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Look Back – eine Rückschau
(von Jens Söring,  Übersetzung: Petra I.)

 

Dieser Artikel erschien im englischsprachigen Original am 12. August 2008 im ‘The Christian Century Magazine’ unter dem Titel "Life Without Parole - The story of Laim Q.": https://j.b5z.net/i/u/2108258/i/Life_Without_Parole_by_Soering_-_Christian_Century_8_12_08.pdf
und wurde ebenso in ‚Justice Reflections’ (UK), Summer/09, Nr.21/2009, veröffentlicht.
 
 

Mein Freund Liam Q. beginnt zu sterben und sie sind zum Teil mit Schuld daran. Mit “sie“ meine ich die Konservativen, die den Verlockungen der Regierung unterlagen. Vom Ehrgeiz getriebene ideologische gefärbte Versprechungen, die getarnt in traditionell-konservativen Phrasen daher kommen....

Diese Wölfe im Schafspelz sind der Ruin des modernen Konservatismus, wie David Brooks in einer Artikelserie erläuterte, veröffentlicht im Oktober 2007.

Ein erstklassiges Beispiel pseudo-konservativer Versprechungen für Brooks ist der Krieg im Irak, ein Fall ausländischer Intervention, der Woodrow Wilson entzückt hätte. Das inländische Gegenstück dazu ist das neue Heimatschutzministerium, eine bürokratische Missgeburt, erdacht von den Demokraten und unklugerweise angenommen von der gegenwärtigen Regierung. In beiden Fällen wurden die Konservativen durch irreführende Appelle an unsere traditionellen Werte und Überzeugungen.verführt, eindrucksvolle Regierungsprojekte zu unterstützen.

Ein ganz ähnlicher Umstand wie der Krieg im Irak oder das Heimatschutzministerium bringt meinen Freund Liam um. Gestatten Sie mir, Ihnen seine Geschichte zu erzählen.

1981, im Alter von 17 Jahren, hat Liam getan, was so viele unternehmungslustige Farmerjungen aus Kansas tun: Er ging zur U.S.Navy, um die Welt zu sehen.

Seine Hochbegabungs-Testergebnisse qualifizierten ihn für eine Spezialausbildung auf einem technischem Fachgebiet. Liam wollte stattdessen lieber einen Flugzeugträger steuern. Und die Navy erlaubte ihm das auch. Selbst heute noch ist er ganz aufgeregt, wenn er die schwierigen Manöver auf rauher See beschreibt, die während der Beladung von Schiffen erforderlich sind.

Letztlich müssen alle Schiffe wieder zurück in den Hafen und wie jeder Seemann weiß, ist das Anlaufen des Hafens der schwierigste Teil einer jeden Schifffahrt. Liam hat das auf der Marinebase in Norfolk/Virginia gelernt. Dort verliebte er sich in eine ältere Frau und brachte sich ins Gefängnis, weil er ihren Ehemann erschoss. Das war 1983. Mit 19 begab er sich also auf eine andere Art von Seefahrt: Lebenslänglich “Zur See”.

Liam ist in zweierlei Hinsicht ein gänzlich typischer Mörder: Er war ein Teenager und er kannte sein Opfer. In den frühen Achtzigern wurden Morde - wie heute - meistens nicht von unbekannten Erwachsenen begangen, sondern von Jugendlichen aus dem Freundes- und Familienkreis. Die Motive für solche Taten sind oft schwer nachzuvollziehen, häufig sind sie das Ergebnis einer wirren Mixtur aus jugendlicher Angst und Hormonschwankungen, Alkohol und Drogen. Aber ungeachtet dieser Gründe müssen Mörder bestraft werden – und so geschah es auch in Liams Fall.

