Skip to main content
#
Freundeskreis Jens Söring
Kontakt
our twitterour facebook page google plus youtubeinstagram
EN

Wie ein 18-Jähriger sein Leben zerstörte

(von Nina Baumann, FOCUS ONLINE, 29. Februar 2012, Originalartikel)


Seit 25 Jahren sitzt der Deutsche Jens Söring wegen eines Doppelmordes in US-Haft – unschuldig, wie er beteuert. In einem Buch schildert er die verhängnisvolle Liebe, die sein Leben ruinierte.


„Nicht schuldig“. Es ist kein origineller Titel, den Jens Söring für sein viertes deutsches Buch gewählt hat. Es ist das Thema seines Lebens. Am 1. März, dem Erscheinungstag des Buches, sitzt Söring 25 Jahre, zehn Monate und einen Tag im Gefängnis. An jedem beliebigen Tag könnte er den genauen Stand nennen. Auch nach einem Vierteljahrhundert hat er nicht aufgehört zu zählen. Und er hat nicht aufgehört, seine Unschuld zu beteuern. Er habe nicht, sagt er, am 30. März 1985 die Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom umgebracht. Doch für diesen Doppelmord ist er zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Lebenslang nach amerikanischem, nicht nach deutschem Verständnis: bis zum Tod.

Jens Söring sitzt im Gefängnis und schreibt. Er schreibt an gegen die Verzweiflung und das Vergessenwerden. Über seinen christlichen Glauben und über sein Leben im Gefängnis hat er schon geschrieben, auch über den Strafvollzug in den USA. Nun hat er aufgeschrieben, was er der Welt seit einem Vierteljahrhundert vermitteln will: Wie er der durchtriebenen Elizabeth Haysom verfiel und für sie ein falsches Geständnis ablegte. Und wie er seither versucht, diesem größten Fehler seines Lebens zu entkommen. „Wie ich zum Opfer der US-Justiz wurde“ lautet der Untertitel des Buches.

18 Jahre alt ist Jens Söring, als er an der Universität von Virginia seiner großen Liebe Elizabeth Haysom begegnet. Der Diplomatensohn studiert mit einem Hochbegabtenstipendium und hält sich für etwas Besseres. „Ich war unwissend, arrogant und naiv“, schreibt er. Doch auch unter Hochbegabten gibt es eine Hackordnung. Gegen Elizabeth Haysom ist Söring ein kleines Licht. Haysom fesselt ihre Mitstudenten mit ihren Heldengeschichten: Preise für Romane, Medaillen im Sport, die exklusivsten Stipendien, Drogenerfahrungen. Ausgerechnet die begehrte, schillernde Elizabeth Haysom erwählt den braven Brillenträger Söring zu ihrem Geliebten.

Minutiös schildert Söring, wie er die Zeit mit Elizabeth Haysom 1985 erlebte. „Elizabeths Pullover kratzte auf meiner Haut, und ihr Haar duftete süß und sauber, als ich es küsste. Kein Laut war zu hören außer dem Wind, der mit dem Gras spielte“, schreibt er an einer Stelle. Söring sagt heute von sich: „Ich bin ein Schriftsteller, der zufällig im Gefängnis sitzt.“ An Stellen wie diesen scheint der Schriftsteller in Söring das Schreiben übernommen zu haben. Zu präzise erscheinen einige Details nach so vielen Jahren, zu kunstvoll wird der Spannungsbogen aufgebaut. Dafür liest sich das Buch packend von der ersten Seite an. Söring zieht den Leser mit in den Sog, in den ihn Elizabeth Haysom riss. Dabei scheut er auch vor reißerischen Mitteln nicht zurück: Seitenlang gibt er einen Brief wieder, in dem ihm Haysom sexuelle Fantasien ausmalt.

