hab keinen Schiss. Ich geh drauf zu, ich will das. Gerade weil ich Angst habe, gehe ich darauf zu. Würde ich gerne machen, muss ich machen. Wenn ich dazu eine Gelegenheit hätte, wenn ich rauskomme. Ich meine, es wird erstmal eine riesige, na nicht eine riesig lange Phase, aber es wird eine Phase geben, wo ich mich an die Freiheit gewöhnen werden muss. Ich war ja noch nie im Internet, das muss ich mal probieren; Mobiltelefon gab’s auch nicht; vereinigtes Deutschland gab’s auch nicht. Es wird also ne ganze Menge, vor allem muss ich Arbeit finden. Ich bin ja, also ob man sich als Schriftsteller Lebensunterhalt verdienen kann, weiß ich nicht. Wie gesagt, Sie fragen mich nach der Liebe. Natürlich möchte ich das. Ich habe auch keine großen Anforderungen. Solange ich kein lebenslänglich danach bekomme, ist es schon eine sehr gute Affäre gewesen. Ich brauch nicht viel. Keine Haftstrafen.

Aber Herr Söring, ist es manchmal so, dass man von diesen Tagträumen, dass man die ganz bewusst stoppen muss, eben weil unklar ist, ob es jemals in Erfüllung geht?

Ich hab solche Tagträume nicht. Sie haben mich gefragt. Ich denke fast nie drüber nach, außer während solcher Interviews. Ich bin voll aufs Jetzt konzentriert, auch dafür ist die Meditation sehr gut. Ich hab gar keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen, was ich irgendwann mal machen könnte.

…sagt Jens Söring im Gespräch mit hr - INFO- USA-Korrespondentin Nicole Markwald.
Jens Söring sitzt seit 25 Jahren im Gefängnis. 1985 soll er die Eltern seiner damaligen Freundin in den USA getötet haben. Deshalb wurde er zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Unschuldig – wie Söring selbst behauptet. Die Bundesregierung setzt sich für die Auslieferung des Deutschen ein, ob schuldig oder nicht. Nach deutschem Recht habe Söring seine Strafe längst verbüßt.

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