Skip to main content
#
Freundeskreis Jens Söring
Kontakt
our twitterour facebook page google plus youtubeinstagram
EN

Der Weg durch die Hölle


(von Rudolf von Waldenfels, Publik-Forum. Zeitung kritischer Christen, Ausgabe Nr.22, 23.11.2007)


Mit achtzehn war Jens Söring Stipendiat an einer amerikanischen Eliteuniversität, mit vierundzwanzig ein zu lebenslanger Haft verurteilter Mörder, mit sechsunddreißig der Autor eines Buches, das schon heute zu den Klassikern der spirituellen Literatur in Amerika zählt.


Dies ist die erschreckende, traurige und doch auch wundersame Geschichte von Jens Söring, einem deutschen Diplomatensohn aus Norddeutschland. Mit achtzehn war er »Geniestipendiat« an einer amerikanischen Eliteuniversität, mit vierundzwanzig ein zu lebenslanger Haft verurteilter Mörder, mit sechsunddreißig der Autor eines Buches, das schon heute zu den Klassikern der spirituellen Literatur in Amerika zählt.

Als ich im Sommer dieses Jahres im Zweiten Deutschen Fernsehen einen Beitrag über Jens Söring sah, beschloss ich sofort, ihn in seinem Gefängnis in Virginia zu besuchen. Auf einer amerikanischen Website waren Ausschnitte seiner Bücher und Artikel zu lesen, die er in den vergangenen Jahren veröffentlicht hatte. In klarer Sprache zeichnete er seinen Weg vom Agnostiker zum katholischen Christen nach, von Verzweiflung und ständigem Todeswunsch hin zu Zuversicht, innerem Frieden und sozialem Engagement. Ich hatte selten etwas Bewegenderes gelesen, gerade weil seine Worte nie die Haltung verloren und eine ruhige Distanz wahrten. Er erzählte eindringlich und aufrichtig, ohne sich selber zu schonen, von den Höhen und Tiefen seiner spirituellen Reise.

Zugleich aber hatte ich die schrecklichen Bilder des Doppelmordes vor Augen, für den er zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war. In der ZDF-Sendung behauptete Jens Söring, unschuldig zu sein. Nur – behaupten sie das nicht alle?

Das Brunswick Correctional Center liegt in der waldreichen Landschaft Virginias, mehrere Autostunden südlich von Washington. Vom leicht erhöhten Parkplatz aus überblickt man die ganze Anlage mit ihren Stacheldrahtzäunen, den Wachtürmen, den dunklen, würfelförmigen Ziegelbauten. An der Sicherheitsschleuse gebe ich Autoschlüssel und Pass ab. Man schaut mir unter die Zunge, zwischen die Zehen. Dann erhalte ich einen Stempel aus Spezialtinte auf den Arm, damit sichergestellt ist, dass auch wirklich ich es bin, der das Gefängnis nachher wieder verlässt.

Der Mann, der mir am Tisch gegenübersitzt, ist mittelgroß, das Gesicht mager und glatt rasiert, die Augen sind dunkel und ausdrucksvoll. Jens Söring ist jetzt einundvierzig, hat also mehr Jahre im Gefängnis verbracht als in Freiheit. Obgleich er kaum Gelegenheit hat, seine Muttersprache zu sprechen, ist sein Deutsch makellos.

»Jesus nachfolgen heißt, das eigene Kreuz rückhaltlos annehmen, jede Hoffnung aufgeben und sich ganz dem Willen Gottes unterwerfen. Wenn sich das eigene Ego auflöst, fallen die Handschellen zu Boden, und man ist frei.«

Gewichtige Worte aus dem Mund eines Mannes, der möglicherweise das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen wird. Ob schuldig oder unschuldig – sein Kreuz, wie er es nennt, ist so schwer, dass es manch anderen wohl erdrückt hätte.

Im Frühjahr 1986 werden der 19-jährige Jens Söring und seine wenig ältere Freundin Elizabeth Haysom nach monatelanger Flucht in London festgenommen. Man legt ihnen den Doppelmord an Elizabeths Eltern zur Last, die man mit aufgeschlitzten Kehlen in ihrem Haus in Virginia gefunden hat. Das Paar ist geständig: Jens Söring als Täter, Elizabeth Haysom als Komplizin.