„Folie à deux“

Sörings These lautet: Elizabeth Haysom tötete ihre Eltern, weil sie von ihrer Mutter missbraucht worden war. Das hatte sie Söring mehrfach geschildert und ihm auch Nacktfotos von sich gezeigt, die ihre Mutter gemacht habe. „Ich weiß, Liz hat ihre Eltern umgebracht, und den Grund dafür sehe ich in dem sexuellen Missbrauch“, schreibt er. Das Ehepaar Haysom wurde von seinem Mörder, seiner Mörderin oder seinen Mördern brutal niedergemetzelt – eine obsessive Gewalt, wie sie Kriminalisten in der Regel nur bei Tätern beobachten, die einen abgrundtiefen Hass auf das Opfer entwickelt haben. Söring beteuert, Elizabeths Eltern nur einmal für eine halbe Stunde getroffen zu haben, und fragt: Wo hätte er den Hass für ein solches Massaker hernehmen sollen?

Eine „Folie à deux“, ein Verfolgungswahn, der sich aus einer engen Beziehung zu einer ebenfalls gestörten Person entwickelt, stellte ein englischer Gutachter später bei Söring fest. In seiner „Folie à deux“ verspricht der junge Diplomatensohn seiner Geliebten, die Morde auf sich zu nehmen. Zuvor treten die beiden aber noch eine Flucht an, die sich kein Filmregisseur auszudenken getraut hätte. Die 21 Jahre alte Haysom und der 19 Jahre alte Söring setzen sich nach Europa ab.

Mit einem Mietwagen bauen sie im ehemaligen Jugoslawien an der Grenze zu Bulgarien einen spektakulären Verkehrsunfall und müssen eine Gerichtsverhandlung über sich ergehen lassen. Sie fliegen nach Thailand und lassen sich dort Ausweise und Reiseschecks fälschen. In London kaufen sie mit ungedeckten Schecks Lederjacken in einer Filiale einer Ladenkette und geben sie in der nächsten gegen Bargeld zurück. Söring und Haysom werden zu einem Verbrecherpärchen auf einer Flucht rund um die Welt. „So frage ich mich heute, was wohl passiert wäre, wenn wir am 30. April 1986 nicht verhaftet worden wären“, schreibt Söring.

Hoffnung siegt über Selbstmordgedanken

An jenem Apriltag fliegt ein Scheckbetrug des Pärchens auf, und die Ermittler entdecken, wen sie da an der Angel haben: zwei wegen Mordverdacht in den USA gesuchte Studenten. Söring hält sein Versprechen und gibt sich als Mörder aus. Beim späteren Prozess in den USA beteuert Söring seine Unschuld, wird aber wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Haysom wird in einem anderen Prozess wegen Beihilfe zu 90 Jahren Gefängnis verurteilt. Seitdem kämpft Söring um seine Freilassung.

Doch für die Amerikaner ist Söring ein verurteilter Doppelmörder, der zwei Menschen abgeschlachtet hat und keinerlei Reue zeigt.

Vergeblich bemühte Söring sich um eine Revision seines Falles. Jedes Jahr stellt er einen Antrag auf Begnadigung. Er bittet die US-Justiz darum, wenigstens nach Deutschland überstellt zu werden. In Deutschland wäre er aus „lebenslanger“ Haft schon längst entlassen worden. Ein Kreis von Unterstützern setzt sich in den USA und in Deutschland für ihn ein. Doch sie haben es in den USA schwer: Die Republikaner haben sich den gnadenlosen Umgang mit Verbrechern auf die Fahnen geschrieben und greifen die angeblich zu liberalen Demokraten deswegen an. Immer wieder überkommen Söring nach den Rückschlägen Selbstmordgedanken. Immer wieder ringt er sich zu neuer Hoffnung durch. „Solange ich kann, werde ich weiterkämpfen, und ich glaube fest daran, dass ich eines Tages frei sein werde.“

Seine nächste Anhörung soll noch im März stattfinden.
Newsletter 

Mit unserem Newsletter bleiben Sie über Neuigkeiten informiert. Jetzt anmelden

Bücher von Jens  
Spenden
T-Shirts für Jens 
    © Freundeskreis Jens Söring | E-Mail: admin (at) jenssoering.de | www.jenssoering.de
    Kontakt zu Jens Söring | Impressum & rechtliche Hinweise | Datenschutzerklärung
    Site Powered By
        Streamwerx - Site Builder Pro
        Online web site design