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Zuckerbrot und Peitsche


(von Jens Söring, Übersetzung: Dagmar W.)


In Übersee zeigt der Krieg im Irak die Grenzen der US-Armee auf und droht zu einem riesigen, immer noch wachsenden Kostenfaktor für die Steuerzahler zu werden. Unterdes führt zu Hause in den USA die mittlerweile 30jährige Tradition des Versteckens von sozialen Problemen hinter die Mauern von Gefängnissen ironischerweise dazu, dass das „Land der Freiheit“ einen höheren Prozentsatz seiner eigenen Bevölkerung hinter Gittern bringt als jedes andere Land der Welt. In den 70er Jahren lag die Zahl der Inhaftierten in den USA bei weniger als 100 Gefangenen pro 100 000 Einwohner, bis heute ist sie auf 715 Gefangene gestiegen – Weltrekord, verglichen mit Raten von nur 143 in England, 116 in Kanada, 80 in Frankreich und 50 Inhaftierten pro 100 000 Einwohner in Finnland. So viele Amerikaner einzusperren hat dem Land keine nennenswert niedrigere Kriminalitätsrate als die der anderen Industrienationen gebracht. Fakt ist vielmehr, dass die nationale Kriminalitätsrate genau dieselbe ist wie vor 30 Jahren. Die „Peitsche“ Gefängnis hat sich als ineffektiv herausgestellt.

Da weder das vergleichsweise großzügige europäische Sozialsystem, noch die enorme Gefängnisindustrie der USA einen nennenswerten Einfluss auf die Kriminalitätsrate zeigen, wäre es an der Zeit, eine bestimmtes Maß an Gesetzlosigkeit als unvermeidlichen Preis für die wirtschaftliche Entwicklung anzusehen. Es ist sicher nicht leicht, das zu akzeptieren. Doch mit blumenbestreuten Straßen und dem vollkommenen Frieden werden weder der Krieg gegen die Kriminalität noch der Krieg im Irak enden.

Sowohl die Situation im Nahe Osten als auch jene auf den amerikanischen Straßen und in den Gerichtssälen erfordern einen effektiven Umgang mit der Problematik: die Minimierung des Leidens Unschuldiger, die Verkleinerung der Intensität des Konfliktes, die Einschränkung der Bedrohung sowie die Schaffung von Anreizen, gesellschaftliche Regeln einzuhalten. Letzteres kann mit viel Geduld und im persönlichen Kontakt langfristig zum Erfolg führen. Das kann ich mit Sicherheit sagen, denn die letzten 18 Jahre verbrachte ich unter Menschen, an denen dies nie ausprobiert wurde: meinen Mitgefangenen. Als Langzeithäftling und Interessierter am Gebiet der Strafjustiz biete ich eine Insidersicht dessen an, was definitiv nicht funktioniert sowie dessen, was funktionieren könnte, würde man es versuchen.


Ineffektive Maßnahmen

Drohen und Predigen verhüten weder innerhalb noch außerhalb der Gefängnismauern kriminelle Handlungen, wie jeder weiß, der auch nur die geringste Ahnung von Jugendlichen hat. Die Teilnehmer des ersten „Scared Straight Program“, eines Programms das methodisch auf Abschreckung und Drohungen basiert, landeten sogar eher hinter Gittern als die nicht teilnehmende Vergleichsgruppe. Das Justizministerium der USA räumte ein, dass das Programm DARE, im Rahmen dessen Jugendliche von Polizisten zum Thema Drogen aufgeklärt wurden, sein Ziel komplett verfehlt hatte.

Die Zellen rund um mich sind voller Absolventen dieser Besserungslager und Scared-Straight-Programme. Sie sind stolz, diesen Weg durch das Feuer überlebt zu haben und verließen die Camps hartgesottener als sie davor waren. An die Grenzen gebracht, zahlen sie dies Bürgern wie Ihnen später zurück.

Nun, warum erfreuen sich Programme dieser Art immer noch großer Unterstützung? Vielleicht weil sie das primitive Bedürfnis befriedigen, den delinquenten Jugendlichen die Quittung zu präsentieren; und zwar von Leuten die stärker sind als sie – Polizisten und anderen Verurteilten.Dummerweise mögen es gefährdete Jugendliche genauso wenig jeder andere, schikaniert zu werden und sie reagieren auf die Bedrohung, indem sie selbst bedrohlicher werden.


Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern

Im Bereich der Kriminalitätsprävention wirkt die Verbesserung der Lebenssituationen der in Armut aufwachsenden Kinder.

Im Jahr 1984 führte die „RAND Corporation“, eine Institution die nicht gerade für eine liberale Haltung bekannt ist, eine fünfjährige intensive Begleitstudie zum „Chicago Area Project“ (CAP) durch. Das CAP unterstützt die Selbstorganisation von Slumbewohnern in Quartiersgremien, die direkt mit problematischen Jugendlichen der Stadtbezirke arbeiten, sich nachbarschaftlich engagieren und Freizeiteinrichtungen für die Jugendlichen anbieten. Der Untersuchung zufolge reduzieren diese Maßnahmen die Delinquenz dieser Jugendlichen in effektiver Weise.
Ähnlich im „Perry Preschool Program“, im Rahmen dessen 123 psychisch gehandicapte „schwererziehbare“ Kinder aus sehr armen schwarzen Wohngebieten in Ypsilanti (Michigan) zwei Jahre lang in eine Vorschule eingeschrieben und über wöchentliche Hausbesuche von Lehrern betreut wurden. Wie sich siebenundzwanzig Jahre später zeigte, entwickelte im Vergleich zur Kontrollgruppe nur ein Fünftel der Teilnehmer ein gewohnheitsmäßig kriminelles Verhalten; nur ein Viertel wurde wegen eines Drogendeliktes verurteilt. Zu ähnlichen Resultaten kam das “Syracuse University’s Family Development Research Program” in einer anderen langfristigen Pilotstudie, die Erziehungshilfen für Eltern kleiner Kinder evaluierte.

Der Erfolg dieser Initiativen zur Kriminalitätsprävention liegt daran, dass sie die Kriminalität an den Wurzeln anpacken: an der Armut, den fehlenden Vätern und dem Missbrauch.


Armut

Auf meinem Weg von der Zelle in den Aufenthaltsraum begegnen mir nicht viele Leute wie ich es bin, ein früheres Kind der Mittelschicht, das zu einem Mann mittleren Alters herangewachsen ist. Stattdessen treffe ich fast ausnahmslos auf arme Schwarze, arme Weiße und arme Hispanoamerikaner. Es mag ein Zufall sein, dass all diese Menschen in Slums und auf Campingplätzen lebten, als sie sich quasi aus freiem Willen dazu entschlossen, das Gesetz zu brechen. Oder besteht doch ein kausaler Zusammenhang zwischen Armut und kriminellem Verhalten?
Dieser Gedanke ist den Amerikanern natürlich ein Gräuel. Wenn niedriges Einkommen und soziale Deprivation tatsächlich zu einer verstärkten Gesetzlosigkeit führen, könnte Kriminalität durch eine Neuverteilung des Besitzes reduziert werden. Unter Sozialwissenschaftlern ist die Verbindung zwischen Armut und kriminellem Verhalten seit langem bekannt: Eine im Jahr 1981 in der American Sociological Review veröffentlichte Metaanalyse von 224 Studien kommt überzeugend zu dem Schluss, dass Mitglieder der Unterschicht tatsächlich eher zu Straftaten neigen. Dieses Ergebnis bestätigten später andere Forscher.

Eine Untersuchung aus 1996/1997 zu Unterstützungszahlungen an Familien abhängiger Kinder in 140 Großstädten, die unterschiedlichste Variablen sowie auch regionale Besonderheiten mit einbezog, zeigte, dass mit der Höhe der finanziellen Zuwendung die Zahl der Einbrüche sowie der Mordfälle fällt. Abgesehen von der Anzahl der Morde weisen Europa und die USA eine ähnlich hohe Kriminalitätsrate auf. Allerdings zeigt sich in Ländern, die 12% bis 14% ihres Bruttoinlandsproduktes für Sozialleistungen verwenden, eine wesentlich niedrigere Zahl an Gewaltdelikten als in den USA, wo nur 4% des BIP für Soziales ausgegeben wird.

