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Kommissar Kerner im Knast


(Jens Söring zu Gast bei Johannes B. Kerner, FAZ.NET-Fernsehkritik, 27. September 2007, Originalartikel)


Die Todesstrafe empfände er bisweilen als Befreiung: Seit 21 Jahren sitzt Jens Söring in einem amerikanischen Gefängnis. Weil der Deutsche 1985 die Eltern seiner damaligen Freundin brutal ermordet haben soll. Nun bekam er Besuch von Kommissar Kerner.

Johannes B. Kerner ist bekannt dafür, dass er in seiner Sendung häufig dann den Einsatz verpasst, wenn er den Rhythmus verändern könnte. Auch verfällt er manchmal mit seinen Gesprächspartnern ins Plaudern, so dass es sichtlich nur noch ihm und seinem Gegenüber Spaß macht, während der Zuschauer gähnend vorm Fernseher sitzt und die Fernbedienung sucht, um sich zu erlösen.

Ausgerechnet bei der Sendung, in welcher der Mensch, um den es sich während der gesamten Sendezeit drehen sollte, gar nicht im Studio war, vergingen späte 70 ZDF-Minuten erstaunlich kurzweilig. Das hatte vor allen Dingen mit dem Thema zu tun, aber auch mit den Fragen des Moderators.

Es lag nicht an den fehlenden Bemühungen von Kerner und seinem Team, dass Jens Söring nicht auf einem der Sessel Platz nehmen konnte. Der deutsche Diplomatensohn sitzt nämlich seit nunmehr 21 Jahren in einem amerikanischen Gefängnis im Bundesstaat Virginia. Er ist zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt, weil er die Eltern seiner damaligen Freundin brutal ermordet haben soll. Als der Mord geschah, war Söring gerade mal 18 Jahre alt. Er hat also mehr Zeit seines Lebens in Gefangenschaft verbracht als in Freiheit (siehe auch: "Zum Weiterleben verurteilt").


Ein wacher, intelligenter Mensch


Kerner war nach Virginia geflogen, um Jens Söring in der Strafvollzugsanstalt am Rande des kleinen Ortes Lawrenceville in Virginia zu besuchen und ihn für die Sendung zu interviewen. Journalisten vom ZDF sind für den Gefangenen keine Unbekannten, das Zweite hatte ihn schon einmal besucht für die Dokumentation „Lebend begraben“. Das aufgezeichnete Gespräch machte zeitlich und inhaltlich den Großteil von Kerners Sendung aus.

Und das war gut so: Söring ist ein wacher, sympathischer, intelligenter Mensch, dem man gerne zuhört, der weder wie ein brutaler Mörder aussieht noch den Eindruck erweckt, er hätte sich selbst aufgegeben. Es stellt sich also schnell der Eindruck ein: Da sitzt ein Unschuldiger im Gefängnis. Und gerade weil der Zuschauer aus Dokumentar- und Kinofilmen weiß, dass der Charakter und der Intellekt eines Menschen kein Beweis für seine Unschuld ist, faszinierte Kerners Gesprächspartner um so mehr.


„Ich bin unschuldig“

Zugegebenermaßen spricht vieles für Unschuld des Verurteilten, aber der Fall bleibt skurril: Der Diplomatensohn Söring ging damals mit einem Stipendium nach Amerika und lernte dort die zwei Jahre ältere Elizabeth Haysom kennen. Sie sei die „beliebteste und begehrteste Frau im Wohnheim“ gewesen, sie hätte sich ihn ausgesucht. Sie werden ein Liebespaar. Wenige Monate später findet die Polizei die Leichen von Elizabeths Eltern in ihrem Haus. Sie wurden mit mehreren Dutzend Messerstichen ermordet.

Anfangs werden weder Söring noch Elizabeth verdächtigt. Doch nachdem allmählich auch Ermittlungen gegen sie aufgenommen werden, fliehen die beiden und werden schließlich in London gefasst. Der Deutsche gesteht zunächst die Tat. Doch vor einem amerikanischen Gericht nimmt er später das Geständnis zurück. Bis heute bleibt er dabei: „Ich bin unschuldig.“


Das Schuldgeständnis - ein juristischer Kniff

So hat sich die Geschichte Ende der achtziger Jahre vielen Amerikanern eingeprägt. Einige werden sich gefragt haben: Warum gesteht jemand eine Tat, die er nicht begangen hat? Jens Söring sagt, er habe seine Freundin schützen wollen. Er habe geglaubt, dass er aufgrund seiner diplomatischen Immunität nach Deutschland ausgeliefert, dort nach dem Jugendstrafgesetz verurteilt und vermutlich nach weniger als zehn Jahren wieder entlassen würde.

Dass er nicht bereits tot ist, liegt an einem juristischen Kniff. Denn in Amerika wartete die Todesstrafe auf Söring. Doch weil er in seiner Londoner Haft behauptete, dass er schuldig sei, lieferte die britische Regierung ihn nur unter der Bedingung aus, dass Amerika von der Todesstrafe absehe. Und das geschah. Er wurde „nur“ zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt.

