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Keine Hoffnung für Jens Söring

 

Wie man als Gefangener überlebt....


(Deutsch Übersetzung des Artikels
von Bill Sizemore für den Virginian Pilot, 18. Februar 2007, Link)


Der Gefangene Nummer 179212 des Brunswick Correctional Center hat in gewisser Hinsicht einiges gemeinsam mit  den anderen Gefangenen. Zum einen beteuert er seine Unschuld, zum anderen ist er verzweifelt darum bemüht, herauszukommen. Aber sonst trennt Jens Söring manches von den 31,000 Insassen in Virginias Gefängnissen.  Und dies nicht nur weil er zweimal Lebenslänglich für einen fürchterlichen Doppelmord verbüßt. Er hat einige Dutzend einflussreicher Unterstützer gefunden, einschließlich des deutschen Botschafters in den Vereinigten Staaten und Hochwürden Walter F. Sullivans, des Bischof i.R. der katholischen Diözese von Richmond. Sie und andere preisen ihn als einen tüchtigen Theologen und Gefängnisreformer. In vier Büchern hat Söring seine sprituelle  Odyssee aufgezeichnet und über entsetzliche Geschichten aus dem Gefängnisalltag geschrieben. Er ist Gegenstand von zwei gerade entstehenden Dokumentarfilmen und letzten Monat wurde in einer großen deutschen Zeitung ein Artikel über ihn geschrieben. Ein deutscher Fernsehsender bereitet einen Beitrag über seinen Fall vor.

Söring hat mehr als die Hälfte seines vierzigjährigen Lebens im Gefängnis verbracht. Manchmal hat ihm die Aussicht auf all die vor ihm liegenden Monate und Jahre das Gefühl vermittelt, er füge sich genau das zu, was er laut seinem Gerichtsurteil einem prominenten Ehepaar aus Lynchburg 1985 in einer Märznacht angetan habe. Der Aufsehen erregende Fall brachte alles zusammen: Geld, Klassenprivileg, Liebesbesessenheit, grausame Gewalt und eine Flucht vor den Behörden ins Ausland. Er machte Söring zur größten Fernsehsensation in diesem Teil Virginias. Er passte in die Geraldo-Show, wie ein wirklicher Schwerverbrecher. Rund um die Uhr war er ein ständiges Thema im Kabelfernsehen, bevor es solche Quasselsendungen überhaupt gab.

Um zu verstehen, was aus Söring wurde, muss man in den Herbst 1985 zurückgehen. Damals wurde auf dem Campus der Universität von Virginia ein brillanter aber tumber Junge mit langen Haaren, zu großer Brille und deutschem Akzent von einem älteren Mädchen verzaubert.  Elizabeth Haysom war locker, erfahren und weltgewandt -  ganz das Gegenteil von Jens Söring.  Söring hatte als ältestes Kind eine  deutschen Diplomaten seine Teenagerjahre auf einer  exklusiven Privatschule in Atlanta, Georgia, verbracht, wo sein Vater am deutschen Konsulat  arbeitete. In seinem Abschlussjahr war er Redakteur der Schulzeitung und er wurde trotz seiner deutschen Muttersprache zum besten Englischschüler ernannt. Er gehörte zu den 12  Studenten, die im Herbst 1984 als Jefferson-Stipendiaten mit einem kostenlosen vierjährigen Studium für ihre schulischen Leistungen belohnt wurden und in die Universität von Virginia eintraten. Seine soziale Entwicklung war aber weit hinter seiner intellektuellen Kompetenz zurückgeblieben.

"Keine wollte mit mir auf der High School ausgehen, keine.", sagte er vor kurzem in einem Interview aus dem Gefängnis. "Ich musste schwer kämpfen, um ein Partnerin für den Abschlussball zu bekommen." Söring spricht mit ruhiger Eindringlichkeit. Nur eine winzige Spur seines Akzentes ist geblieben. Er sieht immer noch jugendlich aus, aber sein Körper ist durchtrainiert nach vielen Jahren Training in Gefängniskrafträumen.