In den 80ern erhielten Lebenslängliche von ihrem Gefängnisbetreuer einen Standard-Vortrag: “Junge, ich weiß, das Leben sieht im Moment ziemlich hoffnungslos aus. Aber ich bin hier, um dir zu sagen, dass da ein Licht am Ende des Tunnels ist. Wenn du deine Weste sauber und dich an die Regeln hältst – und wenn du alles unternimmst, um dich zu bessern, während du hier drin bist, z.B. eine Tischlerlehre absolvierst – dann kannst du damit rechnen, eines Tages hier wieder rauszukommen."
Man könne erstmals nach 15 Jahren nach dem Haftantritt einen Antrag auf bedingte Haftentlassung stellen und natürlich gäbe es erstmal eine Absage. Trotzdem wäre da eine gute Chance, es zu schaffen - nach dem dritten oder vierten Antrag nach achtzehn oder neunzehn Jahren Haft - wenn man den Ausschuss für bedingte Haftentlassungen davon überzeugen kann, dass man sich geändert hätte. "Du wirst diese lebenslange Haftstrafe durchstehen, Junge, wenn du es nur versuchst.“

Diesen Vortrag des Gefängnisbetreuers für “frische Fische“ gibt es heute nicht mehr, weil die bedingte Haftentlassung in den meisten US-Staaten während der 90er Jahre abgeschafft wurde und Ausbildungsprogramme hinter Gittern stark beschnitten wurden. Doch bevor wir die wechselnden Strömungen der Strafvollzugsphilosophie untersuchen, prüfen wir zunächst sorgfältig das altmodische, viel geschmähte und nahezu verschwundene Bewährungssystem, unter dem Liam seine Haftstrafe antrat.

Was uns sofort auffällt: Wie traditionell und konservativ es war!

Menschen einen Anreiz geben mit individuellen Belohnungen für persönliche Leistungen, dies ist der Kern der angewandten konservativen Sozialtheorie. Wir azeptieren diesen Anreiz als Schüssel in unterschiedlichen Bereichen - Bildung - Geschäftsleben - Politik - um menschliches Potential zu mobilisieren. Und genauso wissen wir, dass die Maximierung dieses Potenzials bei möglichst vielen Menschen zu einer stetig dynamisch wachsenden Gesellschaft führt.

Im Gegensatz dazu steht das moderne amerikanische "Nicht-Bewährungssystem" unter dem Strafgefangene eine bestimmte Anzahl von Jahren absitzen oder bei einer lebenslänglichen Strafe, wie im Fall von Liam, ihr gesamtes Leben (Anm. d. Ü: lebenslang meint lebenslang, sofern nicht im Urteil eine Begnadigungsmglichkeit eingeräumt wurde oder der Verurteilte unter das Recht der Begnadigungsmöglichkeit fällt) im Gefängnis verbringen. Egal ob sie sich gebessert haben oder nicht. Aus konservativer Sicht hat dies alles die Kennzeichen des typisch linksgerichteten Denkens: Ein Format für alle, die bürokratische Maßstäbe übertrumpfen wollen; individuelle Unterschiede, Vorstellungen und Initiativen, welche geopfert werden auf dem Altar der (falschen) geordneten Verhältnisse. Wenn diese Annäherung sichtlich falsch ist, beispielsweise für Krankenhäuser und Schulen, warum sollten sie im Bereich des Strafvollzugs weniger verhängnisvoll sein?

Glück für Liam. Als er 1983 in Virginia verurteilt wurde, gab es noch die bedingte Haftentlassung. Und so begann seine lebenslange Haftstrafe mit dem Standard-Vortrag des Gefägnisbetreuers, der da vom Licht am Ende eines sehr langen Tunnels sprach. Allerdings blendete er diese weit entfernte Hoffnung vollends aus, er glaubte nicht daran.

Für 19 Jahre alte Kids  ist die Aussicht, die nächsten 19 Jahre hinter Gittern zu verbringen ziemlich deprimierend. Diese  Zeitspanne ist entsetzlich unvorstellbar, es scheint als wäre dies das gesamte Leben. “19 Jahre“ bedeuten für junge Männer wie Liam “für immer“, und sie sind darüber verzweifelt.