Die beiden haben sich eineinhalb Jahre zuvor als Erstsemester an der Universität von Virginia kennengelernt, einer der besten Hochschulen des Landes, und sich sofort heftig ineinander verliebt. Das Paar erregt Aufsehen auf dem Campus. Er ist ein schüchterner, noch halb kindlicher Bücherwurm mit dicker Brille, der eines der höchstdotierten Stipendien Amerikas erhalten hat. Sie ist, wie Jens Söring in einem autobiografischen Manuskript schreibt, eine charismatische Schönheit, der ein Ruf von freier Sexualität, von Abenteuer und Künstlertum vorauseilt.

»Sie war meine erste Liebe, überhaupt das erste Mädchen, mit dem ich sexuell etwas hatte«, sagt er. In seiner Stimme schwingt nach all den Jahren immer noch ein norddeutscher Klang mit. Ich lausche insgeheim, ob in ihr auch Spuren jener Leidenschaftlichkeit zu hören sind, die ihn in eine folie à deux mit Elizabeth Haysom getrieben hat. Denn ein »Wahnsinn zu zweit« war es, der ihn mit Elizabeth verband – so beschrieb es ein psychiatrisches Gutachten, das nach der Festnahme von der Polizei in Auftrag gegeben wurde.

»Elizabeth hatte mich zu einem neuen Menschen gemacht. Wenige Wochen des Zusammenseins mit ihr und ich ging anders, sprach anders, lachte anders. Ich war zum ersten Mal glücklich in meinem Leben. Ich lebte nur noch für sie.« Jens Söring berichtet weiter: Als Elizabeth in der Nacht vom 30. März 1985 viele Stunden zu spät zu einem Stelldichein kommt, mit kreidebleichem Gesicht vor ihm auf die Knie fällt und ihm zitternd gesteht, soeben ihre Eltern erstochen zu haben, habe es deshalb für ihn keinen Moment des Zögerns gegeben: »Ich musste sie vor dem elektrischen Stuhl retten. Als Diplomatensohn, mein Vater war zu dem Zeitpunkt am deutschen Konsulat in Detroit stationiert, war ich mir sicher, Immunität zu genießen. Wenn ich die Schuld auf mich nahm, was sollte mir schon groß passieren? Man würde mich nach Deutschland ausliefern, dort zu höchstens zehn Jahren verurteilen. Zehn Jahre: Die schienen mir das Leben von Elizabeth wert zu sein.

Seine Immunität aber erweist sich aufgrund bestimmter juristischer Klauseln als wertlos. Die Amerikaner wollen ihn haben und zum Tode verurteilen. Das verkündet der zuständige Staatsanwalt im Fernsehen. Drei Jahre lang kämpft Jens Söring verzweifelt gegen seine Auslieferung. Der Europäische Gerichtshof, den seine Anwälte anrufen, rettet ihn schließlich. Er verfügt, dass eine Überstellung nur dann statthaft ist, wenn die Anklage ihren Antrag auf die Verhängung der Todesstrafe fallen lässt. Der amerikanische Staatsanwalt gibt nach, Jens Söring wird schwer bewacht nach Virginia ausgeliefert. Dort hat man Elizabeth Haysom in der Zwischenzeit als Komplizin zu 90 Jahren Haft verurteilt.

In Virginia empfangen ihn die Fernsehkameras und folgen ihm – ein Novum in der Rechtsgeschichte des Staates – bis in den Gerichtssaal, von wo aus sie ihre Bilder an ein Millionenpublikum übertragen. So großen Sensationswert hat der Prozess, dass sich Zuschauer ihr Essen in den Saal mitbringen, um ihre Plätze nicht aufgeben zu müssen. In der landesweit ausgestrahlten Talkshow »Larry King Live« werden Ausschnitte der Verhandlung gebracht.

Das Videomaterial des Prozesses zeigt es auch heute noch: Jens Söring, inzwischen 24 Jahre alt, macht keine gute Figur. Blass und aufgedunsen von den Jahren in englischer Haft, das Gesicht regungslos, die Augen hinter dicken Brillengläsern verborgen, auf Fragen immer in dem gleichen, leicht arroganten Tonfall antwortend, entspricht er dem schlechten Bild, das man sich in Amerika von Europäern zuweilen macht: das von zynischen, snobistischen Besserwissern. Der Staatsanwalt hingegen, ein schlanker, gut aussehender Mann, der mit seiner Eloquenz den Gerichtssaal beherrscht, scheint die Verkörperung amerikanischer Rechtschaffenheit darzustellen, amerikanischer Vernunft und Charakterstärke.

