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Trial and Error: Versuch und Irrtum
oder: Verurteilung nach Irrtum?


von Ian Zack, The Daily Progress, Charlottesville, VA, 21. Januar 1996
(Übersetzung von Jana B.)


Jemand hatte so oft auf Derek Haysom eingestochen, dass sein Kopf nur noch in Fleischfetzen  von seinem  Hals herabhing. Seine Frau starb durch mindestens zwei mit einem Messer zugefügte Wunden an Brust und Hals. Soweit sind sich alle einig. Aber war es Jens Söring, ein weltfremder Neuling an der Universität von Virginia und gebürtiger Deutscher, der das Messer geführt hat, mit dem das Ehepaar aus der Gegend von Lynchburg vor fast 11 Jahren getötet wurde? Oder liess er sich bloss hineinziehen, um deren Tochter, Elizabeth Haysom, seine charismatische und belastete Freundin, zu decken?

Wenigstens eine prominente Rechtsanwältin aus Virginia ist von Sörings Unschuld überzeugt.

Gail Starling Marshall, außerordentliche Professorin an der Universität von Virginia und ehemalige stellvertretende Staatsanwältin, ist der Ansicht, dass Söring zu Unrecht die am 30. März 1985 begangenen Morde zur Last gelegt werden, die Morde, die eine gesamte ländliche Region und darüber hinaus viele Einwohner Virginias nicht zur Ruhe kommen ließen und ihnen ein sechs Jahre dauerndes und Aufsehen erregendes Justizdrama boten.

Marshall, die erst kürzlich als Kandidatin für einen Posten bei der Bundesanwaltschaft aufgestellt wurde, ist sich der Unschuld Sörings so sicher, dass sie dazu bereit ist, ihren beachtlichen Ruf dafür aufs Spiel zu setzen.

"Ich hege nicht die geringsten Zweifel daran, dass er die Morde nicht begangen hat", sagt Marshall über Söring, der - inzwischen 29 Jahre alt - im Keen Mountain Zuchthaus im Südwesten Virginias zweimal lebenslänglich absitzt.

Marshall glaubt, dass die Beweise Sörings Geschichte erhärten, so wie er sie im Verlauf seines sensationsheischenden, 1990 über das Fernsehen ausgestrahlten Prozesses dargelegt und auch seither bekräftigt hat: Elizabeth Haysom, wahrscheinlich mit Hilfe eines Komplizen, habe ihre Eltern in deren Haus in Boonsboro ohne Sörings Mitwisserschaft ermordet. Söring sei nur insofern schuldig, als er versucht habe,  Haysom vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren.

In einem Berufungsverfahren vor dem Obersten Gerichtshof von Virginia, machte Marshall im Dezember folgende Feststellungen:

  • Sörings damaliger Verteidiger litt an psychischen Problemen; er versäumte es, den Schlüsselbeweis, nämlich einen blutigen Sockenabdruck, den die Anklage vorbrachte, um Sörings Anwesenheit am Tatort zu belegen, zu hinterfragen.
  • Ein befangener Richter und voreingenommene Geschworene brachten Söring um seine verfassungsmässigen Rechte.

  • Die Strafverfolger hätten von Söring ein falsches Geständnis  erzwungen, das im Prozess vom Richter  niemals hätte verwendet  werden dürfen.

Die Antwort des Staatsanwaltes soll am 26. Februar erfolgen.

Im Zusammenhang mit ihrer Forderung nach Revision von Sörings Urteil, kann Marshall nicht auf die Unterstützung der Behörden im Kreis Bedford, wo die Morde stattgefunden haben, rechnen.

Sgt. Ricky Gardner von der Polizeikreisbehörde in Bedford war der Hauptermittler in den Haysom- Morden. Fast sechs Jahre nach Sörings Verurteilung ist Gardner in seinem Glauben an dessen Schuld  nicht zu erschüttern. "Das ist eindeutig so", sagte er kürzlich in einem Interview. "Man muss den Fall von Anfang bis Ende genau kennen." Und er fügte hinzu: " Zweifellos hat Elizabeth ihn dazu angestiftet".