Darüber hinaus bestätigen Erfahrungen aus Gefängnissen dieses Phänomen. Nicht zusätzliche Wärter oder strengere Bestimmungen hindern die Verurteilten daran, hinter den Gittern der Strafanstalten Virginias aus der Reihe zu tanzen. Es ist vielmehr die umsichtige Zuteilung von Hilfsarbeiten, für die zwischen 23 und 45 Cents pro Stunde bezahlt werden. Auch harte Jungs, die über keine andere Geldquelle verfügen, können dadurch zur Beachtung der Regeln gebracht werden.

Das mag zynisch klingen, aber Menschen zahlen nun mal ihre Steuern und befolgen Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht deshalb, weil sie gerne Geld an das Finanzamt abliefern oder gerne ihren BMW langsam fahren. Sie hätten einfach zu viel zu verlieren, würden sie sich anders verhalten. Es entspricht schlichtweg den mikroökonomischen Regeln einer kapitalistischen Gesellschaft, wenn finanzielle Anreize zur Reduktion von illegalem Handeln führen.

Als offizielle Armutsgrenze für eine dreiköpfige Familie gilt ein Jahreseinkommen von 14 480 Dollar, das entspricht 13,22 Dollar täglich für Miete, Nebenkosten, Kleidung, Essen, Transportmittel, medizinische Versorgung und Bildung – für alles. Das statistische Bundesamt der USA spricht von 3,8 Millionen betroffener Familien die so arm sind, dass sie aus Geldmangel am Essen sparen müssen und weiteren 11 Millionen Familien, die sich davor fürchten, nicht genug zu essen zu haben.

Warum wird es in diesem Land als moralisch anstößig und ökonomisch unklug erachtet, einer armen Person ein paar Dollar mehr als 13,22 pro Tag zur Verfügung zu stellen und es zugleich ethisch in Ordnung und fiskalisch vernünftig gefunden, sie zu einem durchschnittlichen Tagessatz von 55, 18 Dollar einzusperren?


Vaterlose Familien
 
Seit dem frühen 19. Jahrhundert werden jugendliche Delinquenz und Kinderarmut mit fehlenden Vätern assoziiert. Die Absenz des Vaters liegt zwei anderen Phänomenen ursächlich zugrunde: Kinder, die bei einer alleinerziehenden Mutter aufwachsen, sind sechsmal häufiger von Armut betroffen als Kinder, die mit zwei Elternteilen in ähnlichen Verhältnissen groß werden. 60% der Vergewaltiger, 72% der erwachsenen Mörder und 70% aller Langzeithäftlinge wuchsen ohne männliches Rollenmodell auf. Entsprechend düster sieht die Zukunft für die 36% der amerikanischen Kinder aus, die ohne Vater aufwachsen müssen.
 
Natürlich können Väter nicht einfach dazu gezwungen werden, ihrer Verantwortung für die Sprösslinge nachzukommen. Was würde einer alleinerziehenden Mutter helfen, ihre Kinder so aufzuziehen, dass sie nicht kriminell werden? Simple Maßnahmen wie Hausbesuche durch Mitarbeiter der Gesundheitsfürsorge wie im „Prenatal/Early Infancy Project“ von Elmira in New York oder durch Lehrer wie im oben genannten Vorschulprogramm könnten eine Antwort sein. Die RAND Corporation stellte fest, dass Elternschulungen und Frühinterventionen zur Kriminalitätsprävention vier bis fünf mal effektiver sind als beispielsweise die strengen gesetzlichen Regelungen in Kalifornien.
 
Praktisch jeder Häftling, der in meinem Alter oder jünger ist, wuchs in einem Einelternhaushalt im schäbigsten Stadtviertel auf. In einer Meditationsgruppe für Häftlinge lernte ich einen jungen Mann kennen, dessen Situation typisch ist. Er kam mit 15 Jahren ins Gefängnis, da er in seinem Gerichtsverfahren wie ein Erwachsener behandelt worden war. Als 23jähriger steht nun seine Entlassung bevor. Seine nur 38jährige Mutter wird in Kürze an den Folgen ihrer jahrelangen Drogenabhängigkeit sterben. Er hat also kein Zuhause, in das er zurück kehren kann und wird durch das Gefängnistor in eine Welt entlassen, die er als Kind zum letzten Mal gesehen hat und in der er niemanden mehr kennt.
 
