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What's music for JENS SÖRING !?

(2live4music, 22. April 2012, Link)


Nach dem erfolgreichen Start unserer neuen Interviewreihe "What`s music for ...!?" mit Regina Görner und Ruprecht Polenz, haben wir den Auftakt mit dem Buchautor Jens Söring perfekt gemacht, der uns in einem sehr spannenden schriftlichen Interview aus der US-Haft heraus, manch Interessantes über Musik und Gesellschaft, aber auch aus seinem Leben erzählt hat.


Zur Person: Jens Söring wurde am 01. August 1966 als Sohn eines deutschen Diplomaten in Bangkok (Thailand) geboren. Aufgewachsen in Bonn begann er im Sommer 1984 an der Universität von Virginia als Stipendiat Geschichte zu studieren. Sein Vater war damals Vizekonsul in Detroit. Im Dezember des selben Jahres verlieben sich Jens und die zwei Jahre ältere Elizabeth Haysom, deren Eltern Nancy und Derek im März 1985 auf grausame Weise ermordet werden, in einander. Noch am Abend des Mordes, an dem Jens und Elizabeth sich in Washington aufhalten, gesteht Elizabeth gegenüber Jens ihre Eltern getötet zu haben und fleht ihn an, ihr zu helfen, wie Jens später aussagt. Schon bald geraten die beiden in das Visier der Ermittler. Sie fliehen nach Europa, wo sie 1986 wegen Scheckbetrugs verhaftet werden. Im Verhör durch englische und us-amerikanische Ermittler gestehen zunächst beide den Mord. Elizabeth, bereits 1987 an die USA ausgeliefert, zieht ihr Geständnis jedoch später zurück und wird noch im Jahre ihrer Auslieferung zu 90 Jahren Freiheitsstrafe wegen Anstiftung zum Mord an ihren Eltern verurteilt. Jens, der mittlerweile seine Unschuld beteuert, indes wehrt sich gegen seine Auslieferung, da ihm in den USA mit dem elektrischen Stuhl die Todesstrafe droht. Er bemüht sich, auch im Zusammenwirken mit deutschen Behörden, um eine Auslieferung nach Deutschland, wo er - falls überhaupt Anklage erhoben und er schuldig gesprochen worden wäre - gute Aussichten gehabt hätte, lediglich zu einer Jugendstrafe verurteilt und innerhalb von 10 Jahren aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Nachdem der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zuvor entschieden hatte, dass er (nur) dann an die USA ausgeliefert werden dürfe, wenn er nicht zum Tode verurteilt werde, wird Jens nach einem entsprechenden Zugeständnis der US-Justiz Anfang 1990 von Großbritannien jedoch an die USA ausgeliefert und noch im selben Jahr wegen Doppelmords in einem umstrittenen Verfahren zu einer zweimal lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Vor allem seinem Beteuern, den Doppelmord nur gestanden haben, um seine damalige Freundin als tatsächliche Täterin vor dem Tod auf dem elektrischen Stuhl zu retten, zumal er glaubte, als deutscher Diplomatensohn Schutz vor US-Strafverfolgung zu genießen, in seine Heimat abgeschoben zu werden und sich dort verantworten zu müssen, wurde kein Glauben geschenkt. Jens, der während seiner Haftzeit von mittlerweile 26 Jahren zumindest vorübergehend zum katholischen Glauben fand, anfing zu schreiben und mittlerweile neun Bücher veröffentlich hat, hat nie aufgehört dafür zu kämpfen, seine Unschuld doch noch beweisen zu können. Trotzdem die Staatsanwaltschaft Jens Verteidigung im Rahmen der zu seiner Verurteilung führenden Gerichtsverhandlung absichtlich möglicher Weise entlastende Beweise vorenthalten hat und sein damaliger Strafverteidiger auch eigene schwere Fehler begangen hat, lehnte der Oberste Gerichtshof der USA als letzte Instanz die Berufung 2001, ebenso wie der Oberste Gerichtshof von Virginia bereits neun Jahre zuvor, endgültig ab. Dieses ohne Anhörung. Sieben Mal hat Jens seither einen Antrag auf Entlassung auf Bewährung gestellt. Sieben Mal wurde er von der Gnadenkommission von Virginia abgelehnt, obwohl mittlerweile neue, entlastende Beweise aufgetaucht sind. Einerseits wurden im Rahmen eines neuen DNA-Testprogramms 42 im Fall Söring gefundene Blutspuren untersucht. Keine von ihnen konnte Jens zugeordnet werden. Zudem taucht mit Tony Buchanan ein neuer Zeuge auf der Jens entlastet. Er hatte sich zwar auch damals schon bei den Behörden gemeldet hatte, seine Aussage fand seinerzeit jedoch keine Berücksichtigung. Anfang 2010 kam kurzzeitig Bewegung in Jens Fall. Wenige Tage vor seinem Ausscheiden aus dem Amt bittet Virginias damaliger demokratische Gouverneur Timothy M. Kaine den Generalstaatsanwalt der USA, Eric H. Holder, am 12. Januar um die Haftüberstellung von Jens nach Deutschland. Sein republikanischer Nachfolger, der Law-and-Order-Mann Robert McDonnell, zieht den Antrag als eine seiner ersten Amtshandlungen jedoch bereits eine Woche später wieder zurück. Seit Timothy M. Kaine im Mai 2011 seine Kandidatur um einen Sitz im US-Senat bekannt gab, dient Jens Fall und Kaines Antrag, ihn nach Deutschland zu überstellen, den Gegnern des Ex-Gouverneur als Faustfand gegen diesen, können sie ihn damit doch also als weich und nachgiebig öffentlich angreifen. Auch angesichts diese Instrumentalisierung seines Falls glaubt Jens selbst mittlerweile vor allem noch an eine politische Lösung seines Falles und setzt hier vor allem auf die Mithilfe der deutschen Regierung. 