James Updiker, der Oberstaatsanwalt des Kreises Bedford und Sörings damaliger Strafverfolger, ist inzwischen allgemeiner Bezirksrichter. Er hat es abgelehnt, sich zu dem Fall zu äußern, mit der Begründung, dass ihm das als Richter untersagt sei.

Haysom (31) erklärte sich 1987 der Beihilfe zum Mord für schuldig. Sie gestand jedoch nie, am Tatort dabei gewesen zu sein. 

Sie verbüßt z.Zt. eine 90-jährige Haftstrafe in der Frauenstrafanstalt des Kreises Goochland in Virginia. Im Mai wurde ihr erstes Entlassungsgesuch vom Amt für vorzeitige Haftentlassungen abgelehnt.

Haysom hat durch die Gefängnisleitung verlauten lassen, dass sie eine Beantwortung von Fragen für diesen Artikel ablehnt.

Jens und Elizabeth lernen sich kennen

Söring und Haysom, beide Begabtenstipendiaten, lernten sich laut Prozessakten 1984 als Studienanfänger kennen.

Die zwei Jahre ältere Haysom, brilliant, charismatisch und chaotisch, war als Teenager zusammen mit einer lesbischen Geliebten von einer europäischen Internatsschule getürmt. Die beiden konsumierten damals Heroin und bereisten Europa. Ein Psychiater sollte Haysom später eine "Borderline-Persönlichkeit" attestieren. Auch gab sie zu, ihre Eltern, die ihre Beziehung zu Söring nicht gut hießen, zu hassen.

Söring, Sohn eines deutschen Diplomaten, hatte seit seinem neunten Lebensjahr in den Vereinigten Staaten gelebt. Er war ruhig, intellektuell und trug große dicke Brillengläser mit Kunststoffrahmen. Er zog die Beschäftigung mit Dichtung der Geselligkeit vor und hatte vor Elizabeth noch keine ernst zu nehmende Freundschaft mit einem Mädchen gehabt. Er war Nichtraucher, nahm keine Drogen, trank selten und war bisher noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

In einem Telefoninterview aus dem Gefängnis erklärte Söring, dass sich während der ersten Monate das gemeinsame Interesse (mit Elizabeth) auf Lektüre, Diskussionen über Philosophie und den Besuch von Shows konzentrierte. "Sie sagte mir, dass sie den Konsum von Drogen für mich aufgegeben habe, und ich glaubte ihr", so Söring, der trotz seiner überwiegend amerikanischen Ausbildung noch immer einen leichten deutschen Akzent hat.

Aber am 30.März 1985 nahm diese Studenten-Romanze eine tragische Wende.


Zwei Versionen

Was an jenem Tag passierte, hängt davon ab, welcher Version man Glauben schenkt.

Niemand zieht in Zweifel, dass Haysom und Söring am Tag vor den Morden einen Chevrolet Chevette am Pantops Mountain bei Charlotteville mieteten und nach Washington fuhren.

Ungefähr um dieselbe Zeit, in der die Haysoms am nächsten Abend starben, saß entweder Elizabeth Haysom oder Jens Söring 400 Meilen entfernt in einem Kino in Washington. Der jeweils andere hat vermutlich die Morde begangen.

Haysom sagte im Prozess aus, dass sie an jenem Tage sechs Karten kaufte und alleine drei Filme  besuchte, um ein Alibi zu beschaffen. Weiter sagte sie, dass Söring in dem Mietauto nach Lynchburg fuhr, eigenhändig ihre Eltern, die die gemeinsame Beziehung missbilligten, tötete und nur spärlich gekleidet in Unterwäsche und mit einem blutigen Laken zurückkehrte.

Auch wenn kein Zeuge ihre Darstellung bestätigen kann, behauptete Haysom, dass Söring auf einer Straße nach Georgetown zu ihr stieß, ohne dass ihn jemand gesehen hätte.