Während der Orientierungswochen traf er Haysom, die Tochter eines pensionierten kanadischen Industriellen. Innerhalb weniger Monate waren sie ein Liebespaar. Haysom war zwei Jahre älter und bezauberte Söring durch ihr ungewöhnliches Aussehen, ihren ausgesuchten britischen Akzent und ihre Erzählungen von einer stürmischen Vergangenheit. Als Teenager, so erzählte sie ihm, wurde sie heroinabhängig, lief aus einem exklusiven englischen Internat fort und trieb sich monatelang mit einer lesbischen Geliebten in Europa herum. Das haute den weltfremden, jungfräulichen Söring um. "Sie war die Sorte Mädchen, die deine Mutter dir verbieten würde", sagte er. "Dieser Anflug von Gefahr war sehr anziehend."

Was an jenem Wochenende im März 1985 geschah, hängt davon ab, wer die Geschichte erzählt – und wann.

Seit 1990 hat Söring diesen Bericht abgegeben: Bei einem Ausflug nach Washington DC gestand ihm Haysom, dass sie es nicht geschafft habe ihre Drogensucht aufzugeben und dass sie bei ihrem Dealer Schulden angehäuft habe. Um diese abzubezahlen hätte sie eingewilligt, Drogen von Washington nach Charlottesville zu transportieren. Um mögliche Gerüchte bei ihren Eltern zu zerstreuen bat sie Söring, ihr ein Alibi zu verschaffen, indem er Kinovorstellungen besuchen, jeweils zwei  Karten kaufen und die abgerissenen Karten behalten solle.  Ungefähr zehn Stunden später, gegen 2 Uhr nachts, berichtet Söring, sei Haysom aschfahl in ihrem Hotelzimmer erschienen. „Vier Dinge hat sie immer wieder gesagt: Ich habe meine Eltern getötet. Die Drogen sind schuld. Sie haben’s sowieso verdient. Du musst mich vor dem elektrischen Stuhl retten.“

Söring sagt, dass er dann den größten Fehler seines Lebens begangen habe. In der falschen Annahme, dass ihn der diplomatische Status seines Vaters vor Verfolgung schützen würde, erklärte er sich damit einverstanden, die Morde zu gestehen, wenn er das Leben seiner Geliebten retten müsste. “Ein Ritter in glänzender Rüstung, der sich für sie opfert. So sah ich mich“, sagte er. Haysom lehnte ein Interview für diesen Artikel ab. In polizeilichen Vernehmungen und in ihrer Aussage vor Gericht machte sie unterschiedliche Angaben über jenes Wochenende. Aber in einem entscheidenden Punkt behauptet sie das Gegenteil von Söring: er sei es gewesen, der nach Lynchburg gefahren sei und Derek und Nancy Haysom ermordet habe, während sie in Washington zurück geblieben sei.

