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Jens Söring ist seit 25 Jahren in den USA in Haft - zu Unrecht, wie er sagt


(Telefoninterview mit Jens' Anwalt, von Dieter Kassel "Deutschlandradio Kultur", 28. April 2011)
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Herr Kassel: Am 30. April 1986 war es, da wurde Jens Söring verhaftet. Er war damals 18 Jahre alt, war auf der Flucht und ihm und seiner damaligen Freundin wurde vorgeworfen,man habe die Eltern dieser Freundin auf bestialische Art und Weise ermordet. Er, Jens Söring, wurde in den USA im Bundesstaat Virginia des Doppelmordes für schuldig befunden von einem Gericht und zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Seit genau 25 Jahren – soweit wird es an diesem Samstag, übermorgen sein – sitzt  Jens Söring nun in Haft. Beweise dafür, dass er die Morde begangen hat, gibt es nicht. Und Leute, die daran zweifeln, dass es so war, gibt es ne Menge. Allerdings, alle Versuche ihn - auf unterschiedliche Art und Weise - frei zu kriegen sind gescheitert. Darunter sechs Anträge auf vorzeitige Haftentlassung auf Bewährung und der Versuch ihn nach Deutschland in ein Gefängnis überführen zu lassen: alles gescheitert. Ein Vierteljahrhundert lang.
Jens Söring wird von mehreren Anwälten vertreten. In Deutschland wird er von Dr. Christian Mensching aus Bonn vertreten, und der ist jetzt am Telefon...
Schönen Guten Tag, Herr Mensching!


Herr Mensching: Einen schönen guten Tag, Herr Kassel!

Nach einem Vierteljahrhundert und so vielen gescheiterten Versuchen, gibt es im Moment überhaupt noch reele juristische Möglichkeiten Söring frei zu bekommen?


Das kann man Gott sei Dank mit JA beantworten. Unsere Bemühungen sind nach wie vor und ganz intensiv darauf gerichtet, eine Perspektive zu schaffen, dass Herr Söring nach Deutschland zurückkehren kann, um dann im weiteren Verlauf auch die Möglichkeit zu haben seine Freiheit wieder zu erlangen. Dafür gibt es ganz konkret drei Möglichkeiten, auf denen man eine solche Rückkehr nach Deutschland erreichen könnte.

Zählen Sie die drei doch mal auf...

Die erste Möglichkeit haben Sie bereits in der Anmoderation angesprochen; das wäre eine Haftüberstellung. Danach würde Herr Söring im Rahmen eines völkerrechtlichen Übereinkommens – dem sowohl die Vereinigten Staaten, als auch Deutschland, beigetreten sind – von einem amerikanischen Gefängnis in ein deutsches Gefängnis überstellt.
Die zweite Möglichkeit einer Rückkehr nach Deutschland bestünde in einer für Herrn Söring günstigen Entscheidung des Bewährungsausschusses in Virginia. Das ist ein politisch unabhängiges "Organ", dass Menschen die - wie Herr Söring - zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden sind, regelmäßig gewissermaßen überprüft und dann entscheidet, ob sie auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen werden könnten. Wenn der Bewährungsausschuss - der in dem Fall von Herrn Söring in den nächsten Wochen und Monaten noch einmal tagen wird - eine POSITIVE Bewährungsentscheidung treffen würde, käme er in den USA aus dem Gefängnis heraus und müsste unmittelbar im Anschluss daran die Vereinigten Staaten verlassen und würde nach Deutschland zurückkehren; was er ohnehin vorhat.
Und die dritte Möglichkeit – die der Vollständigkeit halber erwähnt sei – wäre eine Begnadigung von Herrn Söring durch den Gouverneur des Staates Virginia. Auch im Anschluss an eine solche Begnadigung würde Herr Söring nach Deutschland abgeschoben; was wie gesagt ohnehin der Ort ist, an den er zurückkehren möchte.