Söring hingegen behauptet, er und Haysom seien zusammen nach Washington gefahren, weil sie Heroin kaufen wollte. Er habe die Filme alleine gesehen. Die Eintrittskarten sollten ein Alibi als Schutz vor den Eltern sein, die seit der Flucht ihrer Tochter aus dem Internat deren Verhalten misstrauisch beobachteten.

Zu irgendeinem Zeitpunkt des Mordtages unterzeichnete Söring einen Check von $ 50 und löste ihn am Marriott Hotel ein, wo die beiden in Washington abgestiegen waren; aber die Behörden konnten nicht den genauen Zeitpunkt feststellen.

Als Haysom um Mitternacht in das Hotel zurückkehrte, so Söring, erzählte sie ihm, dass sie ihre Eltern getötet habe, und dass die Drogen daran Schuld seien. Ihre Arme, so Söring, waren mit Blut beschmiert, das sie mit Wasser abzuwaschen versuchte.

"Meine erste Reaktion war Entsetzen, Schock, Schrecken und Angst", sagte Söring. "Ich wollte nicht, dass sie hingerichtet wird." Und er fügte hinzu: "Ich betrachtete mich als schuldig, weil ich in Washington geblieben war und für ein Alibi gesorgt hatte".

Die Strafverfolgung zog nicht in Zweifel, dass die Eintrittskarten für einen der beiden Verdächtigen ein stichhaltiges Alibi darstellen, da zur Tatzeit entsprechende Eintrittskarten gekauft worden waren.

Ein brutales Verbrechen

Ein Nachbar fand die Leichen.

Derek Haysom, 71-jährig, im Ruhestand und ehemals in leitender Funktion in der Stahlbranche tätig, und seine Frau Nancy, 52 Jahre alt, hatten bereits einige Tage tot in ihrem Haus gelegen: in Loose Chippings, anderthalb Meilen außerhalb von Lynchburg. Jemand hatte sie im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode "zerstückelt".

Die Polizei fand Mrs Haysom auf dem Linoleumboden in der Küche, ihren Mann auf der Türschwelle zwischen Wohn- und Esszimmer liegend.

Beim Angriff erlitt Derek Haysom 25 Stichwunden, offensichtlich durch ein Messer mit einschneidiger Klinge, während auf Mrs Haysom mindestens sechsmal eingestochen worden war. Beide wurden praktisch geköpft.

Beide Haysoms, die laut Zeugenaussage im Prozess beide starke Trinker waren, hatten zum Zeitpunkt ihres Todes einen Blutalkoholpegel von 0,22 (?), etwa das Dreifache des gesetzlich festgelegten Höchstwertes für einen Rausch.

Im Oktober 1985, sieben Monate nach den Ereignissen, sagte der Untersuchungsbeamte der Polizeibehörde vom Kreis Bedford Chuck Reid zu Söring, er sei sich zu "99 Prozent sicher", dass er (Söring) nichts mit den Morden zu tun habe, so jedenfalls der Wortlaut der Niederschrift  eines Interviews, das beim Prozess wiedergegeben wurde.

"Warum nicht einfach normal weiter leben und 100-prozentig kooperieren? Sie wissen, dass sie es nicht getan haben", sagt dort Reid und fügt hinzu: "Sie haben eine gute, überzeugende Geschichte."

Aber als die Polizei einige Wochen später anfing, sich auf Söring und Elizabeth Haysom zu konzentrieren, flohen die beiden außer Landes. Haysom hatte Blutproben und Fuß- und Fingerabdrücke abgegeben, Söring nicht: eine Tatsache, die die Untersuchungskommision später als einen Schuldbeweis gegen ihn verwenden sollte.

Söring und Haysom versuchten sich in England unter falschem Namen niederzulassen, wurden aber von der britischen Polizei festgenommen, weil sie wegen Bezahlen mit gefälschten Schecks in Kaufhäusern aufgefallen waren.

Die britischen Behörden lieferten Haysom aus, und sie bekannte sich schuldig für die Mithilfe bei der Planung der Morde. In ihrem Prozess belastete sie Söring, der die Verbrechen während der Verhöre in England nur widerstrebend zugegeben hatte.