»Monster«, »Bestie« – so wird Jens Söring von manchen Zeitungen genannt.

Jens Söring widerruft sein Geständnis. Er besteht darauf, dass er Elizabeth damals habe vor dem Tod bewahren wollen und unschuldig sei. Die Jury ist sich dennoch sicher: Sie verurteilt ihn nach nur vierstündiger Beratungszeit zu zweimal lebenslänglicher Haft.

»Ich bin unschuldig«, wiederholt er nach dem Urteilsspruch mit ungläubigem Gesicht.

Siebzehn Jahre später ist Jens Söring, wie er vor mir sitzt, kein pummeliger, linkischer Intellektueller mehr, sondern ein athletischer Mann mit wachem Blick, in dessen braunen Haaren sich das erste Silber zeigt. Er sei, konstatiert er nüchtern, durch die Hölle des amerikanischen Strafvollzugs gegangen, er habe gesehen, wie junge Häftlinge unter Johlen und Beifallsklatschen vergewaltigt wurden, sei selber fast das Opfer einer Vergewaltigung geworden; man habe ihn geschlagen, mit Messern bedroht, man habe ihn angeschossen; er habe seinen Zellengenossen tot neben dem gemeinsamen Stockbett hängen sehen; er habe, als Strafe für die Veröffentlichung eines justizkritischen Essays, sechs Wochen in Isolationshaft verbracht. Und er sagt: »Ich hätte rechtzeitig begreifen müssen, dass Elizabeth psychisch krank war, aber ich habe die Zeichen nicht erkannt, ich war blind.«

Ein psychiatrischer Gutachter, vom Gericht hinzugezogen, stellte bei Elizabeth Haysom eine »schizophrene Erkrankung« fest und bezeichnete sie als »pathologische Lügnerin«; Zeugenaussagen und die Auswertung ihrer Tagebücher offenbarten starke Hassgefühle ihren Eltern gegenüber. In dem separaten Prozess, der zuvor gegen Elizabeth Haysom geführt worden war, sagte eine enge Freundin der ermordeten Mutter aus, diese habe ihr Nacktfotos der Tochter gezeigt. Elizabeth selber behauptete vor Gericht, von der Mutter sexuell missbraucht worden zu sein.

Wieso, frage ich Jens Söring, spielten diese Umstände keine Rolle in seinem Prozess? »Elizabeth entstammte einer der besten Familien der Gegend. Ich dagegen war ein Ausländer mit eigenartigem Akzent.« Der Richter, der gemäß geltendem Recht ausschließlich selbst über seine Befangenheit zu entscheiden hatte, stritt ab, mit der Familie Haysom näher bekannt gewesen zu sein; in Wahrheit, so zeigten nach dem Prozess aufgetauchte Highschool-Jahrbücher, pflegte er bereits in jungen Jahren eine Freundschaft zu Derek Haysoms Bruder, Elizabeths Onkel. Noch ehe der Prozess überhaupt begonnen hatte, machte er in einem Interview mit Albemarle, einer regionalen Lifestyle-Zeitschrift, deutlich, wen er für den Schuldigen hielt: Jens Söring.

Der Prozess wies dann auch erschreckende Mängel auf. Da weder Fingerabdrücke noch Haare Jens Sörings am Tatort gefunden worden waren und es auch keinen Zeugen der Mordnacht gab, ruhte die Anklage gegen ihn auf lediglich zwei Säulen: seinem inzwischen widerrufenen Geständnis und einem blutigen Sockenabdruck.