Wenn wir über diese Möglichkeit einer "Freilassung auf Bewährung" reden; da muss man nochmal drauf zurückkommen, dass ich gesagt habe, es hat schon etliche Male nicht geklappt - unter stellenweise absurden Umständen... Es hat glaube ich einen Fall gegeben, da ist jemand eingeschlafen in dieser Komission, während dieser Vorfall vorgetragen wurde. In Deutschland ist das relativ alltäglich, dass Leute frühzeitig aus der Haft entlassen werden, aber in Virginia scheint das doch relativ unwahrscheinlich zu sein!?

Also dazu muss man vielleicht zwei Dinge sagen: Zum einen haben wir, ich glaube, ein unterschiedliches Verständnis von Sinn und Zweck einer Freiheitsstrafe, insbesondere einer lebenslangen Freiheitsstrafe; hier in Europa auf der einen Seite, und in den USA auf der anderen Seite. Während bei uns ja sehr stark auch der Resozialisierungsgedanke – beim Strafvollzug – im Vordergrund steht und wir der Meinung sind, dass JEDER Mensch grundsätzlich einen Anspruch darauf hat, irgendwann eine Perspektive auf ein Leben in Freheiit wiederzuerlangen, steht vielleicht in den USA mitunter der Gedanke der eigentlichen Bestrafung, dass jemand Sühne tun muss, sehr stark im Vordergrund.
Man muss - und das ist der zweite Aspekt – allerdings auch wissen, dass das Bewährungssystem in Virginia reformiert worden ist. Mitterweile steht der Gesichtspunkt einer Reintegration des Verurteilten in die Gesellschaft – auch in Virginia – sehr viel stärker im Vordergrund, so dass wir uns vor dem Hintergrund durchaus Hoffnung darauf ausrechnen, dass der Bewährungsausschuss mit "frischen Augen" und mit großer Offenheit, sich dem Bewährungsgesuch von Herrn Söring annehmen wird.

Nun wäre es aber so, bei den offenbar ja auch "in Ihren Augen" wahrscheinlichsten Möglichkeiten ihn frei zu bekommen... also vor dem Bewährungsausschuss, in einem erneuten Versuch dann zu bestehen, oder doch eine Überführung nach Deutschland hinzubekommen. Bei diesen beiden Möglichkeiten würde sich ja nichts daran ändern, dass er rechtskräftig wegen Doppelmordes verurteilt wurde. Ich finde, auch nach einem Vierteljahrhundert ist das noch immer nicht ganz gleichgültig: war er's oder nicht? Unter anderem – sollten wir jetzt mal erwähnen – hat ja Jens Söring nach seiner Verhaftung zunächst einmal sogar die Tat gestanden. Denken Sie denn überhaupt noch über die Frage nach, ob er's war oder nicht?

Das ist ne gute Frage, weil sie glaube ich Gelegenheit gibt deutlich zu machen, dass nach unserem Verständnis nach 25 Jahren doch die Frage, ob er es nun war oder ob er's nicht war ,in gewisser Weise in den Hintergrund getreten ist. Denn selbst wenn er's gewesen sein sollte, dann wäre nach dem Verstreichen von 25 Jahren eine etwaige Schuld mittlerweile – unserem rechtlichen und moralischem Verständnis nach – auch verbüßt. Wenn Sie das Geständnis, das Herr Söring 1986 in britischer Auslieferungshaft abgelegt hat ansprechen... Herr Söring hat stets erläutert, dass er dieses Geständnis abgegeben hat in dem Bemühen, seine damalige Freundin – die er der Tat bezichtigt – vor dem Elektrischen Stuhl zu retten, in dem Glauben, dass ihm als Sohn eines deutschen Diplomaten weit weniger strafrechtliches Unheil drohen würde als seiner damaligen Freundin, wo er davon ausging, dass wenn sie verurteilt werden würde, die Todesstrafe die logische Konsequenz wäre. Also, wenn Sie so wollen ein falsches Geständnis aus Mitleid; und aus einem Schutzreflex der damaligen Freundin gegenüber. Man muss – wenn man sich mit diesem Geständnis auseinandersetzt – auch berücksichtigen, dass zahlreiche Angaben, die Herr Söring in diesem Geständnis gemacht hat, mit dem Geschehen am Tatort – so wie es von den Ermittlungsbehörden rekonstruiert worden ist – nicht übereinstimmen. Herr Söring also erkennbar NICHT über das Täterwissen verfügte, das normalerweise ein belastbares Geständnis auszeichnet.