Söring kämpfte erfolglos vier Jahre lang gegen seine Auslieferung.

Im Verlauf seines Prozesses hat er immer wieder vehement sein Unschuld beteuert und erklärt, dass er die Tat nur gestanden habe, um Elizabeth vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Wie damals während des Prozesses, so hält Söring auch heute noch seine Behauptung aufrecht, dass er geglaubt habe, sein Status als Diplomatensohn würde ihn vor einer Strafverfolgung durch amerikanische Gerichte schützen.

"Ich dachte, ich würde zumindest nach Deutschland überwiesen, wo es keine Todesstrafe gibt, und würde dort als Jugendlicher verurteilt, für den das Strafmaß vergleichsweise gering ausfallen würde", so Söring.

"Ich glaubte, fünf Jahre im Gefängnis sei ich bereit auf mich zu nehmen, um Elizabeths Leben zu retten."

Heute arbeitet Söring in der Gefängnisbücherei und hat sich - laut Marshall - seit seiner Verurteilung vor sechs Jahren noch kein Fehlverhalten zu Schulden kommen lassen.

Marshall behauptet, dass Söring vermutlich heute nicht im Gefängnis wäre, wären seinem Hauptverteidiger Richard Neaton nicht solch gravierende Fehler unterlaufen.


Ein unfähiger Verteidiger?

"Hier geht es um ein juristisches Problem. Es ist keine Frage der Einschätzung, ob ich angemessen verteidigt habe oder nicht", erklärte Neaton neulich einer Zeitung.

1993 aber entzog der Bundesstaat Michigan ihm die Rechtsanwaltslizenz, weil gegen ihn wegen Lügen gegenüber  einem Klienten und der Veruntreuung von Geld eines anderen ermittelt wurde, gemäss Sörings Berufung.

Als Neaton sich im Rahmen des von der Disziplinarbehörde von Michigan angestrengten Verfahrens  rechtfertigen musste, gab er schriftlich zu Protokoll, dass "sein Verteidigungsvermögen auf Grund einer emotionalen oder mentalen Beeinträchtigung fundamental eingeschränkt war", und zwar vom Januar 1989 bis zum 2. November 1992, was  den Zeitraum von Sörings Prozess und die beiden darauf folgenden direkten Berufungsverfahren einschließen würde, die übrigens beide - wie die Gerichtsdokumente belegen - scheiterten.

"Mein Eindruck war, dass Söring einen fairen Prozess bekam", so Gardner, der Ermittlungsbeamte des Sheriffs von Bedford. "Er hatte zwei Anwälte, zwei wirklich gute Anwälte", womit er Neaton und den Staatsanwalt William Cleaveland von Roanoke meinte.

Aber wäre Neaton wirklich kompetent gewesen, ist Marshall überzeugt, hätte er einen Zeugen bestellen müssen, der eines der wichtigsten und gleichzeitig  fadenscheinigsten Beweismittel der Anklage entkräftet hätte: nämlich den blutigen Sockenabdruck am Eichenfußboden des Wohnzimmers der Haysoms.

Im Verlauf des Prozesses belegte Robert Hallett, der staatliche forensische Ermittler, mit Hilfe einer Abbildung von Sörings Fuß auf einer Folie, dass der blutige Fussabdruck "Übereinstimmungen" mit dieser Folie aufwies: ein Indiz, das zumindest für einen Geschworenen ausschlaggebend war, was Sörings Anwesenheit am Ort des Verbrechens betrifft.

Sogar Rick P. Johnson, der im  April 1985 die forensischen Untersuchungen am Fußabdruck für das staatliche "Büro für forensische Wissenschaften" durchführte, zog den Schluss, dass der Abdruck einer Größe von 6 1/2 bis 7 1/2 eines Damenschuhs oder einer Größe von 5 bis 6 eines Herrenschuhs entspreche. Sörings Schuhgröße ist  8 1/2.

Aber Neaton hat Johnson nie in den Zeugenstand gerufen.

