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Zum Weiterleben verurteilt


(von Katja Gelinsky, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. August 2007, Originalartikel)


Seit 17 Jahren sitzt Jens Söring in einem amerikanischen Gefängnis. Zu Unrecht, wie er sagt, denn er habe aus Liebe zu seiner damaligen Freundin den Mord an deren Eltern gestanden. Dafür bekam er zweimal lebenslang. Nun hofft er auf eine Überstellung nach Deutschland.

Jens Söring steht morgens um 4.20 Uhr auf. So beschäftigt ist er. „Ich habe nie genug Zeit. Ich bin völlig überarbeitet.“ Dabei sollte man meinen, der Deutsche habe mehr Zeit, als ihm lieb ist – schließlich sitzt er seit mehr als zwanzig Jahren im Gefängnis. Aber der 41 Jahre alte Gefangene muss Briefe schreiben. „Rund 130 bis 150 im Monat.“ Und an seinen Büchern arbeiten. „Das vierte Buch über einen christlich-konservativen Ansatz zur Reform des amerikanischen Strafvollzugssystems kommt im Herbst heraus, das fünfte über meinen Gefängnisalltag habe ich gerade zu Ende geschrieben.“ Außerdem braucht Söring Zeit zum Meditieren. „Zwei Stunden am Tag.“ Und Zeit für das Fitnessprogramm im Brunswick Correctional Center.

Die Strafvollzugsanstalt am Rande des kleinen Ortes Lawrenceville im Bundesstaat Virginia sei das vielleicht humanste Gefängnis in den Vereinigten Staaten, meint Söring. „Dennoch ist die medizinische Versorgung wirklich sehr schlecht; da muss man sich irgendwie am Leben halten.“ Das Hanteltraining und die Joggingrunden auf dem Sportplatz sieht man dem Deutschen an. Er ist schlank und durchtrainiert. Gesicht und Arme sind sommerlich gebräunt. Seine Haare sind kürzer geschnitten als damals. Anders als auf den alten Bildern sieht er aber vor allem wegen der moderneren Brille aus, hinter der sein Gesicht nicht mehr verschwindet wie hinter den dicken Augengläsern, die er damals trug. Damals – das war vor 17 Jahren, als ihn ein Geschworenengericht wegen zweifachen Mordes schuldig sprach. Das Strafmaß für den Vierundzwanzigjährigen: zwei Mal lebenslang.


„Das ist kein Leben, sondern Existenz.“

Der Mordprozess in der Kleinstadt Bedford, für den Sörings Anwälte vergeblich ein Kameraverbot im Gerichtssaal gefordert hatten, war ein Medienspektakel. Der Fall bot reichlich Stoff für eine Sensationsstory. Ein grausiges Verbrechen an einem Industriellenpaar; die leidenschaftliche Liebe des deutschen Diplomatensohns zu der kapriziösen Tochter; die spektakuläre Flucht des jungen Paars über mehrere Kontinente, die erst Monate später in London endete; und schließlich das zähe Ringen um die Todesstrafe für den Verdächtigen bis hinauf zum Obersten Gerichtshof für Menschenrechte.

Die Todesstrafe ist Söring erspart geblieben. Letztlich erklärte sich Virginia zum Verzicht bereit, um so die Überstellung des Deutschen aus London in die Vereinigten Staaten zu erreichen. „Eine Art Todesstrafe hat mich dann aber doch eingeholt“, beschreibt Söring seine Erfahrungen im Strafvollzug. „Das ist kein Leben, sondern Existenz.“ Das ZDF, das ihn kürzlich im Gefängnis besuchte, nannte die Dokumentation über ihn „Lebend begraben“. Bittere Bemerkungen erlaubt sich Söring allerdings nur selten. Dann kommt die Empörung und Verzweifelung hoch, über das Unrecht, das ihm angeblich widerfahren ist. Wenn es so war, wie Söring behauptet, ist er Opfer eines Justizirrtums geworden. Nicht er habe die Eltern seiner damaligen Freundin, Elizabeth Haysom, ermordet. Elizabeth selbst sei die Täterin gewesen. Er habe sich nur deshalb als Mörder ausgegeben, um seine damalige Freundin vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. Ihn, den deutschen Diplomatensohn, werde man gewiss in die Heimat ausliefern, wo er allenfalls zu einer Jugendstrafe von zehn Jahren Haft verurteilt werde, habe er damals gedacht. „Ein riesengroßer Fehler.“


