Skip to main content
#
Freundeskreis Jens Söring
Kontakt
our twitterour facebook page google plus youtubeinstagram
EN

Reue und Strafvollzug: Eine Fastenbetrachtung


(von Jens Söring, National Catholic Reporter, Frühjahr 2004, Übersetzung: Jana B.)


Die Fastenzeit ist eine Zeit der Reue (penitence): wo könnte man eine Fastenmeditation besser erstellen, als in der Zelle einer Strafvollzugsanstalt (penitentiary)? Beide, die Fastenzeit und der Vollzug sollen unser Bewusstsein für unsere eigenen sündhaften Verstrickungen schärfen und uns helfen, uns dem Guten und Gottgefälligen erneut zuzuwenden. Soweit  die Theorie! Die derzeitige Rückfallsrate bei entlassenen Strafgefangenen liegt jedoch bei 67,5 Prozent, und ich vermute, dass in Ihrer Welt ein innerer Erneuerungsprozess kaum weniger schwer aufrecht zu erhalten ist. Vielleicht kann ich, jemand der wegen Doppelmordes zu zweimal lebenslänglich verurteilt wurde, ein paar hilfreiche Gedanken zu Reue, Strafvollzug, und der Hoffnung auf Ostern beisteuern.

Meine persönliche Fastenzeit hat bisher fast 18 Jahre angedauert - das ist eine sehr lange Zeit, um über meine Sünden und  die Notwendigkeit einer Umkehr nachzudenken. Mit 18 Jahren deckte ich einen Doppelmord und wurde schließlich verurteilt, ihn auch begangen zu haben. Natürlich habe ich überwältigenden Kummer, Wut und Bitterkeit empfunden über das, was ich als entsetzliche Ungerechtigkeit erlebte. In der Nacht nach dem Urteil versuchte ich,mich umzubringen. Doch im Laufe der Zeit dämmerte mir die Erkenntnis, dass Schuld und Unschuld weitaus komplexer sind als ich zunächst gedacht hatte. Ich sah  einigen Anlass zur Reue und musste mir eingestehen, dass meine Haft nicht gänzlich ungerechtfertigt war.

In Wahrheit hätte ich diesen Doppelmord verhindern können, wäre ich weniger feige, weniger egozentrisch gewesen und dafür mehr liebend zugewandt und bereit, der Person zu helfen, die die Tat begangen hat, ehe es dann zu spät war. Ich habe dem Anspruch, "meines Bruders Hüter zu sein", nicht genügt. Und ich wusste es im Moment, als der wahre Mörder mir die Tat gestanden hat. Meine eigene schuldhafte Verstrickung, das Verbrechen nicht verhindert zu haben, war ein wesentlicher Grund, warum ich die Tat schließlich gedeckt habe.

Das bedingte Lügen - gegenüber meinen Eltern, meinen Freunden, der Polizei und letztendlich auch mir selbst gegenüber. Durch diesen Betrug  habe ich der Familie der Opfer, meiner eigene Familie, mir und vermutlich auch dem eigentlichen Mörder großen Schaden zugefügt. Dieser Betrug erreichte seinen schrecklichen Höhepunkt als sich meine Mutter 11 Jahre nach meiner Verhaftung zu Tode trank. So lange hatte es gedauert, bis sie an gebrochenem Herzen starb.

Nach dem Tod meiner Mutter vor sechs Jahren ist die Verurteilung zu zweimal lebenslänglich paradoxer Weise leichter zu ertragen: Zumindest einmal lebenslänglich habe ich - wie ich finde - verdient. Die Geschichte meiner Buße, meine 18-jährige Fastenzeit, war aber damit nicht zu Ende. Nachdem ich mir meiner Sünde und Schuld bewusst geworden war, schenkte mir Gott die Gnade der Umkehr und der Erneuerung. Was geschah, war ...Ostern!

Zunächst allerdings -  über den Zeitraum von zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter -  schien dieses glückliche Ende eher unwahrscheinlich. Die äußeren und inneren Umstände meines Lebens verschlimmerten sich geradezu im Sturzflug, bis ich im Januar 2000, eingekerkert in die Höllen zweier Hochsicherheitsgefängnisse Virginias, am Ende war. Nichts war übrig, das der Staat noch hätte nehmen oder brechen können. Ich war vernichtet.