Zwei Forensikexperten, darunter Russell W. Johnson, Spezialist für Forensik i.R. bei der Polizei in Hackensack, New Jersey, haben Marshalls Behauptung in einer eidesstattlichen Erklärung bestätigt.

Johnson, der inzwischen verstorben ist, sagte in einer eidesstattlichen Erklärung im April 1995, dass der Fußabdruck der Socke von so schlechter Qualität sei, dass er "nicht den geringsten Beweis für eine Anwesenheit Sörings am Tatort liefern könne". 

"Ich empfand damals und empfinde immer noch, dass wahrscheinlich Unrecht gesprochen wurde," so Johnson unter Eid.

Johnson hat auch Elizabeth Haysoms Fußabdruck untersucht, jedoch nicht die Version die die Anklage für den Prozess vorzog, jedoch - so die eidesstattliche Erklärung wörtlich: "Ich kann feststellen, dass der Abdruck am Tatort nur der Größe von Ms. Haysom entspricht. Doch auch hier kann nicht zweifelsfrei davon ausgegangen werden, dass der Blutabdruck auf dem Fußboden wirklich von Ms. Haysom stammt.“

Zwei der zwölf Geschworenen, die Söring schuldig sprachen, haben bestätigt, dass der blutige Sockenabdruck  eine zentrale Rolle in den Überlegungen gespielt habe. Einer von ihnen, Jake Bidd, gab bei Marshall eine eidesstattliche Erklärung ab.

Bibb sagte im Verlauf dieser Erklärung, welche am 26. Juni 1995 stattfand, dass die Jury zu Beginn der Klausur 6 zu 6 unentschieden war und "wäre nicht der Sockenabdruck und die damit verbundenen Zeugenaussage gewesen, hätte ich es zumindest schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich gefunden, Söring am Tatort festzumachen.“

1990, wenige Tage nach Prozessende, sagte Bibb: "Wäre da nicht der Fußabdruck gewesen, ich hätte für unschuldig plädiert". Kurz nach der Verurteilung bestätigte auch der Geschworene Mack Coleman, der Abdruck habe "Söring endgültig verraten".

Noch letzte Woche bestätigte Bibb telefonisch, er glaube auch angesichts der unterbliebenen  Zeugenaussage weiterhin an Sörings Schuld.

Ein anderes Beweismittel, und zwar ein wirklich zwingendes, so Gardner, welches die Anklage immer wieder mit Söring in Zusammenhang gebracht hat, war die Blutspur der Blutgruppe O auf der Klinke der Eingangstür, sowie im Elternschlafzimmer des Wohnhauses der Haysoms.

Dies entspricht Sörings Blutgruppe sowie der von 45% der Bevölkerung: Die Polizei fand zu wenig davon, um es genauer zu spezifizieren.

Die Polizei entdeckte auch ein feuchtes Kleidungsstück von Nancy Haysoms Leiche in einer Waschmaschine, welches mit wenig Blut der Blutgruppe B verschmutzt war. Dies entspricht wiederum  Elizabeth Haysoms Blutgruppe, wie auch im Prozess festgestellt wurde. Nur 10% der Bevölkerung haben Blutgruppe B.

Von den Fingerabdrücken der beiden Verdächtigen konnte die Polizei am Tatort nur diejenigen von Elisabeth Haysom finden und zwar auf einer Flasche mit Alkohol unweit der Leichen. Sie entdeckte an einem  Alkoholglas auch die Fingerabdrücke ihres Vaters, sowie einige weitere Abdrücke, die weder zu Elizabeth noch zu Jens Söring gehören. Diese Spuren konnten nicht identifiziert werden.

Alle diese Blutspuren sind inzwischen zerstört. Als eine der wenigen Spuren am Tatort fand die Polizei einen blutigen Turnschuhabdruck im Wohnzimmer. Laut eines Berichts der Kreispolizeibehörde Bedford von 1985 maß der Abdruck 9 1/2 Zoll (24,13 cm) und "würde dem einer Frau oder eines kleinen Mannes entsprechen, einer Schuhgröße von 6 1/2 bis 7 1/2."

Wenn diese Schätzung zutrifft, wäre der Schuh mindestens eine Größe zu klein für Söring.