Mord aus Liebe

Derek und Nancy Haysom wurden im März 1985 in ihrem Haus in der Nähe von Lynchburg in Virgina durch zahlreiche Messerstiche brutal ermordet. Im Sommer zuvor hatten sich der 18 Jahre alte Jens Söring und die zwei Jahre ältere Elizabeth Haysom an der University of Virginia in Charlottesville kennen gelernt. Vier Monate später sind der intelligente, schüchterne Deutsche, den die Mädchen bis dahin lieber mieden, und die hübsche, rebellisch-labile Amerikanerin ein Liebespaar. Der Mord schweißt die ungleichen Außenseiter noch stärker zusammen. Als die Polizei aufgrund von Tagebucheintragungen den Verdacht schöpft, sie könnten in das Verbrechen verwickelt sein, fliehen die beiden bis nach Thailand. Sieben Monate später werden sie in London wegen Scheckbetrugs verhaftet. Elizabeth Haysom wird in die Vereinigten Staaten ausgeliefert und bekennt sich schuldig, Söring zur Ermordung ihrer Eltern angestiftet zu haben. Dafür wird sie zu einer Freiheitsstrafe von 90 Jahren verurteilt, die sie in einem amerikanischen Frauengefängnis verbüßt.

Söring bleibt zunächst in London in Haft. Gegenüber britischen und amerikanischen Ermittlern gesteht er, Elizabeths Eltern in Absprache mit seiner Freundin ermordet zu haben, da die Haysoms gegen die Beziehung gewesen seien. Auch im Verhör mit einem deutschen Staatsanwalt, der nach London kommt, sagt Söring, dass er auf das Ehepaar eingestochen habe. Zu diesem zweiten Geständnis sagt Söring heute, seine Anwälte in London hätten ihm damals gesagt, nur wenn er weiter behaupte, der Mörder zu sein, gebe es eine Chance, seine drohende Auslieferung in die Vereinigten Staaten zu verhindern. „Wenn wir gesagt hätten, ,übrigens ist der Söring unschuldig‘, dann hätte die englische Regierung gesagt: ,Gut, überlassen wir ihn den Amerikanern, amerikanische Gerichte verurteilen keine Unschuldigen‘“.


Zu Unrecht verurteilt?


Virginia zeigte sich anfangs fest entschlossen, die Todesstrafe für Söring zu fordern. Der juristische Kampf um das Auslieferungsersuchen zog sich Jahre hin. Schließlich befasste sich sogar der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte mit dem Fall. Söring dürfe nicht der amerikanischen Justiz übergeben werden, solange ihm ein Todesurteil drohe, entschieden die Richter. Daraufhin erklärte sich Virginia zum Verzicht auf die Todesstrafe bereit. Die britischen Behörden lieferten Söring an die Vereinigten Staaten aus.

Im Gerichtssaal in Bedford sah er dann Elisabeth Haysom wieder, die als Kronzeugin der Staatsanwaltschaft auftrat. Söring sei der Mörder ihrer Eltern gewesen. Er habe die Tat aus Liebe zu ihr begangen, sagte die Amerikanerin der Jury. Söring dagegen beteuerte nun, unschuldig zu sein. Nicht er, sondern Elizabeth sei nach Bedford gefahren und mit dem Messer auf ihre Eltern losgegangen. Das habe sie ihm nach der Tat aufgelöst berichtet. Aber die Jury glaubte dem Deutschen nicht und sprach Söring im Juni 1990 schuldig.