Das Geständnis, Jahre zuvor in der Londoner Untersuchungshaft abgegeben, lieferte eine plausible Schilderung des Tatverlaufs und deckte sich zunächst mit den Vermutungen, die die Polizei aufgrund der Spuren und der Obduktion der Leichen angestellt hatte. Bei näherer Betrachtung aber taten sich eklatante Widersprüche in Sörings Darstellung auf, sodass erhebliche Zweifel an seiner Täterschaft aufkamen. So konnte das von ihm als Mordwaffe bezeichnete Kampfmesser, ein sogenanntes Schmetterlingsmesser, gar nicht die Wunden zufügen, die man an den Opfern gefunden hatte. Weder stimmte die von ihm beschriebene Kleidung mit der tatsächlich von den Haysoms in der Mordnacht getragenen Kleidung überein, noch schien es möglich, dass Derek Haysom, nachdem ihm Jens Söring die Kehle durchgeschnitten haben sollte, weiter auf seinen Angreifer einschrie: Ein Mann, dem die Kehle durchtrennt wurde, kann nicht mehr schreien. Die beiden Narben an Jens Sörings Hand schließlich, die er im Londoner Verhör als Zeugnisse seines Kampfes mit den Haysoms vorgezeigt hatte, entpuppten sich als Warze und als Folge einer Schnittwunde, die aus der frühen Kindheit stammen musste; davon überzeugten sich die Geschworenen persönlich im Gerichtssaal.

Das Foto eines blutigen Sockenabdrucks vom Tatort, die zweite Säule der Anklage, übte jedoch starken Einfluss auf die Jury aus. In einem dramatischen, durchaus filmreifen Moment hob der Staatsanwalt das Foto in die Höhe sowie einen zweiten, transparenten Abdruck, der in der Haft von Jens Sörings Fuß gemacht worden war. Er legte ihn über das Foto und rief: »Passt wie ein Handschuh!«

Später, nach dem Urteilsspruch, gab einer der Geschworenen in einer eidesstattlichen Erklärung zu Protokoll, dass es dieser Anblick der übereinstimmenden Abdrücke war, der den Ausschlag für den Schuldspruch gab. Ein Fußabdruck, der wie der vom Tatort in der Bewegung entsteht, lässt sich jedoch nur bedingt mit einem Fußabdruck vergleichen, der wie der Jens Sörings unter statischen Umständen abgenommen wird. Die Bewegung verfälscht den Abdruck, lässt ihn länger und breiter erscheinen.

Zwei Experten, der eine vom FBI, der andere ein forensischer Wissenschaftler der Staatspolizei New Jerseys, erklärten nach dem Prozess an Eidesstatt, der im Haus der Haysoms aufgefundene blutige Fußabdruck stelle »in keiner Form einen Beweis dafür dar, dass Herr Söring sich am Tatort befunden« habe. Der Abdruck stamme, so hatte ein Polizeilabor schon sehr viel früher festgestellt, von einem Fuß der Größe 5 bis 6. Jens Sörings Fuß aber besitzt die Größe 8 1/2.

Ein anderer Anwalt als der, der Jens Söring im Prozess vertrat, hätte sich diese offensichtlichen Schwächen der Anklage wohl zunutze gemacht; doch Richard Neaton befand sich, wie er später eingestand, während der Verhandlung in einer emotionalen Krise, die seine Fähigkeiten als Anwalt »wesentlich beeinträchtigte«. Die zuständige Anwaltskammer erklärte ihn für schuldig, im Fall Jens Sörings seinen beruflichen Pflichten nicht nachgekommen zu sein, und entzog ihm die Lizenz. In Berufung konnte Jens Söring dennoch nicht gehen. Nach geltendem amerikanischen Recht stellt eine »emotionale und mentale Behinderung« des Rechtsanwalts während der Verhandlung keinen hinlänglichen Grund für eine Berufung dar.

Doch auch eine Wiederaufnahme des Verfahrens angesichts der forensischen Neubewertung des Fußabdruckes war nicht möglich, eben weil es sich um eine Neubewertung handelte und nicht um gänzlich neues, also noch nicht im Prozess verhandeltes Beweismaterial. So sieht es das Gesetz des Bundesstaates Virginia vor, das zudem die Einhaltung einer äußerst kurzen, nämlich nur 21-tägigen Frist nach Urteilsverkündung verlangt, innerhalb deren ein neuer Beweis vorgelegt werden muss. Auch diese Bedingung konnte Jens Söring nicht erfüllen.