Wer mehr über Jens Söring, seinen Fall und Möglichkeiten, ihn zu unterstützten möchte, kann sich auf seiner Website www.jenssoering.de noch einmal umfassend informieren. Jens Sörings neues Buch "Nicht schuldig!" findet Ihr indes hier.


KATEGORIE: AU DÉBUT
 
2live4music (2l4m): Jens, um nachfolgend zu wissen, auf welcher Basis wir uns "unterhalten" folgende Hintergrundfrage(n) vorab: In wieweit kannst Du dich im Gefängnis mit Musik auseinandersetzten? Wie sieht Dein Zugang zu Musik aus?
Jens Söring (JS): Von 1986 bis 1990 war ich in Auslieferungshaft in London, England. Dort gab es nur AM-Radio, also praktisch nur 4 Sender: BBC 1, BBC 2, BBC 3 und BBC 4 - und vielleicht noch einen kommerziellen Sender.
Von 1990 bis etwa 2001 konnte ich in Amerika FM- und AM-Radio hören und Cassetten kaufen. Von etwa 2001 an gab es dann auch CDs. In jüngster Zeit haben Gang-Mitglieder ein bestimmtes Teil aus CD-Spielern ausgebaut und als Waffe eingesetzt - vermutlich eine Art Klinge - und auf diese Weise sind mehrere Gefangene schwer verletzt bzw. auch getötet worden. Deshalb überlegt sich die Strafvollzugsbehörde nun, auf MP3 umzusteigen. Aber das kann noch Jahre dauern, bis die Bürokratie sich dazu entscheidet.
Im Gefängnis ist es übrigens so, dass Musik eine Qual ist. In einigen Bundesstaaten dürfen Gefangene nur Radios, TVs, etc. kaufen, die über Kopfhörer laufen. Aber in Virginia dürfen Häftlinge Geräte mit Lautsprechern kaufen, was dazu führt dass man überall und rund um die Uhr mit Rapmusik beschallt wird. Denn 60 % aller Gefangenen gehören Minderheiten an - d.h. in Virginia meistens Schwarze. Viele davon sind junge Gang-Mitglieder, die sich am Gangsta-Rap ergötzen. Das bringt ältere schwarze Insassen und weiße Häftlinge auf die Palme, aber es ist ein Teil der täglichen Qual des Strafvollzugs.
Glücklicherweise habe ich es geschafft die letzten 12 Jahre oder so immer ziemlich schnell in Wohnabteile mit älteren Insassen zu kommen - ich bin eben ein alter Hase im Strafvollzug und weiß, wie man so was macht. Dort ist es ruhiger.
Schon komisch: In Guantanamo Bay werden Gefangene mit lauter Musik absichtlich gefoltert. Aber in US-Gefängnissen tun sich das die Häftlinge routinemäßig gegenseitig selber an, und zwar jahrzehntelang.


2l4m: Nun haben wir allerdings gehört, dass Du nur wenig Fernsehen schaust und kaum bis gar keine Musik hörst. Stimmt das? Und falls ja, warum?
JS: In Deutschland ist wohl mittlerweile bekannt, dass Soldaten im Krieg manchmal eine sog. "post-traumatische Belastungsstörung" (PTBS) erleiden. (In den USA weiß man das bereits seit dem Vietnamkrieg in den 1960er Jahren.) Menschen, die Gewaltakte erleben, können dadurch so traumatisiert werden, dass sie diese Erinnerungen nicht innerlich verarbeiten können - die Erinnerungen bleiben festgefroren (sog. "flashbulb memories"). Das führt zu permanenten Angstzuständen , Schlaf- und Konzentrationsstörungen und extrem erhöhter Empfindlichkeit (sog. "hypersensitivity") - man schreckt jedesmal auf, wenn man einen Knall hört , weil einen das an den Krieg erinnert.
In den 1980er Jahren entwickelt die landesweit bekannte amerikanische Psychiaterin Judith Herman (Buch: "Trauma und Recovery") den Gedanken , dass nicht nur Soldaten sondern auch Opfer von Sexualverbrechen und politische Häftlinge PTBS entwickeln können. Sie nannte das "chronisches PTBS", weil es nicht durch einen einzigen Zwischenfall wie z.B. eine Bombenexplosion verursacht wurde, sondern durch wiederholte Vergewaltigungen oder wiederholte Folter.
Ein ebenfalls landesweit bekannter amerikanische Psychiater entwickelte diese Gedanken dann noch weiter, im vergangenen Jahrzehnt: Er erkannte, dass die Haftbedingungen in amerikanischen Gefängnissen dermaßen schrecklich und grausam sind, dass die meisten US-Häftlinge nach fünf bis zehn Jahren "chronisches PTBS" erleiden.
Ich selber habe in den vergangenen sechsundzwanzig Jahren viele traumatische Erlebnisse durchmachen müssen, die ich auch in meinem Buch "Nicht schuldig!" (Droemer Verlag , 2012) beschreib. Drei Jahre lang lebte ich unter Androhung der Todesstrafe im elektrischen Stuhl, ich wurde beinahe von einem anderen Insassen vergewaltigt, ich wurde mit einer Gummipatrone angeschossen, ich kam vom Frühstück zurück und fand meinen Zellenmitbewohner tot in unserer Zelle - er hatte sich vor unserem Etagenbett erhängt während ich im Speisesaal war. Und dazu kommt natürlich der Umstand, dass ich tatsächlich nicht schuldig bin!
Aus diesen Gründen habe ich wohl eine Art "chronisches PTBS", welches mich für Lärm jeder Art überempfindlich macht. PTBS führt auch öfters dazu, dass man Musik nicht mehr aushalten kann - das habe ich nicht nur in Büchern und Artikeln über PTBS gelesen, sondern das haben mir auch etliche ehemalige US-Soldaten, die an PTBS leiden und hinter Gitter kamen, gesagt. Ich bin in dieser Hinsicht also keineswegs allein.
Musik berührt das Herz, sie weckt die Emotionen - das ist doch der Grund, warum man Musik hört, oder? Es geht um die Gefühle. Aber für Menschen wie mich, die PTBS haben, sind Emotionen sehr schmerzhaft. Man will die Gefühle von sich weg drücken. Wenn man als PTBS-Geschädigter Musik hört, kommt der Stöpsel aus der Flasche raus und alle diese Ängste und alle Schmerzen kommen raus. Das tut so weh, dass man es lieber vermeidet.