Und Gefängnisse bieten eine wunderbare Vielfalt, um sich der Verzweiflung hinzugeben: Jede vorstellbare Art von Drogen, selbstgebrannter Alkohol, die Tattoo-Subkultur, situationsbedingte Homosexualität, Glücksspiele jeder Art, die Dungeons & DragonsTM Subkultur, und so weiter und weiter und weiter. Auch Liam wurde das Opfer einiger dieser zweifelhaften Ablenkungen. Die keltischen Tattoos auf seinen Bizeps bezeugen es. Als er für sich keine Zukunft mehr sah, versank seine Gegenwart in der Dunkelheit.

Irgendwann las Liam "The Autobiography of Benjamin Franklin" – und sein Leben veränderte sich komplett. Ben Franklin, das Idealbild des amerikanischen "selfmad eman",  überzeugte quer über eine zeitliche Distanz von 200 Jahren hinweg, einen jungen lebenslänglichen Strafgefangenen ohne Hoffnung,, dass er erlöst werden kann! Alles, was es dann noch brauchte war beständige harte Arbeit und das unaufhörliche Streben nach Wissen. Und vor allem: Hoffnung!

So wie viele andere Insassen, die die Bibel lesen und zu Jesus finden, so hatte auch Liam endlich ein gutes Buch und einen Erlöser gefunden. Während andere im Gefängnis zum Christentum konvertieren, setzte Liam in die Tat um, was Franklin predigte. Dessen bekanntes 13-Schritte-Programm für sittliche Selbsterziehung verwirklichte er als erstes: Einmal pro Woche erarbeitete er sich eine der dreizehn Tugenden, z.B. Sparsamkeit und Sorgfalt: Als er damit fertig war, begann er von vorn, wiederholte den ganzen Zyklus viermal jährlich (4 x 13 = 52 Wochen). Liam praktizierte dieses Programm über Jahre.

Ein wesentlicher Punkt in Benjamin Franklins Philosophie war die Bedeutung des lebenslangen Lernens, egal ob der Gegenstand agrarwirtschaftliche Methoden oder Elektrizität betrifft. Und weil Liam keinen  Drachen bei Gewitter fliegen lassen konnte wie einst Franklin, schrieb er sich für eine vierjährige Ausbildung zum Elektriker ein. Seine Abende verbrachte er mit Kursen, die damals noch frei verfügbar und kostenlos waren. Nach seinem Abschluss  studierte er per Fernstudium, bezahlt von seiner Familie  Spanisch, Mathematik, Physik und Freie Immobilienwirtschaft. Später lehrte er abends andere Insassen in diesen Fachbereichen – für ein kleines Trinkgeld, er war wie Franklin ein schlauer Geschäftsmann. Nur so zum Spaß und zur Entspannung lernte Liam Häkeln und Kreuzstichsticken nach dem Prinzip, dass kein Lernen zu nebensächlich ist, um einen Menschen zu verbessern.

Ende der Achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts gab es die ersten Computer hinter Gefängnismauern. Gefängnisleiter hatten kaum Verwendung oder wenig im Sinn mit diesen neuen absonderlichen Apparaten  - aber Liam hat sich Hals über Kopf in sie verliebt. Und wie sollte es anders sein, er bestellte noch mehr Bücher per Post und konnte bald sehr schnell den Gefängnisangestellten erklären, wie deren PCs funktionieren.

In der "Gefängnis-Instandhaltung", für die er als hochqualifizierter Elektriker arbeitetete, entwickelte sich Liam  zu einem Vor-Ort-IT-Spezialisten, der alle Prozesse, von der Ersatzteilbestellung bis hin zur Arbeits- und Aufgabenplanung, und Rationalisierung  optimierte,  Das sprach sich herum, und bald kam auch das Security-Personal an, um sich von ihm helfen zu lassen. Auch heute noch bekommt Liam mitten in der Nacht Panikanrufe, weil der EDV-Verantwortliche seinen Rechner nicht zum Laufen bringt, oh....wenn der Oberleutnant das herausfindet!

