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Neue Hoffnung


(von Europe Online / dpa, 23. Februar 2011, Link)


Fast 25 Jahre schon sitzt der deutsche Diplomatensohn Jens Söring in den USA im Gefängnis - für einen Doppelmord, den er möglicherweise nicht begangen hat. Jetzt gibt es für den 44-Jährigen neue Hoffnung. Auch die Bundesregierung will helfen, ganz diskret.

Berlin (dpa) - Zwei Monate noch, dann ist für Häftling Nummer 179212 das Vierteljahrhundert voll. Am 30. April wird es genau 25 Jahre her sein, dass der deutsche Diplomatensohn Jens Söring hinter Gitter kam. Seither war er nicht mehr in Freiheit. Heute ist er 44 und sitzt im Buckingham Correctional Center, einer Haftanstalt im US-Bundesstaat Virginia. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht - und das wegen eines Verbrechens, das er möglicherweise nicht begangen hat.

Der Fall, um den es geht, reicht bis in die Mitte der 80er Jahre zurück. Und aus heutiger Sicht weist er ziemlich viele Merkwürdigkeiten auf: Augenzeugen gibt es keine, Fingerabdrücke nicht und von Söring wurden am Tatort auch keine DNA-Spuren gefunden. Trotzdem gilt er weiterhin als Doppelmörder - schuldig, im März 1985 gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Elizabeth deren Eltern umgebracht zu haben.

Söring war damals 18, ein westdeutscher Einserschüler mit einem Auslandsstipendium für die University of Virginia. Dort lernte er Elizabeth kennen. Als die beiden nach der Ermordung ihrer Eltern in Verdacht geraten, fliehen sie nach Europa. Im April 1986 werden sie in London gefasst. Söring glaubt, dass er durch den Diplomatenstatus seines Vaters Immunität genießt und legt ein Geständnis ab - angeblich, um seine Freundin zu retten. Später widerruft er.

Dennoch werden die beiden an die USA ausgeliefert. Immerhin kann Söring zuvor verhindern, dass gegen ihn die Todesstrafe verhängt werden darf. Er bekommt zweimal lebenslänglich, sie 90 Jahre Haft. Von der Außenwelt hat er seither nichts mehr gesehen. «Mein Leben hat mit 18 aufgehört», sagte er kürzlich in einem Gespräch mit der «Süddeutschen Zeitung». Und versichert bis heute: «Ich bin unschuldig.»

Im Buckingham Correctional Center gilt der Deutsche als Modell-Häftling. Trotzdem scheitert er mit Gnadengesuchen und Berufungsanträgen immer wieder. Bis vor anderthalb Jahren der damalige Gouverneur die baldige Überstellung nach Deutschland verspricht. Drei Monate später nimmt der Nachfolger den Gnadenakt völlig überraschend zurück. Damit sind auch alle Chancen dahin, neuere DNA-Ergebnisse ins Verfahren einzubringen.

Trotzdem gibt es jetzt neue Hoffnung. Die Bundesregierung, die sich über die Botschaft in Washington bislang nur sehr diskret mit dem Fall Söring befasste, schaltet sich nun auch öffentlich ein. Vergangene Woche bekam der Diplomatensohn Besuch vom Berliner Menschenrechtsbeauftragten Markus Löning, der sich auf einer USA-Reise über die Zustände in den US-Gefängnissen informierte. Nach anderthalb Stunden berichtet er von einem hochintelligenten Gesprächspartner, der in der Haft merkwürdig alterslos geblieben sei.

«Öffentlich können wir nur wenig unternehmen», sagt Löning. «Aber wir versuchen im Hintergrund alles, was wir tun können.» Auf jeden Fall will man den Eindruck vermeiden, Druck auf die amerikanische Justiz ausüben zu wollen. Die Frage nach Schuld oder Unschuld spiele dabei «keine Rolle», sagt der FDP-Politiker. «Söring sitzt seit fast einem Vierteljahrhundert in Haft. Damit hat er nach unserem Rechtsverständnis seine Strafe seit vielen Jahren verbüßt.»

Die Hoffnung ruht nun entweder auf einer neuen Begnadigung oder aber auf einem «Bewährungsausschuss», der die zweimal lebenslängliche Haftstrafe zur Bewährung umwandeln könnte. Beides würde für Söring bedeuten, dass er nach Deutschland zurückkann. Auch wenn er manchmal nicht mehr daran glaubt. «Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich wie ein Mensch bin, der gestorben ist», sagte er der «Süddeutschen». «Aber die Leiche zuckt noch, weil man elektrische Paddel draufsteckt. Er zuckt, aber im Grunde ist er tot.»
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