KATEGORIE: PERSONNELLEMENT

"Worauf ich hinarbeitete, war die Freizeit - also die Bands und die Schülerzeitung."

2l4m: Deine zeitweilige Anwältin, Gail Marshall, spricht in einem Interview mit dem ZDF davon, dass Du womöglich eine wunderbare Diplomaten- oder Musikerkarriere gemacht hättest. Worauf basiert diese Einschätzung? Musizierst Du vielleicht selbst oder hast Du das mal getan? Falls ja, auf welche Weise?
JS: Weil mein Vater deutscher Diplomat war, wohnte meine Familie von 1977 an in den USA. Dort habe ich auch eine amerikanische "High School" besucht und war Mitglied zweier Bands. Das war 1981 - 1984.
Die erste Band hieß "Ground Zero". Wir spielten hauptsächlich "Beatles", "Rolling Stones" "Who", "Kinks" usw., aber auch "Blue Öyster Cult", "Boston" und "Chicago".
Die zweite Band hieß "The Skanque" und sie spielte hauptsächlich "Police", U2", "The Clash", "UB40" sowie einige obskure "Ska"-Bands, die unser Trommler vergötterte.
Ich spielte eine schwarze Gibson Les Paul durch einen Yamaha 100 Watt-Verstärker. Das Geld dafür habe ich mir durch Rasenmähen verdient; wir wohnten in einem reichen Vorort Atlantas (Bundesstaat Georgia), wo es riiiiiesengroße Rasen gab, weshalb man als Mäher prächtig Taschengeld verdienen konnte.
Für mich waren die Bands - sowie die Schülerzeitung, dessen Chefredakteur ich wurde - das Wichtigste in jenen Jahren. Die Schule an sich war nebensächlich für mich, worauf ich hinarbeitete war die Freizeit - also die Bands und die Schülerzeitung.
Ich erinnere mich noch, dass wir einmal bei einer Party spielten und eine total betrunkene Schulkameradin einen unserer Verstärker vollkotze. Für uns war das irgendwie der Beweis, dass wir richtige Rockstars waren - weil hübsche, betrunkene Mädchen unsere Verstärker vollkotzen.

2l4m: Was ist Musik heute für Dich und was bedeutet sie Dir? Was war sie früher einmal? Inwieweit hat der Aufenthalt im Gefängnis deinen Blick auf Musik verändert?
JS: Heute ist Musik etwas, was ich vermeide.
In den 1990er Jahren war das anders, da hörte ich viel Musik. Aber das war ein Jahrzehnt, welches ich im tiefsten Selbsthass verbrachte. Ich wusste: Ich hatte mein eigenes Leben durch meine bodenlose Dummheit ruiniert. Und dafür hasste ich mich selber aktiv, das war so ein richtiger "Job" für mich - täglich Selbsthass zu üben.
Dafür benutzte ich Musik. Ich benutzte Musik, um mich selber zu quälen. Hört sich verrückt an und vielleicht war es das auch.
Ich hörte mir Musik an, die ich mit meiner ehemaligen Freundin Elizabeth Haysom in Verbindung brachte - Musik, die mich an sie erinnerte, in irgendeiner Weise. Damit wollte ich mir selber weh tun. Zum Bespiel: Rod Stewart, "The First Cut is the Deepest". Denn Elizabeth war meine erste Freundin gewesen ("First") und sie hatte ihre Eltern mit einem Messer umgebracht ("Cut").
Auch hörte ich mir sehr viel Jazz-Sängerinnen aus den 30er, 40er und 50er Jahren an, wie Billie Holiday und Sarah Vaughan. Diese Damen sangen sog. "torch songs", Lieder über Liebe, die tragisch - meist im Tod oder in der Einsamkeit - endeten. Ein Beispiel, an das ich mich sehr gut erinnere: "(In My) Solitude". Das findet man manchmal unter "In My Solitude", manchmal unter "Solitude". Dieses Lied war besonders schmerzhaft für mich, besonders qualvoll. Also hörte ich es mir besonders oft an.
Andererseits hörte ich mir in jenen Jahren auch öfters klassische Musik an: Vor allem Bach und die Violin Concertos von Beethoven, Brahms und Bruckner, wenn ich mich recht erinnere. Diese Musik beruhigte mich, sie war keine Qual. Obwohl: Wenn ich mich recht erinnere, habe ich manchmal beim Anhören der Violin Concerti geweint. Seit etwas 2005 kann ich nicht mehr weinen, ich weiß nicht warum. Vielleicht einfach Erschöpfung ...