Weder haben sich jemals Augenzeugen gemeldet und noch sind eine Mordwaffe oder blutige Kleidungsstücke aufgetaucht.

Ein erzwungenes Geständnis?

Gardner, der Strafverfolger des Sheriffs, sagte im Prozess aus, dass Söring ihm die Morde in England in einem gemeinsamen, allerdings nicht aufgezeichneten Interview gestanden und demonstriert habe. Ein zweites Geständnis habe er in einer aufgezeichneten Befragung durch deutsche Behörden abgelegt.

"Dies war der Zeitpunkt, in dem er seine Unschuld hätte beteuern müssen", kommentierte Gardner das deutsche Geständnis.

Söring hingegen behauptet, die deutschen Anwälte hätten ihm geraten - und zwar  sechs Monate nach der Mordanklage durch die amerikanischen Behörden - das Geständnis zu wiederholen, damit sie den Strafprozess nach Deutschland holen könnten, wo keine Todesstrafe verhängt wird.

Marshall argumentiert, dass mit diesem Geständnis gegenüber Gardner Sörings Rechte gemäß  dem  5. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten (er ist Teil der Bill of Rights und schreibt unter anderem das "Auskunftsverweigerungsrecht" eines Angeklagten fest - Übersetzerin) verletzt worden seien, und dass es daher nicht vor Gericht hätte verwendet werden dürfen.

Die Polizei verhörte Söring 1986 in London  insgesamt sechsmal wegen der Haysom-Morde, nachdem er und Elizabeth Haysom wegen Scheckbetrugs festgenommen worden waren. In den drei Verhören, die aufgezeichnet wurden und die von Gardner und den britischen Behörden durchgeführt wurden, hat Söring gemäss dem Transkript wiederholt die Aussage zu seiner vermeintlichen Rolle wegen der fehlenden Unterstützung durch einen Anwalt verweigert.

Darüber hinaus hat Söring in einem nicht aufgezeichneten Interview erklärt - was auch im Prozess durch die Polizei bestätigt wurde - "Ich weiß über meine Verwicklung, bzw. Nicht-Verwicklung in diesen Fall etwas, das ich Mr. Gardner nicht erzählt habe. Ich werde dies erst mit meinem Anwalt besprechen und, falls er zustimmt, erst dann der Polizei berichten.“

Weiter führt Söring aus, dass er ein naiver 19-Jähriger war, der glaubte, den Verdacht von Elizabeth ablenken zu können. Wiederholt sagt er auf dem Band aus, dass er im Haus der Haysoms war und "die Körper" gesehen habe. Aber zu einem anderen Zeitpunkt in derselben Aufzeichnung behauptet er: "Ich habe Mr. und Mrs. Haysom nicht getötet oder eine Art Voodoo-Beschwörung an ihnen vollzogen":

Marshall führt ins Feld, dass die amerikanische Polizei laut dem (bereits oben zitierten) 5. Zusatzartikel der Verfassung das Verhör in dem Moment hätte abbrechen müssen, als Söring seinen Anspruch auf einen Rechtsbeistand geltend gemacht habe. Aber das geschah nicht.

Gardner bestreitet, dass Sörings Geständnis erzwungen worden sei; aber Marshall insistiert, Neaton hätte Sörings britischen Verteidiger in den Zeugenstand rufen müssen, der hätte bestätigen  können, dass seine Anwesenheit bei den Verhören verweigert worden war.

"Sie haben (Söring) immer wieder einen (amerikanischen) Rechtsbeistand versprochen, aber sich nie dafür eingesetzt", so Marshall, "er (Söring) war besorgt um Elizabeth, und deswegen gab er ihnen, was sie verlangten."

1991 stellte das Berufungsgericht von Virginia fest, dass der 5. Zusatzartikel auf Sörings Fall nicht zutreffe, weil er in Großbritannien und von britischen Behörden vernommen worden sei.