„Zu Unrecht“, meint die frühere stellvertretende Generalstaatsanwältin von Virginia, Gail Marshall. In ihrer fünfunddreißigjährigen Laufbahn gebe es nur zwei Fälle, in denen sie von der Unschuld des Verurteilten überzeugt sei. „Einer ist Jens Söring.“ Die Juristin hat den Deutschen im Berufungsverfahren vertreten. Der Richter und die Geschworenen seien voreingenommen gewesen. Sörings Verteidiger, dem später die Zulassung entzogen wurde, habe selbst zugegeben, dass er während des Prozesses unter einer psychischen Störung gelitten habe. Womöglich habe er es deshalb versäumt, die Geschworenen darauf aufmerksam zu machen, dass es keine überzeugenden Beweise für Sörings Täterschaft gebe. Zum Beispiel sei ein blutiger Sockenabdruck, der eine entscheidende Rolle für den Schuldspruch gespielt habe, zu klein für Sörings Fußgröße gewesen. Alle Versuche der Rechtsanwältin, eine Aufhebung des Urteils zu erreichen, scheiterten – zuletzt auch 2001 der Antrag vor dem Obersten Gerichtshof in Washington. Damit waren alle prozessualen Möglichkeiten ausgeschöpft.


Schreiben, um dem Leben einen Sinn zu geben

Für Söring war es „das große Wendejahr“. Er begann mit dem Schreiben – „um aus meinem Leben noch etwas Positives zu machen“. Mit Hilfe von Freunden und Unterstützern, die für ihn recherchieren, schreibt er über amerikanische Kriminalpolitik, „wie Versager der Gesellschaft auf inhumane, ineffiziente und kostspielige Weise entsorgt werden“. Seine Kritik am Strafsystem der Vereinigten Staaten verknüpft Söring, der im Gefängnis zum religiösen Menschen wurde, mit Betrachtungen über den christlichen Glauben. Für sein Buch „The Convict Christ: What the Gospel Says about Criminal Justice“ wurde er dieses Jahr mit dem Preis der katholischen Pressevereinigung für die Vereinigten Staaten und Kanada ausgezeichnet. Was vor Gericht nicht gelang, hofft Söring irgendwann mit Hilfe seiner Bücher und Fürsprecher zu erreichen: wieder frei zu kommen, um dann in Deutschland in einem Kloster zu leben.

Theoretisch könnte Sörings lebenslange Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden. Seinen ersten Antrag stellte er 2003. Der Fall des Deutschen interessierte den Repräsentanten des Bewährungsausschusses aber offenkundig wenig: Er schlief bei der Anhörung ein. Der Zwischenfall wurde in der örtlichen Presse erwähnt, und es gab eine zweite Anhörung. Kurz darauf bekam Söring die Mitteilung: „Antrag abgelehnt.“ Gail Marshall, die bei der Anhörung des Bewährungsausschusses als Fürsprecherin auftrat, sagt: „Gewöhnlich gibt der Bewährungsausschuss nur Gesuchen von Gefangenen statt, die um die 70 Jahre alt sind, oder die so krank sind, dass ihre Haft zu kostspielig wird.“ Zynisch mag klingen, dass der Deutsche auch deshalb kaum Chancen auf vorzeitige Entlassung hat, weil er beteuert, unschuldig zu sein. „Der Bewährungsausschuss will Reue sehen“, sagt Marshall. „Daran fehlt es nach der Logik des Gremiums, wenn jemand leugnet.“


Reue ist nicht genug


Dass sich Söring die Schuld am Tod seiner Mutter gibt, die Zuflucht zum Alkohol suchte und sich schließlich tötete, dass er die Entzweiung mit seinem Vater bedauert und sich schwere Vorwürfe wegen seiner Beziehung zu Elizabeth macht – das alles reicht nicht. Deshalb ist sich die frühere Generalstaatsanwältin ziemlich sicher, dass auch Sörings zweiter Antrag auf vorzeitige Entlassung abgelehnt wird, über den der Bewährungsausschuss voraussichtlich noch diesen Sommer entscheidet.