»Jens Söring ist unschuldig« — davon ist keine Geringere überzeugt als die ehemalige Vizegeneralstaatsanwältin Virginias, eine Frau, die sich über viele Jahre beruflich mit Fragen der Unschuld und Schuld, mit Geständnissen und Indizien beschäftigt hat. Gail Marshall, eine agile, zierliche Dame mit schneeweißem Haar, die inzwischen als Universitätsprofessorin Jura lehrt, hält die Beweislage gegen Jens Söring für »sehr dünn«. Sie ist sich sicher, wie sie mir am Telefon sagte, dass er das Opfer einer voreingenommenen Jury geworden ist.

Gail Marshall ist nur eine von vielen, die sich für eine Freilassung Sörings einsetzen. Sie gehören zur wachsenden Zahl Amerikaner, denen Zweifel an einem Rechtssystem kommen, das nicht einmal vor der Hinrichtung geistig Behinderter zurückschreckt. Seit seiner Gründung im Jahr 1992 hat das »Innocence Project«, eine Pro-bono-Vereinigung von Anwälten und Jura-Fakultäten, mehr als 200 bereits Verurteilte, unter ihnen auch Todeskandidaten, allein aufgrund von DNA-Beweisen aus dem Gefängnis befreien können. Eine Studie, vom US-Justizministerium in Auftrag gegeben, geht von einer Fehlurteilsquote von mindestens fünf Prozent aus. Umgerechnet auf die hohe Zahl amerikanischer Strafgefangener bedeutet dies, dass vermutlich über 100 000 Männer und Frauen unschuldig in Amerikas Gefängnissen einsitzen.

Wäre denn wenigstens eine Überstellung von Jens Söring nach Deutschland möglich? »Ich mache mir keine sehr großen Hoffnungen«, sagt der deutsche Botschafter, der sich ebenfalls für Jens Söring engagiert, in einem Fernsehinterview.

Im Januar 2001 bricht Jens Söring schließlich zusammen. Hinter ihm liegen die Jahre, die er als faktischer Todeskandidat in Londoner Haft verbracht hat, der Tod seiner Mutter, elf Jahre regulärer Haft, also das Leben unter Mördern, Kinderschändern und Vergewaltigern. »Ich konnte nicht begreifen, warum ausgerechnet mir ein solches Unglück zustoßen musste. Was hatte ich denn getan?« Er gerät in Versuchung, Gebrauch von den 200 Schmerztabletten zu machen, die er im Lauf der Jahre heimlich gesammelt hat. Doch anstatt sich das Leben zu nehmen – beginnt er ein neues.

Eine Broschüre, die er Jahre zuvor von einem Gefängnispfarrer erhalten und achtlos unter seine Sachen gesteckt hatte, gerät ihm wieder in die Hände. Sie führt in das »Gebet der Sammlung« ein, eine alte, fast vergessene christliche Kontemplationstechnik. Thomas Keating, ein amerikanischer Zisterzienserabt, hatte sie Mitte der 1970er-Jahre wieder ins Leben gerufen.

»Es war eine Neugeburt. Vielleicht hat Gott mich an diesen Punkt der äußersten Verzweiflung geführt, damit ich endlich mein Selbst loslassen konnte.«

Denn das eigene Selbst loslassen, sich Gott in der Stille zu öffnen – nichts anderes ist Sinn und Zweck des Gebetes der Sammlung, das in vielem an die fernöstlichen Meditationstechniken erinnert. Er verschafft sich die Schriften Meister Eckharts, der Teresa von Avila und anderer Mystiker. Von nun an steht er in aller Frühe auf, um mehrere Stunden des Tages in Kontemplation zu verbringen. Auch die Bücher des Benediktiners Willigis Jäger werden wegweisend für ihn.

»Ich begab mich auf eine abenteuerliche Reise, die noch immer nicht an ihr Ende gekommen ist. Ich lernte, außerhalb von Sprache und Intellekt zu Gott in Beziehung zu treten.«

Das klingt leichter, als es ist. In den Zellen lärmen die Fernseher von früh bis spät, aggressive Rap-Musik füllt die Gänge. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen, deren Opfer auch Jens Söring wird. Doch als er eines Tages von einem Wachmann mit einer Hartgummikugel angeschossen wird, die eigentlich einen anderen Gefangenen treffen sollte, ist es das Gebet der Sammlung, das ihm hilft, auch in diesem traumatischen Ereignis ein »Zeichen der Gnade« zu erkennen.