"Das Gericht war hier im Unrecht", stellt Marshall fest, weil die Verhöre sich überwiegend auf die in den USA begangenen Verbrechen bezogen, und sie argumentiert weiter, dass der eigentliche Rechtsverstoß sich nicht in England, dem Ort der Verhöre, sondern im Kreis Bedford ereignet habe, wo der Vorsitzende Richter sie vor Gericht zu Gehör kommen ließ.

Marshall machte ausserdem darauf aufmerksam, dass Söring im Laufe seines Geständnisses Einzelheiten der Tatumstände falsch wieder gab, so etwa als er der Polizei erzählte, Mrs. Haysom habe Bluejeans angehabt, während sie in Wirklichkeit einen Hausmantel mit Blumenmuster trug.

Am 8. Juni 1986 bekannte sich auch Elizabeth Haysom in einem aufgezeichneten Verhör zu den Morden. Vor Gericht erklärt sie, ihre Äußerung: "Ich habe es selbst getan ....ich bin darauf abgefahren“, sei sarkastisch gemeint gewesen.


Fragen zum Prozess

Marshall glaubt, dass ein befangenes Gericht Söring um einen fairen Prozess gebracht hat. Sörings Verteidiger hatten von Anfang an verlangt, der Richter müsse sich für befangen erklären, und der Prozess dürfte nicht im Einzugsbereich von Lynchburg stattfinden, wo potentielle Geschworene die Berichterstattung über die Morde sowie Elizabeth Haysoms Prozess, in dem sie zudem Söring belastet hatte, in allen Einzelheiten mitbekommen hätten.

Obgleich Richter William Sweeney einräumte, Nancy Haysoms Bruder Risque Benedict, mit dem er zusammen in der Schule und im Virginia Military Institute gewesen war, seit 40 Jahren zu kennen und ausserdem an einer Pensionierungs-Party von Derek und Nancy Haysom teilgenommen zu habe, lehnte er es ab, sich im Prozess gegen Elizabeth Haysom und Jens Söring für befangen zu erklären.

Obwohl Richter Sweeney den Befangenheitsvorwurf zurückwies und behauptete, trotzdem unparteiisch sein zu können, hatte er bereits  am 1. Januar 1990, dem Eröffnungstag des Prozesses, ein Interview im Albemarle Magazine gegeben, in welchem er die Ansicht äusserte, dass Söring schuldig sei.

"Aufgrund der Aktenlage glaube ich nicht, dass Elizabeth Haysom alles bis ins Einzelne geplant haben soll", führte der Richter gegenüber der Zeitschrift aus. "Es war ein gegenseitiges Spiel nach dem Motto ’Du-traust-dich-sowieso-nicht’!. Ich glaube sie war darüber schockiert dass er die Herausforderung annahm."

Auch lehnte Richter Sweeney Neatons Vorstoß hinsichtlich eines Ortswechsels für den Prozess ab. Er erlaubte lediglich, Geschworene aus dem Kreis Nelson anzufordern. Marshall ist sich sicher, dass diese Geschworenen einer ähnlichen,  aus Charlotteville kommenden, Medienkampagne über die Haysom-Morde ausgesetzt gewesen waren wie die Bürger aus dem Kreis Bedford durch die Nachrichtenagenturen aus Lynchburg und Roanoke.

Wie dem Berufungsverfahren zu entnehmen ist, sagten 15 der 38 Mitglieder aus dem Geschworenenpool - und das sind überdurchschnittlich viele für einen ortsfremden Fall- sie hätten Söring bereits vor Beginn des Prozesses für schuldig gehalten und es  sei an ihm gewesen, seine Unschuld zu beweisen.

Sechs Jahre nach Prozessende denken immer noch einige so.

"Ja, leider war er am Tatort, ich schlafe weiterhin gut", so die Worte des Geschworenen Bibb, eines 44-jährigen Mechanikers aus einer Eisengießerei. "Es steht außer Frage, dass Elizabeth ihn manipuliert hat. Sie hat ihn mitgerissen.“

Marshall kommt aufgrund der Beweise zu anderen Schlussfolgerungen. Nun muss sie den Obersten Gerichtshof von Virginia dazu bewegen, die Frage nach dem Mörder von Derek und Nancy Haysom neu zu stellen.