In Strafanstalten belohnt das Wachpersonal die Insassen für außergewöhnliche Dienste normalerweise mit Zigaretten, Zucker oder auch mit Hardcore-Pornomagazinen oder Drogen. Was Liam von anderen unterscheidet, ist, dass er das nicht wollte. Die einzige Vergütung, die er wollte, war mehr Zeit für sich am Computer, um sein Fachwissen weiterhin auszubauen.

Und da er im IT-Beich fit war, fragte ihn ein (selten) reformgesinnter Aufseher vor einigen Jahren, ob er vierteljährlich für die Insassen einen Newsletter erarbeiten und herausgeben könnte. Und ganz klar, er schuf seine Fassung von “Poor Richard’s Almanack“ im Stile Benjamin Franklins. Ein praktischer Ratgeber (“Wie man Fußpilz in der Gefängnisdusche vermeidet“) und Artikel über die Macht des positiven Denkens (alles geschieht aufgrund unserer eigenen Vorstellung). Der Banner des Newsletters hätte Franklin stolz gemacht: “Anregung – Information – Bildung – Inspiration.“

Im letzten Jahr erschien der Newsletter nur dreimal, nicht viermal., Liam stirbt langsam, sein Leben geht verloren. Nachdem er Benjamin Franklins Evangelium der stetigen Selbstverbesserung für mehr als zwei Jahrzehnte gefolgt ist, wird ihm nun langsam klar, dass er versinkt... dass er keine Chance hat, jemals frei zu sein.

Die Hoffnung, die der Gefängnisbetreuer Liam 1983 gemacht hat – eine Aussicht auf eine bedingte Haftentlassung nach etwa 19 Jahren – zerbrach 2002. Zur Zeit der Entstehung dieses Artikels ist Liam seit 25 Jahre inhaftiert und es gibt keine realistische Aussicht auf Entlassung – niemals. Und so fällt er langsam in völlige Verzweiflung zurück...

Was hat Benjamin Franklins strenggläubigen Jünger so tief fallen lassen? Die Abschaffung der bedingten Haftentlassung, auch bekannt als “truth in sentencing“ (Anm.d.Übers., sinngemäß: “Vollständiges Verbüßen der gesamten verhängten Haftstrafe“), eine Laune des Strafrechts, die über die Nation Mitte der Neunziger hinwegfegte. Vierzig Staaten beschlossen “truth in sentencing“- Gesetze, welche verlangen, dass Verbrecher 85 % ihrer Haftstrafe absitzen müssen, ohne eine Chance auf Bewährung. Lebenslängliche Freiheitsstrafe bedeutete jetzt: Für den Rest des Lebens, ein Leben lang. Zur Zeit klingt das wie eine gute "Law and Order"- Antwort auf die Kriminalität.

Doch wir hätten es besser wissen müssen. Wer brachte diese Politik mit allerlei politischen und finanziellen Tricks erfolgreich voran? Das Weiße Haus unter Clinton 1994 (im Original: Violent Crime Control and Law Enforcement Act, VCCLEA).

Teil der Gesetzgebung ist es, den Staaten, die “truth in sentencing“-Gesetze beschlossen hatten, für ihre Gefängnisse Ausbildungsbeihilfen und andere finanzielle Unterstützungen zu gewähren. Wenn die Konservativen auf der Hut gewesen und sich ihrer Geschichte bewusst wären, sie hätten VCCLEA als neuerlichen Versuch erkannt, dass hier Ausgaben aus dem “Fleischtopf“ dafür benutzt werden, um den Bundeseinfluss auf Gebiete auszuweiten, die der Entscheidungshoheit der Staaten unterliegen - so zum Beispiel das Bundesministerium für Bildung. Aber die Kombination aus Washington-Dollars, Clinton-Propaganda und einer “Seid-hart-zu-Kriminellen“-Rhetorik verblendete Konservative genauso wie Liberale.