Unabhängig davon, wer das Verbrechen beging, es erschütterte Lynchburg zutiefst wegen seiner Brutalität - die Haysoms waren übersät mit tiefen Hieb- und Stichwunden und fast enthauptet - und wegen der Prominenz der Opfer (Nancy Haysom stammte aus einer alten Familie Virginias und war eine entfernte Verwandte von Lady Astor, der berühmten Gesellschaftsdame, die das erste weibliche Mitglied des britischen Unterhauses wurde). Im folgenden Frühling flohen die beiden vor den näher kommenden Ermittlern nach Europa. Söring schrieb später in einer Online-Autobiographie, “Mortal Thoughts „ über die sechs Monate ihrer Flucht. Sie fälschten Personalausweise, fuhren in Jugoslawien einen Mietwagen zu Schrott, logierten in einem billigen Bangkoker Hotel, und waren in Singapore, Bombay und Moskau, bevor sie in London ankamen, wo sie im April 1986 wegen Scheckbetruges festgenommen wurden.
Als die britische Polizei ihre Wohnung durchsuchte, sollte dem Paar seine Liebe zum Schreiben zum Verhängnis werden. Hunderte von beschriebenen Seiten wurden gefunden, wovon einige den Verdacht der Beamten erregten. Ein Tagebuch enthielt Hinweise auf das Abwischen von Fingerabdrücken und auf Verhöre durch Detektive. In einem über vier Tage und sechzehn Stunden dauernden Verhör, welches ohne Beistand eines Anwalts stattfand, gestand Söring zögernd die Morde. Auch Haysom gestand kurzzeitig, dann widerrief sie. Von da an hielt sie sich an Sörings Aussage.
Zwei englische Psychiater untersuchten das Paar in der Haft. Haysom diagnostizierten sie als Borderline-Persönlichkeitsstörung und als krankhafte Lügnerin. Söring wurde als ein Betroffener von einer Folie à deux (wortwörtlich „ein von zweien geteilter Wahn“) diagnostiziert, einem seltenen Störungsbild, bei dem in einer engen Beziehung psychotische Symptome von einer Person auf auf eine andere übertragen werden. Einer der Ärzte schrieb: “Miss Haysom hatte einen verblüffenden und hypnotisierenden Einfluss auf Söring, welcher ihn in einen abnormen psychologischen Zustand ohne die Fähigkeit zum vernünftigen Denken versetzte.“ 1987 verzichtete Haysom auf eine Klage gegen ihre Auslieferung und kehrte nach Virginia zurück, wo sie sich der Beihilfe zum Mord schuldig bekannte und zu 90 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Bei ihrer Gerichtsverhandlung gab es immer noch reichlich Fragen nach den tatsächlichen Geschehnissen in der Mordnacht. Ihr Halbbruder Howard Haysom, Arzt in Houston, sagte aus: “Ich denke, sie hat mich in der Vergangenheit belogen, und offen gesagt, sie lügt immer noch. Ich denke, dass Elizabeth zur Tatzeit im Haus war.“  Der Staatsanwalt sah es anders: Haysom habe die Idee zum Mord gegeben, wäre aber abwesend gewesen, als Söring die Tat ausführt habe.

Söring kämpfte drei Jahre lang gegen seine Auslieferung, bevor er 1990 zum Gerichtsverfahren nach Virginia zurück gebracht wurde – ein Ereignis, das zur Mediensensation wurde. Als die Geschworenen den Schuldspruch aussprachen und der Richter ihn fragte, ob er noch etwas sagen wolle, antwortete Söring: “Ich bin unschuldig.“

In dieser Nacht, schrieb er später, versuchte er halbherzig mit einer um den Kopf gebundenen Plastiktüte Selbstmord zu begehen.
Dann folgten 10 Jahre mit Berufungsverfahren aus verschiedenen rechtlichen Gründen, beispielsweise wegen unzureichendem Rechtsbeistand. Sörings Hauptverteidiger, Richard Neaton, gab vor der Gerichtszulassungskammer zu, dass seine „Fähigkeit, seine Anwaltstätigkeit auszuüben, in der Zeit seines Mandats für Söring durch eine emotionale oder psychische Störung wesentlich eingeschränkt gewesen sei“. Neaton verlor 2001 seine Gerichtszulassung.

Nachdem seine Rechtsmittel ausgeschöpft sind, bleibt ihm noch die bedingte Strafaussetzung, da er vor deren Abschaffung in Virginia im Jahr 1995 verurteilt worden war. Aber er selbst hält eine Strafaussetzung für unwahrscheinlich. Bei einer Anhörung im August schlief das zuständige Mitglied des Bewährungsausschusses die meiste Zeit der Befragung. Nach Protesten von Unterstützern Sörings entschuldigte sich der Ausschuss Er gestattete eine zweite Anhörung,  verweigerte jedoch eine Strafaussetzung. Zwei Wochen nachdem der Oberste Gerichtshof im Jahre 2001 die letzte Berufung zurückgewiesen hatte, begann Söring mit der Arbeit an dem, was sein erstes von bisher vier hinter Gittern geschriebenen Büchern wurde.