"Wenn es einen Himmel gäbe (...) dann würde man dort Bach spielen."

2l4m: Musik ist sehr vielfältig. Und vermutlich gibt es mehrere Musikstile bzw. -richtungen, die Jens Söring mag oder aber mal mochte. Welche sind das und was davon ist bzw. war dein non plus ultra?
JS: Diese Frage ist fast unmöglich zu beantworten für mich. Ich glaube, jeder Mensch mag in verschiedenen Zusammenhängen völlig verschiedene Musik.
Lass mich die Frage so beantworten: Wenn es einen Himmel gäbe - und ich glaube das nicht - dann würde man dort Bach spielen.  Ich glaube, Bach drückt das Wahre, Ewige, Gute in reinerer und zugänglicherer Form aus, als alle anderen Künstler, auch in anderen Kunstformen. Bach macht es beinahe möglich an Gott zu glauben.


2l4m: Viele Leute haben Lieblingsmusiker. Bei manchen wechseln sie in regelmäßigen Abständen, andere halten ihren Stars ein ganzes Leben lang die Treue. Wie ist das bei Dir? Gibt es da vielleicht jemanden, der Dich mit seinem Schaffen all die Jahre - sei es auch "nur" gedanklich - begleitet hat? Falls ja, wer ist es?
JS: Das eine Lied, dass mein Lebensgefühl und meine Lebensgeschichte zusammenfasst, ist Bob Marleys "Redemption Song". Ich hörte es zum ersten Mal 1977 im Ferienlager in Deutschland, als ich 10 Jahre als war (kurz vor meinem Geburtstag). Und es hat mich irgendwie mein ganzes Leben begleitet. Ich erinnere mich noch, dass ich es 1987 in den unterschiedlichen Zellen des Bow Street Magistrates Court in London, England, sang. Es ist das einzige Lied, dessen Worte ich vollständig auswendig kann.

2l4m: Musik begleitet uns häufig auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Könntest Du sagen, dass sich bei Dir bestimmten Lebensabschnitten bestimmte Lieder zuordnen lassen? Etwa, weil Du sie gerne hörst bzw. gehört hast oder aber, weil sie Deine Situation beschreiben und Du dich darin wieder findest?
JS:
  • High School, 1981 - 1984: The Clash, "Should I Stay or Should I Go?"
  • College, die Zeit mit Elizabeth, 1984 - 1986 (in etwa): Toni Mitchell, "Don Juan's Reckless Daughter" (die ganze LP). Ach ja und vor allem(!): Screamin' Jay Hawkins, "I Put a Spell on You"!
  • Auslieferungshaft in England, 1986 - 1990: Bob Marley, "Redemption Song"
  • Ersteres Jahrzehnt US-Haft, 1990 - 2000: Ich glaube, die Musik, die meine Situation am ehesten ausdrückt, sind/ist die Mississippi (Delta) Blues. Die habe ich mir besonders in den Jahren 1991 - 1996 viel angehört.
  • Die nächsten 12 Jahre US-Haft, 2000 bis heute: Da habe ich praktisch keine Musik gehört! Aber zwei Lieder haben mich irgendwie doch erreicht und berührt: "Kiss Me" von Sixpence None the Richer und "Fuck You" von Cee-Lo Green.
2l4m: Du hast einen Doppelmord gestanden, um deine damalige Freundin vor der Todesstrafe zu retten und wurdest deshalb schlussendlich vor 22 Jahren zu einer zweimal lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Auch wenn Du dir das in der Konsequenz alles anders vorgestellt und darauf gesetzt hast, nach Deutschland überstellt und dort früher oder später wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden, ist das ein unvorstellbar großes Opfer. Das lässt sich vermutlich nicht musikalisch erklären, dennoch der Versuch: Gibt es ein Lied, welches Dich persönlich, als Mensch, über alle Maßen geprägt hat oder auf welcher Basis hast Du damals – trotz aller Ungewissheit, die ein solcher Schritt schlicht birgt – diese so oder so weitreichende, dein Leben völlig verändernde Entscheidung getroffen?
JS: Doch, es gibt ein Lied, das alles zusammenfasst und ins Herz trifft!
Am Abend des 30. März 1985 ging ich in Washington DC ins Kino. Dort sah ich mir den Film "Stranger than Paradise" an, dessen Titellied Screamin' Jay Hawkins sang: "I Put a Spell on You". Während ich mir diesen Film ansah und mir dieses Lied anhörte, beging Elizabeth Haysom gerade mehrere hundert Meilen zum Süden Doppelmord an ihren Eltern.
Wenn man mein Buch "Nicht schuldig!" eines Tages vielleicht verfilmt, sollte man dieses Lied als Titelmusik verwenden.