Zu seiner Schande war George Allen, Virginias republikanischer Gouverneur (und später U.S. Senator) mit einer der ersten, die an dem Köder angebissen und die Bewährung 1995 abgeschafft haben. Und jetzt haben wir “eine große Zahl von Gewaltverbrechern, die zwei-, drei- oder viermal länger unter truth-in-sentencing“ absitzen, als Kriminelle, die die gleichen Verbrechen unter dem Bewährungssystem verübt haben,“ berichtet das Strafrechtsministerium von Virginia.

Gewiss, die Nichtbewährungs-Bestimmung gilt nur für solche Verbrecher, die nach dem Beschluss des “truth-in-sentencing“-Gesetzes verurteilt wurden; für die sogenannten “old-law“ (Anm.d.Ü.: nach altem Gesetz verurteilten) Gefangenen wie Liam gibt es noch die Bewährung, zumindest als Theorie. Doch der Bewährungsausschuss von Virginia und seine Gegenstücke quer durch ganz Amerika haben sich der neuen politischen Strömung angepasst - Bewährungsausschussmitglieder sind immerhin vom Gouverneur ernannte Staatsangestellte – also wurde die Anzahl der in freier Ermessensentscheidung liegenden Haftentlassungen drastisch zurückgeschnitten. In Virginia zum Beispiel beläuft sich der Anteil für bedingte Strafaussetzung bei allen dafür in Frage kommenden männlichen Strafgefangenen auf rund 2,9 %. Bei den Lebenslänglichen geht diese Zahl gegen Null.

Mit der fast vollständigen Eliminierung der bedingten Haftaussetzung selbst für die zu lebenslänglich Verurteilten, welche rechtlich noch in Frage kamen, ist Virginia lediglich einem starken USA-weiten Trend gefolgt. Das “Sentencing Project“ berichtet, das 2004 in amerikanischen Strafanstalten 127.677 Lebenslängliche inhaftiert waren, von denen nur ein paar Dutzend jedes Jahr die bedingte Haftentlassung erhalten. In Kalifornien, welches sich damit brüstet, das größte Gefängnissystem der Nation zu haben, stellte 2005 ein Bundesbezirksgericht fest, dass der Haftbewährungsausschuss nach einer vertraulichen Richtlinie arbeitet, die besagt, dass keiner der Mörder (mit üblicherweise langer Haftstrafe) für die bedingte Haftentlassung in Frage kommt. Gemäß The New York Times haben “die Vereinigten Staaten etwas geschaffen, was es niemals zuvor in ihrer Geschichte gab und was es in keinem anderen Land der Erde gibt: "Eine boomende Bevölkerung von Strafgefangenen, deren einziger Weg aus dem Gefängnis voraussichtlich in den Sarg führt.”

Ob dies ein effektiver Weg ist, darf bezweifelt werden. Das Amt für Justiz-Statistik hat festgestellt, dass Lebenslängliche, die vor 1995 entlassen wurden, die niedrigste Rückfallrate jeder Gruppe von Verbrechern haben – zum Beispiel weniger als ein Drittel bei allen Eigentums- oder Drogendelikten. Noch bedeutender vielleicht, die auf Bewährung entlassenen Lebenslänglichen haben die niedrigste Rate bei gewalttätigen Wiederholungstaten: 3,7 %. ImVergleich: Entlassene Einbrecher und Diebe haben eine gewalttätige Wiederholungsrate von 16,2% und Drogenabhängige von 12,3%.

Warum stellen Lebenslängliche auf Bewährung ein solch niedriges Risiko dar? Ein einfacher aber wichtiger Grund ist ihr Alter: Selbst vor “truth in sentencing“ wurden Lebenslängliche kaum entlassen bevor sie ca. Ende Dreißig waren. In diesem Alter haben sie ihre kriminalanfälligsten Jahre hinter sich, erläutert Virginias Generalstaatsanwalt Robert F. McDonnell: “Die meisten gravierenden Verbrechen werden von Menschen im Alter von 18 bis 32 Jahren verübt.“