Dieses erste Buch, “The Way of the Prisoner” ("Der Weg des Gefangenen") sowie die nachfolgenden bieten ein finsteres Bild des Gefängnislebens - Darwinscher Kampf ums Überleben, wo der Starke den Schwachen als Beute sucht. Sexuelle Übergriffe sind verbreitet und werden vom Aufsichtpersonal weitgehend ignoriert. Einer der ersten Anblicke beim Eintritt in das Gefängnissystem von Virginia, schrieb er, war die Vergewaltigung eines Insassen durch seinen Zellengenossen unter dem Jubel und Applaus von einem Dutzend herumstehender Mitgefangener. Als er im Sommer 1991 in das Gefängnis “Mecklenburg” eintrat, war er gerade 25 Jahre als geworden. “Ich war nichts anderes als ein neuer ‘frischer Beutefisch’ “, schrieb er, „ein pummeliger Guppy unter sehr erfahrenen und hungrigen Haien.“ Er berichtet von geisteskranken Insassen, die sich Zigarettengeld damit verdienen, in den am Sportplatz aufgestellten Toiletten Sex anzubieten. Die Insassen nennen sie die „Liebes-Buden“. Einer der Gefangenen versuchte einmal, sich mit einer alten Rasierklinge zu kastrieren.

Söring wurde im Jahr 2000 nach Brunswick, auf halbem Wege zwischen Emporia und South Hill, verlegt. Er beschreibt, wie er eines Tages im April 2004  nach dem Frühstück in seine Zelle zurückkehrte, wo sich sein Zellengenosse „Keith“ (Name geändert) mit einem Strick aus Schnürsenkeln am oberen Geländer des Kajütenbettes erhängt hatte. „Viele von uns haben sich selbst gefragt, “ schrieb er, “warum wir nicht Keiths Methode der Strafaussetzung folgen.“

Bis zu seiner spirituellen Neuanfang hatte Söring über 14 Jahre ständig Selbstmordgedanken und er  bewahrte 200-300 Aspirintabletten in einer Metamucil-Dose auf, welche ihn auf seinem Weg durch drei verschiedene Gefängnisse begleitet hatte und welche für die Einnahme einer Überdosis bereit stand. Schlussendlich, so sagt er, gab es für ihn drei Möglichkeiten: „Selbstmord begehen, sich der  Gefängniskultur mit Drogen, Gewalt und Homosexualität anzuschließen oder etwas Positives tun.“

Etwas Positives, das er tun könnte, wäre das Schreiben von Büchern, entschied er. Das Ergebnis ist eine ungewöhnliche Innenansicht eines genauen Beobachters einer für die meisten Amerikaner fremden Welt. Sörings zweites Buch „ An Expensive Way to Make Bad People Worse” ("Eine teure Methode, um schlechte Menschen schlechter zu machen") ist ein Aufruf zu einer grundlegenden Gefängnisreform. Er führt aus, dass Hunderttausende von Gefangenen, einschließlich der Alten, der Geisteskranken und der gewaltlosen Drogenkonsumenten nicht hinter Gittern sein sollten, weil es unnötig, teuer und oft schädlich sei. Er erneuert dieses Thema in seinem vierten Buch „The Church of the Second Chance“ ("Die Kirche der zweiten Chance"), welches diesen Sommer erscheinen soll.

Die Verkaufszahlen seiner Bücher sind eher gering und die Erlöse, sagt er, reichen gerade aus, um die Kosten für die Erstellung des Typoskripts zu decken. Ein Gesetz, das die Beschlagnahmung von Profiten, die Strafgefangene aus Buchveröffentlichungen erzielen, ermöglicht, ist in seinem Fall nicht angewandt worden. Seine einzige andere Einnahmequelle ist ein Job in der Gefängnisturnhalle, wo er die Toiletten putzt und für ältere Insassen ein Fitnessprogramm anbietet.