KATEGORIE: PROFESSIONNEL

2l4m: Was macht gute Musik deines Erachtens aus? Wann ist ein Song ein guter Song? Was braucht ein Lied, um Dich zu berühren? Beziehungsweise: Wann hat Dich ein Lied angesprochen, als Du dich noch mit Musik beschäftigt hast?
JS: Ich meine, gute Musik drückt etwas Wahres über uns selbst (den Hörer) aus, was wir im alltäglichen Leben vielleicht teilweise vergessen oder verdrängt haben. Gute Musik erinnert uns an diese übersehbaren Teile oder Aspekte unserer selbst. Das muss nicht unbedingt immer etwas Großes sein, wie bei Bach oder auch bei Bob Marleys "Redemption Song". Es kann auch etwas Leichtes sein, wie die Sehnsucht nach und Freude bei einem einfachen Kuss - wie bei "Kiss Me" von Sixpence None the Richer. Oder auch das "Ätsch", das "Fuck you" von Cee-Lo Green - Du hast mich beschissen behandelt, aber letztlich hast Du mich nicht kleingekriegt.

"Gute Musik erinnert uns an diese übersehbaren Teile oder Aspekte unserer selbst."

2l4m: Wie so vieles dem Wandel der Zeit unterliegt, ist auch Musik nie stehen geblieben. Gibt es Entwicklungen, die Du besonders begrüßens- oder bedauernswert findest?
JS: Ihr müsst wissen: Ich wurde am 30. April 1986 verhaftet. Da waren CD-Spieler gerade eben erst eingeführt worden und das Internet gab es noch gar nicht, die erste Website wurde erst 1991 ins Word Wide Web gestellt. Ich bin also ein Dinosaurier!
Folgendes habe ich aber mitbekommen: Weil Musik über "filesharing" usw. praktisch kostenlos erhältlich ist, hat die Musikindustrie ein neues Geschäftsmodell entwickeln müssen, bei dem "live" Konzerte die Haupteinahmequelle sind. Ich stelle mir vor, dass dies letztlich eine sehr positive Entwicklung ist, weil "live" Musik doch immer ein besseres Erlebnis ist, als "recorded"/"canned" (wie sagt man das auf Deutsch? "Aufgenommen"?) Das ist natürlich nur eine Vermutung meinerseits, selber habe ich das alles ja nicht erleben können.



KATEGORIE: SOCIÉTÉ

2l4m: Wie siehst Du das, ist Musik in erster Linie unterhaltsam oder hat sie darüber hinaus eine gesellschaftliche Funktion? Und falls ja, worin siehst Du diese?
JS: Das kommt ganz auf die Musik an! Aber im Grunde ist doch jede Form der Musik in irgendeiner Form "gesellschaftlich", weil sie Menschen zusammenbringt - oder zusammenbringen sollte. Ob nun zum Gottesdienst bei Kirchenmusik, oder zum Ausdruck politischen Protests wie in den 1960er Jahren oder zum Tanzen. Ich glaube, als Mensch braucht man das Gefühl, mit anderen Menschen in signifikanter Weise verbunden zu sein - und genau das gibt einem Musik auf verschiedene Weise.
Für mich war es in der amerikanischen "High School" 1981 - 1984 auch so, dass meine Freunde und ich ein Ventil brauchten, um ein bisschen gegen unsere Eltern und unsere Schule zu protestieren. Meine Schule war eine sauteure Privatschule für die Sprösslinge der ältesten, wichtigsten und reichsten Familien Atlantas (Bundesstaat Georgia). Der soziale Druck war schon ziemlich schwer zu ertragen. Meine Freunde und ich wollten halt einfach LAUT sein dürfen und vor allem ANDERS.
Das brauchten wir - aber das braucht auch die Gesellschaft. Unsere piekfeine, entsetzlich langweilige Privatschule war ein besserer Ort, weil es unsere Bands gab. Das sagten mir ausgerechnet immer wieder unsere Lehrer, die die Konformität der Schüler, die sie unterrichten mussten, kaum aushalten konnten. Gerade unsere Lehrer haben uns - den Bandmitgliedern - gesagt, wir sollten nur ja mehr Rabatz machen, mehr protestieren - als Vorbild für unsere schrecklich langweiligen Mitschüler. (Das war übrigens auch bei unserer Schülerzeitung, die ich oben erwähnte, genauso.)
Auf größerer Ebene ist es doch auch so, dass wirklich gute Popmusik der Gesellschaft einen Spiegel vorhält und zu Veränderungen anregt. Ich denke dabei an Lieder wie "Won't Get Fooled Again" von den Who - einfach, weil mir dieses Lied als "High School" Gitarrist eine Menge bedeutete. Hoffentlich gibt es auch heutzutage noch Bands, die mit ihrer Musik etwas Benzin ins Feuer gießen. Das braucht jede Gesellschaft zur Weiterentwicklung.


"Mit Schuld oder Unschuld hat das alles wenig zu tun."