Die Abschaffung der bedingten Strafaussetzung für Lebenslängliche macht Amerikas Straßen also nicht wirklich sicherer. Womit ist die anhaltende Beliebtheit dann zu erklären? Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten: ein auf Strafe gerichtetes Konzept (als Ablehnung von Wiedereingliederungsmaßnahmen), Angst vor Verbrechen, Ignoranz der Kriminalstatistik, Unwissen über rehabilitierte Lebenslängliche wie Liam, verdrängte Aggressionen und Frustration, und so weiter und so fort. Was bei dieser Betrachtungsweise oft übersehen wird vom links- und rechtsgerichteten Flügel Intellektueller, ist die unrühmliche Wurzel allen Übels: Geldgier.

Wie immer hilft es, die Geschichte zu studieren. Während die Clintons in der Tat für den bundensweiten Druck zur Forcierung der Bewährungs-Abschaffung in den Staaten 1994 verantwortlich sind, wurde das “truth in sentencing“-Konzept selbst eigentlich in den frühen Neunzigern erdacht vom “American Legislative Exchange Council” (ALEC). Diese wenig bekannte Organisation entwirft unternehmensfreundliche Gesetzesmodelle, die dann durch staatliche Gesetzgebung angenommen und eingeführt werden. Mit “truth in sentencing“ hatte ALEC das große Glück einer umfassenden Unterstützung vom Bund. Die Abschaffung der bedingten Haftaussetzung ist das erfolgreichste Produkt diesr Organisation.

Und wer wohl, glauben Sie, setzte ALEC in den Ausschuss, der das Modell des Original-Gesetzes von “truth-in-sentencing“ entwarf? Die Correctional Corporation of Amerika (CCA), einer der führenden Betreiber von Privatgefängnissen der Nation.

Um zu verstehen, warum CCA die Abschaffung der Bewährung wollte, muss man diese Entscheidung aus Unternehmerperspektive betrachten. Steuerzahler sehen die 63 Mrd. $ pro Jahr für das Strafvollzugssystem als eine weitere teure Staatsbürokratie. Jeder Strafgefangene ist eine zusätzliche finanzielle Bürde. Andererseits sehen Firmen wie CCA Zuchthaus- und Gefängnisbudgets als eine krisensichere Goldmine; jeder Insasse ist 22.650 $ wert, der jährliche Pro-Kopf-Aufwand der Inhaftierung.

Stellen Sie sich Amerikas 2,3 Millionen Häftlinge als der Nation drittgrößte Stadt vor und die daraus resultierenden einträglichen Gelegenheiten, Geld zu verdienen.

  • Die Errichtung der Gebäude zur Unterbringung der Bewohner bringt Architekten und Baubetrieben 4,3 Mrd. $ pro Jahr.
  • Der Betrieb von Privatgefängnissen ist eine 2 Mrd.-$-Industrie, beherrscht von CCA und der Geo Group.
  • Häftlingsverpflegung ist der Schlüssel des Erfolgs von Aramark Correctional Services: Das drittgrößte Verpflegungsunternehmen der Welt, liefert täglich eine Million Mahlzeiten für Insassen in 1.500 privaten und staatlichen Gefängniseinrichtungen.
  • Die Unterhaltung von Gefängniskrankenhäusern bringt den Correctional Medical Services (CMS) und Prison Health Services (PHS) 2 Mrd. $ pro Jahr.
  • An der Bereitstellung des Telefonservices für Strafgefangene verdienen AT&T, Sprint und andere 1 Mrd. $ im Jahr.
  • Mit der Beschäftigung von Insassen in Fabriken und Call-Centern hinter Gefängnismauern werden Waren und Dienstleistungen im Wert von 1,5 Mrd. $ pro Jahr erwirtschaftet.

Und so weiter und weiter. Für Unternehmer sind Strafgefangene Milchkühe, und natürlich wollen sie “ihre“ Milchkuh-Herde vergrößern. Gibt es einen besseren Weg, dieses Ziel zu erreichen, als die Abschaffung der bedingten Haftaussetzung?