Das neueste Buch von Söring enthält einen Bericht über seine sechswöchige Isolationshaft, im „Loch“, wie die Insassen sagen, im Herbst 2004. In der Isolationshaft bleiben die Insassen in ihren Zellen bis auf dreimal Duschen und drei einstündige Sporteinheiten pro Woche. Obwohl dies üblicherweise als eine Bestrafung bei Disziplinarvergehen angeordnet wird, wurde Söring nie eines Fehlverhaltens beschuldigt und nie, sagt er, habe er einen Grund für seine Isolation erfahren. Die zuständige Gefängnisverwaltung gab keinen Kommentar zu seiner Darstellung ab.

Als er im „Loch“ saß, sagt Söring, beobachtete er ein breites Spektrum abweichenden Verhaltens bei den abgesonderten Insassen: Herumtrommeln auf dem Waschbecken während der ganzen Nacht, Entblößung vor der Krankenschwestern bei deren morgendlicher Runde, Herausschneiden von Fleischstücken aus den Unterarmen mit geschärften Plastikstücken, das Beschmieren ihrer Zellenwände mit Kot.

Gegen Ende seiner Isolationshaft war Söring Part eines ungewöhnlichen Moments in den Annalen des Gefängnissystems Virginias: An Händen und Füßen gefesselt, vor einer Reihe von Wächtern stehend, empfing Jens Söring die Kommunion von Bischof Sullivan.
„Ich hätte gern eine Kamera dabeigehabt“, sagte Sullivan, der das Vorwort zu Sörings drittem Buch “The Convict Christ“ ("Christus als Verurteilter") schrieb. „Er ist ein sehr intelligenter Mann und er schreibt gut“, sagte Sullivan. Glaubt er an Sörings Unschuldsbeteuerung? „Ja, weil ich ihn in allen anderen Dingen glaubwürdig finde.“ Am Tage nach Sullivans Besuch wurde Söring aus der Isolationshaft entlassen. Verwoben mit seinen Berichten über das Leben im Gefängnis folgen Sörings Bücher seiner geistigen Reise vom Agnostizismus über den Buddhismus hin zum Christentum. An manchen Stellen werden sie zu dichten theologischen Abhandlungen, die sich auf die Werke von christlichen Denkern wie Martin Luther. Sankt Augustin, Jean Calvin und St. Thomas von Aquin beziehen.

„Ich habe sechs oder sieben Jahre lang nur theologische Bücher gelesen.“, sagt Söring. “Schliesslich gaben sie mir jedoch nichts mehr. Dann entdeckte ich „Centering Prayer“. Das half mir mit der Realität meiner Situation zurechtzukommen.“ Die meditative Technik, die er auf alte christliche Mystiker zurückführt, habe ihm geholfen, das Gefängnis zu überleben, indem sie ihm geholfen habe, die “reinigenden und erhebenden Auswirkungen meines Leidens zu enthüllen“, wie er schrieb. Er sitzt still in seiner Zelle und trägt Ohrstöpsel, um die Kakophonie des Gefängnislebens erträglicher zu machen. Während er tief und kontrolliert atmet, singt er stumm ein einziges Wort - „Jesus“ - immer und immer wieder. Sein Ziel ist es, eine ruhigere Ebene des Bewusstseins zu erreichen, um schließlich das bewusste Selbst aufzulösen und die Anwesenheit Gottes zu erfahren.

Er macht dies dreimal täglich seit über sechs Jahren - ein Wort auswählen, irgendein Wort, und es während vierzig Minuten wiederholen. Er sagt, das habe ihn vor dem sicheren Selbstmord gerettet. In gewissen Zeiten, sagt er, habe er Gott als ein “warmes, grün-goldenes, strahlendes Licht empfunden oder gesehen”. Zentral in seiner Mission als ein Nachfolger Christi, schrieb Söring, sei „die freiwillige Akzeptanz besonders unverdienten Leids“ - ein Verweis auf sein fortgesetztes Insistieren, des Mordes unschuldig zu sein. Ohne Hoffnung auf eine Aufhebung der Verurteilung vor einem Gericht, hat er den Gouverneur um Gnade gebeten.

