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Keine Gnade für Nr. 1161655

(von Karlheinz Niess, Frankfurter Neue Presse, 15. August 2011, Originalartikel)


Seit 25 Jahren kämpft ein Deutscher in einem amerikanischen Gefängnis um seine Freilassung. Wegen Doppelmordes wurde er verurteilt – ein Justizirrtum sei das, heißt es, er sei unschuldig. Auf Gnade aber hofft der Mann wohl vergebens.


Dillwyn, Virgina.  Er 19, als er ins Gefängnis kam. Jetzt ist er 44 – und sitzt immer noch. Und selbst, wenn weitere 25 Jahre vergehen und er 69 Jahre alt werden sollte, wird er wohl immer noch eingesperrt sein. Denn sie wollen ihn nie, nie wieder freilassen. Zweimal lebenslänglich, lautete das Urteil.

Jens Söring, Sohn eines deutschen Diplomaten, jetzt Häftling Nr. 1161655 im Buckingham Correctional Center, ist seit 25 Jahren Gefangener im US-Bundesstaat Virginia. Er wurde verurteilt für zwei Morde, die er mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht begangen hat. Es gab damals keine Zeugen, keine Beweise, keine DNA-Spuren. Es gab nur ein Geständnis, das Jens Söring abgelegt hatte, weil er seine Freundin vor der Todesstrafe retten wollte. Er hat es widerrufen, damals, sofort, und seither unablässig seine Unschuld beteuert, jetzt schon seit 25 Jahren. Vergebens.

Die Geschichte des Jens Söring ist eine dieser furchtbaren Geschichten der amerikanischen Justiz, die den Eindruck vermitteln, sie lasse sich nicht lenken von Recht und Gesetz, sie sei vielmehr beherrscht von Willkür, von Rachegedanken und, ja auch, von politischem Kalkül. Gefängnisse in den USA sind zudem, auch das muss man wissen, ein Riesengeschäft: Viele sind privatisiert, auf Rentabilität getrimmt – jeder Gefangene mehr lässt die Kasse von Investoren klingeln. Der Staat zahlt 60 Milliarden Dollar pro Jahr für 2,2 Millionen Häftlinge.

Einer von ihnen: Jens Söring, geboren 1966 in Bangkok, da waren seine Eltern gerade im diplomatischen Einsatz in Thailand. Umzug mit elf nach Amerika, wo er sich mit 18 an der Universität von Virginia einschrieb und wenig später die Studentin Elizabeth Haysom traf. Ihre Eltern – Vater Derek Südafrikaner, Mutter Nancy Kanadierin – waren erfolgreiche Unternehmer. Die 20-jährige Elizabeth, total verkorkst, wohl auch verkokst, zeigte Söring, dem schüchternen Jüngling mit glasbausteindicker Brille, eines Tages Nacktfotos von sich, die ihre eigene Mutter gemacht hatte.

Missbraucht von der eigenen Mutter: Seine Schuld, sagte Jens Söring später einmal, sei gewesen, dass er seine Freundin nicht umgehend zu einem Psychiater gebracht habe.

Ein knappes Jahr später, am 30. März 1985, werden Elizabeths Eltern in ihrem Haus in Virginia ermordet aufgefunden. Der oder die Täter müssen wie im Rausch gehandelt haben. Ein Blutbad. Ein Gemetzel. Elizabeth Haysom und ihr Freund geraten ins Fadenkreuz der Ermittler. Sie setzen sich, als der Druck zunimmt, nach Thailand ab und fliegen, als das Geld ausgeht, nach London. Dort werden sie verhaftet.

Beide gestehen, die Morde begangen zu haben. Dann aber widerrufen beide. Dann sagt sie, er habe zugestochen – auf ihr Geheiß hin. Er wiederum streitet ab, an den Morden beteiligt gewesen zu sein.

Elizabeth Haysom wird an die USA ausgeliefert, bekennt sich auch vor Gericht schuldig und wird zu 90 Jahren Haft verurteilt. Jens Söring wehrt sich juristisch gegen eine Auslieferung, klagt bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der einer Auslieferung zustimmt, als die USA zusagen, ihn nicht zum Tode zu verurteilen.

Vor Gericht in Virginia erklärt Söring sein Geständnis damit, dass er seine Freundin vor einer Hinrichtung habe schützen wollen – er dachte, der Diplomatenstatus seines Vaters sichere ihm Immunität zu, ihm selbst hätte schlimmstenfalls die Auslieferung nach Deutschland und hier eine Bestrafung nach Jugendrecht gedroht...

Am Ende des aufsehenerregenden Prozess, der erste in Virginia, der vom Fernsehen übertragen wird, plädiert die Jury trotz äußerst dürftiger Indizienkette auf schuldig. Das Urteil: zweimal lebenslänglich.