Wunderbarer Weise - und es war wirklich ein Wunder - wurde mir der Weg aus meiner Verzweiflung durch einen Freund gewiesen, Rev. Beverly Cosby von der "United Church of Christ". Er führte mich in das "Centering Prayer" ein, eine moderne Version der Christlichen Kontemplation / Meditation, die von Frater Thomas Keating und anderen in den 70-iger Jahren entwickelt worden war. Durch "Centering Prayer" lernte ich, das Selbst, das mich in solche Schwierigkeiten gebracht hatte, zu beruhigen und einen kleinen inneren Raum der Stille zu schaffen, in den Gott langsam Einzug halten konnte.

Im Dialog hat die heilige Katharina von Siena die Kontemplation als ein "Eingeschlossen-Sein im Haus der Selbsterkenntnis"  beschrieben - eine Formulierung, die auf einen Gefangenen wie mich natürlich eine suggestive Wirkung ausübt. Eingeschlossen im Haus meiner eigenen Selbsterkenntnis und eingeschlossen im Hochsicherheitsgefängnis lernte ich, mich meiner Sünde und Schuld, meiner Furcht und meinem Schmerz, meiner Reue und meiner Scham zu stellen. Ich begann diese Form der Kontemplation zu praktizieren. Jede Gebetssitzung, zweimal  20 Minuten am Tag, war eine Fastenzeit im Kleinen.

Diese Fastenzeit in Form eines konzentrierten Gebetes wurde zu meinem "Ostern": Gott gab mir eine Mission und ein neues Leben, auch hinter Gittern. Vier Jahre nachdem ich mich auf diese Reise eingelassen hatte wurde mein erstes Buch veröffentlicht; mein zweites wird diesen Herbst herauskommen. Viele meiner Artikel über das Gebet und über meine Lebensrealität sind in bedeutenden religiösen Publikationen erschienen. Während ich früher völlig vereinsamt und so gut wie ohne Freunde war, habe ich heute eine Fülle von Briefkontakten und Besuchern. Falls es irgendwo in einem amerikanischen Gefängnis einen Lebenslänglichen gibt, der mehr Freude empfinden kann als ich, habe ich noch nicht von ihm gehört.

Natürlich ist nichts davon mein Verdienst: alles ist Gottes Tun. Was "Centering Prayer" in mir bewirkte: es hat "mich aus dem Weg  geschafft", Gott konnte mehr Raum gewinnen und mich gebrauchen. "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen," sagt Johannes der Täufer (Joh.3,30).

Für mich ist der Schlüssel noch mehr Zeit des Fastens, mehr Centering Prayer, mehr Zeit "eingeschlossen im Haus der Selbsterkenntnis". Ich praktiziere derzeit Centering Prayer viermal täglich jeweils eine halbe Stunde. Indem ich so oft zu meiner eigenen Gebrochenheit, Schwäche und meinen Niederlagen im Gebet zurückkehre, lerne ich meine Augen fest auf Jesus zu richten, dessen Gnade und Erlösung ich so verzweifelt nötig habe.

Ich glaube dass unsere spirituellen Vorgänger und Vorgängerinnen, wie beispielsweise die heilige Katharina von Siena, viel besser erkannt haben, wie wesentlich eine lebendige und kontinuierliche Einsicht in unsere sündhaften Verstrickungen für einen dauerhaften Prozess innerer Erneuerung ist. Ihre Schriften erscheinen uns heute geradezu masochistisch und sehr fixiert auf die  Details in der Beschreibung ihres Erlebens. Ich bin überzeugt davon, dass hier der wahre Grund für ihre spirituelle Größe liegt: Wahre Heilige sind sich immer im Klaren darüber, dass selbst ihre besten Absichten nie ganz frei sind von Selbstsucht und Stolz. Wenn diese Erkenntnis erst einmal tief ins Gebet eingedrungen ist kommt es zu einem freudigen Befreiungsakt, das Selbst wird abgeworfen: Nun kann Gott endlich übernehmen. Und dann geschehen Wunder über Wunder - jedenfalls für mich!

"Da ist kein Gerechter, kein einziger", erinnert uns Paulus. Je lebhafter wir uns das vor Augen halten, desto mehr werden wir zu Christus hingezogen (Römer 3,10). Dies Wort eignet sich zur Betrachtung nicht nur für diese Fastenzeit, sondern weit darüber hinaus für das ganze Jahr.
Newsletter 

Mit unserem Newsletter bleiben Sie über Neuigkeiten informiert. Jetzt anmelden

Bücher von Jens  
Spenden
T-Shirts für Jens 
    © Freundeskreis Jens Söring | E-Mail: admin (at) jenssoering.de | www.jenssoering.de
    Kontakt zu Jens Söring | Impressum & rechtliche Hinweise | Datenschutzerklärung
    Site Powered By
        Streamwerx - Site Builder Pro
        Online web site design