Unter denen, die seinen Unschuldsbeteuerungen glauben, ist Gail Starling Marshall, seine Berufungsanwältin und frühere stellvertretende Generalstaatsanwältin. In einem Brief an den Bewährungsausschuss aus dem Jahre 2003 schrieb Marshall, dass es nur zweimal in ihrer 35jährigen Praxis Gelegenheiten gegeben habe, wo sie bis zur „moralischen Gewissheit“ sicher gewesen sei, dass ein Verurteilter unschuldig ist. Der eine war Earl Washington Jr., ein geistig zurückgebliebener Landarbeiter, dessen Verurteilung im Fall von Vergewaltigung und Mord in Culpeper durch neue DNS-Beweise rückgängig gemacht wurde. Der andere war Jens Söring. „Ich denke. dass seine Geschichte - dass er wirklich glaubte er könnte Elizabeths romantischer Retter sein, weil er so verdammt schlau sei - glaubwürdig ist“, sagt Marshall. “Er war sehr, sehr schlau - zu schlau für seine Hosen, wie meine Mutter zu sagen pflegte.“

Anders als im Fall Washington gibt es aber offensichtlich keine Möglichkeit, Söring mittels eines DNS-Beweises zu entlasten. Seine Verurteilung ist grösstenteils auf sein Geständnis und Haysoms Aussage gegründet. Es gab keine Augenzeugen. Es wurde keine Mordwaffe sichergestelllt. Von den zwei Hauptverdächtigen wurden nur Haysoms, nicht Sörings Fingerabdrücke am Tatort festgestellt.

Interviews mit Geschworenen nach dem Schuldspruch zeigten, dass die Geschworenen unentschieden waren und am Ende von einem verschmierten, blutigen sockenbedeckten Fußabdruck, der im Haus sichergestellt worden war, beeinflusst wurden. Ein staatlicher Gutachter legte einen durchsichtigen Abdruck von Sörings Fuß über ihn, um seine Gleichartigkeit zu beweisen. Es war dies der erste Fall, in welchem solch ein Beweisstück zugelassen wurde. „Er passt wie ein Handschuh“, sagte der Staatsanwalt in seinem Schlussplädoyer.

In den folgenden Berufungsverhandlungen räumte der Staat allerdings ein, dass “Fußabdrücke nicht mit Sicherheit gemessen werden können“ und Anwältin Marshall sicherte zwei eidesstattliche Versicherungen von zwei Experten, die das staatliche Beweisstück als irreführend bezeichneten. Einer nannte es „vollständig wertlos“ und sagte, dass der blutige Sockenabdruck in der Größe eher zu Haysom, als zu Söring passe. Major Ricky Gardner, der vor 22 Jahren als Detektiv des Sheriffs von Bedford County zum ersten Mal eine Morduntersuchung leitete, hat eine Kopie des blutigen Sockenabdruckes in einem dicken Ordner zusammen mit anderen Erinnerungsstücken dieses Falls. Immer noch bekommt er jedes Jahr Anfragen für Vorträge zu diesem Fall für College-Klassen und Vereinstreffen.

Gardner ist weiterhin von Sörings Schuld überzeugt. “Ich habe keinen Zweifel, ich habe keine unruhige Nacht deswegen. Niemals gehabt. Klar hätte ich gern mehr eindeutige Beweise gehabt. Aber man muss mit den Karten spielen, die man bekommt.“

Söring sagt, dass die Jahre christlicher Meditation ihm deutlich gemacht haben, dass er eine moralische Schuld an den Morden trage. Er hätte vielleicht das Verbrechen verhindern können, sagt er, wenn er seine Freundin ermutigt hätte, professionelle  Hilfe anzunehmen. Er räumt auch ein, dass er nicht vollkommen unschuldig sei, nicht einmal juristisch, weil er beim Vertuschen der Morde half. Jahrelang, sagt er, betete er, individuell nach Namen, für die Geschwister Haysom und ihre Kinder. „Ich habe diese Menschen schrecklich verletzt“, sagte er. “Ich hätte von Anfang an die Wahrheit sagen sollen.“

Haysom wird im Jahre 2032 entlassen werden. Sie ist dann 68 Jahre alt. Seit den Prozessen hat sie sich in der Öffentlich rar gemacht. Sie meidet alle Interviews. Wie Söring hat auch sie eine literarische Beschäftigung gefunden. In den vergangenen vier Jahren hat sie eine Kolumne “Glimpses from Inside” (Blicke von Drinnen) für die Fluvanna Review, eine Wochenzeitung, die in der Nähe des Fluvanna Frauengefängnisses, wo sie untergebracht ist, erscheint.

