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Die Verwandlung von Tony in Tonya


Vergewaltigte Jugendliche in Haftanstalten und das "Todesurteil" HIV

(von Jens Söring, 19. November 2004)

 
Tony war der süßeste Serienkiller, dem ich jemals begegnet war. Sechzehn Jahre alt, mit langen blonden Haaren und cremig-heller Haut, einem schlanken und trainierten Körper. Mit seinem ersten Schritt in den Aufenthaltsraum machte er all die erwachsenen Gefangenen an, machte sie gierig. Das Beste an der ganzen Sache war, dass Tony schon in der Untersuchungshaft  „gebrochen“, „aufgemacht“ worden war. Er wusste also, was auf ihn zukam und zeigte eine Art von Eifer: Gefügig und nett zu sein hieß, Zigaretten und andere Geschenke von den Freiern zu bekommen- soviel hatte Tony bis dahin bereits herausgefunden.

Als ich Tony fünf Jahre später wieder begegnete, hatte er seine Haltung zum Sex hinter Gittern professionalisiert und nannte sich Tonya. Jeden Dienstag, dem Tag an dem die Kantine geöffnet war, warf Tonya sich in Schale: Schminke, kurze Shorts, falsche Wimpern. Für zwei Päckchen Mentholbonbons war sie für dich da. Eine halbe Stunde lang.

Tonya  machte sich über ihre Kunden lustig: Zahlen um zu sterben! Sie war HIV-positiv wie so viele andere Häftlinge. Lange davor wurde Tony vergewaltigt und infiziert. Heute wollte Tonya dieses Todesurteil an möglichst viele weitergeben. Welch süße Rache!

Nein, nicht dass der Gedanke, eine Massenmörderin zu sein für Tonya spannend gewesen wäre – dazu war sie bereits zu gleichgültig. Andere zu infizieren war eine der Alltäglichkeiten, wie Wäsche zu waschen oder sich um das Make-up zu kümmern.

Mittlerweile wurde Tony entlassen; seit 2001 lebt er unter euch.  Ich hatte ihn in meinem ersten Satz als Serienkiller bezeichnet – das ist es, wozu er in der Haft geworden ist. Davor war er ein netter durchschnittlicher 16ähriger Junge, ein Sprössling einer Armeefamilie, der bedauerlicherweise einen anderen Jugendlichen am Gelände der High School mit einem Messer angegriffen hatte; leider in einer Zeit, in der die Amokläufe an Schulen ein großes Thema in den Medien waren. Die Behörde behandelte Tony entsprechend dem Grundsatz  „Tough on crime!“, hart bei Kriminalität, wie einen Erwachsenen. Er wurde wegen einer heimtückisch zugefügten Körperverletzung verurteilt – und ein Haufen sexuell ausgehungerter Häftlinge bekam für ein paar Jahre ein neues Spielzeug. Ein tödliches Spielzeug. Ein Spielzeug, das heute wieder auf euren Straßen ist.

Tony’s Geschichte ist bei weitem keine Ausnahme in einem Bestrafungssystem, das 2,1 Millionen Gefangene verwaltet. Bei einer Anhörung zum Thema Vergewaltigung in Gefängnissen im Juli 2002 berichtete ein früherer Generalstaatsanwalt, dass die Anzahl der von sexuellen Übergriffen betroffenen Häftlinge „irgendwo zwischen 250 000 und 600 000“ pro Jahr liegt. Das Ergebnis davon ist eine HIV-Infektionsrate von 8,5 Prozent in New Yorker Gefängnissen, wo die Häftlinge konsequenter getestet werden als in anderen Regionen. Im Vergleich dazu: Die Rate unter der Gesamtbevölkerung in den USA liegt bei 0,3 Prozent.

Soweit mir meine 18 jährige Hafterfahrung eine Beurteilung ermöglicht, beinhalten diese 250 000 bis 600 000 Insassen nahezu alle jugendlichen Straftäter, die – wie Tony – in Haftanstalten für Erwachsene überstellt werden. Im Jahr 1997, dem letzte Jahr für das entsprechende Zahlen verfügbar sind, waren 14 500 solcher Jungen und Mädchen in Gefängnissen für Erwachsene untergebracht. Mit der Steigerung der Häftlingszahlen seit damals ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass auch diese Zahlen gestiegen sind.

Alle 50 Bundesstaaten der USA erlauben im Bereich der Justiz und des Strafvollzugs die Behandlung Jugendlicher als Erwachsene. Ein 16-Jähriger wird in einer dieser Haftanstalten automatisch zum „Boy“, wie ein Sexsklave im Gefängnisjargon genannt wird. Sobald er mit HIV infiziert ist, ist er ein toter Boy. Auf diese Weise führt die Entscheidung zur Verlegung in eine Anstalt für Erwachsene de facto zum Todesurteil für diesen jugendlichen Straftäter.

Mich stimmt das so unendlich traurig, da diese „Exekution“ von tausenden Jugendlichen durch Vergewaltigungen völlig unnötig ist. Es ist einfach nicht wahr, dass jugendliche Straftäter nicht resozialisiert werden können. In Detroit und Boston unterstützen kompetente Einzelfallhelfer entlassene Jugendliche im Rahmen eines bundesstaatlichen Programms bei der Jobsuche und beim schrittweisen Aufbau tragfähiger sozialer Beziehungen. Dieser ganzheitliche Ansatz führte sogar bei den deviantesten Jugendlichen in den Innenstädten zu einer signifikanten und beständigen Senkung der Rückfallrate.

Erfolgreiche therapeutische und rehabilitative Programme legen ihren Schwerpunkt auf das soziale Umfeld, anstatt ausschließlich an den persönlichen Defiziten des Jugendlichen zu arbeiten. So wird beispielsweise die Beratung und psychosoziale Betreuung einer drogenabhängigen depressiven Mutter sicher gestellt, um sie zur Erziehung ihres delinquenten Kindes zu befähigen.

60% der Aufwendungen für jugendliche Straftäter fließen derzeit in den Strafvollzug, während nur 4% für die Nachsorge verwendet werden. Tatsächlich erfüllen die Hälfte der Jugendhaftanstalten nicht einmal die festgelegten Mindeststandards im Bereich der Ausbildung der Jugendlichen – gar nicht zu sprechen von irgendwelchen therapeutischen Angeboten. Und für die Jugendlichen in Gefängnissen für Erwachsene, wie Tony beispielweise, stellt sich die Situation noch schlimmer dar: 26% von ihnen werden ohne Hauptschulabschluss entlassen und 90% verlassen das Gefängnis ohne Abschluss der High School.

Bei ihrer Rückkehr in die Gesellschaft bringen sie eine entsetzliche Missbrauchsgeschichte  und – mit großer Wahrscheinlichkeit – eine fatale Krankheit mit: HIV/AIDS. Ich glaube es gibt keine andere Weise, die Rückkehr in die Straffälligkeit so sehr zu fördern. Die Befriedigung des Bedürfnisses, Jugendliche wie Erwachsene zu behandeln, scheint diesen Preis wert zu sein. Nein, es muss so sein – warum sonst würden wir den Gerichten und Gefängnissen dieses Landes erlauben, jedes Jahr tausende Tonys in Tonya zu verwandeln?
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