Mich überrascht jedes Mal aufs Neue, wie viele dieser jungen Männer mir sagen, dass sie die kriminelle Laufbahn hinter sich lassen wollen. Einer bundesweiten Studie zufolge versuchen über die Hälfte der jugendlichen Bandenmitglieder, ihre Gang zu verlassen; 79% sind bereit aussteigen, sofern sie „eine zweite Chance“ bekämen. Soweit ich das beurteilen kann, hatten viele meiner Mitgefangenen nie eine erste Chance, geschweige denn eine zweite.
 
Arm und vaterlos aufzuwachsen bringt weitere Risiken mit sich, die die Chancen auf ein Leben als Krimineller erhöhen: körperliche Misshandlung und sexueller Missbrauch. In Familien der Unterschicht sind drei Mal so viele Misshandlungsfälle aktenkundig als in jenen mit höherem Einkommen. Die Verwicklung dieser betroffenen Kinder in schwerwiegende Straftaten ist doppelt so wahrscheinlich. Im Erwachsenenalter werden diese Missbrauchsopfer zu 38% eher wegen eines Gewaltverbrechen inhaftiert. Unter den Häftlingen mussten 16,1% der Männer und 57,2% der Frauen als Heranwachsende körperliche Misshandlungen oder sexuelle Ausbeutung erleben, Zahlen, die weit höher sind als in der Gesamtbevölkerung.
 
Unter Inhaftierten stellt eine offene Diskussion dieser Dinge natürlich ein absolutes Tabu dar. Wird aber in den Lokalnachrichten über die Verhaftung eines besonders abstoßenden minderjährigen Kriminellen berichtet, kann man im Aufenthaltsraum mitunter Gespräch darüber verfolgen: Besagter Jugendlicher hätte sich wohl anders verhalten, wäre er von seinen Eltern so „angeschrieen“ worden wie sie selbst „angeschrieen“ worden sind. Sie kommen offensichtlich nicht auf die Idee, dass die Schläge mit dem Ledergürtel, unter denen sie als Kinder gelitten haben, zu den eigenen späteren Gewalttaten beigetragen haben.


Die Zukunft
 
Laut dem statistischen Bundesamt der USA leben derzeit 17,2% aller Kinder unter der Armutsgrenze, das sind 12,2 Millionen Mädchen und Jungen. Über eine Million Fälle von Kindesmissbrauch werden jährlich aktenkundig. Unter der Leitung des "Child and Family Services Review” evaluierten 32 US-Staaten ihre „Fähigkeit, Kinder vor Missbrauch zu schützen“. 28 Staaten erfüllten weniger als sechs der sieben Kriterien.
 
Was bringt diesen Kindern die Zukunft? Es scheint, als würde Amerika eine frische Ladung an zukünftigen Verurteilten vorbereiten, um die Gefängnisse voll zu bekommen. Wie wir bereits gesehen haben, könnten in jeden Fall einige dieser Leben buchstäblich gerettet werden.
 
Gefängnis sowie Wohlfahrt sind Reaktionen auf Armut. Unglücklicherweise wurde in den letzten 30 Jahren in den USA das „Zuckerbrot“ Wohlfahrt zu Gunsten der „Peitsche“ Gefängnis fast ganz eliminiert. „Anstatt einer Politik gegen Armut und für Beschäftigung, statt einer Strategie für psychische Gesundheit und statt einer umfassenden Drogenbehandlung haben wir ein wachsendes Strafvollzugssystem“ stellt der Kriminologe Elliot Currie fest.
 
Im Gegensatz dazu gruppieren sich sozialpolitische Maßnahmen in Europa um das Prinzip, dass Freiheitsstrafen nur in unvermeidbaren Fällen verhängt werden sollen. Die Dänische Behörde für Strafvollzug und Bewährung bezeichnet dieses Prinzip als „international anerkannt“. Diese Betonung der Wohlfahrt zeitigt den Effekt, dass nur 4% der dänischen und norwegischen Kinder und nur 6% der französischen und deutschen Kinder in Haushalten aufwachsen, die mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens auskommen müssen.
Es stellt sich also die Frage, ob Sie Ihre Steuergelder frühzeitig zur Verbesserung der Lebensumstände der Mädchen und Jungen einsetzen oder ob Sie erst handeln wollen, wenn das Kind der Hoffnung in den Brunnen gefallen und das Abschließen der Zellentür das Einzige ist, was bleibt?
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