In dem Maß, wie ihn der Glaube verändert, zu einem zufriedeneren, ja, immer wieder auch glücklichen Menschen macht, in dem Maß wächst das Bedürfnis in ihm, anderen zu helfen. Er engagiert sich als Vermittler, spendet monatlich einen Teil seines winzigen Einkommens als Toilettenreiniger, eröffnet eine Gebetsgruppe. Und er beginnt zu schreiben. Das Manuskript, das er nach zwölfmonatiger Arbeit auf gut Glück einschickt, erregt sofort Aufsehen in christlichen Kreisen. »The Way of the Prisoner« stellt sowohl einen theologisch fundierten Abriss der christlichen Mystik dar als auch eine zuweilen schmerzhafte Schilderung seines, Jens Sörings, Wegs zum Glauben an Jesus, sowie eine Einführung in die Praxis der christlichen Meditation. Auf kunstvolle Weise sind diese drei Stränge miteinander verschlungen und beglaubigen sich gegenseitig. Wenn an einer Stelle bildlich von »Sterben und Neugeburt« die Rede ist, dann weiß man von einer anderen Stelle her: Dieser Mann saß bereits halb in der Todeszelle, von aller Welt verlassen. Das ist kein Schönwetter-Christentum, das hier propagiert wird, kein wohliges Dahinschweben in esoterischen Vorstellungen, kein süßliches Herz-Jesu-Gerede. Nein, hier steht einer mit dem Gewicht seiner ganzen Existenz für die weltverändernde Kraft der christlichen Botschaft ein – das fühle ich, als ich Jens Söring fragend ins Gesicht blicke. Wortgeklingel kann jeder von sich geben. Aber die schlichte Tiefe, die jahrelanges, schweres Leid verleiht, der Kampf mit dem eigenen Dämon, die Überwindung des Leidens schließlich im Glauben, diese Tiefe lässt sich nicht künstlich erzeugen. Das Evangelium: In einem amerikanischen Gefängnis, in dem siebenhundert zum Teil Schwerstverbrecher eng zusammengepfercht sind, an diesem düsteren Ort ist es tatsächlich das befreiende, das beglückende Wort. Man kann Jens Sörings Buch nicht lesen, ohne davon aufgewühlt zu werden und sich zu fragen: Führe ich das richtige Leben? Ist es nicht zu lau, zu unentschieden?

Dass »The Way of the Prisoner« in einer einfachen, sofort zugänglichen Sprache verfasst ist, kennzeichnet Jens Söring auch als einen Schriftsteller von Rang. Beleg hierfür ist nicht zuletzt die hohe Auszeichnung, die er jüngst von der amerikanischen Catholic Press Association erhalten hat.

Wir stehen auf. Es gäbe noch viel zu fragen: Was fühlt er, wenn er an Elizabeth denkt? Hofft er noch auf eine Begnadigung? – aber die Besuchszeit ist zu Ende. Der Gefängnisfotograf, ein bulliger Afroamerikaner, der für einen bewaffneten Raubüberfall einsitzt, winkt uns zu sich. Wir stellen uns vor die gemalte Kulisse, die – grausame Ironie – eine Waldlandschaft darstellt, durchzogen von einer niedrigen, jederzeit überspringbaren Mauer, und warten tapfer auf den Blitz.

Es ist dieselbe üppige, fast tropische Waldlandschaft, die ich kurz darauf wiederfinde, als ich mit dem Auto zurück nach Washington fahre.


Rudolf von Waldenfels ist Schriftsteller und lebt in Oberfranken. Zuletzt erschien von ihm der Reiseroman »Über die Grenze« im Mitteldeutschen Verlag.
Newsletter 

Mit unserem Newsletter bleiben Sie über Neuigkeiten informiert. Jetzt anmelden

Bücher von Jens  
Spenden
T-Shirts für Jens 
    © Freundeskreis Jens Söring | E-Mail: admin (at) jenssoering.de | www.jenssoering.de
    Kontakt zu Jens Söring | Impressum & rechtliche Hinweise | Datenschutzerklärung
    Site Powered By
        Streamwerx - Site Builder Pro
        Online web site design