Als Doppelt-Lebenslänglicher hat Söring keinen festgesetzten Entlassungstermin. Wenn er nicht auf  Bewährung oder durch Gnade entlassen wird, wird er im Gefängnis sterben. In seinem bald erscheinenden Buch beschreibt er, wie alle paar Monate ein anderer Lebenslänglicher auf einer Bahre aus dem Gefängnis hinaus gerollt wird. „Wir werden langsam umgebracht“, schrieb er, “fast alle von uns werden das staatliche Gefängnis in einem Leichensack verlassen. Todesstrafe auf Raten! Amerika, du kannst dir gratulieren: Du hast eine Strafe erfunden, die schlimmer als der Tod ist.”

In seinem ersten Buch hat er geschrieben “Ich würde lieber vom Staat auf jede beliebige Weise exekutiert werden.“

Sörings Entlassungsgesuch hat Dutzende von Unterstützungsbriefen bekommen. Unter ihnen ragt der von Klaus Scharioth, dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in den Vereinigten Staaten, hervor. Da Söring deutscher Staatsbürger ist, würde er nach einer Entlassung aus der Haft nach Deutschland überführt werden. „Es gibt eine gute Chance, dass Herr Söring sich zu einem aktiven Mitglied der Gesellschaft entwickelt würde“, schrieb Scharioth. „Deutsche Kirchen- und Regierungsvertreter haben sich bereits dazu verpflichtet, für Herrn Söring einen Platz zum Leben und Arbeiten zu finden und ihm auch sonst bei der Wiedereingliederung zu helfen.“ Viele unterstützende Briefe kamen von Priestern, Nonnen und anderen religiösen Personen. Manche von ihnen sagen, dass Sörings Beispiel ihr eigenes spirituelles Leben bereichert habe.

Einer ist Thomas Keating, ein Trappist aus einem Kloster in den Rocky Mountains, der einer der führenden Vertreter des christlichen Kontemplativen Gebets ist. Zweimal hat er Söring besucht, einmal mit einem Filmteam, das an einem Dokumentarfilm arbeitet.
Ein Filmproduzent aus Charlotte, North Carolina, hat die Rechte an den Prozessaufnahmen gekauft und plant einen Film über Söring. Im Gefängnis von Brunswick hat Söring eine Centering Prayer Gruppe für die Insassen gegründet. Die zweimal im Monat stattfindenden Versammlungen ziehen zwischen 5 und 15 Gefangene an. Schweigend sitzen sie in einem Kreis.

In seinem neuesten Buch schreibt Söring, er wisse, dass er verglichen mit vielen seiner Mitgefangenen gesegnet sei: er hat ein reiches spirituelles Leben, literarische Ausdrucksmöglichkeiten, Freunde und Unterstützer draußen. „Aber dennoch, bei allen Segnungen, spüre ich den Schraubstock der Zeit, der den Lebensatem aus mir herausquetscht… Die Zeit ist ein Fels auf deiner Brust, der dich langsam, langsam zerdrückt.“


Die Morde an den Haysoms. Der zeitliche Ablauf

August 1984: Jens Söring (18) trifft Kommilitonin und Ehren-Stipendiatin Elizabeth Haysom(20) im Orientierungskurs zum ersten Studienjahr an der Universität von Virginia.

30. März 1985: Haysoms Eltern, Derek und Nancy Haysom, werden in ihrem Landhaus “Loose Chippings“ im Kreis Bedford bei Lynchburg durch tiefe Hieb-und Stichwunden zu Tode gebracht.