Das Ganze ist bei aller menschlichen Tragik – ich hab mich gestern Abend auf dem Sofa stundenlang mit alten Akten und vielem anderen, was man problemlos heute noch einsehen kann beschäftigt – auch etwas, wo man am Ende ja wirklich nicht mehr weiß, was man glauben soll. Aber wenn man sich, Herr Mensching, anguckt, was alles schief gelaufen ist... Das ging los bei einem Gerichtsverfahren in Virginia, wo der vorsitzende Richter am ersten Tag des Verfahrens der lokalen Presse erzählt hat, er wäre überzeugt davon, dieser Junge war der Mörder; wäre bei uns wegen Befangenheit sofort dieses Verfahren los gewesen. Das ging weiter mit einem Anwalt, den er damals in den USA gehabt hat, der Jahre später zugegeben hat, er sei eigentlich – dieser damalige Anwalt – wegen großer psychischer Belastung gar nicht richtig zurechnungsfähig gewesen; während des Verfahrens. Glauben Sie denn – Sie haben viel Erfahrung mit dem Rechtssystem in den USA; auch aus Ihrer Studienzeit... glauben Sie überhaupt noch an das Rechtssystem von Virginia? Ne heikle Frage, ich weiß...

Es ist ne heikle Frage und es ist immer schwierig, sozusagen, von tausend Kilometern der Distanz da zu urteilen. Was ich glaube ist, dass begründeter Zweifel an der Schuld von Herrn Söring besteht. Und diese Zweifel sind in jüngster Zeit ja noch einmal ganz nachhaltig verstärkt worden, durch zwei neue Erkenntnisse: Da sind zum einen – kurzfristig Ende 2009 – 42 Blutspuren auf DNA untersucht worden, die damals – Mitte der 80er Jahre – am Tatort zwar gesichert worden waren, aber mangels der technischen Möglichkeiten noch nicht untersucht werden können. Dabei hat sich herausgestellt, dass KEINE dieser 42 Blutspuren Herrn Söring zugeordnet werden konnten. Der zweite Gesichtspunkt, aus dem sich weiterer wesentlicher Zweifel an der Schuld von Herrn Söring ergibt, ist die Aussage eines neuen Zeugen, der sich erst in den letzten Wochen gemeldet hat und angegeben hat, dass Elizabeth Haysom – die damalige Freundin von Herrn Söring – kurze Zeit nach der Tat in Begleitung eines jungen Mannes - der gerade NICHT Jens Söring war - zu ihm in die Autowerkstatt gekommen ist und ein Auto in Reparatur gegeben hat, in dem sich Blutspuren und ein blutiges Messer, in der Mittelkonsole, fanden. Auch dies sind sozusagen zwei weitere Elemente in  einer ganz langen Kette von Zweifeln an der Schuld von Herrn Söring.

Wir reden im "Deutschlandradio Kultur" mit dem deutschen Anwalt des inhaftierten Jens Söring: Christian Mensching. Herr Mensching, wir haben jetzt so viel über die juristischen Fragen geredet und das Ganze hat natürlich – Sie haben's ja angedeutet – auch eine große menschliche Perspektive. 44 ist Jens Söring inzwischen. Er hat DEUTLICH MEHR als die Hälfte seines bisherigen Lebens im Gefängnis verbracht. Ich weiß, dass sie regelmässig Briefkontakt mit ihm haben... hat er selber denn eigentlich immer noch Hoffnung?