Ein Vierteljahrhundert hat Jens Söring jetzt abgesessen. Silbernes Knast-Jubiläum. Längst sind die Hauptbeweise von damals völlig entkräftet: Sörings Geständnis – es kann gar nicht wahr gewesen sein, es enthielt schwerwiegende Fehler, unter anderem zur Kleidung der Opfer, zur Position der Ermordeten, zur Art des Messers, dass nie gefunden wurde. Ein Fussabdruck, der am Tatort entdeckt und Söring zugeordnet wurde, wird heute von Experten als "wertlos" bezeichnet: Er ist einfach zu klein.

Bei Elizabeth Haysom schließlich wurde eine Borderline-Schizophrenie diagnostiziert, Psychiater bezeichneten sie außerdem als pathologische Lügnerin.

Heute ist kaum mehr nachzuvollziehen, warum in dem Prozess derart oberflächlich mit angeblichen Beweisen und Falschaussagen agiert werden konnte. Und als wäre das nicht genug: Der Richter, so wird später bekannt, war ein guter Freund der Ermordeten. Und Sörings Verteidiger: Ihm wurde später die Lizenz entzogen, weil – wie er sagte – "sein Verteidigungsvermögen auf Grund einer emotionalen oder mentalen Beeinträchtigung fundamental eingeschränkt war".

Vor zwei Jahren ein kleiner Hoffnungsschimmer: Die 42 DNA-Spuren, die am Tatort sichergestellt worden waren, wurden nochmals ausgewertet, mit neuester Technik. Eindeutiges Ergebnis: Alle 42 Spuren – Fußspuren, Fingerabdrücke, winzigste Fasern – stammten nicht von Jens Söring.


Wenn nicht Jens Söring am Tatort war: Wer war dann der Mörder?

Vor wenigen Wochen meldete sich ein Automechaniker bei der US-Justiz. Damals, kurz nach der Tat, habe ein junges Pärchen bei ihm ein Auto in Reparatur abgegeben. In dem Auto habe ein blutverschmiertes Jagdmesser gelegen, es habe ausgesehen wie jenes, das bei den Morden benutzt worden war. Die Frau in dem Auto, sagte der Mechaniker auch, sei eindeutig Elizabeth Haysom gewesen, ganz bestimmt und ohne jeden Zweifel. Ihr Begleiter – das sei garantiert nicht Jens Söring gewesen, auch das könne er mit absoluter Sicherheit sagen.


Wer war der unbekannte Mann neben Elizabeth Haysom? War er der Mörder?


Gail Marshall, eine frühere stellvertretende Generalstaatsanwältin von Virginia, sagte in einem Interview, in ihrer Laufbahn sei sie nur zwei Mal von der Unschuld eines Verurteilten überzeugt gewesen. "Einer ist Jens Söring."

Es gäbe vielleicht eine Chance auf Freilassung: ein Gnadenakt. Anfang 2010 eine kleine Überraschung: Der demokratische Gouverneur Timothy M. Kaine bat US-Generalstaatsanwalt Eric Holder, Söring nach Deutschland zu überstellen – hier müsse er zwei Jahre im Gefängnis verbringen, dann käme er frei, Deutschland hatte eine entsprechende Zusicherung gegeben.

Problem: Kaines Amtszeit endete vier Tage später. Sein Nachfolger, Gouverneur F. McDonnell, ein Republikaner, machte umgehend einen Rückzieher. Mörder freizulassen kommt in den USA nicht so gut an. Söring stellte im August 2010 ein weiteres Gnadengesuch, sein sechstes. Abgelehnt.


Keine Gnade für Nr. 1161655


Jens Söring steht weiterhin jeden Morgen um halb fünf auf. Schreibt täglich Briefe, rund 120 bis 150 im Monat, an den "Freundeskreis Jens Söring", der in Deutschland für ihn kämpft und dafür Sorge trägt, dass sein Schicksal nicht in Vergessenheit gerät. Und er schreibt Bücher – über die amerikanische Kriminalpolitik und auch Betrachtungen über den christlichen Glauben, zu dem er in der langen Haft gefunden hat. Sein Buch "The Convict Christ: What The Gospels Says About Criminal Justice" wurde mit dem Preis der katholischen Pressevereinigung für die Vereinigten Staaten und Kanada ausgezeichnet.

Vergangenen Montag war wieder eine Anhörung vor dem "Parole Board", das Ergebnis wird Ende Juli bekannt gegeben. Jens Söring ahnt wohl, dass er kaum Chancen auf Freilassung hat. Als nächstes will er gegen die zurückgezogene Haftüberstellung nach Deutschland klagen. Aber bringt das Erfolg?

Er hat sich arrangiert mit dem Leben hinter Gittern, mehr nicht. Wie lange reicht seine Kraft für das Bewahren der Hoffnung? "Ein Leben im Knast ist kein Leben. Das ist eine Schattenwelt, in der nichts echt ist. Es fühlt sich an wie Todesstrafe", sagte er in einem Interview. Und auch: "In dieser Situation ist der Tod eine Erlösung. Ich müsste nicht mehr kämpfen. Das wäre schön."
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