Mit Lebenslänglichen wie Liam kann man sich auf großartige Weise den finanziellen Erfolg dauerhaft sichern. Mit dem Älterwerden entwickeln diese Männer und Frauen altersbedingte Gesundheitsprobleme, ihre jährlichen Pro-Kopf-Kosten der Inhaftierung steigen dann auf 69.000 $. Noch einmal: Für Steuerzahler mögen dies schlechte Neuigkeiten sein, aber Unternehmen wie CCA sehen in einem 69.000-$-Pro-Jahr-Insassen eine Milchkuh..

Betrachtet man sich all die speziellen, zusätzlichen Erfordernisse für ältere Strafgefangene: Rollstuhlzugängliche Schlafsäle, Hüft-OP’s, kochsalzarme und Diabetiker-Kost … Ist es da ein Wunder, dass Strafgefangene im Alter von 55 Jahren und höher, die am schnellsten wachsende demographische Gruppe der Gefängnispopulation sind? Im Jahr 2025 wird einer von vier Insassen ein Älterer sein – eine Goldmine für die Gefängnisindustrie.

Schon in 35 Staaten gibt es die sogenannten geriatrischen Gefängnisse, und 29 Staaten haben sogar Hospize / “Sterbebegleitungs-Stationen“. Dort wird mit aller Wahrscheinlichkeit Liam in einigen Jahrzehnten sterben. Oder, um es zu präzisieren, dann wird sein körperlicher Tod eintreten, im engeren, menschlichen Sinne stirbt er schon jetzt.

Liam ist durch sein Leben gegangen, ohne es wirklich gelebt zu haben. Als ich ihn bat, einen von Benjamin Franklins Aphorismen aufzuschreiben, wählte er diesen: “Wer sich von Hoffnung ernährt, der verhungert.”

Ironisch genug: die größte Hoffnung auf Hilfe, die Liam und seinesgleichen haben mögen, kommt von jemandem, der einst sehr hart an der Inkraftsetzung von “truth in sentencing“ gearbeitet hat: Mark L. Earley, ehemaliger republikanischer Generalstaatsanwalt von Virginia und gegenwärtiger Präsident von Prison Fellowship Ministries (PFM). Während seiner zehn Jahre als Senator und vier als Generalstaatsanwalt, verbrachte Earley die meiste Zeit damit, “noch mehr Leute ins Gefägnis zu bringen und sie dort noch länger gefangen zu halten“, sagte er während einer Ansprache im Washington Convention Center. “Ich war wirklich begeistert von der Tatsache, dass die Häftlinge auf der Endstation angekommen waren. Wenn man erst eimal im Gefängnis war, hatte man keine Hoffnung, und man hatte sein Leben vermasselt. Und es war gut für mich, sie dort zu wissen, weil meine Familie dann sicher war.“

Aber Earleys Gesinnung wechselte, als er sich in der Folge seiner Wahlniederlage zur Gouverneurswahl von Virginia im Jahr 2001 dem PFM anschloss. Auf seiner Harley-Davidson fährt er von Gefängnis zu Gefägnis, um Gottesdienste zu halten. Er traf sogar einige von den Männern und Frauen, die von “truth in sentencing“ und ähnlichen Bestimmungen betroffen sind. “Ich habe eine Menge gottserbärmlicher Häftlinge gesehen, die in ihren späten Teenagerjahren oder frühen Zwanzigern Straftaten begingen,“ sagte Earley zum Virginian Pilot. “Was da passierte, war der schreckliche Akt einer missglückten Jugend. Nun sind sie Vierzig oder Fünfzig, und sie sollten nicht mehr länger im Gefägnis sein.“

Dieser Tage gibt Earley Zeitungsinterviews und tritt im öffentlichen Fernsehen auf, um für einen Wechsel zu werben. „Nach einer maßgeblichen Dauer der Strafverbüßung,“ fragt er, “sollte es eine Rückschau geben – eine zweite, weitere Chance?“

 

 

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