Er hat diese Hoffnung und es ist eine sehr ansteckende Hoffnung. Ich glaube, wenn Herr Söring diese Hoffnung nicht hätte, würde er im Gefängnis auch eingehen. Und so gibt es glaube ich zwei Dinge, die ihn täglich motivieren: Das ist zum einen die Hoffnung darauf, die Freiheit wieder zu erlangen. Und das ist zum anderen die Gewissheit, dass er – obwohl er sich hinter den Gefängnismauern befindet – in der wenn Sie so wollen "Freien Welt" nicht in Vergessenheit geraten ist. Aber eben gerade durch den Kontakt nach außen – sei es mit Anwälten, aber auch mit Unterstützern, die persönliche Sympathie zu Herrn Söring entwickelt haben und sich sein Anliegen zueigen gemacht haben, gelingt es eben den Kontakt nach außen zu halten. Das macht natürlich Hoffnung, auch darauf dass es - wenn es denn zu einer Freilassung kommt - nochmal wirklich eine Perspektive gibt, ein Leben in Freiheit zu führen und  dann eben auch mit den großen Herausforderungen zurecht zu kommen; die es nach mehr als einem Vierteljahrhundert im Gefängnis ja auch für ein Leben in Freiheit sicherlich gäbe.

Wo Sie's jetzt schon voller Bescheidenheit nicht getan haben, erwähne ich auch gerne an der Stelle, dass auch Sie kostenlos für Herrn Söring tätig sind: pro bono. Also dass Ihre Kanzlei Redeker Sellner Dahs Ihnen auch die Möglichkeit gibt das zu tun, so wie viele andere Menschen sich kostenlos engagieren. Aber, wie ist es eigentlich mit der Politik? Kann die Deutsche Politik was tun?

Die Deutsche Politik kann was tun und sie tut was und wir wünschen uns natürlich, dass sie auch weiterhin sehr viel tut. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung – Markus Löning – hat Herrn Söring vor einigen Wochen im Gefängnis besucht. Die beiden haben offenbar ein sehr gutes, sehr intensives Gespräch geführt und Herr Löning hat daraufhin auch öffentlich erklärt, dass er sich für die Anliegen von Herrn Söring stark machen werde. Wir erfahren darüber hinaus – das gilt sowohl für das Überstellungsverfahren, aber jetzt auch für die Bemühungen eine positive Entscheidung des Bewährungsausschusses zu erreichen – tatkräftige Unterstützung von Seiten des Auswärtigen Amtes und von Seiten der Botschaft in Washington. Und darüber hinaus haben die Unterstützer von Herrn Söring mit zahlreichen Politikern – aus dem ganzen politischen Spektrum – Kontakt aufgenommen. Jeder Akt der Unterstützung – der insbesondere aus der Politik und von Seiten der Regierung kommt – ist besonders wertvoll und äußerst willkommen und wir unsererseits bemühen uns auch eben diesen Kontakt aufrechtzuerhalten und auch mit der gebotenen Zurückhaltung eine Erwartungshaltung ein bisschen zu formullieren, dass man sich für den deutschen Staatsbürger – Jens Söring – auch im Ausland weiterhin nachhaltig engagiert.

Wer sich selber engagieren möchte oder einfach nur noch mehr über diesen Fall erfahren, der kann das auf der sehr informativen Internetseite www.jenssoering.de tun. Jens Söring dann als ein Wort. Oder auch jenssoering.com, wenn sie das ganze lieber in englischer Sprache möchten. Da finden sie dann auch Informationen zu den inzwischen recht  zahlreichen Büchern, die Söring im Gefängnis geschrieben hat: in englischer und in deutscher Sprache. In Deutschland setzt sich der Rechtsanwalt Dr. Christian Mensching für ihn ein. Herr Mensching, ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Wir wünschen glaube ich beide Jens Söring, dass nach diesen 25 Jahren nicht mehr viele Jahre kommen; und ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!


Ich danke Ihnen, Herr Kassel!
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