Für aussichtsreicher hält sie parallel laufende Bemühungen, Sörings Überstellung an die deutschen Behörden zu erreichen. Kostenlose juristische Hilfe bekommt Söring dabei von der Bonner Anwaltskanzlei Redeker Sellner Dahs & Widmaier. „Söring wäre nach deutschem Recht nach höchstens zehn Jahren wieder freigelassen worden“, sagt Rechtsanwalt Gernot Lehr. Unterstützung erwartet der Jurist auch von der Politik. „Wir haben berechtigten Grund zu der Hoffnung, dass verschiedene deutsche Politiker den Fall Söring gegenüber ihren Kollegen in Amerika thematisieren werden.“ Im Bundesjustizministerium heißt es dazu: „Es wird alles getan, um die Überstellung von Herrn Söring nach Deutschland zu unterstützen.“ Der Erfolg der laufenden Verhandlungen hänge jedoch vor allem davon ab, wie die amerikanischen Behörden entschieden. Neben dem Justizministerium in Washington muss auch der Gouverneur von Virginia, der Demokrat Timothy Kaine, zustimmen. An ihn appellierte Gail Marshall kürzlich in einem Brief: Wenn er Bedenken habe, Söring könne in Deutschland zu früh aus der Haft entlassen werden, dann möge er sich um eine Zusicherung der deutschen Behörden bemühen, dass sie Söring in einem deutschen Gefängnis behielten.


Er bedauert gegen die Todesstrafe gekämpft zu haben


Traditionell ist die Haltung Virginias zu Überstellungsgesuchen restriktiv. Nach Auskunft des Bundesjustizministeriums konnte jedoch in einer Mehrzahl von Fällen dem Wunsch deutscher Strafgefangener entsprochen werden, den deutschen Behörden übergeben zu werden. In den Jahren 2003 bis 2005 seien 21 Deutsche von den Vereinigten Staaten an die Bundesrepublik zum Zwecke der Übernahme der Strafvollstreckung überstellt worden.

Söring verfolgt die Bemühungen, seine Überstellung nach Deutschland zu erreichen, mit Hoffnung, aber auch Skepsis. Er weiß, dass seine Sorge, das Gesuch könne abgelehnt werden, durchaus berechtigt ist. „Nach deutschen Maßstäben habe ich schon eine lange Strafe verbüßt, aber was sind in Virginia schon 20 Jahre für einen angeblichen Doppelmörder?“ In düsteren Stunden bedauert er, damals vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die Todesstrafe gekämpft zu haben. „Ich ahnte ja nicht, dass sich Weiterleben wie die Todesstrafe anfühlen würde.“

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Stoff für eine Sensationsstory

Zwei Mal lebenslang - Jens Söring wurde am 22. Juni 1990 vor dem Gericht der Kleinstadt Bedford zu einer drakonischen Strafe verurteilt. Der Mordprozess, für den Sörings Anwälte vergeblich ein Kameraverbot im Gerichtssaal gefordert hatten, war ein Medienspektakel.

Der Fall bot reichlich Stoff für eine Sensationsstory: ein grausiges Verbrechen an einem Industriellenpaar; die leidenschaftliche Liebe des deutschen Diplomatensohns Söring zu der hübschen, aber kapriziösen Tochter Elizabeth Haysom; die spektakuläre Flucht des jungen Paares über mehrere Kontinente, die erst Monate später in London endete; und schließlich das zähe Ringen um die Todesstrafe für den Verdächtigen bis hinauf zum Obersten Gerichtshof für Menschenrechte.

Die Todesstrafe ist Söring nur deshalb erspart geblieben, damit der Deutsche auch wirklich aus London nach Virginia überstellt wurde. „Aber eine Art Todesstrafe hat mich dann doch eingeholt“, beschreibt Söring im Gespräch seine Erfahrungen im amerikanischen Strafvollzug. „Das hier ist kein Leben, sondern Existenz.“
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