2l4m: Dich danach zu fragen, ob Du aus Musik Hoffnung schöpfst oder aber Energie aus ihr ziehst, ist wohl müßig. Wäre dem so, würdest Du welche hören. Doch: Wohin geht deine Beobachtung im Allgemeinen? Vermag Musik den Menschen im Gefängnis etwas zu geben? Sei es Hoffnung, sein es unbeschwerte Momente oder aber sowas wie Inspiration? Kann man hier zwischen zurecht und unschuldig Verurteilten unterscheiden bzw. kann die Beschäftigung oder Nichtbeschäftigung mit Musik, durchaus aber auch mit anderen Sachen, sogar als Indikator für Schuld oder Unschuld dienen?
JS: Im Gefängnis dient Musik den meisten Insassen dazu, eine Brücke zu ihren Vergangenheiten vor ihrer Verhaftung zu bilden. Ich würde sagen, die allermeisten Häftlinge hören vergleichsweise wenig Musik, die heute beliebt ist, sondern hauptsächlich Musik, die in den letzten 2 oder 3 Jahren vor ihrer Verhaftung in den Hitparaden stand. Es ist sogar so, dass man ziemlich genau raten kann, wann jemand verhaftet wurde, wenn man sich seine CD-Sammlung ansieht. (Jeder Häftling darf nur 12 CDs besitzen.) Darüber sprechen wir Gefangene übrigens auch. Ich mache viel Krafttraining und ein Mitgefangener namens Steve und ich reden dabei immer über die Bands aus den 1980er Jahren, die wir damals - vor unserer Verhaftung - uns anhörten: Duran Duran, Flock of Seagills, etc.. Musik ist für Häftlinge also eine Art Nostalgie Trip: Man knipst den CD-Spieler an und wird zurückversetzt in die Zeit, als man noch nicht in der Hölle-auf-Erden war.
Mit Schuld oder Unschuld hat das alles wenig zu tun. Im Jahr 2004 veröffentliche Prof. Samuel R. Gross von der University of Michigan eine weit beachtete Studie über die Anzahl der unschuldigen Insassen in US-Strafvollzugsanstalten. Er kam dabei auf 28.500, doch seit 2004 stieg die Anzahl aller Häftlinge auf 2,38 Millionen, bei gleichem Prozentsatz müsste es heute also 30.500 Unschuldige geben (also 1,3 % von 2,38 Millionen). In meinem gegenwärtigen Gefängnis, Buckingham Corr. Ctr., gibt es 1.100 Insassen, also müssten 12 oder 13 davon unschuldig sein. Das sieht man denen aber nicht an.
Denn eines was man als Außenseiter - also als Nichtgefangener - vielleicht nicht versteht, ist, dass "Schuldige" und "Unschuldige" gar nicht "anders" sind, wenn man mit ihnen zusammen lebt. Das ist ganz besonders bei Mördern der Fall. Mehr als die Hälfte aller Morde sind Affekttaten zwischen Freunden und Familienmitgliedern. Da war einfach jemand betrunken und wütend - und weil praktisch jeder US-Haushalt Handfeuerwaffen hat, passiert es sehr leicht, dass jemand im Alkoholrausch und im Wutanfall den Nachbarn oder die Ehefrau erschießt. Und dann sitzt er lebenslang! So einer hat etwas Schreckliches getan, aber ein "böser Mensch" ist er meist nicht.


2l4m: Gibt es im Gefängnisalltag Lieder, die sonst auf eine bestimmte Art und Weise (besonders) bedeutsam sind? Gibt es andere Stellen, an denen Du Musik begegnest?
JS: Wie bereits erwähnt, ist es im Gefängnisalltag leider so, dass junge, meist schwarze Gang-Mitglieder ihre Gangsta-Rapmusik so laut spielen, dass man es im Gemeinschaftssaal hört - und einfach nicht davon weg kommen kann. So geht es rund um die Uhr, es ist eine richtige Qual. Ich erinnere mich noch an mein vorheriges Gefängnis, Brunswick Corr. Cr., wo ich zweitweilig Ohrenstöpsel tragen musste und den kleinen Ventilator, den ich mir gekauft hatte, auf Hochtouren laufen ließ, nur um die Rapmusik nicht hören zu müssen. Glücklicherweise konnte ich einen anderen Insassen bestechen, um Zellen mit mir zu tauschen, damit ich in ein ruhigeres Abteil - bzw. auf einen ruhigeren Flur - umziehen konnte. Das hat mich $ 50 gekostet, was im Knast wahnsinnig viel Geld ist: Zwei normale Monatsgehälter. Aber es war es wert, denn die neue Zelle, die ich mir "gekauft" hatte, war auch näher zum Heizungsschacht gelegen, war also wärmer im Winter als jene Zelle, aus der ich auszog. Ich erzähle das alles hier damit Ihr Euch eine Vorstellung davon machen könnt, worum man im Gefängnis jeden Tag kämpfen muss. Ein bisschen Ruhe ist gar nicht selbstverständlich, eine halbwegs funktionierende Heizung ist etwas besonderes! Und man hat eben nicht die Freiheit, irgendwo anders hinzugehen (oder umzuziehen), wo es ruhiger oder wärmer ist ... denn man ist ja im Knast. Also muss man sich ein bisschen Freiheit, ein bisschen Bewegungsraum "organisieren" - entweder durch Gewalt oder, so wie ich in diesem Fall durch Bestechung.

"Das Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit motiviert meine schriftstellerische Tätigkeit tatsächlich."