Zum Glück hat es Kerner dieses Mal auch nicht geschafft, das einzulösen, was er seinen Zuschauern versprach. Es ginge nicht um Recht oder Unrecht, schuldig oder nicht schuldig, sondern um den Menschen Söring, behauptete Kerner immer wieder. Und natürlich ging es ständig um die Frage, ob der Deutsche unschuldig im Gefängnis sitzt und welche Beweise für und gegen ihn sprechen.

Der Zuschauer erfuhr aufschlussreiche Dinge über seine damalige Freundin Elizabeth. Er sei ihr auf dem Leim gegangen, sie habe Heroin gespritzt und ihre Eltern gehasst. Sie hätte ihnen den Tod gewünscht. Zudem hätte er keinerlei Verhältnis zu den Eltern gehabt. „Ich habe sie nur einmal eine Dreiviertelstunde gesehen. Sie waren sehr misstrauisch und vorsichtig, weil Elizabeth vorher immer schräge und wilde Typen nach Hause gebracht hatte“, sagt Söring und liefert weitere Argumente für seine Unschuld.


Ein „untypischer Gefangener“

Ebenso wie der Zuschauer ist auch Kerners Gast Andreas Frieser von Söring angetan. Der deutsche Anwalt versucht mit seinen Kollegen eine Auslieferung nach Deutschland zu erreichen. Frieser sieht in Söring einen „untypischen Gefangenen“, der von Intelligenz und Zielstrebigkeit geprägt sei.

Neben dem Anwalt sitzt während der Sendung Gail Marshall, frühere stellvertretende Generalstaatsanwältin von Virginia. Sie hat den Deutschen im Berufungsverfahren vertreten. Sie argumentiert überraschenderweise meist psychologisch. „Dieser Mann hatte die Eltern nur einmal getroffen. Da kann sich keine Aggressivität aufbauen. Außerdem können Jugendliche so ein unglaublich brutale Tat nicht begehen.“


Ein Fußabdruck als Beweis

Doch irgendwann weist sie auf einen Fehler im Verfahren hin, den auch Söring als schlimmsten Fehler sieht, der gemacht wurde. Das einzige Beweisstück, das die Staatsanwaltschaft vorlegen konnte, war ein Fußabdruck. Die Füße des Verurteilten passen angeblich genau zu dem Abdruck. Söring erklärt, dass dies kein echter Fachmann nachgewiesen habe. Zudem bestätigt Gail Marshall, dass die Beweismethode mehr als fragwürdig sei. Doch dieser Beweis war damals entscheidend.

Ein Geschworener sagte nach der Verhandlung aus, es habe lange unentschieden gestanden: sechs Geschworene seien von Sörings Schuld und ebenso viele von dessen Unschuld überzeugt gewesen. Weil sie jedoch im Fußabdruck einen klaren Beweis gesehen hätten, dass Söring der Mörder sei, hätten die Geschworenen dann für schuldig gestimmt.


„Der hat's geschafft. Er hat sich umgebracht“

Zwischendrin schaffte es Kerner dann doch ab und zu, die Aufmerksamkeit auf den Menschen Söring zu lenken, weg von der Schuldfrage. Wenn Söring etwa sagt: „Das war meine große Idee. Ich nehme die Schuld auf mich. Mir kann nichts passieren, ich habe einen Diplomatenpass.“

Warum er sich da so sicher gewesen sei, fragte Kerner nach. „Ich hatte immer Erfolg. Mir gelang alles.“ Dass Söring nicht nur der rationale Beherrschte ist, der sein Leben auch nach 21 Jahren Gefängnis jederzeit im Griff hat und nie an sich zweifelt, wird deutlich, als er über den Tod eines anderen Gefängnisinsassen spricht: „Der hat's geschafft. Er hat sich umgebracht. Der ist frei.“


Der Zuschauer als fiktiver Geschworener

Kerners Sendung war dennoch mehr eine Kriminaldokumentation als eine Talkshow. Der Zuschauer sah am Anfang eine kurze Zusammenfassung des Falls. Die aufgezeichneten Antworten Sörings und die Aussagen der Gäste, unter denen auch der Seelsorger Sörings war, lieferten hinreichend viele Puzzleteile, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Es war also die stetige Anhäufung von Details, mit der der Zuschauer sich als fiktiver Geschworener fühlen konnte. Kerner mimte den Kommissar - auch wenn es nicht so aussah. Vielleicht fiel auch er - ebenso wie wohl mancher Zuschauer - auf Söring rein. Ob der 41-Jährige zu Recht oder Unrecht im amerikanischen Gefängnis sitzt, werden wir vermutlich nie erfahren.

Es ist fast unmöglich, dass Timothy Kaine, der demokratische Gouverneur von Virginia, ihn begnadigt. Es ist allerdings möglich, dass er Söring nach Deutschland abschiebt. Spätestens dann sollte Kerner wieder ins Gefängnis gehen.
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