September 1985: Untersuchungsbeamte des zuständigen Sheriffs befragen Söring und Haysom nach den Morden.

12./13. Oktober 1985: Söring und Haysom flüchten nach Europa.

30. April 1986: Söring und Haysom werden in London wegen Scheckbetruges verhaftet.

8. Juni 1986: In den Polizeiverhören in London gesteht Söring die Morde an den Haysoms.

Mai 1987: Haysom stimmt ihrer Auslieferung zu und kehrt nach Bedford zurück.

24. August 1987: Haysom bekennt sich der Beihilfe zum Mord schuldig.

8. Oktober 1987: Haysom wird zu 90 Jahren Gefängnis verurteilt.

7. Juli 1989: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilt, dass eine Auslieferung Sörings wegen einer Mordanklage in Virginia gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstieße.

12. Januar 1990: Auf die Verhängung der Todesstrafe wird verzichtet und Söring wird nach Virginia zurückgebracht, um wegen Mordes vor Gericht gestellt zu werden. Er erklärt sich für unschuldig, sein Geständnis hätte Haysom vor dem elektrischen Stuhl retten sollen.

21. Juni 1990: Söring wird des Mordes schuldig gesprochen.

4. September 1990: Söring wird zu zweimal lebenslänglichem Gefängnis verurteilt.

8. Januar 2001: Der Oberste Gerichtshof der USA verwirft Sörings Berufung.

2. Februar 2001: Sörings Verteidiger wird die Gerichtszulassung entzogen.

September 2003: Das erste von vier Büchern Sörings wird veröffentlicht.

14. Juli 2005: Söring richtet ein Gnadengesuch an den Gouverneur von Virginia.

20. September 2006: Zum zweiten Mal wird Haysom eine Bewährung verweigert.


Elizabeth Haysoms unterschiedene Geschichten über....

  • ….die Tatwaffe:
  1. Sie kauften ein „Schmetterlingsmesser“ als Geburtstagsgeschenk für Sörings Bruder. (im Polizeiverhör in London, 8. Juni 1986)
  2. Sie kauften ein Messer, “um meine Eltern zu töten.“ (im Polizeiverhör in Bedford, Virginia, 8. Mai 1987)
  3. Sie war nicht beim Kauf des Messers dabei und weiß auch nicht, ob es benutzt wurde. (im Polizeiverhör in Bedford, 14. Mai 1987)
  4. Söring erzählte ihr zuerst, dass er ein Steakmesser benutzte, sechs Monate später erwähnte er das „Schmetterlingsmesser“. Die Geschichte vom Geburtstagsgeschenk war eine Lüge. (Aussage in ihrem Gerichtsprozess, 5.Oktober 1987)
  5. Die Geburtstagsgeschichte war doch wahr. Söring benutzte ein Steakmesser bei den Morden. (Aussage in Sörings Gerichtsprozess, 13. Juni 1990)
  • …das Alibi:
  1. Sie besuchte zwei Kinovorstellungen am Samstagnachmittag, kaufte je zwei Karten, aber nicht, um ein Alibi nachzuweisen. (im Polizeiverhör in London, 8. Juni 1987)
  2. Sie kümmerte sich um das Alibi. (im gleichen Polizeiverhör in London, etwas später, 8. Juni 1986)
  3. Sie hatten sich auf das Alibi aus je zwei Kinokarten geeinigt, aber sie kaufte nur eine Karte an diesem Tag für eine Spätvorstellung. (im Polizeiverhör in Bedford, 8. Juni 1987)
  4. Sie kaufte die Karten, ging aber nicht in die Vorstellungen. Erst nach dem Morden kam die Idee mit den Kinokarten als Alibi. (Aussage in ihrem Gerichtsverfahren, 8. Oktober 1987)
  5. Das Alibi wurde vor den Morden ausgebrütet. Sie erinnert sich an die zweite Vorstellung gegen 4 Uhr nachmittags. Auf der abgerissenen Kinokarte steht 10Uhr15. (Aussage in Sörings Gerichtsverfahren, 13. Juni 1990)
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