2l4m: Nicht selten haben Musiker, aber auch andere Künstler wie kreative bzw. intellektuelle Köpfe Leitmotive. Du bist Schriftsteller, hast mittlerweile neun Bücher veröffentlicht. Gerade erst ist mit "Nicht Schuldig!" dein Jüngstes erschienen. Kann man sagen, dass das Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit Dich antreibt oder was sind deine Motive?
JS: Ja, das hast Du sehr gut zusammengefasst: Das Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit motiviert meine schriftstellerische Tätigkeit tatsächlich.
Gleichzeitig brauche ich die Schriftstellerei aber auch einfach nur zum Überleben. Das Entsetzliche am Gefängnisleben ist die Sinnlosigkeit der Existenz: Es gibt keinen Grund, morgens aufzustehen. Niemand wartet auf Dich, niemand braucht Dich. Du bist nutzlos.
Gerade wenn man, wie ich, das Bedürfnis hat, anderen Menschen zu helfen, ist diese Sinn- und Nutzlosigkeit eine schreckliche Qual, an der man leicht zugrunde gehen kann. 2004 brachte sich mein damaliger Zellenmitbewohner um, indem er sich von meinem Etagenbett erhängte, während ich beim Frühstück war. Ich glaube, er hat sich getötet, weil er gerade dabei war seinen Job als Lehrerhelfer ("teacher's aide") zu verlieren. Damit wäre ihm der allerletzte Lebenssinn auch noch genommen worden. Das konnte er nicht aushalten, denke ich.
So geht es mir mit der Schriftstellerei. Ich bilde mir ein, dass ich damit meine Leser nicht nur unterhalte, sondern ihre geistigen Horizonte auch erweitere. Eine spannende Geschichte zu lesen, eine völlig fremde und faszinierende Welt literarisch zu "besuchen" - das macht meine Leser doch glücklich, hoffe ich. Und, wie gesagt, mir ist es sehr wichtig, anderen Menschen zu helfen, ihre Leben positiv zu verändern.


2l4m: In Deutschland und auch Europa zweifeln wohl nicht wenige am US-Justizsystem. Während wir vor allem auch auf präventive Aspekte bei Kriminalstrafe setzten, gewinnt man den Eindruck, dass in den USA der Rachegedanke sehr im Vordergrund steht. Setzt Du darauf, durch dein schriftstellerisches Wirken hier unter Umständen auch an systematischen Veränderungen mitzuwirken?
JS: Solche Gedanken habe ich früher einmal gehegt, aber ich bin mittlerweile zum Schluss gekommen, dass das US-Justizsystem nicht reformierbar ist. Mit dieser Meinung stehe ich übriges bei Weitem nicht alleine. Ich habe darüber auch zwei Blogeinträge geschrieben: B65 "Der Willie Horton desJahres 2012" und B75 "Gnade, die politische Todsünde". Die findet Ihr auf meiner Webseite unter Blog, im Archiv.
Seit einigen Jahren begnüge ich mich mit dem Gedanken, schriftstellerisch Zeuge des Unrechts zu sein. Denn selbst wenn es keinerlei Hoffnung gibt, ein Unrechtsregime zu stürzen, so ist es jedoch absolut notwendig, dass irgendjemand die unerträgliche (und daher oft auch verheimlichte) Wahrheit öffentlich ausspricht und beim Namen nennt. Die Wahrheit ist ein Wert an sich und muss geschützt - und auch gesprochen - werden. Darin sehe ich den Sinn meiner Bücher.
Gerade eben ich kann die Vereinigten Staaten und vor allem das US-Justizsystem als "Unrechtsregime" bezeichnen. Das mögen Unwissende für übertrieben und falsch halten. Aber selbst viele gebildete Amerikaner sehen das mittlerweile so. Wer mir das nicht glaubt, der lese:
  1. Adam Gopnik, "The Caging of America", The New Yorker, January 30, 2012
  2. Christoph Glazek, "Raise the Crime Rate", n+1, Issue 13, 2012.
Das Magazin "The New Yorker" ist das führende politische und kulturelle Magazin der USA. Aber diese Journalisten sind ja nicht selber Gefangene, noch nicht einmal gewesen. Ich jedoch berichte direkt aus dem "belly of the beast", dem Eingeweide des Molochs, heraus. Und meine kriminologischen Recherchen sind oft besser als jene der angeblichen Profis: Herr Gopnik irrt was die Anzahl der Vergewaltigungen im Gefängnis angeht, laut des US-Bundesjustizministeriums werden tatsächlich 216.000 Häftlinge jedes Jahr vergewaltigt. Mir wäre das selber 1991 beinahe passiert.
Es ist wichtig, dass irgend jemand - also konkret ich - Zeuge dieses massenhaften systematischen Unrechts ist, damit die Opfer nicht vergessen werden - und damit die Täter sich nicht verstecken können - und damit die Wähler und Mitläufer nicht sagen können, sie haben es nicht gewusst. Man kann alles wissen, man muss nur meine Bücher lesen.
Was die USA mit ihren Strafvollzugsanstalten machen, nennt Adam Gopnik in The New Yorker "den moralischen Skandal" des jetzigen Zeitalters. Das angebliche Land der Freiheit ist das unfreieste Land der Welt: Es hält den höchsten Prozentsatz der eigenen Bevölkerung hinter Gittern, mehr als jedes andere Land (inkl. Dritte Welt) der ganzen Welt. (Erster Platz: USA, 750 Gefangene pro 100.000 Einwohner. Der zweite Platz geht an Russland mit etwa 630 pro 100.000. Der europäische Durchschnitt ist etwa 110 pro 100.000, Deutschland liegt bei etwa 90 pro 100.000.) Die Vereinigten Staaten bilden weniger als 5 % der Weltbevölkerung, aber rund 25 % aller Gefangenen der Welt leben - bzw. vegetieren - in US-Haftanstalten. Und dieses Land nennt sich ernsthaft das "Land der Freiheit"!