"Dies ist eine Frage," sagt Marshall, „deren Beantwortung den Unterschied zwischen Freiheit und mehrmals lebenslänglich ausmacht."

Ihr Mandant, der seine letzten neun Geburtstage im Gefängnis verbracht hat, hofft weiterhin. Aber bereits als 19-Jähriger im Jahr 1986 wird er begriffen haben, dass Gerechtigkeit flüchtig und nur schwer zu fassen, geschweige denn, voraus zu sagen ist.

"Ich glaube nicht, dass es in Gerichtsverhandlungen und Prozessen um ‚schuldig’ oder ‚unschuldig’ oder gar um die Wahrheit geht", sagte Söring seinen Vernehmern. "Sie stellen eher einen Konsens aus dem, was mehr oder weniger vorstellbar ist, dar.“

 

Zum Thema

Sörings Verteidigerin macht mit vollem Einsatz weiter für einen Mandanten, den sie nie getroffen.

Gail Starling Marshall hat Jens Söring nie getroffen.

Die außerordentliche Professorin der Universität von Virginia hat Ihren Ruf sowie viel Mühe und Zeit eingesetzt, um die Entlassung des wegen der Morde an Derek und Nancy Haysom Verurteilten  zu erwirken.

Marshall ist überzeugt, dass ein Verteidiger seinen Mandanten nicht persönlich kennen muss, wenn die Fakten seines Falles und seine Integrität eine deutliche Sprache sprechen.

"Ich vertrete seine Angelegenheiten für ein geringeres Honorar, weil mich sein Fall so betroffen macht," äußert Marshall in einem Interview in ihrem Büro in Rapidan, einem Holzbau auf ihrem Farmgelände, das sie und ihr Mann gemeinsam bewohnen.

Marshall (54), eine zierliche Frau mit kurzem grauen Haar, erfuhr von Sörings Fall vor mehr als einem Jahr durch den Freund eines Freundes. Nachdem sie sich durch Zeugenaussagen, Spurensicherung und Prozessprotokolle hindurchgewühlt hatte, beschloss sie, den Fall zu übernehmen.

Sörings Berufungsverfahren ist eingezwängt in einen vollen Terminplan. Marshall lehrt Antrags- und Rechtsmittelpraxis als außerordentliche Professorin an der juristischen Fakultät der Universität von Virginia. Sie ist ausserdem die Rechtsvertreterin der Stadt Orange und das in Vollzeit.

Um Zeit und Kosten für die sechsstündige Fahrt zu Söring im Buchanan Kreisgefängnis zu sparen, so Marshall, kommuniziert sie mehrmals wöchentlich telefonisch und per Post mit ihm.

Ein Bekannter von Marshall, auch Rechtsanwalt, bestätigt, dass sie in Virginia einen guten Ruf genießt.

Sechs Jahre lang war Marshall stellvertretende Generalstaatsanwältin für Zivilprozesse in Virginia unter Mary Sue Terry. 1993 verlieh ihr die Anwaltschaft von Virginia die Auszeichnung "Pro Bono Publico" für ihre Verdienste für die Öffentlichkeit. Letztes Jahr zog U.S. Senator Charles Robb sie sogar als Kandidatin für einen Sitz im U.S. Western District Landesgericht in Betracht.

"Sie ist eine durch und durch integere und professionelle Anwältin," kommentiert A. E. Dick Howard, ein Gelehrter der Verfassung von Virginia an der dortigen Universität, der Marshall an der juristischen Fakultät vor mehr als 25 Jahren unterrichtet hat und ihre Karriere seitdem verfolgt hat. Howard, dem im Übrigen nicht bekannt war, dass Marshall Söring vertritt, ergänzte, sie sei keine Verteidigerin, die ihre Sache auf die leichte Schulter nehme.

"Es ist völlig unvorstellbar, dass sie dies tut, um für sich Reklame zu machen", so Howard, "ich würde eher vermuten, dass sie diesen Fall sehr nüchtern einschätzt."

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