2l4m: Welche professionellen, aber auch persönlichen Wünsche hast Du an Musik und musikalische Botschaften?
JS: Im vergangenen Sommer wurden die sog. "West Memphis Three" im US-Bundesstaat Arkansas befreit - ein schlimmer Justizskandal, der glücklicherweise endlich ein Ende fand. Unter anderem deshalb, weil Hollywood-Schauspieler wie Johnny Depp und Musiker wie die Dixie Chicks den Freiheitskampf unterstützen.
In den 1960eer Jahren hat Bob Dylan das Lied "The Hurricane" gebracht, über Rubin "The Hurricane" Carter, einen zu Unrecht verurteilten Boxer, der schließlich entlassen wurde.
Mir ist gesagt worden, ein bekannter deutscher Sänger habe ein Lied über das Guantanamo Bay Lager verfasst - also gibt es so etwas auch in Deutschland, dass sich Sänger in Musiker in solche Menschenrechtsskandale künstlerisch einmischen.
Du hast gefragt, welche Wünsche ich "an Musik und musikalische Botschaften" richte. Gut: Wie wäre es, wenn ein deutscher Musiker ein Lied über meinen Fall verfasst?



KATEGORIE: POUR FINALE                                                 

"Da hilft auch ein schönes Lied im Flugzeug nicht."

2l4m: Stell Dir vor, Du sitzt endlich im Flugzeug nach Deutschland. Wir hoffen mit Dir, dass das sehr bald sein wird. Mit welchem Lied auf den Ohren schwebst Du über den Wolken der Heimat entgegen?
JS: Ich beantworte diese Frage höchst ungerne, weil ich mich fürchte, mich solchen Tagträumereien hinzugeben. Der Hauptgrund, warum ich nach fast genau 26 Jahren Haft immer noch nicht durchgedreht bin, ist, dass ich der Wahrheit immer direkt ins Gesicht geschaut habe - egal wie schmerzlich sie war und ist. Das US-Bundesjustizministerium sagt, dass 20 bis 23 % aller US-Häftlinge ganz offiziell(!) geisteskrank sind - ich würde weitere 10 % als Dunkelziffer (nicht diagnostiziert, aber verrückt) dazurechnen. Ich will nicht dazu gehören, ich will weiterhin realistisch bleiben.
Vor allem möchte ich nicht, dass irgendjemand denkt, dass solch ein Rückflug nach Deutschland ein "Happy End" wäre. In etwa einem Monat, am 30. April 2012, erreiche ich das 26ste Jubiläum meiner Verhaftung; damals war ich 19, ich habe also weit mehr als die Hälfte meines Lebens hinter Gittern verbracht. Man hat mich nicht zerstören können - obwohl, weiß Gott, die Amerikaner alles versucht haben - aber man hat mich extrem schwer verletzt.
In einem meiner Blogeinträge habe ich geschrieben, dass ich rückblickend mein Leben - die verlorenen 26 Jahre - als rauchenden, feurigen Abgrund empfinde und erlebe. Ich schwebe sozusagen über diesem schrecklichen Loch in meinem Leben, einem Loch, das voller Leid und Qual und Reue und Wut ist. Diese Wunde kann man nicht einfach schließen, indem man mich morgen Früh freilässt. Ich werde im allerbesten Fall (also der morgigen Entlassung) für den Rest meines Lebens quasi wie ein Amputierter leben müssen: Einem Menschen, dem 26 Jahre amputiert wurden.
Da hilft auch ein schönes Lied im Flugzeug nicht.


2l4m: Wärst Du damit einverstanden, wenn wir im Rahmen eines kleinen Konzerts, vielleicht auch einer kleinen Konzertreihe, auf deinen Fall aufmerksam machen würden?
JS: Nein, ich bin mit einem "kleinen" Konzert oder einer "kleinen" Konzertreihe nicht einverstanden! Es soll bitte doch ein riesengroßes Konzert eine riesengroße Konzertreihe sein! Ich will Bushido!
Also gut, ich beantworte die Frage nun ernsthaft: Ja, natürlich wäre ich für jede Unterstützung äußerst dankbar.
Falls möglich möchte ich Leser bzw. Hörer bitten, sich auf meiner Website für meinen Newsletter anzumelden: www.jenssoering.de/kontakt. Auf diese Weise halte ich meine Unterstützer informiert und vor allem verteilt mein Freundeskreis auf diese Weise auch Aufrufe für Briefwellen und Telefonlawinen. Im Laufe dieses Jahres soll US-Präsident Barack Obama nach Berlin zum Staatsbesuch kommen. Bei dieser Gelegenheit wird mein Unterstützerkreis wahrscheinlich Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel an meinen Fall erinnern. Wobei ich jedoch gleich sagen will: Frau Dr. Merkel weiß jetzt schon von mir und ich bin ihr für ihre Anteilnahme sehr dankbar.
Um Berlin dazu zu motivieren, aktiv in meinem Fall zu intervenieren, brauche ich natürlich mehr als Anteilnahme - ich brauche Eure Unterstützung und Hilfe, bei Briefwellen und Telefonlawinen und so weiter. Deshalb ist der Newsletter so wichtig - also wirklich, bitte anmelden!
Und bitte besprecht meinen Fall mit möglichst vielen Freunden und Bekannten, damit auch diese sich für den Newsletter registrieren.
Und wenn Bushido sich nicht für mich einsetzen mag, dann vielleicht an anderer Künstler.

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